Astrologie vor Astronomie?

8 Antworten

Hallo urlocalgrandma,

im Prinzip stimmt das.

Bereits um die Zeit der Sesshaftwerdung haben die Menschen begonnen, den Himmel zu beobachten. Ihnen sind bestimmte Regelmäßigkeiten am Himmel aufgefallen. Einige der ältesten Tempel können den Sonnwendtag architektonisch anzeigen und damit den Jahresrhythmus.

Den Menschen ist auch schon sehr früh aufgefallen, dass sich die allermeisten Objekte am Himmel nicht bewegen. Die Sterne verändern ihre Position zueinander nicht. Anders als die sich ständig verändernde Umwelt war der Sternhimmel deshalb für die Menschen schon sehr früh ein Symbol für Ewigkeit. Zusammen mit seiner Größe und Erhabenheit wurde er in fast allen Kulturen unabhängig voneinander zum erklärten Sitz der Götter - während die Erde im Zentrum der Welt ruhend gesehen wurde.

Diese Unveränderlichkeit des Himmels wurde lediglich von 7 Himmelskörpern missachtet, die man bereits in Babylon nach Göttern benannte und "Wandelsterne" nannte. Dies waren Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn (jedenfalls mit unseren heutigen Namen für sie).

Gerade die äußeren Planeten Mars, Jupiter und Saturn vollführen auf ihrer jährlichen Bahn um die Sonne komplizierte Figuren und Schleifen zwischen den Sternen. Heute wissen wir, dass diese Schleifen daher kommen, dass die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne die Planeten einmal im Jahr überholt https://de.wikipedia.org/wiki/Planetenschleife ). Damals aber verstand man die Bewegungen der 7 "Planeten" (man beachte, dass damals Sonne und Mond aufgrund ihrer Bewegung als Planet gesehen wurden) nicht.

Die Deutung war klar: Die Götter mussten diese Himmelskörper lenken und so auf die Geschicke der Menschheit einwirken.

Fortan beobachtete man also möglichst genau den Himmel, verglich ihn mit irdischen Ereignissen und versuchte Regeln abzuleiten, was aus den Positionen der Wandelsterne denn nun für die Menschheit folge.

Man kann hier erkenntnistheoretisch von einer "Protowissenschaft" sprechen: Eine junge Disziplin, die sich einerseits um genaue Beobachtungen bemüht, andererseits aber auch um das Entwickeln von Theorien, diese Beobachtungen zu deuten. In jedem Falle aber gab es in der Antike, von der wir hier sprechen, NUR die Astrologie... und die machte eben, was ich gerade geschildert habe.

Machen wir einen großen zeitlichen Sprung nach vorne ans Ende des Mittelalters.

Noch immer werden aus den Konstellationen der Gestirne die Geschicke der Menschheit gedeutet. Einigen Gelehrten sind aber längst ernsthafte Zweifel an der Götterhypothese der alten Babylonier gekommen. Einerseits haben diese Götter an Bedeutung verloren (an ihrer Stelle sollen im christlichen Abendland übrigens Engel im göttlichen Auftrag die Gestirne bewegen), vor allem aber haben zum Zeitpunkt der beginnenden Rennaisance die Beobachtungen eine sehr hohe Genauigkeit erreicht. Die Horoskop-Deutungen aber wollen und wollen nicht besser werden.

Einige Beobachtungen führen schließlich dazu, dass einige Gelehrte erkennen, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum des Sonnensystems steht. Kopernikus, Galilei, Kepler und letztlich Newton sind die wichtigsten vier Namen. Die wahre Bedeutung ihrer Arbeit liegt aber nicht darin, einfach ein anderes Objekt ins Zentrum zu setzen, ihre wahre Bedeutung liegt darin, dass sie die Methode entdecken, wie man wissenschaftlich arbeitet.

So ist Galilei der erste, der seine Hypothese, die Sonne stünde im Zentrum, gezielt aus seinen Beobachtungen (Mondfinsternisse, Jupitermonde, etc.) ableitet. Galilei entdeckt damit das erste Standbein wissenschaftlichen Arbeitens:

1) Formuliere eine klare Hypothese und überprüfe, dass sie die Natur gut beschreibt.

