Auf wen stützte Bismarck seine Macht?

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1 Antwort

Otto von Bismarck stützte seine Macht vor allem auf das gewonnene Vertrauen des Königs Wilhelm I. von Preußen (ab 1871 auch Kaiser des Deutschen Reiches) und den von diesem gegeben Rückhalt.

Gesellschaftlich und politisch stützte er sich eher auf konservative Kräfte in Adel und Bürgertum, die grundsätzlich einem Einverständnis mit der Regierung eines monarchischen Staates zuneigten, aber nicht sehr stark weltanschaulich-ideologisch von bestimmten einzelnen, sie völlig festlegenden Prinzipien geprägt waren. Nach Bismarcks Meinung gab es dafür auch in der einfachen ländlichen Bevölkerung großen Rückhalt.

Der monarchische Staat hatte Stützen in der Armee und der Staatsbürokratie/Verwaltung.

Bismarck hat politische Parteien benutzt (sich ihrer bedient), ohne sich fest an eine zu binden. Von seinen Anfängen her stand er den Konservativen nahe, geriet aber mit einer Hinwendung zu realistischem Vorgehen zu einer Gruppe von Hochkonservativen in manchen Fragen in einen Gegensatz. Bismarck hat sich mit dem Ziel einer Stärkung der Macht Preußens mit der deutschen Nationalbewegung zusammengetan. Die Reichsgründung wurde anfänglich von den Altkonservativen in Preußen nicht mit uneingeschränkter großer Begeisterung aufgenommen.

Bismarck hat mit Liberalen, besonders der Nationalliberalen Partei, eine Weile stark zusammengearbeitet, seit 1878/9 dann wieder stärker mit den Konservativen. Auch in der Zentrumspartei (politischer Katholizismus) hat er in seinen letzten Regierungsjahren für manche Maßnahmen und Gesetze Unterstützung gefunden, nachdem vorher im Kulturkampf Gegensatz vorherrschte.

Bismarck hat von Professoren und Theorien nicht viel gehalten. Er meinte, in der Welt sei nur stückweise Bewahrung und Verbesserung möglich, nicht die Herstellung von Vollkommenheit oder die restlose Ausrichtung nach reinen Prinzipien.

Bei romantischen Konservativen hatte der Staatsphilosoph Karl Ludwig von Haller (ein Hauptwerk von ihm: Restauration der Staats-Wissenschaft) eine Weile viel Anklang. Nach dessen Standpunkt bestand die natürliche und gottgewollte Befindlichkeit des Menschen in Ungleichheit und Abhängigkeit, in einer Herrschaft des Stärkeren über den Schwächeren nach dem Muster einer patriarchalischen Familie, mit mehr auf gegenseitigen Verpflichtungen und Diensten als Zwang beruhenden Abhängigkeitsverhältnissen in der Gesellschaft (als organisches Gewebe) und privatrechtlichen (nicht staatsrechtlichen) Vertragsverhältnissen, unter denen das des Fürsten zu dem von ihm regierten Staat das höchste ist. Leopold und Ludwig von Gerlach, preußische Hochkonservative griffen diese Gedanken auf, wobei nach ihrer Auffassung aber legitime Monarchen von Gottes Gnaden (nicht mit dem Recht des Stärkeren) regierten und der Adel als herrschender Stand an Gottes Willen, nicht an ein Naturrecht gebunden war.

Otto Pflanze, Bismarck. 1. Auflage in der Beck'schen Reihe. München : Beck, 2008. Band 1: Der Reichsgründer (Beck'sche Reihe ; 1785), S. 29:
„Realistische Konservative hielten Hallers Ablehnung des modernen Staates für eine Leugnung der Realität und suchten ihrerseits eine Lehre, die den Tatsachen des politischen Lebens Rechnung zu tragen fähig wäre. Diese fanden sie schließlich in der Philosophie Friedrich Julius Stahls. Stahl, ein getaufter bayerischer Jude protestantischen Bekenntnisses, wurde 1840 als Professor der Rechtsphilosophie, des Staatsrechts und des Kirchenrechts nach Berlin berufen, In einem Versuch, Einheit und Vielfalt zu harmonisieren und im Strom der Geschichte absolute Werte zu finden, machte er die „Persönlichkeit“ zum Grundbegriff seiner Philosophie. Dieses seiner Meinung nach höchste Prinzip in der Welt war die einzige Quelle aller Vielfalt und allen Wandels. Die Hervorhebung der Persönlichkeit Gottes gestatte ihm, den Staat in Parallele zum Universum zu setzen. Das höchste Wesen drückt die Einheit der Welt aus, der Staat diejenige seiner Untertanen. In der Monarchie personifizierte der Fürst den Staat. Die persönliche Beziehung zwischen dem Souverän und dem Untertan war so notwendig wie die zwischen Gott und Mensch. In der Nachfolge Luthers glaubte Stahl, daß Gott den Staat zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der sündigen Welt gestiftet habe. Zu diesem Zweck war die Macht am besten in der Hand des Fürsten aufgehoben, nicht wie ehedem auf eine feudale Hierarchie verteilt. Ebenfalls in Übereinstimmung mit Luther wollte auch Stahl gegen tyrannische Herrschaft nur ein Recht des Protests und des passiven Widerstands gelten lassen.

