Agenda 2010- wieso sozial Ungerecht?

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6 Antworten

Ich habe auch was von "Reallöhnen" gelesen. Was hat es damit auf sich?

Machen wir das an einem Beispiel fest: Du bekommst monatlich 1000 Euro ausgezahlt. Und du kaufst davon nur Brötchen zum Preis von, sagen wir, 50 Cent. Dann kannst du dir 2000 Brötchen leisten, richtig?

Außerdem ist dein Chef großzügig und spendiert dir eine Lohnerhöhung von, sagen wir, 200 Euro. Damit bekommst du dann ab heute 1.200 statt 1.000 Euro.

Durch verschiedene Einflüsse (etwa Inflation) wird das Geld aber "weniger wert"; also beispielsweise dadurch, dass zwar die Preise steigen, aber dein Lohn nicht im gleichen Maße. 

In unserem Beispiel kosten die Brötchen ab morgen nicht mehr 50 Cent, sondern, sagen wir, 1 Euro. Also kannst du dir noch ... Wie viele? ... Brötchen leisten? Richtig! 1.200 Stück. Die Hälfte der Brötchen von gestern. Aber dank der Lohnerhöhung von 200 Euro eben 200 Brötchen mehr

Dein "Reallohn" ist also heute Nacht um 50% gesunken. Nicht dein "echter Lohn", denn der ist dank der Lohnerhöhung auf 1.200 Euro gestiegen. Nur dein "Reallohn", also der Wert des Geldes, das du bekommen hast.

Natürlich findet das in der realen Welt nicht so krass statt. Vielmehr ist es ein schleichender Vorgang, der dir jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr ein winziges Stückchen, das du allein gar nicht merken würdest, abknappst. Hier wird eine Gebühr erhöht, dort eine Steuer und an anderer Stelle der Preis für Brötchen, Butter oder den Friseur. ... und du stellst nur fest: "Möööööööööööönsch, ich habe das Gefühl, dass ich mir immer weniger leisten kann."

... Und so kommt es, dass heute die Reallöhne bei den gleichen Werten wie 1992 liegen. Mit anderen Worten: Die Leute haben sich seit 1992 "umsonst" um Lohnerhöhungen bemüht. Jede Lohnerhöhung wurde von anderen Dingen (Preissteigerungen, Steuern, Abgaben, etc.) sofort wieder aufgefressen. Die Leute konnten sich also im Jahr 1992, also vor gut 25 Jahren, genauso viel leisten, wie die Leute heute. Obwohl Deutschland immer reicher wird. Obwohl die Produktivität seitdem gestiegen ist.

Das ist es, was der Begriff "Reallohn" dir zeigen und sagen will.

Ist die Sache mit den Billiglöhnen der einzige Grund, oder gibt es da wie ich vermute noch mehr?

"Die Sache mit den Billiglöhnen" ist nicht der einzige, aber ein ganz wichtiger Punkt. Denn er hat massive - wirklich super-massive - Auswirkungen auf den gesamten Arbeitsmarkt und wirkt bis hinein in den Staatshaushalt, den Sozialstaat und die gesamte Gesellschaft.

So hat Deutschland (als einstiges Hochlohn-Land vor der Agenda) heute den größten Billiglohn-Sektor in ganz Europa. Also nach Litauen. Fast jeder vierte Arbeitnehmer arbeitet heute für einen Billiglohn. Und mehr als 1,3 Millionen Arbeitnehmer beziehen noch Hartz IV, weil der Lohn nicht einmal zum Leben reicht.

Tatsächlich sind wir heute so weit, dass die Arbeitnehmer dafür bezahlen, arbeiten gehen zu dürfen. Und normalerweise sollte es doch umgekehrt sein, nicht wahr?! Trotzdem gibt es für Unternehmen die Möglichkeit, beispielsweise subventionierte Stellen zu erzeugen, deren Finanzierung dann - ganz oder teilweise - der Steuerzahler übernimmt. 

Und das nur, weil der mit der Agenda 2010 durchaus beabsichtigte "umgekehrte Sozialneid", also der Neid auf die unteren Schichten, so groß ist, dass man sogar bereit ist, vom eigenen Lohn etwas abzugeben, nur damit andere Leute auch morgens aufstehen müssen...

