Ätiologische Erklärung von Orten im Beispiel Ovid?

2 Antworten

Die Insel, in deren Nähe Ikaros nach Erzählungen gestorben ist, hieß schon vorher Ikaria. Aber auch den Mythos über Ikaros gab es schon vor Ovid (Publius Ovidius Naso).

Ovid, Metamorphosen 8, 183 – 235 hat sich den Mythos über Daidalos (griechisch: Δαίδαλος; lateinisch: Daedalus) und Ikaros (griechisch: Ἴκαρος; lateinisch: Icarus) nicht ausgedacht, sondern einen in der griechischen Mythologie schon vorhandenen mythischen Stoff erzählerisch gestaltet.

Allgemein hat Ovid bei einem großen Teil der Metamorphosen Geschichten aus der griechischen Mythologie verwendet. Die früheren Werke antiker griechischer Autoren sind allerdings zum Teil nicht erthalten.

Sowohl den Namen der Insel als auch den des Meeres haben antike Autoren schon vor Ovid auf Ikaros zurückgeführt.

Die Insel hieß Ikaros (griechisch: Ἴκαρος) bzw. Ikaria (griechisch: Ἰκαρία).

Das Meer hieß Ikarisches Meer (griechisch: Ἰκάριος πόντος oder Ἰκάριον πέλαγος oder Ἰκαρία θάλασσα).

Homer, Ilias B – 2. Gesang, 145 erwähnt das Ikarische Meer.

Homerische Hymnen 1 (An Dionysos), 1 wird die Insel Ikaros (Ἴκαρος) genannt.

Aischylos, Persai (Πέρσαι; Die Perser; lateinischer Titel: Persae) 890 nennt die Insel Sitz des Ikaros.

Euripides hat in einer Tragödie (Die Kreter), von der nur wenige Bruchstücke erhalten sind, Ikaros auftreten lassen.

Herodot 6, 96 erwähnt das Ikarische Meer.

Thukydides 3, 29, 1 und 8, 99 nennt die Insel Ikaros (Ἴκαρος).

Xenophon, Apomnemoneumata (Ἀπομνημονεύματα; Erinnerungen an Sokrates; lateinischer Titel: Memorabilia) 4, 2, 33 erwähnt Daidalos und seinen Sohn, kennt also offenbar einen Mythos von Daidalos und Ikaros.

Palaiphatos, Peri apisteon historion (Πεϱὶ ἀπίστων ἰστοϱίων; Von unglaublichen Geschichten; lateinischer Titel: De incredibilibus historiis) 12 erwähnt die Benennung des Ikarischen Meeres.

Diodoros, Bibliotheke Historike 4, 77, 6 gibt an, nach Ikaros seien sowohl das Ikarische Meer als auch die Insel Ikaria benannt worden. Er selbst erzählt von einer Fahrt per Schiff. 4, 77, 7 - 9 berichtet er, wie anderen Autoren von einem Flug erzählen, kennt also offenkundig den Mythos.

Strabon, Geographika 2, 5, 21 erwähnt das Ikarische Meer und 14, 1, 6 (Ikaros) und 14, 1, 19 (Ikaria) die Insel. d

Das Werk ist wohl Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. geschrieben, bald nach Ovids Metamorphosen.

Strabons Geographik. Mit Übersetzung und Kommentar herausgegeben von Stefan Radt. Band 4: Buch XIV - XVII : Text und Übersetzung. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, S. 19 (14, 1, 19):  

„Neben Samos liegt die Insel Ikaria, von der das Ikarische Meer seinen Namen hat. Selber ist sie benannt nach Ikaros, dem Sohn des Daidalos, von dem man erzählt, er sei bei der gemeinsamen Flucht mit seinem Vater, als beide mit Flügeln versehen aus Kreta fortgeflogen waren, hier abgestürzt weil er den Kurs nicht hielt: als er nämlich zu hoch zur Sonne hinanstieg, seien ihm die Flügel abgefallen, da das Wachs schmolz.“

Apollodoros, Bibliotheke 2, 132 erzählt von einer Umbenennung der Insel von Doliche zu Ikaria.

Apollodoros, Epitome 1, 12 – 13 erzählt vom Mythos und führt den Namen des Ikarischen Meeres darauf zurück.

Die Abfassungszeit dieses mythographischen Handbuches ist kaum genau zu ermitteln (der Zeittraum von Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. kommt in Frage), inhaltlich stammt aber der Großteil aus deutlich älteren Erzählungen.

Ich denke nicht, dass Ovid sich den Mythos selber ausgedacht hat. Es ist schließlich ein griechischer Mythos. Er hat ihn bloß in Versform aufgeschrieben. Die Insel hieß vorher auch schon Ikaria.

Der Maulbeerbaum in Pyramus und Thisbe hatte ja auch schon vorher rote Früchte, oder?

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