Antikes Athen

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Ja, grundsätzlich basierte die so genannte Attische Demokratie auf einer Volkssouveränität. Allerdings waren nicht alle Bevölkerungsteile gleichberechtigt, u.a. waren Frauen, Nichtgriechen und Sklaven von der Mitbestimmung ausgeschlossen.

Kann man - wenn man weiß, wer zum "Demos" gehörte. Das waren lediglich die verheirateten, männlichen Haushaltsvorstände eines Oikos. Frauen, unverheiratet Kinder, Sklaven und Fremde gehörten nicht dazu - also war es keine Demokratie in unserem Sinn.

Im antiken Athen ist in Bezug auf die Verfassung/politische Ordnung Athens von einer Demokratie gesprochen worden. Was ist/geschieht, ist auch möglich/kann geschehen (im Begriff des Unmöglichen ist enthalten, nicht – zumindest nicht unter bestimmten gegebenen Bedingungen – zu sein/zu geschehen). Genauer kann dann gefragt werden, ob und in welcher Zeit die Verfassung/politische Ordnung Athens in der Antike zutreffend/berechtigt als Demokratie bezeichnet werden kann.

Meines Erachtens ist eine Bejahung richtig: Die athenische Demokratie in der Zeit der klassischen Antike (ungefähr 5. und 4. Jahrhundert v. Chr.) ist tatsächlich ein demokratischer Staat gewesen.

Der Zeitraum ist genauer zu klären. In der Antike ist unter dem Schlagwort einer πάτ�?ιος πολιτεία (patrios politeia; „Väterverfassung�?/“väterliche Verfassung“) teilweise schon für ziemlich frühe Zeiten von Demokratie gesprochen worden, nicht nur in Bezug auf Kleisthenes, sondern auch auf Solon (6. Jahrhundert v. chr.), Drakon (7. Jahrhundert) und sogar auf den sagenhaften König Theseus. In manchen Fällen sollte eine Abschaffung oder ein Abbau der Demokratie so als Rückkehr zu einer traditionellen Verfassung/althergebrachte Verfassung/Verfassung der Vorfahren, die als echte Demokratie hingestellt wurde, verschleiert und beschönigt werden. Zum Beginn der Demokratie bei den Athenern gibt es unterschiedliche Meinungen, aber was ernsthaft in Frage kommt, kann auf die von Kleisthenes (etwa ab 508/507 v. chr.) eingeführte politische Ordnung, die Zeit der Perserkriege (um 480 v. Chr.) und die von Ephialtes herbeigeführten Veränderungen um 462/461 v. Chr. begrenzt werden. Es gab (411 – 410 v. Chr.; 404 – 403 v. Chr.; 322 – 328 v. Chr.; 317 – 307 v. Chr.) durch Umstürze Oligarchie bzw. eine timokratischer Verfassung durch Zensuswahlrecht (Wahlrecht von Vermögen/Besitz/Einkommen) abhängig, die Gegner auch als eine Art Monarchie/Tyrannis verstanden. Diese Veränderungen der politischen Ordnung gelangen aber nur wegen außenpolitischer Rückschläge bzw. Niederlagen und verdankten in den meisten Fällen ihre Macht einem über Athen siegreichem Staat

In der Zeit des Hellenismus und der Zeit der römischen Herrschaft ist Demokratie zur gängigen Verfassung einer griechischen Polis (πόλις) geworden, da die Bezeichnung Ansehen gewonnen hatte und schönklingend war, und bei formal demokratischen politischer Struktur ist nicht selten der Einfluß der Reichen/Wohlhabenden deutlich wirksamer geworden. Hier könnte eher in Frage gestellt und angezweifelt werden, ob es sich in der Sache in allen Fällen noch um eine Demokratie gehandelt.

Bei der Demokratie in der Antike ist die Sache früher dagewesen als der Begriff. Spätere antike Autoren haben die von Kleistenes geschaffenen Ordnung Isonomie (ἰσονομία [isonomia]; bedeutet nach dem Wortursprung Gleichheit des Rechts, Gleichberechtigung; das Adjektiv ἴσος /ἴση /ἴσον [isos/ise/ison] bedeutet gleich, das Substantiv νόμος [nomos] unter anderem Recht, Gesetz) genannt. Sie kann als eine Frühform der Demokratie verstanden werden.

Bei den Überlegungen und der eigenen Meinung ist es methodisch gut, eine Definition/Begriffsbestimmung von Demokratie zu geben und bei Merkmalen von Demokratie zu unterscheiden, was wesensnotwendig zur Demokratie gehört und was nur eine (wünschenswerte) Ausgestaltung von Demokratie ist.

