An welchen konkreten Beispielen kann ich Erkenntnistheorien erklären?

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2 Antworten

Platon

Es gibt in der Seele Erkenntnisvermögen. Geist, Verstand und Vernunft ziehen allgemeine Kriterienmit heran. Erkennbar ist, was etwas Bestimmtes ist. Schon die Wahrnehmung beginnt mit Unterscheidungen. In ihr steckt allerdings eine Neigung, zu einem unbestimmten Allgemeinen hinsichtlich der Einzeldinge zu kommen, etwas Einzelnes unmittelbar als etwas Allgemeines aufzufassen. Wahrnehmbares und Begreifbares in der Erkenntnis des Einzelnen selbst ist aber zu unterscheiden. Ein richtiges Erfassen ist nur möglich, wenn begriffliches Denken der Vernunft/des Verstandes hinzukommt.

Idee des Kreises (Platon, 7. Brief 342 d – 343 c; die Echtheit des Briefes ist umstritten, der erkenntnistheoretische Grundgedanke aber auf jeden Fall platonisch)

Die Idee des Kreises ist das, was diese geometrische Figur rein der Sache nach ist. Ein Kreis zu sein, besteht beim Kreis darin, eine gleichförmige runde Linie als äußere Begrenzung zu haben, die von einem gedachten Punkt als Mitte/Zentrum überall den gleichen Abstand hat.

Ein konkreter Kreis hat an der Idee des Kreises Anteil. Mit Kreide an eine Tafel gezeichnet ist er vielleicht nicht ganz genau und jedenfalls haben Punkte und Linien etwas mehr Ausdehnung als bloß gedachte Punkte und Linien entsprechend ihrer Definition. Ein konkreter Kreis ist auf irgendeine Art stofflich/materiell. Weder ein bestimmter Stoff und seine Farbe noch ein bestimmter Umfang des Kreises gehört zu der Sache Kreis selbst. Der konkrete Kreis ist also etwas, das nur teilweise die Sache Kreis selbst ist. Die allgemeinen Möglichkeiten des Kreisseins sind auf einen bestimmten Einzelfall eingeschränkt. Die Idee Kreis zu erkennen bedeutet, die Sache Kreis in der Fülle und Summe ihrer bestimmten Möglichkeiten zu erfassen. Eigenschaften konkreter einzelner Kreise, die an diesem allgemeinen Kreissein nicht teilhaben, werden ausgesondert.

Idee des Bettes (Platon, Politeia 596 a – 598 a)

Der ein Bett herstellende Handwerker fertigt ein konkretes Bett an. Dieses ist zu unterscheiden von der Idee eines Bettes an sich, auf die er beim Herstellen schaut. Ein Bett kann unterschiedlich aussehen. Die Sache Bett selbst hat z. B. keine bestimmte Form oder Farbe. In der Sache ist enthalten, ein Gebrauchsgegenstand zu sein. Den Platon-Text ergänzend könnte für die Idee Bett als wesentlich gelten, zum Darinliegen und ruhen/schlafen geeignet zu sein. Allgemein ist bei Gebrauchsgegenständen (z. B. auch bei einem Tisch oder Stuhl) ihre Funktion das, was ihre Idee wesentlich ausmacht.

Idee der Gerechtigkeit/des Gerechten (Platon, Politeia 433 – 434)

Gerechtigkeit (δικαιοσύνη) bedeutet nach Platon, das Seine zu tun (Platon, Politeia 433b τοῦτο τοίνυν, ἦν δ᾽ ἐγώ, ὦ φίλε, κινδυνεύει τρόπον τινὰ γιγνόμενον ἡ δικαιοσύνη εἶναι, τὸ τὰ αὑτοῦ πράττειν). Gerechtigkeit besteht in einem Haben und Tun des Eigenen und Seinen (Platon, Politeia 433 e – 434 a ἡ τοῦ οἰκείου τε καὶ ἑαυτοῦ ἕξις τε καὶ πρᾶξις δικαιοσύνη; Zusammenhang: Entscheidungen in Rechtssachen haben als Ziel, daß jeder weder Fremdes hat noch des Eigenen beraubt wird).

Das Gerechte ist etwas Gutes. Platon sucht nach der Idee, dem Gerechten
selbst. Dieses versteht er als etwas Umfassendes, bei dem ein Grundsatz
auftritt, der bei jeder anderen einzelnen Tugend/Vortrefflichkeit auf bestimmte
besondere Weise vorliegt und sie ermöglicht.

Das Gerechte ist nach Platons Gerechtigkeitsbegriff die richtige Ordnung im
Verhältnis der Teile eines aus verschiedenen Bestandteilen zusammensetzten
Ganzen. In der Seele bedeutet Gerechtigkeit, daß verschiedene Teile der Seele
das richtige Verhältnis zueinander haben und verwirklichen.

