Architektur vs, Bauingenieur?

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2 Antworten

Der Hauptunterschied liegt im Integralzeichen ;-) Architekten müssen nicht halb so fit in höherer Mathematik sein wie Bauingenieure (es schadet aber auch nicht).

Ich hole mal etwas weiter aus: Architektur war immer schon die hehre Baukunst (Übersetzung des griech. "Architekt" = "der Erste unter den Baumeistern"), während der Bauingenieur aus dem Festungsbau des 18. Jahrhunderts hervor ging, damals wurde der Festungsbauer Zivilingenieur genannt. Bis heute heißt "Bauingenieur" auf englisch "civil engineer".

Somit beschäftigt sich der Architekt mit den Aufgaben des klassischen Hochbaus, während der Bauingenieur Verkehrswesen (Straßen- und Eisenbahnbau), Wasserversorgung, Brückenbau, Grundbau, Vermessung und dgl. mehr macht, aber auch die statischen Berechnungen für das, was der Architekt geplant hat (und oft daran verzweifelt) und die Bauleitung auf größeren Baustellen (Baubetrieb und Projektmanagement) durchführt.

Somit ist der Bauingenieur vielseitiger als der Architekt. Architekt bist du übrigens nicht mit abgeschlossenem Studium, du erhältst dein Diplom/ deinen Bachelor als Dipl.-Ing. / Bachelor Hochbau! "Architekt" wirst du erst nach dreijähriger Berufstätigkeit und zusätzlich besuchten Kursen bei der Architektenkammer durch Eintragung in die Architektenliste.

Als Bauingenieur kommst du mit besserem Gehalt unter, aber auch die Architekten müssen nicht verhungern: Ich verdiene nach 25 Berufsjahren ca. 5 500 € im Monat brutto! Lange Jahre habe ich Bauleitung gemacht, da siehst du den Unterschied zwischen Bauigels und Architekten: Ich bin selig und stolz mit 4 000 € im Monat nach Hause gegangen, der Bauingenieur hatte dasselbe Grundgehalt, bekam aber nach Tarif Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld und 13. Gehalt sowie Spesen hinzu, so dass er im Schnitt mit 6 000 € im Monat nach Hause gegangen ist.

Das liegt an der Erwerbsstruktur: Architekten arbeiten häufig für kleine Firmen und Büros, Bauingenieure werden von großen Firmen eingestellt, die ein Tarifabkommen haben und daher wesentlich besser bezahlen (Ein Bauingenieur mit 25 Berufsjahren ist bei ca. 70 000 € im Jahr).

Eine handwerkliche Ausbildung ist bei beiden Berufen von Nutzen! Mindestens ein Baupraktikum vor dem Studium ist ein Muss!

Wenn du gerne rechnest, tüftelst, konstruierst, vom Charakter her eher diszipliniert bist, bist du unter den Bauingenieuren gut aufgehoben. Wenn du die geniale Ader hast, gerne zeichnest, dich auch gerne mit Grafik (Darstellung, Design, Farben, Effekte) beschäftigst, gut reden kannst, eher chaotisch und Überflieger bist, wird dir Architektur mehr Spaß machen. Es gibt aber auch disziplinierte Konstrukteure unter den Architekten und geniale Entwerfer unter den Bauingenieuren. Vorlageberechtigt sind sie alle beide, sie dürfen Bauanträge einreichen.

Ich war der geniale Zeichner und fieselige Modellbauer, habe aber mein Diplom in Konstruktion gemacht (nicht im Entwurf) und meine Brötchen als Bauleiter verdient. Jetzt bin ich Dozent. Es geht alles, wenn man nur will.

Viele Grüße von Architekt Nr. 13 775 der niedersächsischen Architektenkammer!

vielen Dank, auf so ne antwort habe ich sehr gehofft :))

ich hätte da allerdings noch ein paar fragen:

  1. Was meinst du genau mit "zeichnen"? Meinst du damit eher zeichnen, wie in der geometrie, oder eher wie in kunst, weil ich kann mir nicht vorstellen, dass man als architekt große künstlerische ambitionen haben muss, oder liege ich da falsch?

2.Kann man das zeichnen während des studiums erlernen? / wird man darin unterrichtet?

3.ein Praktikum im Bau ist ein MUSS? wie lange sollte das ca. dauern?... Muss man als Architekt oder Bauing auch körperliche Tätigkeiten durchführen?..

Körperlich habe ich nicht unbdeingt hervorragende vorrausetzungen, um auf dem bau zu arbeiten wenn man das so nennen kann...

Entschuldigung für die komischen Absätze, aber GF hat sie wieder einmal verschluckt -.-" LG

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@kribby

1) Beides. Du musst die Geometrie beherrschen, denn Grundriss, Schnitt und Ansichten sollten einander entsprechen, auch bei komplizierteren Bauwerken.

Beim Entwerfen empfiehlt es sich dringend, auf den Computer zu verzichten und erst einmal frei Hand loszulegen. Keine Angst, das lernt man mit den Jahren.