Demokratie bedeutet nach seinem Wortursprung Herrschaft des Volkes. κϱάτος (kratos) heißt Stärke, Kraft, Gewalt, Macht, Gewalt, Herrschaft. Mit diesem Wort in der Form von -kratia (in der Bedeutung „Herrschaft) werden Zusammensetzungen gebildet, die Staatsformen/Verfassungen bezeichnen (z. B. Aristokratie, Timokratie). Dazu gehört auch die übliche Bezeichnung für Volksherrschaft: Demokratie (δημοκϱατία [demokratia]). δήμος (demos) heißt in einer Grundbedeutung Volk.

Die eigene Meinung ist eine beurteilende Stellungnahme. Die Pro- und Contra-Argumente werden dazu auf Stichhaltigkeit und Gewicht geprüft.

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Pro-Argumente

  • Vorhandensein von Volkssouveränität/Existenz von Volksherrschaft: Das Volk (der Demos) war mit seinen Beschlüssen und Urteilen (in der Volksversammlungen und in Gerichten, die von Leuten aus dem Volk besetzt wurden) ausschlaggebend. Maßnahmen wurden als Entscheidung des Volkes legitimiert. Abraham Lincoln, Präsident der USA, bezeichnete in einer Rede am 19. November 1863 (Gettysburg Address) Demokratie als „Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk“ (government of the people, by the people, for the people). Dies ist im antiken Athen in einem hohen Ausmaß verwirklicht gewesen. Die athenische Demokratie (und allgemein die antike Demokratie) war eine direkte Demokratie (im Unterschied zu einer indirekten/repräsentativen Demokratie, bei der vom Volks Repräsentanten - Volksvertreter - gewählt werden, aber ansonsten nicht oder nur wenig – Elemente direkter Demokratie wie z. B. Volksentscheid und Direktwahl für Ämter - abgestimmt wird) und kann daher als basisdemokatrisch bezeichnet werden. Für die meisten der rund 700 politischen Ämter der Polis Athen gab es ein Losverfahren, was ein Grundsatz der Gleichheit betonte und zu einer hohen Partizipation (Teilhabe) der Bürger beitrug. Für Tagungen und Ausübung von Ämtern wurden Tagegelder eingeführt, die auch ärmeren Bürgern die Teilnahme ermöglichten.

  • Abstimmungen: In der Volksversammlung, in Gerichten und im Rat der 500 wurde abgestimmt.

  • Mehrheitsprinzip: Die Mehrheit der Stimmen entschied. In einer Rede des Perikles auf die Gefallenen des ersten Jahres des Peloponnesischen Krieges (Thukydides 2, 37,1) steht zu der Verfassung Athens die Aussage, sie heiße Demokratie, weil sie nicht auf wenige ausgerichtet sei, sondern auf die Mehrzahl. Die Rede ist keine Wiedergabe des genauen Wortlauts, sondern eine Gestaltung des Geschichtsschreibers nach der Gesamtausrichtung der tatsächlich gehaltenen Rede. Der Demokratiebegriff an dieser Stelle legt aber das gängige Verständnis zugrunde. Die Zeitgenossen haben die Polis Athen als Demokratie und eine Verfassung, bei der die Mehrzahl auschlaggebend ist, verstanden.

  • gleiches formales Gewicht der Stimmen: ein Mann/Bürger - eine Stimme

  • Wahlen: In der athenischen Demokratie der Antike gab es für einige Ämter, die besondere Fähigkeiten erforderten (z. B. die 10 Strategen, Architekten und Bauaufseher, hohe Finanzbeamte), Wahlen.

  • Freiheit und Gleichheit als zentrale Grundsätze und tragende Ideen: In der athenischen Demokratie waren Freiheit und Gleichheit wichtige Prinzipien und Werte. Sie wurden von Zeitgenossen für mit Demokratie für gehalten. Aristoteles, Politik 4, 4, 1291 b: „Wenn nämlich die Freiheit am meisten in der Demokratie vorhanden ist, wie einige annehmen, und die Gleichheit, so dürfte es sie am meisten da geben, wo alle zusammen in gleicher Weise besonders gemeinsam an der Verfassung teilhaben. Weil aber die Mehrzahl das Volk ist, entscheidend aber das ist, was die Mehrheit beschließt, ist diese (Verfassung) notwendig eine Demokratie.“

Die politische Gleichheit (τὸ ἴσον = das Gleiche) war sehr grundlegend, auch die Redefreiheit (so konnte jeder Bürger in der Volksversammlung sprechen) galt als ein Bestandteil von ihr. Die Teilhabe (Partizipation) der Bürger an der Politik hatte große Bedeutung.

