Berufliche Rehamaßnahme: Unser Coach (w) sagt bei seiner persönl. Vorstellung nach Maßnahmebeginn, er würde sich bei uns unbeliebt machen - warum?

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4 Antworten

Bin zur Zeit selbst als Sozialarbeiter /Projektleiter in einer integrativen Maßnahme tätig.

Unsere Teilnehmer seit min 10, manche auch fast 20 Jahre aus dem Arbeitsleben, Hintergrund Sucht. Wir haben TN dabei, die wollen ihr Leben in den Griff kriegen und  selbst kontrollieren können. Und dann hast du die, die täglich ins Projekt kommen, weil sie sonst keine Leistungen kriegen würden, die wollen vom Jobcenter einfach in Ruhe gelassen werden. 

Wenn du dann etwas nicht erlaubst  ( "Ich müsste früher weg, ich krieg noch Besuch ....meine Katze ist heute früh draußen geblieben .... ich hab meinen Kasten Bier auf dem Balkon vergessen (wir haben Frost) ...." ) , dann gehen sie ohne Genehmigung. Nicht ohne uns wissen zu lassen, was sie von uns halten. "Blöde Kuh" , "doofe Schl***pe" gehören zu den netteren Bezeichnungen.

Zwei Tage später sind sie wieder da und wollen, dass du ihnen den Allerwertesten rettest - wenn der Vermieter mit Kündigung oder der Stromanbieter mit Abschaltung droht, und und und ...  --------------------

Ich habe zu Projektbeginn vor 9 Monaten gesagt, ich bin eigentlich ne ganz Nette ...im Sinne von: freundlich, realistisch mit konsequent optimistischer Grundeinstellung, empathisch, engagiert und auch ziemlich hartnäckig.

Wer aber unter "nett" versteht, dass ich quasi alles Mögliche durchgehen lasse, damit wir es kuschlig ruhig und gemütlich haben im Projekt: keiner wird gefordert, alle machen das Minimum - erscheinen und kreuzworträtseln - dann bin ich sicher nicht nett. Dann mach ich mich unbeliebt - das wusste ich vorher auch schon.------------------------------

Beleibt sein ist so ne Sache in so einer Position.

Wer sich immer in deiner Meinung / deinen Ansichten wiederfindet, bei dem bist du beliebt. Wer dich manipulieren und um den Finger wickeln kann - weil er sich sonst publikumswirksam aufregt, wenn er seinen Willen nicht bekommt  und du spielst das Spiel mit, weil du öffentliche Diskussionen scheust ... bei dem bist du auch beliebt.

Wenn du aber Dinge forderst, die andere nicht einsehen, wenn du konsequent bist bei der Durchsetzung von Regeln, die für uns alle eigentlich selbstverständlich sind, wenn du nicht immer und ausschließlich machst, was ein paar Leute  wollen - dann bist du eben bei einigen zeitweilig unbeliebt.

Das finde ich auch gar nicht so schlimm, jeder fordernde konsequente Lehrer ist bei faulen Schülern auch unbeliebt - also etwas Alltägliches.

Vielleicht hat euch diese Frau auch nur sagen wollen: "es gibt Momente während dieser Maßnahme, da werden Sie auch mit unpopulären Entscheidungen und mit Anforderungen meinerseits konfrontiert werden, in denen ich bestimme. Sie werden sich in bestimmte Dinge fügen müssen, auch wenn Ihnen das nicht passt"

Konfliktfähigkeit und Anpassungsbereitschaft sind wichtige Soft skills und umfassen eben auch, Dinge zu akzeptieren, die mir vielleicht selbst gerade nicht passen, die aber für den Arbeitsprozess oder die Zusammenarbeit genau so notwendig sind.

Konfliktfähigkeit kann man auch "verlernen", je nachdem, wie die Arbeitsbedingungen desjenigen waren. 
Auch wir provozieren in unseren Gruppendiskussionen manchmal schon und schießen uns - für die Dauer der Diskussion -  auf ein oder zwei Personen ein, um hinterher zu thematisieren, wie man anders hätte mit solchen Situationen umgehen können.

Ich denke, wenn ich bei allen in so einer Runde beliebt wäre, dann wäre ich dort falsch.

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Kommentar von violatedsoul
07.01.2016, 16:55

Komisch, dass es auch wenige Lehrer gibt, die den Respekt aller Schüler/Teilnehmer haben, weil sie sich nicht von oben herab bewegen.........

Sie haben es nicht nötig, zu provozieren oder zu drohen. Sie überzeugen einfach mit ihrer Art.

