Abitur als Statussymbol?

...komplette Frage anzeigen

31 Antworten

Vorneweg: Ich habe 2009 mein Abitur in Bayern gemacht, meine also, an der Sache noch recht dicht dran zu sein. ;-)

.

Zunächst möchte ich sagen, dass mit dem Abi eigentlich noch nichts erreicht ist. Was hat man schon geschafft? Man hat keinen Job, keine Ausbildung, letztlich noch nichts Großartiges geleistet, aber: Es besteht die Möglichkeit an eine Hochschule zu gehen! Das ist das, was für mich gezählt hat. Deshalb verstehe ich nicht, wieso manche ihr Abitur gefeiert haben, als ob sie ihr Lebenswerk vollendet hätten. Einige erhielten beispielsweise ziemlich teure "Geschenke" von ihren stolzen Verwandten. Klar ist das Abitur eine Leistung, vor allem in Bayern, aber ausflippen braucht man deshalb nicht. Das Abitur ist gut machbar, sofern man nicht faul ist - im G9 war es zumindest so. Das G8 ist wohl etwas happiger...

.

Das Abitur ist nur eine Zwischenstation im eigenen Leben, denn mit dem Abitur hat man nur bewiesen, dass man in vielen Fächern mit Lernbereitschaft ordentlich oder sogar gute und sehr gute Leistungen bringen kann - so wird man für Arbeitgeber attraktiv! Spezialwissen, das für einen angesehenen und gutbezahlten Beruf nötig ist, hat man mit dem Abitur keineswegs. Nach ein paar Semester an einer Universität merkt man erst, wie wenig man in der Schule eigentlich gelernt hat: Alles nur grob, im Überblick, ohne klares Wissen und ohne klare Struktur. Deshalb würde ich das Abitur nie überbewerten.

Wenn man aber ein Hochschulstudium abgeschlossen hat, dann ist es einem erlaubt auszuflippen, besonders wenn man einen richtig schwierigen Studiengang gepackt hat. Ich kann nur für mich sprechen: Wenn ich mein Studium abschließe, habe ich mein Lebensziel erreicht, was Lernen und (Fach-)Wissen angeht. Das Abitur war für mich kaum ein Grund zum Feiern, beim Hochschulabschluss würde es anders aussehen, denn dann hat man wirklich Großartiges geleistet. ;-)

.

Ich habe übrigens nicht die Erfahrung gemacht, dass Abiturienten auf Hauptschüler etc. herabgesehen haben. Es ist sicherlich nicht falsch, wenn man sagt, dass sich die Lernfähigkeit beider "Gruppen" sehr unterscheidet, eventuell auch das Alltagsleben, das soziale Umfeld, die Wortwahl etc. Aber grundsätzlich kann man nicht sagen, dass ein Abiturient mehr weiß als ein Hauptschüler. Es kann sein, dass ein Abiturient kaum Hobbys und keine Ahnung hat von dem, was er in der Schule lernt, also das Abi gerade so mit 4,0 geschafft hat. Da ist ein Hauptschüler, der in der Schule engagiert ist und sich in seinen Hobbys sehr gut auskennt, besser dran - vielleicht nicht, was den Beruf zwecks Einstellungschancen angeht, aber was das Leben an sich angeht.

.

Es können sich ja sogar Freundschaften zwischen Abiturienten und Hauptschülern bilden, z.B. durch gemeinsame Schnittstellen wie es in einem Sportverein der Fall ist. Wenn man als Abiturient oder Student über seine Fächer reden will, ist es aber natürlich sinnvoller, Kommilitonen, Dozenten oder einfach ältere, lebenserfahrenere Menschen, die darin interessiert sind, aufzusuchen.