Alle in einer Versammlung Wahlberechtigten hatten Antragsrecht. Jeder konnte einen Vorschlag machen und seine Meinung äußern.

  • öffentliche Diskussion politischer Fragen

Contra-Argumente

  • Nichtbeteiligung/Ausschluß von Bevölkerungsgruppen von der politischen Mitbestimmung, daher Herrschaft einer Minderheit: Ausgeschlossen von Rechten zu politischer Teilhabe waren Sklaven, ansässige Ausländer (die Metöken; ein Metöke - μέτοικος [métoikos]; »Mitbewohner« Plural: μέτοικοι [metoikoi] - war ein in Athen ansässige Fremder/Ausländer mit festen Wohnsitz, aber ohne athenisches Bürgerrecht), Frauen und Kinder. Sehr genaue Zahlen zur Bevölkerung sind nicht bekannt, aber der Anteil der (erwachsenen, männlichen) Bürger betrug wohl kaum mehr als 20 – 30 % der Gesamtbevölkerung.

  • Fehlen einer Verankerung von Grundrechten in einer Verfassung

  • keine Gewaltenteilung: Im antiken Athen hat es keine Gewaltenteilung mit klarer Abgrenzung von Exekutive (ausführende/vollziehende Gewalt), Legislative (gesetzgebende Gewalt) und Judikative (rechtsprechende Gewalt) gegeben.

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zur Nichtbeteiligung/zum Ausschluß von Bevölkerungsgruppen

Die stimmberechtigten Männer waren zwar nur eine Minderheit der Bevölkerung (die größte Anzahl der Bürger mit politischen Rechten gab es vor Ausbruch des peloponnesischen Krieges [431 – 404 v. Chr.], schätzungsweise etwa 30.000 – 50.000, sowohl Sklaven [etwa 80.000] und ansässige Fremde [25.000 Metöken] als auch Frauen und Kinder waren von der Beteiligung an der Politik ausgeschlossen).

Kinder sind nicht sofort nach der Geburt zu Informationsbeschaffung, ausreichender Überlegung, Beurteilung und Abstimmung fähig. Männliche Kinder der Bürgerschaft bekamen Anteil, wenn sie volljährig waren. Metöken waren Einwohner, die kein Bürgerrecht hatten. Sie gehörten nicht zur Bürgerschaft der Polis. Bürgerrechtsgesetze haben bestimmt, wer als Bürger anzuerkennen war. In der politischen Praxis und Theorie galten damals die Vollbürger als Demos/Volk (δῆμος).

Wenn eine Teilhabe von Kinder oder Nicht-Staatsbürgern an politischen Entscheidungen als Maßstab verwendet wird, wäre wohl gar keine tatsächlich existierende Demokratie vorzuzeigen (ein Ausländerwahlrecht gibt es nur in wenigen Staaten und auf unteren politischen Ebenen eingeschränkt, z. B. ein kommunales Wahlrecht für EU-Bürger).

Ein Absprechen von Demokratie für das antike Athen ist nicht überzeugend. Der Begriff ist damals entstanden und mit Bezug auf die schon existierende politische Ordnung geprägt worden. Wenn die Existenz von Sklaverei und die fehlende Frauenemanzipation bzw. die Nichtbeteiligung von Slaven und Frauen als Grundlage für eine Behauptung genommen wird, die Verfassung/politische Ordnung Athens in der Antike sei niemals eine Demokratie gewesen, werden Maßstäbe aus modernem Zeit herangetragen, die für die damaligen Umstände/Verhältnisse wenig geeignet sind. Dabei wird zugleich die Unterscheidung zwischen Demokratie und anderen Verfassungen (z. B. Aristokratie, Oligarchie, Timokratie, Plutokratie) verwischt oder unbeachtet gelassen.

Die ausgeschlossenen Gruppen kamen nach damaligem Verständnis nicht als an der politischen Herrschaft Beteiligte in Frage. Außerdem gab es auch in der Neuzeit in Staaten, die Demokratie genannt wurden, z. B. in den USA, zunächst Sklaverei und Frauenwahlrecht ist auch erst allmählich entstanden.