(Nicht, dass ich das schlecht finden würde; ganz im Gegenteil: Ich habe davon massiv profitiert. Vielen Dank nochmals an die dämlichen Arbeitnehmer, die offenbar so viel Kohle verdienen, dass sie mir die unbedingt in die Taschen stopfen mussten. Aber von "Verstand" ist das nicht getragen...)

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Ein weiteres wesentliches Problem ist die Wirksamkeit dieser Agenda.

Während man vor der Agenda noch halbwegs entspannt in die Welt schauen konnte, wenn man mal seinen Job für eine Weile verloren hatte und nach einem besseren Job suchte, rutscht man heute binnen eines Jahres in das soziale Abseits.

Früher betraf das vor allem die "besonders Austauschbaren", also Leute mit eher einfachen Berufen, wie Verkäufer oder Maurer. Heute betrifft es, dank der Agenda, auch Akadamiker und andere hochqualifizierte Leute. Jeder Zehnte Hartz-IV-Empfänger hat heute schon Abitur...

Die Agenda 2010 ist also ein "gesellschaftlicher Angst-Macher". 

Sie sorgt dafür, dass JEDER - wirklich JEDER - Arbeitnehmer, Selbständige oder kleine Unternehmer binnen kürzester Zeit im gesellschaftlichen Abseits stehen kann. Selbst kleinste Gründe können ganze Leben umkrempeln.

Die Agenda 2010 ist also ein "Armuts-Beschleuniger und -Festhalter".

Wegen ihrer Ausgestaltung lohnt es sich für die unteren Schichten und jene, die sich in "riskanten Jobs" befinden oder "wenig aussichtsreiche Berufe" gewählt haben, auch nicht mehr, zu sparen. Früher konnte man sich nach und nach ein Polster aufbauen. Wenn man arbeitslos wurde, hat das den Aufbau des Polsters nur verlangsamt.

Wer aber in die Mühlen der Agenda gerät, sieht sich binnen kürzester Zeit auch finanziell am Ende. Das gesamte Vermögen (unter Umständen sogar das eigene Haus) wird herangezogen. Und schon nach wenigen Jahren können ganze Lebenswerke der Sparsamkeit spurlos verschwunden sein...

Da zugleich aber der "Ausstieg aus der Agenda" für Arbeitslose immer schwieriger wird, weil unter anderem dieser enorme Druck einer "Arbeitsaufnahme um jeden Preis" besteht; und weil - Keiner weiß, wie sie das geschafft haben! - die Arbeitgeber auch davon gehört haben und das selbstverständlich (sie wären dumm, würden sie dieses Geschenk ignorieren) auch zu ihrem Vorteil nutzen, gibt es einen massiven Druck auf die Löhne, der sich unter anderem in eben dem oben dargestellten "Reallohn-Problem" auswirkt.

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Insgesamt gibt es eine Vielzahl an Problemen, die durch die Agenda 2010 verstärkt oder erst verursacht wurden. Und es gibt nur ziemlich wenige Dinge, die für die gesamte Gesellschaft - und insbesondere für die unteren Schichten - wirklich nützlich waren oder sind. 

Jene Probleme an der Agenda, die ich hier nannte, sind also bei Weitem nicht die einzigen; und sie lassen sich schier endlos fortsetzen. Aber ich habe mich bemüht, sie auf möglichst abstrakter Ebene zusammenzufassen, um dir einen Einblick in die sozialen Probleme und die damit einher gehende soziale Ungerechtigkeit zu geben... 

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Kommentar von KingSB
05.06.2016, 13:32

Hey, eine sehr gute und ausführliche Antwort die du da geschrieben hast:). Auch hast du alles gut erklärt. Ein paar Fragen hätte ich da aber, wenn es dir den keine Umstände bereitet diese zu beantworten. Wenn der Reallohn durch die verschiedensten Einflüsse geprägt, wie kann es dann sein das die Agenda an der Senkung des Reallohnes Schuld ist? Würde der Reallohn nicht auch weiter sinken, auch ohne die Agenda? Und du sagtest heute bezahlen Leute um arbeiten zu gehen aber mir fällt dazu leider kein Beispiel ein oder ein Grund wieso das so sein sollte.

