Anrede "Er / Sie"

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6 Antworten

Ich hatte zumindest noch vor einiger Zeit einen älteren Kollegen, der mich immer mit "Er" anredete, allerdings sonst ganz normal, also nicht geschraubt mit "möge" etc.
"Was hat er denn morgen für eine Schicht"
"War er gestern in der Stadt"
usw.
Ist etwas komisch, aber man gewöhnt sich dran. Ich denke es war wohl auch die Unsicherheit, ob er mich mit Du oder Sie anreden sollte. Macht er bei Anderen aber auch, nicht nur bei mir.

edelkaese 30.03.2012, 22:35

lol :D das rockt voll hat irgendwie stil so zu reden!

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Ich bin mir nicht ganz sicher, aber die Anrede in der dritten person Singular war wohl gedacht, wenn ein Ranghöherer oder Älterer zu einem Rangniederen oder Jüngeren sprach. Die umgekehrte Anrede in der dritten Person Plural, also das Sie, war gegenüber dem Ranghöheren oder Älteren bestimmt. Da dies eine Art Überhöhung war (Plural Maiestatis), hat es sich in der formalen Anrede bis heute erhalten.

In den meisten anderen Sprachen ist dieser Plural Maiestatis aus der Anredeform der zweiten Person hervorgegangen. Im Französischen tu --> vous. Im Englischen war die ursprüngliche Form der Anrede Thou (alt-Neuenglisch, Shakespeare oder auch die King-James-Bibel), die zur Pluralform You mutierte. Dieser Plural Maiestatis ist dem heutigen Englisch-Sprecher gar nicht mehr bewusst, denn das Thou findet nur noch in poetischen oder frommen Texten Verwendung. So sagt eine Mutter, die ihr Kind zur Ordnung ruft: "Behave yourself!", und nicht "Yourselves", es sei denn, sie ermahnt ihre Kinderschar.

Das, was du hier ansprichst, das ist der Pluralis Majestatis, und es wird durch dieses Ansprechen in der dritten Person, Respekt gegenüber einem anderen höherrangigen/älteren Menschen ausgedrückt.

Noch vor hundert Jahren, ist diese Anredeform in der sozialen Mittelschicht (und auch Oberschicht) Usus gewesen. (Und es ging sogar soweit, dass Kinder ihre Eltern mit „Sie“ ansprachen … da könnte ein Sohn zum Beispiel seinen Vater gefragt haben: „Haben der Herr Vater heute gut geschlafen … ?“

Etwas anderes ist die Art der Anwendung des Fürwortes „er“ oder „sie“ für „niederrangige“ Personen … Bediente wurden zum Beispiel nicht mit dem „Sie“ angesprochen, sondern mit dem er oder sie der Einzahl der dritten Person: Da könnte ein Befehl lauten: „mache er oder sie die Fenster zu, den Ofen an … den Boden sauber ….etc.)

Und der Duden schreibt dazu

** Pluralis Modestiae und „Krankenschwesternplural"**

Mit dem Plural der Majestät (Pluralis Majestatis) wird eine einzelne Person, meist ein Herrscher, bezeichnet bzw. bezeichnet sich die Person selbst. Das ist uns allen geläufig: Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser, weigern uns, auf einem Thron zu sitzen, der ohne „h" geschrieben wird.

Ein Kaiser kann schon mal Ansprüche erheben. Den wahren Helden dagegen ziert die Bescheidenheit – wie auch den Autor. Wenn der, obwohl er ganz alleine schreibt, wir verwendet, ist das als eine Geste der Bescheidenheit (lateinisch modestia) zu verstehen, mit der er die eigene Person zurücktreten lässt oder auch die Leser einbezieht: Mit diesem Exkurs sind wir [= ich und Sie] aber auch schon bei der Methode der Triangulation.

Man nennt das Pluralis Modestiae (Plural der Bescheidenheit) oder auch „Autorenplural".

Mit beiden nichts zu tun hat dagegen der vertraulich-herablassende „Krankenschwesternplural", der selbstverständlich nicht nur in Krankenhäusern sein Unwesen treibt: Na, wie geht's uns denn heute, hatten wir Stuhlgang? Mein lieber Freund und Kupferstecher, das tun wir aber nie wieder!

http://www.duden.de/sprachratgeber/pluralis-majestatis-pluralis-modestiae-und--krankenschwesternplural-

Entdeckung 31.03.2012, 17:38

Und ... es gabe Zeiten, da galt es als außerordentlich unhöflich und frech, über sich selbst per "ich" zu schreiben.

Es war ein Gebot der Höflichkeit, von sich selbst in der dritten Person (Einzahl) zu schreiben, zu berichten.

Ein Beispiel findest du hier: Constanze Mozart, die Frau und Witwe von Wolfgang Amadeus Mozart hat ein Brief an Kaiser Leopold (welcher Mozart sehr geschätzt und gefördert und unterstützt hat) geschrieben:

Bittgesuch an den Kaiser Leopold II. in Wien

Eure Majestät!

Unterzeichnete hatte das Unglück, den unersetzlichen Verlust ihres Gatten erleben zu müssen und von demselben mit zwey unmündigen Söhnen in Umständen zurückgelassen zu werden, die sehr nahe an Dürftigkeit und Mangel gränzen.