Aber diese allgemeine Kategorisierung in "Ha, der hat Hauptschule, der ist dumm." und "Oh, der hat Abitur, der hat was auf dem Kasten." findet ich völlig daneben. Natürlich braucht man einen Anhaltspunkt für Leistungsvergleiche, daher auch die unterschiedlichen Schulnoten, aber einen Menschen nur nach solchen Bewertungen einzuteilen und teilweise schon abzustempeln finde ich unmenschlich. Der, der es so sieht, hat wohl ein Schubladendenken und teilt Menschen mithilfe seiner Vorurteile ein. Fehlende Lebenserfahrung spielt sicherlich auch eine Rolle.

.

Man muss übrigens als Student und wohl vor allem als späterer Hochschulabsolvent aufpassen, dass man auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Die Gefahr ist groß, dass man sich selbst für das Beste hält und nichts anderes mehr als sein Fach im Kopf hat. Selbst wenn jemand ein Experte auf seinem Gebiet ist und eine Menge Geld verdient - ein schönes Leben sieht für mich anders aus, denn Hobbys, Freunde und Familie sind mindestens genau so wichtig. :-)

chromoson 27.06.2010, 13:25

Es können sich ja sogar Freundschaften zwischen Abiturienten und Hauptschülern ...
Im späteren Leben, nach der Schule und der Uni (sowas gibts ;-))) macht es überhaupt keinen Unterschied.

0
Draschomat 27.06.2010, 13:47
@chromoson

Ja, da natürlich sowieso! So weit habe ich noch nicht gedacht... ;-))

0
Igitta 27.06.2010, 14:19

@Draschomat: Super Antwort. Bravo und DH. LG Igitta

0
Lilly2643 27.06.2010, 19:06

Wieder eine schöne, ausführliche Antwort von dir.

Aber ich finde, dass sich die Abiturienten schon ein bisschen freuen und stolz auf sich sein dürfen. Immerhin haben sie ja die Berechtigung zum Studium geschafft.

(Hab selber nur Fachabi nach FOS und Lehre)

-

Wir freuen uns doch auch über den Sieg über England, auch wenn wir (noch) nicht Weltmeister sind. ;-)

0
Draschomat 27.06.2010, 19:21
@Lilly2643

Ja, freuen darf man sich zweifelsohne über das Abitur, immerhin hat man die Schule erfolgreich abgeschlossen. Aber es muss dann natürlich noch weitergehen... :-)

Und über das Spiel braucht man nicht reden...einfach toll! :-)

0
Draschomat 28.06.2010, 18:29
@auchmama

Wieso weißt du immer die Begriffe, die mir nicht einfallen? ♥

0
auchmama 28.06.2010, 23:01
@Draschomat

Erfahrung in Steno (Kurzschrift)...;-) ♥ Früher stand auch in den Telefonzellen immer "Fasse Dich kurz"...;-)))

0
icke01 28.06.2010, 23:06
@auchmama

Nur so am Rande:
Fachidioten = Experten, die auf immer weniger Gebieten immer mehr wissen.

0
Draschomat 28.06.2010, 23:08
@auchmama

Das kann ich nicht mehr... :-((

Ich brauch Nachhilfe bei dir! ☺

0
Draschomat 29.06.2010, 20:33
@auchmama

Das macht mir nichts aus, kann Bayerisch denken und Hochdeutsch reden... ;-))

0
auchmama 29.06.2010, 21:31
@Draschomat

das ist ja das Problem, Steno kann man nicht reden...:-( in welcher Sprache schreibst Du eigentlich?...;-))) ich meine natürlich nicht per Tastatur, sondern per Hand...;-)

0
Draschomat 29.06.2010, 21:38
@auchmama

Achso, ich wollte, dass du mir das "Kurz-Fassen" beibringst... ;-)

Per Hand? Natürlich Hochdeutsch... ;-)

0
Schreiberlilli 02.07.2010, 12:01
@Draschomat

@Draschomat, Dein Kommentar ist sehr lang und ausführlich und sehr gut. Ich habe jedoch in einzelnen Punkten ein etwas andere Meinung, die ich Dir an dieser Stelle "aufdrängen" möchte.

Zitat von Dir:"Es können sich ja sogar Freundschaften zwischen Abiturienten und Hauptschülern bilden..."Zitat Ende.

