Aktuelle Situation in der Türkei?

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3 Antworten

An der Türkei kann man momentan im Zeitraffer beobachten, wie ein Land, das den Weg in die Demokratie in großen Teilen bereits erfolgreich hinter sich gebracht hat, in eine Diktatur umgewandelt wird. Die Geschwindigkeit, mit der das geschieht, ist atemberaubend. Was der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk 1929 auf den Weg brachte, und was sich in den folgenden Jahrzehnten trotz einiger Rückschläge zu einer modernen und sowohl sozial als auch wirtschaftlich in vielen Bereichen erfolgreichen Republik mauserte, wird nun von Recep Tayyip Erdogan systematisch zurück in die Zeit der Sultane geführt.
Das momentane Ziel ist klar: Erdogan will das Präsidialsystem einführen, um noch mehr Macht zu erhalten, um über dem Gesetz zu stehen, um unangreifbar zu werden. Seine bisherigen Versuche scheiterten, nun soll es durch eine Aufhebung der Immunität von 138 Abgeordneten gelingen, wodurch es wohl zu Neuwahlen kommen wird und somit eine 60-Prozent-Mehrheit für Erdogans Regierungspartei AKP möglich wird. Und die ist notwendig, um ein Verfassungsreferendum zur Einführung eines Präsidialsystems einzuführen. Leicht zu durchschauen das Ganze, und doch kann man nur hilflos dabei zusehen.
Es bleibt zu hoffen, dass zumindest die Europäische Union die Türen zu Europa schnellstmöglich für Erdogan wieder verschließt, die sie in der Hoffnung weit aufgerissen hatte, das Flüchtlingsproblem nach dem Motto >>Aus den Augen, aus dem Sinn<< in die Türkei verschieben zu können. Einen machthungrigen Diktator mit Allmachtsfantasien hofiert man nicht, so sehr man auch glauben mag, ihn zu brauchen.
Sultan Erdogan wird noch viel Unrecht und Unglück über das türkische Volk bringen – allen voran über die Teile, die ihm und seinen Vorstellungen gegenüber keinen Kniefall leisten. Deshalb gilt es schon jetzt für die EU, sein Vorgehen ohne Wenn und Aber zu verurteilen und ihm wo irgendwie möglich Grenzen aufzuzeigen. Einen tollwütigen Hund hält man schließlich auch möglichst auf Abstand und streichelt ihn nicht auch noch.

Und noch ein Wort zu Böhmermann:

Wer hätte das für möglich gehalten: der pubertäre Wortschwall seines zweitklassigen, in öffentlich-rechtlichen Diensten stehenden Satirikers (diese Bezeichnung verbietet sich bei Böhmermann eigentlich aus Respekt vor der legendären, mit unglaublicher Wortakrobatik hantierenden und mit ausgefeilter Ironie versehenen Lach und Schießgesellschaft) erregt den Zorn eines kindsköpfigen Bosporus-Potentaten, dessen unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal nun einmal >>Beleidigt sein<< heißt und Frau Kanzlerin zur Unzeit in eine beispiellose Bredouille lotst!
Ja, das Ganze wäre als langweilige Provinzposse maximal einen Fußnoteneintrag in den Annalen deutsch-türkischer Beziehungen wert, wenn sich daraus nicht so viele Rückschlüsse über das Verhältnis von Gesellschaft zu Medien und umgekehrt ergäben. Denn jeder, der sich seinen Verstand bewahrt hat, muss sich fragen, ob Böhmermanns >>Tauchgang in die Jauchegrube<< überhaupt das Zeug zur Beleidigung haben kann.
Einen weiteren Aspekt wird bei all dem jedoch erstaunlich wenig Aufmerksamkeit zuteil: nämlich der üppigen Alimentation der Staatsfunker von ARD, ZDF und Deutschlandradio. Sie kamen alleine 2014 auf Gesamteinnahmen von über 8,3 Milliarden Euro, zwangsfinanziert von jedem Haushalt, jedem Unternehmen und jeder anderen staatstragenden Institution. Da fragt man sich als braver Beitragszahler: Wie lange müssen wir uns solche Niveaulosigkeit noch bieten lassen? Ist dieses gigantische Budget etwa nicht genug, um dem Publikum ein ansprechendes Programm zu bieten? Vielleicht führt ja eines noch fernen Tages die Abschaffung der Rundfunkgebühren oder zumindest deren spürbare Drosselung zu einem heilsamen Schock in den Programmredaktionen, damit die wirklichen Problemstellungen wieder zum Gegenstand fruchtbarer Debatten werden können.
An Satire dürfen sich die Geister scheiden, fürwahr. Doch eine Fragestellung ergreift täglich mehr Besitz von mir: Schält sich aus der aktuellen Abfolge der Ereignisse nicht eine glasklare Realsatire heraus, die ein ganzes Volk hinters Licht zu führen versucht und damit dessen Intelligenz insgesamt misstraut? Sind das Eingreifen einer verunsicherten, um ihr Amt fürchtenden Kanzlerin (die ihren Verbleib darin wesentlich dem Arrangement mit der Türkei zu verdanken hat!), devote Entschuldigungsriten und der Rückgriff auf das antiquierte Konstrukt des Paragraphen 103 StGB nicht Belege genug hierfür?
Ist die einhellige Empörung über die gerade einmal ein Jahr zurückliegende Ermordung des Redaktionsteams von >>Charlie Hebdo<< gänzlich verflogen, kann die Halbwertzeit eines solchen Schocks so kurz sein? Angesichts dieser Realitäten schlussfolgere ich für meinen Teil:
Nein, ich bin nicht Böhmermann!

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Kommentar von livechat
21.10.2016, 00:07

Danke für das Sternchen.

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Die Menschen sind glücklicher als je zuvor, das ist die Lage.

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Nichts . Der Mann hat seit dem er an der Macht ist die Arbeitslosigkeit veringert ,die Wirtschaft gestärkt ,mehr Rechte für Minderheiten gebracht usw. .

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Kommentar von Aylin1
14.09.2016, 13:58

Sehe ich genauso

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