"Und das nur, weil der mit der Agenda 2010 durchaus beabsichtigte "umgekehrte Sozialneid", also der Neid auf die unteren Schichten, so groß ist, dass man sogar bereit ist, vom eigenen Lohn etwas abzugeben, nur damit andere Leute auch morgens aufstehen müssen..." Diesen Abschnitt habe ich zudem überhaupt nicht verstanden wäre nett, wenn du mir das kurz erklären könntest.

Und noch eine wichtige Frage die mich plagt. Sie schrieben ja folgendes: 

"Wer aber in die Mühlen der Agenda gerät, sieht sich binnen kürzester Zeit auch finanziell am Ende. Das gesamte Vermögen (unter Umständen sogar das eigene Haus) wird herangezogen. Und schon nach wenigen Jahren können ganze Lebenswerke der Sparsamkeit spurlos verschwunden sein..."

Der Teil ist mir schon geläufig auch habe ich Teilweise von Artikeln gelesen in denen berichtet wird das Leute aufgrund des hohe Druckes von Hartz 4 in die Insolvenz geraten sind, so wie du das erwähnt hast. "Das gesamte Vermögen...." gilt das also auch für die Ersparnisse eines jeden und nicht bloß die eigene Wohnung/ das eigene Haus?

Zudem gibt es noch die Frage, ob die Agenda bloß eine Reaktion auf den Globalisierungsdruck sei? Ich währe dir wirklich dankbar, wenn du zu dieser Fragestellung Stellung beziehen könntest. Aus eigener Recherche heraus weiß ich ja das man mit der Agenda auch verhindern wollte das die eigenen Industrien ins Ausland reisen, um so einen wirtschaftlichen Zusammenbruch entgegen zu wirken. Und ich komme zu dem Entschluss diese Frage auch mit Ja zu beantworten, da durch die allgemeine Globalisierung das Ausland immer mehr attraktiver für deutsche Industrien wurde und somit einen Druck auf Deutschland ausübte, weswegen man diese Frage mit Ja beantworten kann. Mich würde deine Meinung hierzu sehr interessieren, da du dich ja sehr gut auskennst und ich finde das meine Begründung etwas zu kurz kommt.

PS: Ich währe dir echt Dankbar, wenn du auch diese Fragen auch noch beantworten würdest, da ich dann das Thema meines Erachtens nach verstanden hätte.( Der Stern währe dir dann auch sicher :D )

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Die Agenda 2010 war ein groß angelegtes Maßnahmenpaket, welches in seiner Gesamtheit nur selten diskutiert wird. Heute wird die Agenda 2010 eigentlich nur noch mit der Einführung von ALG II, also der Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe auf dem Niveau der Sozialhilfe debattiert.

Genauer kannst du das hier nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_2010

Der Kerngedanke des ALG II war das Prinzip Fördern und Fordern. Sprich, es sollte auf der einen Seite der Erhalt des Existenzminimums sichergestellt werden und auf der anderen Seite ein möglichst großer Druck auf die Arbeitslosen ausgeübt werden, schnell wieder eine Arbeit zu finden.

Im Grundprinzip halte ich das zugrundeliegende System für richtig und auch gerecht, wobei es doch einige handwerkliche Fehler gibt, die beseitigt werden sollten. Das System eines Regelsatzes zuzüglich Wohnung und Krankenversicherung verbunden mit einer Bedürftigkeitsprüfung und der Verpflichtung zur Arbeitsaufnahme halte ich grundsätzlich für richtig.

Für problematisch halte ich jedoch 3 andere Dinge. Zum Ersten ist entscheidend für die beruflichen Chancen die Bildung des Arbeitslosen. Hier wird nach meiner Meinung viel zu wenig getan. Ein Arbeitsloser, der heute nichts kann, wird auch in 2 Jahren nichts können und auch keinen Job haben. Da nutzen alle Drangsalierungen nichts. Der einzige Weg aus dieser Misere ist fundierte Bildung und die gibt es nur sporadisch.