Ich denke nicht, dass es abfällig gemeint ist, dennoch könnte es so verstanden werden. Das Wort "sogar" suggeriert unterschwellig:"So blöd, wie man denkt, sind die gar nicht!"

Dein Zitat:"Deshalb verstehe ich nicht, wieso manche ihr Abitur gefeiert haben, als ob sie ihr Lebenswerk vollendet hätten..."Zitat Ende

Ich verstehe das sehr wohl und finde es auch gut so. Natürlich ist das Abitur nicht das Lebenswerk. Aber es ist ein wichtiger Abschnitt im Leben. Übrigens genau so, wie der Abschluss in anderen Ausbildungsabschnitten und Lebensphasen. Also auch der bestandene Hauptschulabschluss, die Fachoberschulreife, die Fachhochschulreife, die abgeschlossene Berufsausbildung, die Meisterprüfung, das abgeschlossene Studium, die Weiterbildungsprüfung...usw. usw. Das alles sind wichtige Stationen des Bildungslebens, die natürlich gefeiert werden dürfen. Genau so wie Lebensstationen: Geburt, Taufe, Geburtstage, Kommunion/Konfirmation, Hochzeit, Silberhochzeit.

Ebenso die Übergänge Einschulung und Beginn des Ruhestandes.

Ansonsten kann ich Dir zustimmen.

PS: Das mit dem Kurzfassen gelingt mir nicht immer. Aber wenn, dann wird es glatt übersehen. Ich habe hier irgndwo versteckt an zwei Postings je einen Satz geschrieben (bezogen auf die ursprünglich gestellte Frage:

  1. Dieses Verhaltensmuster ergibt sich aufgrund eines Erziehungsmusters.

  2. Das Abitur bescheinigt "lediglich" die Studierfähigkeit. Sonst nichts

0
Draschomat 02.07.2010, 19:50
@Schreiberlilli

Ich habe in meinen Antworten immer von meiner Alterstufe gesprochen. Deshalb sage ich, dass sich sogar in der Schulzeit oder kurz danach Freundschaften zwischen Abiturienten und Hauptschülern bilden können. Das ist aber nicht der Regelfall, weil man in der Schule ja mit "Gleichgebildeten" zusammen ist, d.h. es ergeben sich kaum Kontakte zu Schülern anderer Schularten. Ab dem Berufsalter sieht es natürlich wieder anders aus, wie chromoson richtigerweise angemerkt hat. Nur kann ich dazu noch nichts sagen, weil ich noch nicht so weit bin. Wenn ich über fachliche Themen diskutieren will, werde ich aber sowohl jetzt als auch später einen gebildeten Bekannten aufsuchen müssen, ein Hauptschüler würde mir da nicht weiterhelfen können.

.

Ich meine nach wie vor, dass das Abitur nicht großartig gefeiert werden muss. Meinen Hochschulabschluss - sofern ich ihn erreiche - werde ich angemessen feiern, denn damit hat man die Qualifikation für einen sicheren und guten Job (zumindest in meinem Fall). Das ist Grund zur überschwenglichen Freude, denn mit diesem erreichten Ziel hat man für sein Leben ausgesorgt. Mit dem Abitur habe ich weder einen Beruf noch Gehalt, also warum großartig feiern? Da habe ich die Geburt meiner Nichte mehr gefeiert... ;-)

0

Köpft mich, aber auch ich zähle mich zu den Abiturienten die Stolz auf ihren Abschluss sind. Nicht weil ich mich als etwas besseres fühle, aber weil ich es als erster in der Familie geschafft habe das Abitur zu erreichen und nun studiere. Was andere davon halten ist mir egal, ich bin auf diese persönliche Leistung stolz. Vor allem weil ich mich Abends hingesetzt habe und gelernt habe, während Freunde aus anderen Schulen ihre Freizeit genossen haben. Und sicher geht es auch anderen Abiturienten so, dass sie stolz sind in ihrer Freizeit gelernt zu haben, dass sich das Engagement auszahlt ist nur fair und darf einen jeden Stolz machen. Das ist zumindest meine Meinung. Einen Besitzer eines Dönerladens macht es schließlich auch stolz, dass er einen 5er BMW fahren kann, weil er sich das Geld selbst eigenhändig erarbeitet hat.

