Beethoven 5.Sinfonien?

1 Antwort

Die Antwort auf diese Frage ist eine sehr langwierige. Hier sind nur Andeutungen einiger der Hauptprinzipien möglich. Generell geht es weniger um die 5. Symphonie alleine als eher um das symphonische Gesamtwerk Beethovens (sowie jenem der Klaviersonaten Beethovens), das aber durch die 5. Symphonie, dem bekanntesten und meistgespielten symphonischen Werkes des gesamten 19. Jahrhunderts, besonders augenfällig wurde. Die 5. Symphonie enthält viele Elemente der Musik Beethovens, die für das gesamte musikalische Denken des 19. Jahrhunderts (und vielfach auch noch des 20. Jahrhunderts) absolut maßgeblich wurden. Damit wurde es geradezu stellvertretend für die überragende musikgeschichtliche Rolle Beethovens.

Beethoven steht wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen für die Romantisierung der Musik im Sinne der Enthemmung des subjektiven Gefühlsausdrucks und der Poetisierung des Musikalischen insofern, als nicht das Formale neben dem künstlerisch auszudrückenden Inhalt gleichgestellt ist, sondern dass der künstlerischen Idee alles andere untergeordnet wird. Die musikalische Idee als "Inhalt" wird zum absoluten Zweck der Musik, dem sich Form, Anlage und Funktion der Musik unterordnet. Insofern "sprengt" Beethoven auch die gegebenen Rahmenbedingungen und schafft sie auf Grundlage der musikalischen Idee neu: Die "Missa Solemnis" ist zwar eine Messkomposition, aber viel eher für den Konzertsaal als für eine Kirche. Die 9. Symphonie bekommt am Ende einen Chor, weil der bloße instrumentale Jubel nicht ausreicht, die Idee des Triumphes und der "Freude" auszudrücken. Auch innermusikalisch wird die Form der Sonate auf Grundlage der motivischen und thematischen Verschränkung und Entwicklung völlig neu gedacht. Hierfür ist gerade die 5. Symphonie charakteristisch: Im ersten Satz entsteht -bis auf das antithetisch angelegte Seitenthema- praktisch alles aus dem eingangs vorgestellten viertönigen Kopfmotiv. Diese Verabsolutierung der motivisch-thematischen Arbeit wurzelt zwar im thematischen Denken J. Haydns, ist aber in dieser exzessiven Form, in der das Kopfmotiv für einen ganzen Satz formbildend wird, bei Beethoven neu (ein anderes, aber etwas komplizierteres Paradebeispiel hierfür ist der Kopfsatz der 8. Symphonie).

Ein weiteres Prinzip der Sonatensatz-Anlage Beethovens ist die bewusste dialektische Anlage der Thematik: Kopf- und Seitenthema sind unterschiedlich gebaut und nehmen auch unterschiedliche Funktionen ein. Die Ästhetik des 19. Jahrhunderts hat mit dem Gegensatzpaar "männlich" und "weiblich" im Sinne von "aktiv, dramatisch, ausdrucksstark" versus "passiv, lyrisch, weich" eine dialektische Beschreibung entwickelt. Auch hierfür steht die 5. Symphonie: "männliches, aktives, vorwärtsstrebendes", aber auch "offenes" Kopfmotiv und "weibliches, lyrisches" Seitenthema.

Schließlich gilt, neben etlichen anderen weiteren, auch noch das Prinzip der thematischen Entwicklung und Finalität als ganz charakteristisch. Auch hierfür steht die 5. Symphonie als Paradebeispiel: Anhand der Motivik (nämlich, weil sie auch formgebend wirkt) entwickelt sich das musikalische und das thematische Geschehen. Während bei Mozart und Haydn ein Thema schon von Beginn eines Satzes an so dasteht (vgl. z.B. den Beginn von Mozarts 40. Symphonie g-Moll), wie es gehört, macht es bei Beethoven eine Entwicklung durch und entsteht erst. Das Kopfmotiv am Beginn des ersten Satzes der 5. Symphonie ist (wie z.B. auch in der "Eroica") nicht das "Thema", sondern vielmehr "Kopfmotiv". Der melodisch-thematische Einfall ist -- darauf weisen viele Autoren hin, und ganz besonders Felix Weingartner betont es in seinen Analysen -- jedoch der aus diesem Baustein gebaute, zweifache Viertakter ab Takt 6. Andere Autoren sehen in diesem Satz überhaupt kein eigentliches Hauptthema, sondern eben nur jenes Motiv (ähnlich wie in der Eroica). Dies lässt sich formal insofern begründen, als nicht ohne Weiteres eine in sich abgegrenzte Melodie isoliert werden kann, die man als Thema vorstellen könnte und die auch im weiteren Verlauf so behandelt wird. Denn Beethoven greift, so könnte man argumentieren, immer nur auf das Kopfmotiv zurück.

Hinzu kommt das Durchbrechen der Satzbeschränkung durch die Motivik und Thematik mit dem Ziel des Erreichen eines Zieles. Die Wiederkehr von Themen in späteren Sätzen ist natürlich nicht neu und kommt längst auch in Opern der Klassik vor. Aber die Wiederkehr in Instrumentalwerken mit dem Zweck des dramaturgischen Hinarbeitens des musikalischen Ganzen auf ein "Finale" ist in dieser Form (wie sie Beethoven bringt) dann doch ganz neu. Das Kopfmotiv des ersten Satzes der 5. Symphonie kehrt im zweiten Satz charakteristisch wieder, wenn auch in anderem musikalischen Zusammenhang und in anderer Gefühlssituation. Der dritte Satz der 5. Symphonie klingt am Ende wiederum allmählich aus, nur um den aufbrausenden Beginn des (ohne Unterbrechung direkt [="attacca"] anschließenden) Finalsatzes einzuleiten. Hier erscheinen wiederum hammerartige Schläge, ähnlich wie schon im ersten Satz, aber nun nicht mehr in tragisch-dramatischem c-Moll, sondern in jubelnd triumphierendem C-Dur: Die tragische Situation des Beginns der Symphonie hat sich schließlich zum Guten gewendet und erscheint aufgehellt und verklärt in der Triumphfanfare des Finalsatzes.

Aus alldem geht hervor, dass die 5. Symphonie Beethovens stellvertretend stehen kann für eine zu Beethovens Zeit ganz neue Art der Musik, nämlich einer Musik der Romantik. Sie vereint viele wesentliche Elemente eines damals völlig neuen musikalischen Denkens. Gerade im Vergleich mit zeitgenössischen Werken anderer Komponisten (z.B. den Symphonien von Kozeluh, Ries, Reicha, Tomaschek und selbst noch, teils viel später, von Cherubini, Moscheles, Spohr...).

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