Kepler wiederum hat jahrelang versucht, anhand der Beobachtungsdaten seine Idee der harmonischen Bahnen der Planeten zu belegen. Als ihm das nicht gelang, hat er sich selbst überwunden, seine ihm lieb gewonnene Idee verworfen und konnte nur so die bis heute gültigen Keplerellipsen als die Daten am besten beschreibend entdecken. Vor allem erkannte er aber so den zweiten Grundsatz wissenschaftlichen Arbeitens:

2) Wenn Deine Vermutung die Natur nicht gut beschreibt, ist sie falsch - egal, wie toll Du sie findest. Wirf sie weg und suche nach einer besseren Idee.

Newton konnte mit der Entdeckung der Schwerkraft die vorher von Kepler entdeckten Ellipsen aus der Schwerkraftformel ableiten. Er hat damit die Entwicklung der Erforschung des Himmels mit wissenschaftlichen Methoden vollendet: Er hat die Mathematik bzw. Physik in die Himmelskunde eingeführt, die Modellbildung (Theorie der Gravitation) und damit das Erklären(!) von Beobachtungsdaten. Physikalische Theorien (hier:Gravitation) stellen alle Beobachtungen in einen logischen Kontext.

Was bedeutete das für die Astrologie?

Die Deutung, dass die Bewegungen der Himmelskörper einem geheimen Plan unterworfen wären, der etwas mit dem Schicksal der Menschen zu tun habe, ist mit dem aufkommenden und in Beobachtungen überprüfbaren Wissen widerlegt worden. Die Himmelskörper unterliegen einfach der Schwerkraft und bewegen sich nur aus diesem Grund, keinem anderen.

Alle Thesen, die etwas mit der Schicksalsdeutung zu tun hatten, wurden also im Zuge der Entwicklung der wissenschaftlichen Methode als falsch erkannt - und verworfen. Mit Galilei, Kepler und Newton geht eine Entwicklung einher, die die Astrologie - egal, welche Horoskopberechnung nun genau angesetzt wird - als unwissenschaftlich erkannt wird. Sie halten einer Überprüfung an der Beobachtung nicht stand.

Die wissenschaftlichen Anteile der Himmelskunde - die Beobachtung und Theoriebildung mit sauberen wissenschaftlichen Methoden - sind seitdem die Astronomie und später weitgehend die Astrophysik. Die nunmehr als Irrglauben erkannten Deutungshypothesen haben als "Astrologie" in der Folklore überlebt.

Die Formulierung, die Astronomie sei aus der Astrologie hervorgegangen, ist deshalb etwas unglücklich. Die Astronomie stellt die seriösen Anteile einer aus historischen Gründen vorher sowohl aus systematischen Beobachtungen und eben nicht korrekten Deutungen bestehenden Disziplin dar. Die Astrologie stellt die ausgemusterten und als falsch erkannten Anteile dar.

Ungefähr klar?

Gute Texte zur Astrologie (Himmel, hilf: wie kommt man denn dazu, auf der Schule ein Referat über einen obsoleten Aberglauben halten zu müssen??) findest Du übrigens bei Florian Freistetter:

https://arxiv.org/ftp/arxiv/papers/1108/1108.5506.pdf

https://youtube.com/watch?v=Oyeq3joQlgI

Grüße


"So ist Galilei der erste, der seine Hypothese, die Sonne stünde im
Zentrum, gezielt aus seinen Beobachtungen (Mondfinsternisse,
Jupitermonde, etc.) ableitet.
"

Ute - das ist nicht richtig. Der erste war der griechische Philosoph Aristarch von Samos im 3. Jahrundert vor Christus. Er konnte die Planetenbahnen exakt berechnen, während die damals übliche geometrische Konstruktion mit Epizirkeln nur ungenaue Annährungen als Ergebnisse lieferte.

Die mathematische Berechnung galt aber in der Antike nicht als Beweis, sondern nur die geometrische Konstruktion. Deshalb hatte das heliozentrische Weltbild des Aristarch nur den Stellenwert einer irrigen Theorie.

In der Neuzeit war auch nicht Galilei der erste, der das heliozentrische Weltbild aufgriff, sondern Kopernikus, der die Theorie des Aristarch kannte. Er nun konnte endlich mit dem Fernrohr des Galilei den Beweis führen. Er hatte keine Schwierigkeiten mit der römischen Kurie und deren Dogmatik.