Richtig ist aber, dass sich Menschen eben profilieren um sich heraus zu heben aus der Masse. Ob das nun mit materiellem Besitz, Aussehen oder Bildung ist. Übrigens ist das auch ein Grund woran die DDR gescheitert ist.

Schreiberlilli 02.07.2010, 12:41

Natürlich kannst du mit Recht stolz sein auf eine Leistung, die Du erbracht hast, um Dein persönlich gestecktes Ziel zu erreichen. Und genau so stolz darf jeder Andere sein, der sein individuell gestecktes Ziel erreicht hat. Egal, wie das aussieht. Es geht aber über die Gleichwertigkeit der erreichten Ziele. Über die Anerkennung der Leistung anderer. Über die Behauptung, dass Abiturienten ANGEBLICH die "besseren Menschen" sind.

0

Diese Frage ist gar nicht so dumm, sondern du deckst da ein soziologisches Phänomen auf, dass tatsächlich mit unserer Zeit zusammenhängt. Auch Wissenschaftler haben sich inzwischen ihre Gedanken darüber gemacht und es gibt z. B. ein Buch, dass sich intensiv mit dieser Entwicklung beschäftigt. Das Buch heißt "Hurra, wir dürfen zahlen". Es besagt im wesentlichen, dass es ein Mittelstandsproblem ist. Der Mittelstand wird durch die derzeitige Politik immer mehr ausgedünnt. Es wird in Zukunft immer mehr reiche und immer mehr arme Menschen geben. Jedoch ist in Deutschland die berufliche Zukunft hauptsächlich an die Herkunft gekoppelt. Es wird immer seltener möglich, aus der Mittelschicht in die Oberschicht aufzusteigen. Die Oberschicht grenzt sich auch immer mehr nach unten ab. Gleichzeitig beutet die Oberschicht die Mittelschicht in nie dagewesenem Maße aus. Die Mittelschicht fürchtet den sozialen und finanziellen Abstieg, was durch die Wirtschaftskrise noch angefacht wird. Statt sich jedoch gegen die Oberschicht zu wehren und den Aufstand zu proben, versucht sich die Mittelschicht mit aller Macht von der Unterschicht abzuheben. Also wird ausgerufen: Wer Abitur macht, gehört zur Mittelschicht, der Rest gehört zu den Verlierern. Damit auch gewährleistet wird, dass die eigenen Kinder in Zukunft auch noch den Status halten, fängt das schon ab Geburt an mit der Frühförderung. Die Kinder wachsen mit der Erwartung auf, dass sie später mal studieren müssen. Dabei ist doch inzwischen klar, dass das einzige, was heute zählt, Vitamin B(eziehung) ist. Es gibt genügend Privatgymnasien und Internate, die die minderbegabten Schüler schon für ein wenig Kleingeld durch das Abitur schleusen. Und es gibt sehr viele teure Nachhilfe-Institute, die sich nun einmal nicht jeder leisten kann. Wenn man sich allein schon mal das Wesen der Schüler- und Studentenverbindungen ansieht, dann weiß man, dass Fleiß allein heute gar nichts mehr bringt. Du musst die richtigen Leute kennen oder besser noch: mit ihnen verwandt sein. Oder du musst im gleichen Reitstall dein Pferd stehen haben...

sumsemann 28.07.2010, 16:54

anderer Quelle für diese Theorie findet man zur Zeit im aktuellen Stern

0

Ich finde es auch nicht schön, wenn man Menschen ohne Abitur als "dümmer" oder "schlechter" hin stellt. Manche wollen auch einfach kein Abitur machen, obwohl sie es könnten. Und für manche Berufe bringt theoretisches Wissen auch nichts, wenn einfach die praktische Erfahrung fehlt. Aber auf der anderen Seite darf man es auch nicht so hinstellen, als wär es so leicht, Abitur zur machen und, dass es jeder könnte, wenn er wollte. Es ist schon anstrengend und man muss einen gewissen Intelligenzquotienten sowie disziplin haben. Von daher denke ich, dass jeder seinen eigenen Weg finden und den von anderen respektieren muss =)