Die Nichtbeteiligung war nicht durch eine bestimmte einzelne Staats- und Regierungsform verursacht, sondern eine allgemeine Angelegenheit des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems. Was an Sklaverei und fehlender Gleichberechtigung der Frauen zu bemängeln ist, ist diesem System vorzuwerfen, nicht spezifisch der Staats- und Regierungsform Demokratie. Eine als Gesamturteil betonte Aussage, die athenische Demokratie sei die Herrschaft einer Minderheit gewesen, verfehlt aber das Wesentliche. Die ausgeschlossenen Gruppen kamen nach damaligem Verständnis nicht als an der politischen Herrschaft Beteiligte in Frage. Dies ist eine Einschränkung, aber alle in Betracht kommenden Bürger (ohne Begrenzung nach gesellschaftlicher Herkunft oder Besitz) hatten Anteil und sie stellten nach zeitgenössischen Äußerungen das Volk (den Demos) dar.

Thema Grundrechte

In einer Verfassung verankerte Grundrechte sind zwar nützlich und wünschenswert, aber kein wesensnotwendiger Bestandteil von Demokratie.

In modernen Demokratien hat es eine starke Entwicklung dahin gegeben, Grundrechte als Teil in einer schriftlichen Verfassung systematisch aufzustellen. In der antiken Demokratie gab es keine derart weitgehende systematische Zusammenstellung von Freiheitsrechten in schriftlicher Festsetzung (auch wenn z. B. Rede- und Meinungsfreiheit ein wichtiges Prinzip war), wohl auch, weil in der damaligen Gesellschaft Freiheit als individuelles Nichtbeherrschtwerden der Bürgern in großem Ausmaß vorhanden war, indem sie Selbstregierung hatten und die Herrschaft des Staates in die persönliche Existenz hinein eher gering war, Freiheit also nicht so stark gegen eine mächtige Institution zu schützen war. Eine Aussage, insgesamt habe es in der athenischen Demokratie keine Meinungsfreiheit gegeben, wäre falsch. Eine gewisse Einschränkung kann in Bezug auf Asebie (ἀσέβεια [asebeia]; Gottlosigkeit/Religionsfrevel) erörtert werden, da dies Gegenstand einer Anklage sein konnte. Eine solche Anklage wegen Meinungen hat es aber nicht besonders oft gegeben. Zudem kann an der Echtheit einiger in späteren antiken Texten genannter Fälle (mit Perikles verbundene Personen) gezweifelt werden. Gegen Sokrates hat es in einem von unglücklichen Ereignissen geprägten politischen Klima eine Anklage gegeben und seine Verurteilung zum Tod kann als Fehlurteil eingeschätzt werden. Dies war aber kein typischer, sich häufig wiederholender Fall.

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Thema Gewaltenteilung

Gewaltenteilung ist kein wesensnotwendiger Bestandteil von Demokratie. Außerdem sind die Bedingungen direkter Demokratie zu berücksichtigen, bei einzelne Gewalten stark an das Volk gebunden bleiben.

In der athenischen Demokratie spielte ein Gedanke der Gewaltenteilung keine große Rolle. Es gab verschiedene Institutionen und die Tätigkeiten des Beratens, Entscheidens, Richtens und Vollziehens. Rechtliche Bestimmungen ermöglichten Kontrolle. Einer Abtrennung wie in einem modernen Muster entspricht dies nicht ganz.

Moderne demokratische Verfassungen sind stark von dem Gedanken einer Gewaltenteilung (Exekutive, Legislative und Judikative) mit wechselseitiger Kontrolle und Gleichgewichten (checks and balances) bestimmt. Allerdings sind sie nicht wirklich völlig getrennt. In der Praxis ist die Gewaltenteilung nicht so groß wie in einer bestimmten Art von Theorie.


nützliche Bücher zur athenischen Demokratie:

Jochen Bleicken. Die athenische Demokratie. 2., völlig überarbeitete und wesentlich erweiterte Auflage. Paderborn ; München ; Wien ; Zürich : Schöningh, 1994. SBN 3-506-71901-7

Angela Pabst, Die athenische Demokratie. Originalausgabe. 2., aktualisierte Auflage. München : Beck, 2010 (Beck'sche Reihe : C.-H.-Beck-Wissen ; 2308). ISBN 978-3-406-48008-9 (besonders S. 102 - 113 [Über die Zeit hinweg: Ein kurzer Rückblick und ein kleiner Blick nach vorn)

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@Albrecht

...und was ist die Quelle zu obigem längeren, sicherlich hervorragenden (!) Exkurs ?!

pk

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@paulklaus

Meine Antwort ist von mir selbst verfaßt, auf der Grundlage vieler Bücher, die ich zum Thema gelesen habe.

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