Arbeitsteilung als Grund sozialer Ungleichheit?

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2 Antworten

Es habe hierzu keine Quelle und es kenne keine anerkannte Größe der Geschichte oder Gegenwart, die dafür zeichnet:

Ich vertrete die Meinung, dass es eine die Kernfrage des sozialen Miteinander nicht primär greifende Erklärung ist, soziale Unterschiede auf die Arbeitsteilung zurück zu führen. Sondern wer soziale Unterschiede auf die Arbeitsteilung zuführen möchte, der möchte verschleiern, dass nicht jeder Mensch gleich ist – und möchte also verschleiern, dass soziale Unterschiede wesentlich durch individelle Unterschiede mit verursacht werden. Ein jeder Mensch mag grundsätzlich gleich BERECHTIGT sein, jedoch ist er nicht mit den gleichen MÖGLICHKEITEN ausgestattet.

Erstens: Bedürfnisse sind auch in einer sehr kleinen archaischen Gesellschaft unterschiedlich. Denn auch dort gibt es – je nach den persönlichen Stärken – Rollenverteilungen, die Ungleichheit mit sich bringen. Es ist kein soziales Erklärungsmodell, das soziale Ungleichheit rechtfertigen soll, wenn man unterschiedliche individuelle Stärken feststellt, in Folge derer sich Aufgabenverteilungen ergeben. Sondern das ist eine Tatsache, die nicht nur auf genetische Präpositionen zurückgeht, sondern auch auf individuell und situativ unterschiedliche Grundbedingungen, die Schwangerschaft und Kindheit begleiten.

Zweitens: Je größer eine Gesellschaft ist, desto ausschließlicher kann eine Person – bis auf die alltäglichen Aufgaben des unmittelbarsten persönlichen Bedarfs, den nur wirtschaftlich besser Gestellte teilweise oder ganz an Dritte abgeben (z. B. Wäsche waschen, Wohnung reinigen, Essen zubereiten) – auf eine ganz bestimmte "fachspezifische" Rolle und Aufgabenzuteilung festgelegt werden, weil es quantitativ möglich wird, eine Person mit einer solchen Festlegung umfassend zu beschäftigen. Was nicht zwangsläufig damit einher geht, dass die Person auch sozial unmittelbar abhängig ist (der selbstständige Hufschmied ist wirtschaftlich von seiner Festlegung abhängig, ohne unmittelbar sozial abhängig zu sein!).

Drittens: Die unmittelbare soziale Einbettung ist für das Individuum – abgesehen von wenigen Ausnahmen – von entscheidender Bedeutung, den weiteren Lebensweg betreffend. Denn mit dem unmittelbaren sozialen Umfeld sind nicht nur Prägungen, sondern auch soziale Vernetzungen verbunden.

Der MISSBRAUCH der Arbeitsteilung als Instrument, um soziale Unterschiede zu manifestieren UND somit Machtverhältnisse zu sichern, ist mit dem vorher Geschriebenen nicht gerechtfertigt!

DASS es zum Missbrauch der Arbeitsteilung als Grundlage eines sozialen Schichtmodells kommt, ist ursächlich Folge der MASSENgesellschaft (!) an sich. In einer kleinen archaischen Gesellschaft ist trotz einer Arbeits- und Aufgabenteilung die soziale Kontrolle so eng, dass die Missbrauchsgefahr deutlich geringer ist als in einer Massengesellschaft.

Um idyllischen Vorstellungen vom kleinen Dorfleben an dieser Stelle vorzugreifen: Das "Dorf" in der europäischen Tradition (ruhig über runde 3 Jahrtausende hin betrachtet) kann mit einer archaischen Kleingesellschaft nicht verglichen werden. Das "Dorf" spiegelt, egal in welcher Größenordnung, bereits die hierarchische Struktur der Massengesellschaft wider – weil es in den größeren Kontext einer nur im Siedlungsbild zergliederten Massengesellschaft eingebettet ist.

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Hallo,

"Durch Arbeitsteilung und Schichtendifferenzierung entfällt ein wesentliches Moment der Motivation zu unmittelbarer Reziprozität des Helfens: die Reversibilität der Lagen." (Niklas Luhmann: Formen des Helfens im Wandel gesellschaftlicher Bedingungen. In: Hans-Uwe Otto/Siegfried Schneider (Hg.): Gesellschaftliche Perspektiven der Sozialarbeit. Band 1. Berlin 1973) - sehr empfehlenswerter Artikel.

Das heißt, dass im Gegensatz zu archaischen, segmentär differenzierten Gesellschaften, in denen die Arbeitsteilung noch nicht so ausgeprägt ist, in den hochkultivierten, stratifikatorisch angelegten Gesellschaften die Gefahr, dass bspw. ein reicher Händler plötzlich mit einem armen Bauern "tauschen muss" gegen Null geht. Bedürfnisse sind nicht mehr für alle gleich. So kommt es zu einer schichtmäßigen Verteilung von Produktionsgütern.

Das war jetzt nicht Durkheim, aber Luhmann bezieht sich ja in gewisser Weise auf ihn. Vielleicht ein kleiner Denkanstoß.

Alles Gute.

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Kommentar von Msinza
02.12.2013, 12:58

Vielen Dank für Deine Antwort und den Artikel von Luhmann! Das Buch habe ich mir sogleich notiert. :-)

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