BastiB 27.06.2010, 11:01

Vor allem der letzte Satz bringts auf den Punkt. Ich bin Student und auch auf mein Abitur stolz, aber ich respektiere auch jeden anderen Lebenslauf, der andere Prioritäten aufweist. Ich für meinen Teil habe meine Ziele bislang erreicht und wenn jemand anderes genauso Glücklich ohne Abi, Studium oder was auch immer ist, ist das schön und sollte nicht zu seiner Herabwürdigung Anlass bieten.

0

Menschen ohne Abitur sind auf keinen Fall automatisch weniger intelligent oder weniger gebildet!! Sie haben eben nur weniger Disziplin, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz (wobei Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen).

AriSina 02.07.2010, 10:39

Das sehe ich aber nicht so - ich kenne so viele Leute, die sich im Abi einfach nur durchgeschmuggelt haben.... . Und das sind keine Ausnahmen die die Regel bestätigen.

0
Schreiberlilli 02.07.2010, 11:32
@AriSina

Ich wette mit Dir, dass Du nicht erkennen kannst, wer welche Bildung genossen hat!

0
nutzerdsddsdd 05.07.2010, 14:16

nur weniger Disziplin, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz (wobei Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen).

naja...

0

also leute: abitur bescheinigt nur formell die studierfähigkeit. professoren halten 60% der studienanfänger mit abitur für ungeeignet und eben nicht studierfähig / quelle: bundeswehr uni münchen

leute die mit ihrem abitur angeben, haben angst das man die eigene autorität und persönlichkeit auf die jeweiligen schwächen resigniert. und stimmt: ich würde auch kein lehramt studieren... weil dat für die "katz" ist. finanziell und bei den nerven...

abgänger von internaten sind für mich die richtigen studierfähigen wegen ihrer elitären bildung:.: )) hahhahahahahalo

es ist doch ganz einfach, Abiturienten die sich so äußern haben einiges an Lebenserfahrung noch nicht erhalten...:-(

Überlebensfähiger ist, in der heutigen Zeit oft der Hauptschüler. Er kommt häufig aus einem Umfeld, in dem keine Rosinen für ihn aus dem Kuchen gepult werden.

Beruflich ist es allerdings so, dass der Hauptschüler eine wesentlich schlechtere Starposition hat.

Was ist aber bitte ein Mensch mit ausgezeichneter Bildung, der andere von oben herab betrachtet?

Für mich, ein eingebildetes Würstchen...;-)

Schreiberlilli 02.07.2010, 12:13

Die schlechte Startpositon des Hauptschülers ist leider das eigentliche Problem.

0

So dumm ist unsere Gesellschaft. Auf Gymnasien und Universitäten wird sowieso sehr viel Ballastwissen und Unsinn gelehrt, was hinterher, im realen Arbeitsleben, kaum noch jemand benötigt. Aber es gibt viele Leute, die sich die höheren Schulen, zur Sicherung von Machteliten und zur Generationen überdauernden Abgrenzung von Klassen, wünschen. Das ist auch vom Staat so beabsichtigt. Moral und Lebenserfahrung zählen nicht.

Wenn man sich im Leben noch orientieren muß, ist jeder Anhaltspunkt wichtig. Da bedeutet auch jedes Zertifikat, jeder Abschluß viel für das Selbstbewußtsein - darum reiten die, die es haben, auch darauf herum. Das gibt es je nach Umfeld auch mit Gegenständen wie Kleidung und Spielkram wie Mobiltelefonen, das gibt es gelegentlich mit Führerschein oder habe-schonmal-Sex-gehabt und so weiter.

Es geht solchen Leuten ja auch mehr darum, sich selbst besser darzustellen und einen Anlaß zu haben, damit man sagen kann: "Ich bin besser." Kommt aus der eigenen Unsicherheit.