Der berühmte Streit zwischen Galilei und der päpstlichen Kurie verlief übrigens nicht nach der Dramaturgie eines Bert Brecht, sondern etwas anders: Mit Galilei, der sich auf Kopernikus stützte, war vereinbart, dass er das heliozentrische Weltbild als rein mathematisches Modell ohne den zugehörigen Realitätswert darstellen würde. Galilei hielt sich nicht an diese Vereinbarung.


4
@Wurzelstock

Richtig. Galileis Verdienst bleibt aber die Idee, das Experiment einzuführen, also das gezielte Herbeiführen einer aussagekräftigen Beobachtungssituation.

=)

2
@uteausmuenchen

Diese Urheberschaft ist nicht unumstritten. Wenn schon, dann allenfalls auf dem Teilgebiet Physik. Auch Leonardo und Paracelsus experimentierten auf ihren Gebieten - um nur zwei zu nennen. Gerade die Medizin war in dieser Hinsicht schon in der Antike sehr rührig.  :-)

1
@Wurzelstock

Übrigens: Das Splitting zwischen der messbaren Realität und einem rein logisch entwickelten theoretischen Gedanken aus praktizierbareren Gründen gibt es in vielen Bereichen von Gesellschaft und Wissenschaft.

In der Theologie ist es ja als "Glaubenswahrheit" bekannt. (wie z. B. die Jungfrauengeburt.)  Aber auch im Rechtswesen ist das üblich. Ohne die Fiktion kämen die Juristen mit ihrer Rechtssystematik so wenig zurecht wie die Theologen mit ihrer Dogmatik.

Unter diesem Gesichtspunkt war der Fall Galilei weit weniger spektakulär, als Brecht uns alle erfolgreich glauben machte...

1

„Die Frage, wann und in welchem Kulturraum die Astrologie ihren Anfang nahm, ist leichter gestellt als beantwortet.“
(Kocku von Stuckrad, „Die Geschichte der Astrologie“, S. 33)

Die Beantwortung obiger Frage hängt von vielen Faktoren und nicht zuletzt vom Blickwinkel ab.

Ganz allgemein gesprochen beschäftigt sich die Astrologie (gr. „Lehre von den Sternen) mit Zusammenhängen zwischen himmlischen Beobachtungen und Geschehnissen auf der Erde. Dabei ist der wichtigste Grundsatz aller Astrologie „unten wie oben“. Dieser Zusammenhang ist allerdings nicht kausal, sondern symbolisch zu verstehen. Das Universum wird als eine Art Spiegeltheater betrachtet, das Hinweise auf alles andere enthält. Veränderungen geschehen gleichzeitig auf allen Ebenen der Wirklichkeit, also Himmel, Erde, Religion etc.. Daher kann man von Zeichen auf einer Ebene immer auch auf Veränderungen auf den anderen Ebenen schließen.

Grundsätzlich gab es zwei Arten von Astrologie. Das eine ist die Stundenastrologie, die Himmelskonstellationen zu einem bestimmten Zeitpunkt feststellt und daraus Schlüsse auf das Sein zieht. Daraus hat sich die moderne Horoskopastrologie entwickelt. Diese Astrologie hat ihre Heimat in Mesopotamien und Griechenland. Zum anderen gab es die Mundanastrologie, die Entwicklung von Konstellationen über längere Zeit beobachtete und Aussagen zum Werden, z.B. von Schicksalen von Königen oder ganzen Völkern oder geschichtlichen Entwicklungen machte. Diese Astrologie ist auf Ägypten zurückzuführen und wurde auch von den Israeliten des Alten Testaments betrieben. Sie war bis in die Neuzeit hinein die bestimmende Astrologie, hat heute aber praktisch keine Bedeutung mehr

In der Vergangenheit bildeten Astrologie, Astronomie, Kalenderkunde, Zeitbestimmung, Mathematik, Religion, Kultur und Politik eine Einheit. Erst nach der Antike haben sich diese Bereiche in eigene, selbständige Bereiche aufgeteilt.