Locke

John Locke, dessen Standpunkt ein Empirismus und zwar eines Sensualismus ist, lehnt die Annahme unveränderlich angeborener Ideen (die allerdings Platon selbst auch nicht so vertreten hat, da nach ihm ein Potential zum Erkennen angeboren ist) ab und meint, durch bloßes Denken sei kein Wissen möglich, sondern allein durch Erfahrung. Nichts sei unveränderlich angeboren und der Verstand bilde sich bei den einzelnen Menschen erst im Verlauf des Verstehens heraus. In seinem Werk „An essay concerning humane understanding“ (1689; „Ein Versuch über den menschlichen Verstand“) vertritt John Locke die Auffassung, der Verstand (der menschliche Geist/das Bewußtsein) sei bei der Geburt eine tabula rasa (ein unbeschriebenes Blatt/eine leere Tafel) und erst die Erfahrung schreibe darauf. Dies geschehe durch Sinne, die Sinnesempfindung (sensation) - äußere Erfahrung - und die Selbstbeobachtung (reflection) - innere Erfahrung - .

Bei der Entstehung von Erkenntnissen sind nach der (empiristischen)
Auffassung von John Locke grundlegend beteiligt:

  • Sinneseindrücke
  • Verarbeitung der bloßen Eindrücke durch eine aktive, Sinneseindrückeordnende und bestimmte Vorstellungen erzeugende Fähigkeit, deren Wirksamkeitbeobachtet werden kann

John Locke führt das Entstehen von Erkenntnis auf Erfahrung zurück, nämlich
auf Sinneswahrnehmung und Wahrnehmung der Tätigkeiten/Operationen des Geistes bei deren Verarbeitung.

Idee/Vorstellung (idea) ist in seiner Theorie das, was Objekt/Gegenstand des Verstandes ist, wenn ein Mensch denkt. Dies kann jeder beliebige Bewußtseinsinhalt im Prozeß des Denkens sein.

Voraussetzungen sind Gedächtnis und Sprache.

Die einfachen Ideen/Vorstellungen (simple ideas) sind elementare Bausteine der Erfahrung. Dies beginnt mit durch einen Sinn vermittelten Ideen/Vorstellungen wie bestimmten Farben, Tönen, Geräuschen, Gerüchen, Geschmäcken. Der menschliche Verstand ist dabei nach Lockes Theorie passiv.

Durch Kombinieren einfacher Ideen/Vorstellungen entstehen zusammengesetzte Ideen/Vorstellungen (compound ideas) oder mit einem anderen Namen komplexe Ideen/Vorstellungen (complex ideas). Eine Bündelung einfacher Ideen/Vorstellungen geschieht. Auf der Stufe des Kombinierens setzt nach der vertretenen Erkenntnistheorie eine aktive Tätigkeit des Geistes ein. Die zusammengesetzten Ideen/Vorstellungen treten häufig in wiederkehrenden und beständigen Kombinationen auf, so daß sei mit Namen oder Wörtern benannt werden, deren Klang im Geist der Hörenden sofort eine entsprechende Idee/Vorstellung hervorruft.

Klassen zusammengesetzter Ideen/Vorstellungen sind:

1) Modi (bestehen nicht für sich selbst, werden als von
Substanzen abhängend nd oder ihre Eigenschaften betrachtet, z. B. Dreieck,
Dankbarkeit; es gibt also nach Lockes Meinung nicht das Dreieck an sich, sondern Einzeldinge, die eine dreieckige Gestalt haben)

2) Substanzen (Darstellungnhe selbstädnig bestehender
Einzeldinge, z. B. Blei, Mensch, Schaf)

3) Relationen (John Locke, An
essay concerning humane understanding 2, 25 – 28)

Relationen (relations) drücken ein Verhältnis verschiedener Ideen/Vorstellungen zueinander aus, indem sie vergleichend in Beziehung zueinander gesetzt werden, unter Gesichtspunkten der Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung.

einige Beispiele:

Ehemann (bezogen auf Ehefrau), Vater (bezogen auf Sohn), größer (bezogen auf kleiner), Ursache (bezogen auf Wirkung) , schwach (bezogen auf stark), Identität, Verschiedenheit, gut/schlecht (bezogen auf moralische Regeln)  

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Für Platon würde ich dir raten, mal im Buch Sophies Welt nachzulesen, ist schon ewig her, dass ich das gelesen habe, aber in Erinnerung geblieben ist mir ein Beispiel zu Platons Ideenlehre. Diese wird an Hand von Backformen und Plätzchen erklärt, finde ich ganz einleuchtend. Das gibt's auch als Hörbuch.
Vielleicht findest du da ja auch was zu Locke, ich habe mich leider noch nie mit Locke auseinandergesetzt.

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