Eigentlich ist ein Abitur nur eine Chance - nämlich die auf ein reguläres Studium.

Wenn man davon ausgeht, dass man schon ziemlich BLÖD (blöd bedeutet in diesem Fall nicht nur dass da was im Kopf nicht stimmt, sondern auch das bildungsferne Umfeld um es mal p.c. auzudrücken) sein muss, um das Abi nicht zu schaffen, dann halte ich das Abi nicht für ein Statussymbol. Kaufen kann man sich damit nämlich nichts. Man muss danach immernoch eine Ausbildung machen oder ein Studium absolvieren.

Und wenn ich mir ansehe (sogar noch als ich zur Schule ging vor 4 Jahren) WER alles so Abitur machen darf... .

Das Einzige was mir auffällt ist, dass ich mit weniger gebildeten Menschen einfach nicht so klarkomme auf längere Zeit. Die Gespräche sind mir meist zu flach und wenn man mal einen anderen Aspekt außer "Stammtischgelaber" bringt, wird er nicht verstanden.

Schreiberlilli 02.07.2010, 11:31

Du glaubst gar nicht, wieviele Akademiker auch das Stammtischgelaber gut beherrschen...

:D

0

In einem Land, in dem Kinder von Akademikern gegenüber gleichbegabten Arbeiterkindern mit gleichen schulischen Leistungen mit einer über viermal höheren Wahrscheinlichkeit das Gymnasium besuchen, kann man wohl nicht davon reden, dass hier eine intellektuelle Auslese stattfindet. Hier findet eine frühzeitige soziale Auslese statt unabhängig von den tatsächlichen Leistungen der Kinder. Vor diesem Hintergrund finde ich als Abiturient und Hochschulabsolvent den zur Schau getragenen Bildungsdünkel einfach nur abstoßend.

amorphis 26.06.2010, 15:22

Ich weiss nicht genau, wie die Umstände in Deutschland diesbezüglich wirklich sind... aber das klingt mir doch stark übertrieben und nach schwarz-weiss-Malerei. Ich selbst bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen, mein Vater hat keine Matura (=Schweizer Abi), meine Mutter hat in ihrem Heimatland zwar das Gymnasium abgeschlossen, das war hierzulande aber ziemlich egal, da sie sowieso "nur" Immigrantin war. Ich selbst bin nur ein Beispiel, vielen Freunden geht es da ähnlich, die haben auch alle ihren Maturitätsabschluss. Wie gesagt... ich kann hier betreffend Deutschland nur begrenzt mitreden, mindestens in der Schweiz kriege ich aber von deiner sogenannten sozialen Auslese nicht viel mit, und ich gehe ehrlich gesagt auch nicht davon aus, dass die Unterschiede in zwei benachbarten und kulturell sowie sprachlich sehr ähnlich geprägten Wohlstandsländern dermassen massiv sein können.

0
Draschomat 27.06.2010, 13:27
@Schlaumeier1012

Du hast (leider) Recht, Schlaumeier1012. Kinder aus der sozialen Unterschicht werden viel weniger von ihren Eltern gefördert, weil die Ansprüche der Eltern viel geringer sind. Ein Kind könnte sich möglicherweise zu einem späteren Experten in einem Fach entwickeln, aber den Eltern genügt es, wenn das Kind die Hauptschule abschließt und dann Handwerker wird. Es liegt zum Großteil an den Eltern, was sie aus ihren Kindern machen...besonders in den ersten Lebensjahren. Kümmert man sich viel um das Kind, fördert man es, wo es geht (natürlich ohne Über-Forderung!), stehen die Chancen für ein Kind ungleich besser als wenn man es unterfordert und vor dem TV oder PC parkt, nur um seine Ruhe zu haben.