Zum Zweiten halte ich die Möglichkeit, gegen jede Anweisung des JC gerichtlich vorgehen zu können, für falsch. Die Einrichtung von Schiedsstellen, die zeitnah und kostengünstig Entscheidungen überprüfen können, wäre sehr viel sinnvoller und effizienter.

Die Möglichkeit, auf Dauer jeder Beschäftigung aus dem Weg zu gehen ist in diesem System grundsätzlich möglich. Hier sollten Möglichkeiten geprüft werden, ob es nicht möglich wäre, Stellen im öffentlichen Dienst vorzugsweise durch Langzeitarbeitslose zu besetzen.

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Kommentar von KingSB
04.06.2016, 23:08

Danke auch für deine Antwort. Könntest du mir vielleicht die Sache mit den sinkenden "Reallöhnen" erklären? auch nur, wenn es dir den keine Umstände bereitet.

MfG SBG

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Kommentar von Unsinkable2
04.06.2016, 23:51

Für problematisch halte ich jedoch 3 andere Dinge. Zum Ersten ist entscheidend für die beruflichen Chancen die Bildung des Arbeitslosen.

Es sind unzählige Milliarden Euronen in Weiterbildungs-Angebote der freien Wirtschaft gesteckt worden. Dort konnten sich die Teilnehmer dann weiterbilden, wie man beispielsweise an Spielzeug-Kassen mit Spielgeld einen Spielzeug-Supermarkt führt. Oder sie konnten Frösche aus Spanplatten ausschneiden und diese dann wochenlang erst grün, dann rot und dann wieder grün und danach von vorn anmalen. Oder sie konnten Kinderkleidung stricken und diese anschließend wegwerfen. Oder sie konnten sich in irgendwelche Räume hocken und Bewerbungstrainings in Form von Kreuzworträtseln machen.

Umschulungs-Angebote des Staates wurden auf Druck der Wirtschafts-Lobbys massiv zurückgefahren. Und Weiterbildungs-Angebote fehlen seit eh und je in der vollen Breite auf dem gesamten Markt; sowohl dem "öffentlichen", als auch dem "privaten". Keine Partei, weder Politik noch Wirtschaft, ist daran interessiert. 

Und bei Hartz IV sind beispielsweise bis heute insgesamt 1,54 Euro pro Monat für "Weiterbildung" vorgesehen. Wie weit man damit kommt, kannst du dir sicherlich selbst ausmalen...

Es ist also WEDER POLITISCH NOCH WIRTSCHAFTLICH gewollt, dass diese Menschen "weitergebildet" werden oder sich weiterbilden können. Tatsächlich werden sie hauptsächlich als Verhandlungs- und Druckmasse für Lohnverhandlungen mit dem Staat (Gesetzgebung, etc.) und den Arbeitnehmern ("moderate" Lohnsteigerungen, etc.) benötigt und benutzt.

Zum Zweiten halte ich die Möglichkeit, gegen jede Anweisung des JC gerichtlich vorgehen zu können, für ...

... grundgesetzkonform. Auch Arbeitslose haben in einem Rechtsstaat die gleichen Rechte, rechtsstaatliche Mittel zu nutzen.

Und wenn man sieht, dass mehr als 50% der Klagen gegen HIV-Entscheide vor einschlägigen Gerichten bestätigt werden, ist wohl eher das "JC" - und damit dessen vorgesetztes Ministerium - in der Pflicht...

Hier sollten Möglichkeiten geprüft werden, ob es nicht möglich wäre, Stellen im öffentlichen Dienst vorzugsweise durch Langzeitarbeitslose zu besetzen.

Das scheitert nicht an den Parteien oder Kommunen, sondern an den Wirtschafts-Lobbys, die ihrerseits befürchten, Konkurrenz zu erhalten, wenn die Kommunen beispielsweise selbst den Park fegen.

Und der Einsatz von Arbeitslosen in Aufgabenbereichen der reinen Verwaltung dürfte ziemlich begrenzt sein. Ganz besonders, wenn man bedenkt, dass gerade der ÖD nicht gerade im Geld schwimmt...