Sie weiß zu ihrem noch grössern Betrübnisse, daß sie bey noch nicht vollendeten 10 Dienstjahren1 ihres seeligen Mannes nach dem bestehenden Pensions-Normal nicht den mindesten Anspruch auf irgendeinen Gnadengehalt habe und ihr daher nichts übrig bleibe als ganz in Euer Majestät Gnade und der bekannten liebevollen Vorsorge für Dürftige jeder Art zu beruhen.

Um aber der Allerhöchsten Milde nicht vielleicht unwürdig zu scheinen, wagt es dieselbe, eine schwache Schilderung ihrer höchst mißlichen Lage und deren Urquelle allerunterthänigst vorzulegen:

1tens hatte ihr seel[iger] Gatte nie das Glück, hier in Wien eine günstige Gelegenheit abzuwarten, wel che ihm erlaubt hätte, seine Talente zu[r] Begründung besserer Aussichten der Welt auffallend genug zu machen, und ebendaher war er außer Stande, einiges Vermögen zu hinterlassen.

Zwar wäre es demselben

2tens sehr leicht gewesen, im Auslande2 sein Glück zu finden und seine Familie in einen glänzenden Zustand zu versetzen, wenn er den so häufig [8] gemachten Anträgen Gehör gegeben und nicht in der Gnade, dem hiesigen Allerhöchsten Hofe zu dienen, seinen größten Ruhm gesucht hätte.

3tens gestatteten seine noch blühenden Jahre und die sehr wahrscheinliche Aussicht, den Wohlstand seiner Angehörigen durch das seltenste Talent noch immer früh genug dauerhaft gründen zu können, auch dem entferntesten Gedanken von der Möglichkeit der gegenwärtigen Lage in seinem Gedächtnisse keinen Raum.

Daher geschah es auch, daß er nicht einmal daran dachte, durch Einverleibung in die Musikalische Witwen- und Waisen-Gesellschaft seinen Nachkommen diese obgleich geringe Versorgung zu sichern.

4tens endlich wird dieses Gemälde umso rührender, als er der Welt gerade in demjenigen Augenblicke geraubt wurde, wo seine Aussichten für die Zukunft ringsumher heiterer zu werden begannen. Denn nebst der vor Kurzem erhaltenen Anwartschaft3 auf die Ka pellmeister-Stelle am Dom zu St. Stephan langte noch wenige Tage vor seinem Tode von einem Theile des ungarischen Adels die Versicherung einer Subskription4 von jährlichen 1000 Gulden, und von Amsterdam die Anweisung5 eines noch höheren jährlichen Betrages an, wofür er nur wenige Stücke ausschlisslich für die Subskribenten komponieren sollte.

Bittstellerin wagt es noch einmal, sich in die Allerhöchste Gnade und bekannte väterliche Vorsorge besonders gegen Dürftige dieser Art umsomehr gänzlich zu ergeben als dieselbe in ihrem jammervollen Zustande nur die Zuversicht: Eure Majestät werden sie mit ihren zwey unmündigen Söhnen von der Allerhöchsten Mildthätigkeit nicht ausschliessen: noch einigermassen aufrecht zu erhalten, fähig ist6.

Wien, den 11ten Dezember 1791.

Konstantia Mozart geborne Weber

hinterlassene Wittwe des

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Entdeckung 31.03.2012, 17:45
@Entdeckung

Ach ja ... und beinahe hätte ich es vergessen:

Ja, es gibt noch Gegenden, Regionen Familien ... in welchen dieses Er/Sie von dem du sprichst, angewandt wird.

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Nein, das sind höchstens irgendwelche durchgeknallten Randgruppen. ;-) Im Theater hört man diese Ausdrucksweise, die typisch für die Lebensweise vor mehreren hundert Jahren war. Auch die Schreibweise war sehr anders. Vieles wurde mit "th" geschrieben.

Nachtflug 30.03.2012, 22:35

Eigentlich ist das noch gar nicht sooo lange her, dass die Kinder ihre Eltern siezen mussten. Mein Urgroßvater, der sehr alt wurde und 1972 gestorben ist, hat mir das erzählt. Hoch-Interessant

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Injure 30.03.2012, 22:56
@Nachtflug

Mein Dad (geboren 1935) hat seine Eltern auch noch gesiezt -und das waren Bauern, aber so mussten die Kinder ihren Respekt zeigen...

Wenn ich mit Menschen zu tun habe, bei denen ich mir richtig unsicher bin, wie ich sie ansprechen soll (ein "Du" ist noch nicht möglich, aber ein Sie zu seltsam), winde ich mich damit auch ein bisschen herum... Die meisten denken, ich spräche in der Ihr_Form/ Mehrzahl...

Auf Mittelaltermärkten wird das "Ihr" gerne benutzt.

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Nachtflug 30.03.2012, 23:34
@Injure

Na klar, diese Mittelaltermärkte gibt es auch in Ffm auf der Zeil, da wurde ich allen Ernstes gefragt:"Was gebäret Ihr?", wir haben uns gebogen vor Lachen, er wollte ja nur fragen, was ich in seiner Waren-Auslage begehre.

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Nun denn, für wahr, getraut doch immer mal wieder.

Hat Er noch nicht vernommen das sowohl seine Muttersprache wie auch die Etiquette in jehem Niedergang begriffen sind?

Bei uns gibt es im Berndeutsch die etwas ungewöhnliche Höflichkeitsform «Ihr».

Für «Möchten Sie ein Glas Wein?» sagt man

«Möchtet der es Glas Wy?» = Möchtet Ihr ein Glas Wein?

Die Sie-Form existiert nicht.

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