Im Studium lernt man übrigens das Meiste von den Mitstudenten, zu Beginn auch von den älteren Semestern. Studium heißt "selber lernen"! (Die lat. Übersetzung von Studium ist "Eifer", aber mit Köpfchen und im Team kommt man weiter.)

Künstlerische Ambitionen sind hilfreich für ein Architekturstudium, manchmal muss man einfach losspinnen, das sind oft die besten Entwürfe. Da aber das Entwerfen nur 5 % der Berufstätigkeit der Architekten nach dem Studium ausmacht, kommt man auch weiter ohne genial zu sein.

An vielen Universitäten (weniger an den FHs, die sind praktisch orientiert) ist die Lehre jedoch ganz auf den Entwurf ausgerichtet. Das liegt daran, dass du nach dem Studium erst einmal der kreative Zeichenknecht für die etablierten Professoren sein sollst. Denke bloss nicht, Ingenhoven oder von Gerkan oder Zaha Hadid oder Foster zeichnen ihre Entwürfe noch selbst. Die haben die Idee, legen den Rahmen fest und den Rest machen die Mitarbeiter, oft auch abends, samstags und sonntags.

Die körperlichen Voraussetzungen sind nicht wichtig für ein Praktikum. Es geht darum, die Wirklichkeit auf dem Bau zu erleben und mal in Dreck zu fassen. Ich bin eine 1,60 m große Frau und kein Sportass, habe aber Maurer gelernt. Ob du für Architektur ein Praktikum brauchst, teilt dir deine Hochschule auf Anfrage mit. Für Bauing. unerlässlich.

Viele Grüße

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@Yumitori

Ich kann dir für deine ausführlichen Beiträge einfach nur danken :) die hefen mir echt weiter !!

Trotzdem kann ich mir die Berufstätigekit eines Architekten bzw. Bauings im Moment nur schwer vorstellen - was allerdings bei allen anderen Berufen ähnlich ist. - Deswegen habe ich gerade Probleme mit der Vorstellung, dass es einen Kunden gibt, der dem Architekten einen Auftrag gibt und der sich dann in sein Zimmer setzt und sich dann 3 Tage Grundrisse für das Haus ausdenkt und das zu Papier bringt..

Eine allerletzte Frage hätte ich an dich trotzdem noch, die allerletzte, versprochen. :D Denkst du, dass der Beruf eines Architekten oder Bauingenierus großes Zukunftspotential hat? Danke schonmal im vorraus! Vielen Dank für deine überaus ausführlichen Beiträge :)

LG

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@kribby

Deswegen habe ich gerade Probleme mit der Vorstellung, dass es einen Kunden gibt, der dem Architekten einen Auftrag gibt und der sich dann in sein Zimmer setzt und sich dann 3 Tage Grundrisse für das Haus ausdenkt und das zu Papier bringt..

Genau so sieht es aber aus. Das ist mein Beruf und der vieler anderer auch, und wir verdienen damit Geld. In drei Tagen denken wir uns aber nicht nur Grundrisse aus, sondern auch Schnitte, Ansichten, Installationsführungen und Details.

Das Zukunftspotenzial ist da; die qualifizierten Absolventen der letzten Jahre sind ausnahmslos ins Ausland gegangen, und ich (Baby-Boomer) kann an meinen Fingern abzählen, wann ich in Ruhestand gehe und mit mir viele andere auch. In wenigen Jahren werden Architekten fehlen, Bauingenieure fehlen bereits heute.

Viele Grüße (ich war in Urlaub)

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@Yumitori

Tolle Antwort. Ich bin nämlich auch gerade auf der Suche nach dem passenden Studium und hatte unter anderem hier auf dieser Seite auch schon was zum Unterschied zwischen Architekten und Bauingenieuren gelesen http://www.ingenieur360.de/bauingenieurwesen-studium/, aber irgendwie war mir das dabei nicht hilfreich. Deine Antwort - bzw. die vielen Antworten sind absolut genial. Danke!

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Zu den Studiengängen kann ich dir nix sagen, aber - als Architekt bist du bauvorlageberechtigt, als Ingenieur nicht.

Das stimmt nicht. Architekten sind nur dann bauvorlageberechtigt, wenn sie in die Architektenliste eingetragen sind, die bei der Architektenkammer des entsprechenden Bundeslandes geführt wird, oder wenn sie in entsprechender Funktion bei einer Behörde arbeiten.

Bauingenieure sind bauvorlageberechtigt, wenn sie in der entsprechenden Fachrichtung vertieft haben (Hochbau, für Verkehrsbauten in Verkehrswesen, für Staumauern, Kanalbrücken etc. in Wasserbau) und bei der Ingenieurkammer des entsprechenden Bundeslandes eingetragen sind.

Wer´s genau wissen will: Es steht in den jeweiligen Landesbauordnungen, z. B. in § 58 NBauO (Niederträchtige Bauordnung ;-)).

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@Yumitori

Architekten sind grundsätzlich Mitglied einer Architektenkammer. Somit sind sie sämtlich bauvorlageberechtigt, die von yumitori formulierte Einschränkung besteht also nicht.

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