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Hier eine gute Analyse http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/spd-deutschland-ohne-agenda-2010-so-saehe-es-aus-a-1092093.html

Schröder (SPD) wollte sparen und das zu Lasten der sozial Schwachen.
Prompt wurde das Ding verfassungswidrig.
Im Februar 2010 urteilte das BverfG "der Staat hat das Existenzminimum jederzeit zu sichern und Teilhabe zu ermöglichen".

Altkanzler Schröder (SPD) verdückte sich in den Aufsichtsrat der russischen Gazprom.

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Kommentar von eccojohn
05.06.2016, 00:11

Das könnte doch glatt ein Zitat aus der öffentlich rechtlichen Volksverdummungs-Szene direkt aus der ersten Reihe sein.

Spiegel und gute Analyse - wie Teufel und Weihwasser ? Fehlt nur noch die Bild, die zuerst mit dem Toten sprach - ach ja, die stirbt ja neuerlichen Meldungen zufolge wohl langsam aus - und über Tote oder wohl auch Beinahe-Tote soll man ja .... Sorry

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Kommentar von KingSB
05.06.2016, 12:54

Dankeschön, habe mir den Artikel durchgelesen und in der Kommentar-Funktion schrieb jemand das die Agenda nur den reichen diene aber wie kann das sein? Sind die reichen nicht genauso von der Agenda betroffen wie die ärmeren?

MfG SBG

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Schröder hatte damals die Sozialsysteme reformiert und gleichzeitig milliardenschwere Konjunkturpakete aufgelegt. Man kann zu jener Agenda 2010 stehen, wie man möchte. Sie ist zweifellos streitbar und war ein Kotau vor der Industrie, wie wir später noch sehen werden. Sie hat viel Negatives, aber eben auch viel Positives bewirkt. In jedem Fall hat Schröder für sich erkannt, dass blindes Sparen der falsche Weg war. Dazu wollte er die Sozialsysteme modernisieren (Hartz IV etc.) und die Arbeitsmärkte liberalisieren.Ihm war vollkommen klar, dass diese Reformen nur funktionieren, wenn er sie mit Konjunkturpaketen unterstützen wird. Folglich unterstützte er die Reformen mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen. Spezielle Ausbildungsangebote für Jugendliche, Erhöhung der Bildungsausgaben um 25 Prozent innerhalb von fünf Jahren, mehr BAföG für Studenten, vier Milliarden Euro Investitionen im Bildungssystem, Einführung von Steuervergünstigungen für Haushaltshilfen und Kinderbetreuung. Dazu kamen Ausgaben für die Infrastruktur und Straßenbau. Die Folge war ein wirtschaftlich erstarkendes Deutschland, das die damalige Krise immer besser hinter sich ließ. Die Arbeitslosenzahlen gingen deutlich zurück. Aber auch wurde eine Politik der Kürzungen, Teilprivatisierung der Renten, Schaffung eines Niedriglohnsektors und Leiharbeit eingeführt, der dazu geführt hatte, dass Reallöhne gesunken sind. Die Folge: Es mussten immer mehr Leute mit Hartz 4 aufstocken.

Schröder verlor später die Wahl und in der Folge auch sein Amt. Angela Merkel übernahm das Ruder. Sie wiederum hatte unverschämtes Glück. Die schmerzhaften Reformen wurden ihrem Vorgänger Schröder angelastet, aber der unmittelbar nach der Wahl einsetzende Aufschwung wurde in der Wahrnehmung der Menschen nicht als Folge der von Schröder umgesetzten Konjunkturpakete gesehen, sondern der wundertätigen Hand der neuen Kanzlerin zugeschrieben.

Als Deutschland 2009 im Strudel der Krise zu versinken drohte, beschloss die Regierung Merkel die Abwrackprämie. Das Prinzip: Solange Geld in die Wirtschaft fließt, arbeitet sie und bleibt am Leben.

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Kommentar von eccojohn
04.06.2016, 23:59

Klare Worte, die von persönlichem Interesse - Überblick und Durchblick zeugen. SUPER - Dafür meinen Respekt !