Besonders in Amtsmaßnahmen wird zunehmend die Vorurteilskeule geschwungen. Dass dadurch die Motivation gen 0 tendiert, ist nur nachvollziehbar. Der Inhalt der Unterrichtsstunden ist oft nur tröge und nicht zielführend. Es gibt genug Erhebungen, nach denen kaum ein Drittel aller Teilnehmer in eine sozialversicherungspflichtige und ordentlich bezahlte Stelle findet.

Alleine die Bewerbungstrainingsmaßmahmen geraten immer wieder zu Klassentreffen.

Eine Kassierermaßnahme, in der nicht eine Kasse zum Üben zur Verfügung steht, ist mächtig sinnvoll. Mit Lamas oder Eseln spazieren gehen oder imaginären Supermarkt spielen steigert unglaublich das Selbstbewusstsein. Auf Teufel komm raus Leute in die Altenpflege stopfen, die zum 10. mal weder körperlich, noch mental dazu in der Lage sind, bringt es auch immer wieder......nicht.

Dem guten Ratschlag "legt euch ins Zeug im Praktikum, dass ihr übernommen werdet" wurde laut Praktikumsbewertung sehr oft nachgekommen. Eine Übernahme kam deshalb kaum zustande oder wenn, dann nur so lange, bis die staatliche oder amtliche Unterstützung wegfiel.

Es gab auch mal eine Maßnahme, die nannte sich großspurig "zielführende Aktivierung". Die Teilnehmer mussten da erst mal eine Art theoretischen Hürdenlauf absolvieren, sprich, sich dafür empfehlen. Als dann der praktische Teil gelaufen war und auf den Einsatz gewartet wurde, der von Amtsseite unterstützt werden sollte, sprich eine Arbeit, die daraus erwachsen sollte, mussten sich so einige Teilnehmer sagen lassen, dass sie zwar das Maßnahmenziel sehr erfolgreich geschafft haben, aber für die vorgesehenen Stellen eher Leute genommen werden, die starke Vermittlungshemmnisse haben.

Unterm Strich hieß das, man hatte 30 Mann über 6 Monate verarscht und ihnen Hoffnungen gemacht.

Und dann wird sich über Demotivation unter den Teilnehmern gewundert? Diese Menschen sitzen ganz sicher nicht da, um sich sagen lassen zu müssen, dass sie aufs Leben vorbereitet oder wieder da eingeführt werden müssen. Sie kennen es schon!

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Um was geht es denn in dieser Reha, was ist das Ziel dieser Maßnahme?

Allgemein ist bekannt, zumindest denen, die schon Teil des aufgedrückten Wahnsinns waren, dass viele Dozenten in ihren Schülern bzw. Teilnehmern faule Hunde sehen, um es ganz direkt auszudrücken. Selbst offensichtlich abgestiegen und frustriert, lassen sie das auch gern an den Teilnehmern aus.

Wenn also nicht das Ziel sein sollte, herauszufinden, wer am meisten Biss und Durchsetzungs - bzw. Durchhaltevermögen hat, um in der kalten Leistungsgesellschaft bestehen zu können, hilft in eurem Fall dann wohl nur kollektive Verweigerung und der gemeinsame Gang zum Anbieter der Rehamaßnahme.

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Weil zb niemand es mag unbequeme fragen gestellt zu bekommen oder bevormundet oder verbessert u werden,  kann es etwas in der Richtung sein? 

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Kommentar von EstherNele
07.01.2016, 02:47

Du triffst die Sache ziemlich gut.

Wenn ich in einer Maßnahme bin, in der ich etwas lernen soll - und das ist das Hauptziel einer beruflichen Reha - dann muss ich auch ertragen, dass mich jemand verbessert. Das ist ja nichts Imageschädigendes und es stellt auch nicht meinen Intellekt in Frage, wenn ich beim Lernen neuer Dinge Fehler mache  - und dann verbessert werde. 

Das haben aber viele Erwachsene verlernt.
Und wenn dann noch ein bestimmter Frustrationspegel dazu kommt - weil man als gestandener Mensch aus seinem Beruf raus muss und quasi wieder Azubi ist, weil man x Jahre keinen Job gefunden hat - dann wird man dünnhäutig.

Dann wieder zu erlernen, Konflikte zu ertragen und zielführend zu lösen oder auch eine gewisse Frustrationstoleranz zu entwickeln -das ist eben auch ganz wichtig, um im Arbeitsleben wieder Fuß zu fassen.

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Nun sie projiziert das was euch da draußen in der Welt erwartet! Es ist kein Honigschlecken und man muss auch mit Frustration ohne sofortigen Drogenkonsum umgehen können......

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Kommentar von violatedsoul
06.01.2016, 20:50

Das soll wohl ein Scherz sein? Was meinst du, wieviele Menschen in solchen Maßnahmen sitzen, die schon im Leben gestanden haben? Denen muss keiner mehr erzählen, wie beschissen sich alle draußen verhalten.

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