Die Geschichte der Astrologie ist stark davon abhängig, wer sich mit ihr beschäftigt.
Altorientalisten neigen dazu, die gesamte klassische Astrologie aus der Kultur Mesopotamiens herzuleiten. Hier ist auch die Quelle für die Aussage zu finden, erst war die Astrologie da, dann kam die mathematische Astronomie dazu.
Kenner der griechischen Kulturgeschichten betonen, dass ohne die systamtische und wissenschaftliche Beschäftigung der Griechen mit der Astrologie diese niemals die überragende Bedeutung in der Antike gewonnen hätte.
Ägyptologen bestehen dann wieder darauf, dass ohne den starken Einfluss der Ägypter die Astrologie sich ganz anders entwickelt hätte.

Dann gibt es noch die Vor- und Frühgeschichtler, die feststellen, dass die Astrologie und Astronomie ja noch viel älter sei, als obige Wissenschaftler behaupten und verweisen z.B. auf Stonehenge oder die Himmelsscheibe von Nebra. Die Vor- und Frügeschichtler haben allerdings das problem, dass sie sich ausschließlich auf archäologische Funde stützen könen, da es überlieferte Schriften, wie aus Ägypten, Griechenland oder Mesopotamien, die bei der Interpretation helfen, nicht gibt. Dennoch sprechen viele Funde dafür, dass auch schon im Alteuropa, lange vor den Hochkulturen Mesopotamiens oder Ägyptens, Astrologie, Religion, Astronomie und Kalenderkunde parallel stattfanden.

Dann sei noch eine weitere Schwierigkeit bei der Beantwortung, was denn zuerst da war, aufgeführt. Die liegt darin zu definieren, ab wann man von einer ausgebildeten Astrologie sprechen kann, was Vorstufen davon sind oder was einfache astralmytholgische Interpretationen sind, die den namen Atsrologie noch nicht verdienen.
Dieselbe Schwierigkeit beinhaltet der Begriff der Astronomie. Ab wann kann man von Astronomie sprechen oder was sind auch hier nur Vorstufen oder einfache Wahrnehmung periodisch wiederkehrender Ereignisse, die den Namen Astronomie noch nicht verdienen.

Das Universum wird als eine Art Spiegeltheater betrachtet

So ist halt Astrologie...

1

Na ja, man kann es eigentlich auch ganz kurz sagen... :- )
Wenn es dir nur um die Zeitdifferenz geht, urlocalgrandma,
dann nimm mal die um 4.100 Jahre, die die Astrologie sich mit der Gestirnserkennung/-ortung/-berechnung und letztlich Gestirnsdeutung befasste, bevor sich die Astronomie, man sagt erst mit Kopernikus, 1514 (1520 veröffentlicht), von der Astrologie als eigene Wissenschaft ablöste.

Bis dahin hieß es tausende Jahre "Astrologie" und auch mal Astrologie/Astronomie synonym und nun schließlich rund 500 Jahre wie bekannt. Soweit also deine Frage.
Ja, die Wissenschaft Astronomie entstand aus den Himmelskenntnissen der Astrologie. Das ist nun keine Frage. Übrigens, die ersten systematischen Mondbeobachtungen (und man vermutet auch -deutungen) liegen tatsächlich sogar 34.000 Jahre zurück. Ich beziehe mich nun nicht auf Kocku v Struckrad, sondern auf Dr, Hubert Korsch, Robert Hand, Wilhelm Knappich.

Falls dich auch das Thema der 'angeblich geozentrisch' und damit 'falschen' Astrologie beschäftigt, sie ist vielmehr völlig richtig!   Mit ein wenig astronomischen Kenntnissen sollte schnell klar werden, dass die Astrologie lediglich (völlig nachvollziehbar) das reale Himmelsbild vom Ort der Geburt als Grundlage ihrer Arbeit nimmt und natürlich nur darauf aufbaut. Übrigens, auch das ist rein astronomisch nachvollziehbar: Zwischen dem heliozentrischen und dem geozentrischen Weltbild gibt es astrologisch keinen Unterschied! Das empirische Wissen der Astrologie befasst sich ausschließlich (eigentlich sehr bekannter-maßen) nur mit den Konstellationen der Gestirne im Sonnensystem und nicht mit der Frage, welcher Brumkreisel davon nun in der Mitte steht. Auch das lernte die Astronomie von der Astrologie, wie überhaupt ersteinmal alle ihre Kenntnisse und Wege vom/im Sonnensystem, nicht? :- )

Frag mich gerne, wenn noch etwas offen blieb.
Ich war ein paar Tage etwas seltener im GuteFrage, deshalb erst heute.


Was möchtest Du wissen?