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Kommentar von Albrecht
22.03.2012, 04:26

Für den Absolutismus hatte Stahl genausowenig übrig wie die romantischen Konservativen. Obwohl er die organische Theorie als solche verwarf glaubte der doch an die Notwendigkeit einer Ständeversammlung. Unter «Ständen» wollte aber die bestehenden Berufsstände verstanden wissen, in welche die Gesellschaft auf «natürliche» Weise zerfiel, nicht die mittelalterlichen Körperschaften, die den Romantikern vorschwebten. 1848 war er sogar willens, auch das städtische Proletariat zu den Ständen zu rechnen. Die Befugnisse der «Versammlung» sollten rein «moralisch» und konsultativ sein. Ohne Kontrolle über die Exekutive und ohne feste finanzielle Autorität sollte die Versammlung nur als «Wächter» dienen und die Oberherrschaft des Rechts garantieren. Später räumte er aber realistisch die weitergehenden Befugnisse ein, die der preußischen Legislative unter der Konstitution vom 31. Januar 1850 zugestanden worden waren. Während der fünfziger Jahre setzte sich Stahl für eine Repräsentation nur der höheren Stände ein, nämlich der Gutsherrn und Industriellen, und zwar vornehmlich der ersteren. Seine Vorstellungen, nicht die Hallers, setzten sich schließlich in der Weltanschauung der Konservativen im Preußen des 19. Jahrhunderts durch. Nach 1848 erleichterten sie es den Konservativen, sich mit dem Konstitutionalismus auszusöhnen. Und eben diese Vorstellungen sollten es ihnen auch ermöglichen, das Reich Bismarck zu akzeptieren.“

Bismarck selbst hat mit den Auffassungen, die Friedrich Julius Stahl vertrat, nur teilweise übereingestimmt. Er verstand Politik als Kunst des Möglichen. Bei dieser Realpolitik kann ein Bezug auf August Ludwig von Rochau (Grundsätze der Realpolitik, angewendet auf die staatlichen Zustände Deutschlands, zuerst 1853 anonym erschienen) durchgeführt werden, wobei Bismarck nicht als stark davon angeleitet und sich als Umsetzer des Programms eines anderen verstehend gedeutet werden sollte. August Ludwig von Rochau war ein liberaler Publizist und Politiker (unter anderem Mitbegründer des Deutschen Nationalvereins) und vertrat nach der Erschütterung des Vertrauens an eine einfache Durchsetzung liberaler Ideen aufgrund des Scheiterns der Revolution 1848/9) ein langfristige, Gegebenheiten besser berücksichtigende Machtstrategie.

Otto Pflanze, Bismarck. 1. Auflage in der Beck'schen Reihe. München : Beck, 2008. Band 1: Der Reichsgründer (Beck'sche Reihe ; 1785), S. 43:
„Der Philosoph dieses gewachsenen Respekts vor der Macht wurde August Ludwig von Rochau. Der Journalist, der sich schon vor 1848 von einer radikalen zu einer gemäßigten Position bekehrt hatte, unterschied zwischen philosophischer Spekulation und «Realpolitik». Die philosophische Spekulation mochte sich mit den Prinzipien befassen, die herrschen sollten, der Realpolitik aber war die Erkenntnis vorbehalten, daß allein die Macht herrscht. Die Unterwerfung der Macht unter das Recht zu fordern, sei unvernünftig, meinte er, da sie Starken sich nie von den Schwachen beherrschen lassen würden. «So gewiß das gesprochene oder geschriebene Wort nichts über die leibhaftige Tatsache vermag …», so schrieb er, «so gewiß wird weder ein Prinzip noch eine Idee noch ein Vertrag die zersplitterten deutschen Kräfte einen, sondern nur eine überlegene Kraft, welche die übrigen verschlingt.» Er schloß, daß der Staat die Kraft, Deutschland zu einigen, nur mit Hilfe des Bürgertums gewinnen könne.“

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