Hätte Schröder nicht das selbe Pech wie viele vor ihm - das Pech der vielen Idioten und Quertreiber in der eigenen Partei - hätte er die Wahl verdient gewonnen, und Deutschland stünde heute ganz anders da, wie mit der gesamten Po(e)/(li)tik danach.

Schade, das die SPD bis heute in etlichen Punkten nicht seine Hausaufgaben machen möchte, und noch immer die Zügel schleifen läßt. Blindes Mittelalter wird zurecht bestraft !

Die Wählergunst der SPD ist mittlerweile eine voll gerechtfertigte Verachtung einer Partei, die sich jedesmal selber ins Jenseits schießt - obwohl die größten Größen deutscher Nachkriegspolitik eindeutig der SPD zuzuordnen waren.  

Die Dinosaurier der Politik liegen leider heute alle auf dem Friedhof, Charakter, Charisma und berechenbare Ehrlichkeit sind damit wohl leider gänzlich ausgestorben. Was übrig bleibt sind smarte Typen, TV-Stars oder Möchtegern-Promis und profilierungssüchtige Karrierebastler um jeden Preis.

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Kommentar von KingSB
05.06.2016, 13:04

Hey, also erstmal Danke für die Antwort hat auf jeden Fall weitergeholfen. Aber es gibt da ein paar Dinge die ich trotz des Lesens aller Kommentare nicht verstanden habe. Inwiefern führt die Leih-Arbeit dazu das die Reallöhne sanken? Und wenn dann immer mehr Leute mit Hartz 4 aufstocken mussten ist das dann auch nicht in gewisser Weise gut das sie diese Möglichkeit haben? Ich habe deine Aussage in zweierlei Richtungen gedeutet, nämlich zum einem das es gerade schlecht ist das die Leute aufstocken müssen genau, weil sie eben immer weniger verdienen und das du das eben anprangerst. Und zum anderen sehe ich das so das du das zu negativ dargestellt hast, weil den Leuten ja geholfen wird.

PS: Könntest du in einem Satz erklären was genau mit der "Teilprivatisierung der Rente" gemeint ist?

MfG SBG

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Die Agenda 2010 ist aus 3 Gründen ungerecht:

1. sie stürzt deren Empfänger in große Armut und damit in ein Elend

2. durch H-4 werden sämtliche Lohnabhängige in Angst und Schrecken gehalten, denn bei einem Rauswurf aus der Firma, weil z.B. der Mitarbeiter unbequem ist, droht dieses Schreckgespenst.

3. der Niedriglohnsektor wird so vom Staat geschützt. Lohndumping kommt noch so hinzu.

Das Kapital und deren Eigner sind nun mal des Staates Schatzis.

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Kommentar von KingSB
05.06.2016, 12:50

Hey, könntest du vielleicht die erste Aussage etwas genauer begründen? 

MfG SBG

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Teil der Agenda 2010 war etwa die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre. Das war angesichts der demografischen Entwicklung durch die immer weniger Junge für immer mehr Alte die Rente zahlen müssen längst überfällig.

Aber nicht jeder will das sehen. Wer nur an sich denkt und daran, dass er jetzt länger arbeiten muss, empfindet solche Maßnahmen eventuell als "sozial ungerecht". Darunter und unter "soziale Gerechtigkeit" versteht aber jeder etwas anderes.

Für viele Menschen ist "soziale Gerechtigkeit", wenn es ihnen persönlich gut geht und Politik nach ihren Ansichten gemacht wird. Aber um das nicht so ausdrücken zu müssen, sprechen sie lieber von "sozialer Gerechtigkeit". Das hört sich moralischer an.

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Kommentar von KingSB
04.06.2016, 23:04

Danke für die Antwort aber was sagst du dazu das die Agenda den größten Niedriglohn Europas schafft? Es gab ja sehr viele Arbeiter die trotz ihrer Arbeit Arbeitslosengeld II beziehen mussten. Und außerdem wird immer wieder behauptet das die Agenda den deutschen Arbeitsmarkt amerikanisiert hat. Wie stehst du zu dieser Aussage? MfG SBG

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