0
Schreiberlilli 02.07.2010, 12:29
@Draschomat

@Schlaumeier, zwischen Akademikern und Arbeitern gibt es auch noch andere ......! Das wird leider immer wieder vergessen. Ansonsten stimme ich Dir zu. @amorphis, es ist leider so, dass es in zwei benachbarten Wohlstandsländern solche Unterschiede gibt. Leider! @Draschomat, es liegt nicht immer an den Eltern der sozialen Unterschicht. Wobei ich die Bezeichnungen "finanzielle" Unterschicht passender finde. Denn diese gibt die Problematik eher wieder. Es fehlen einfach die finanziellen Mittel, womöglich mehrere Kinder aus einer Familie mit geringem und auch mittlerem Einkommen bis zum Abitur und darüber hinaus bis zum Abschluss eines Studiums womöglich noch mit Promotion finanziell zu unterstützen. Auch der fast schon übliche Nachhilfeunterricht und zusätzliche unterstützende Lernmaterialien können sich arme Familien nicht leisten. Deshalb müssen Kinder aus finanzschwachen Elternhäusern oft viel bessere Schulleistungen zeigen, als ihre Klassenkameraden aus wohlhabenden bis reichen Elternhäusern. Hier herrscht eine schreiende Ungerechtigkeit. Sicherlich gibt esleider immer wieder Eltern, denen die Entwicklung und der berufliche Werdegang ihrer Kinder mehr oder weniger "egal" ist. Diese finden sich aber in ALLEN gesellschaftlichen Schichten.

0

Was du hier beschreibst, ist genau das Mißverständnis zwischen "Wissen" und "Erfahrung", welches in unserem Bildungssystem grassiert. Meiner Meinung nach dient Schule jeglicher Art(Haupt-, Neben-, Real-, Virtuell-, Gym und was weiß ich) dem Zweck, einen vernünftigen Grundstock an Allgemeinwissen aufzubauen. Aber der Mensch knipst sein Hirn ja nach dem Unterricht nicht aus! Ich habe schon während meinem eigenen Abitur gelernt, daß man einen Menschen keinesfalls an der Schulbildung bewerten darf. Es gibt so viele Lernprozesse, die in der Schule gar nicht geleistet werden können. Und nach meiner Erfahrung verlassen sich die Betriebe bei der Einstellung eher auf den persönlichen Eindruck und die Probezeit. Häufig sehe ich auch die Mutation des Elternwunsches "Unser Kind soll es mal besser haben als wir." zu "Unser Kind soll mal besser sein als ihr." als Ursache. Die Art der Schulbildung sagt meiner Meinung nach nur etwas über die Fähigkeit aus, theoretische und abstrakte Sachverhalte schnell zu erfassen und zueinander in Beziehung zu setzen. Aber im Leben ist diese Fähigkeit nur eine von vielen notwendigen und keinesfalls die wichtigste...

Schreiberlilli 02.07.2010, 12:52

@andisazi, richtig, nicht nur die Schulreife, auch die Lebensreife ist wichtig. Dennoch wird oft bei Einstellungen auf die möglichst gute schulische Allgemeinbildung geachtet. Schulbildung sagt auch etwas über die Zielsetzung, das Leistungsvermögen und die Lernart aus.

0

sie freuen sich halt darüber, dass sie die prüfung geschafft haben. dabei schlagen sie bisweilen - vlt. aus mangelnder lebenserfahrung - dahingehend über die stränge, dass sie glauben, abitur wäre etwas besonderes oder wertvolles.

gepaart mit simplem gruppenzwang entsteht daraus dann leicht eine recht naive form des bildungschauvinismus.

abitur sollte man nie als versprechen für erfolg oder sozialen status sehen, sondern immer als das, was es ist: eine allgemeine bescheinigung darüber, dass man in gewissen bereichen in der lage ist, eine bestimmte menge stoff durch formal richtiges denken zu beherrschen.

ich persönlich finde abiturienten mit ihren aufgeplusterten kämmchen eher drollig.

also ich mache meine matura (abi) gerade nach und ich muss sagen man wird wirklich irgendwie anders "wahr genommen" man traut einem mehr zu und geht automatisch davon aus klüger als zb hauptschüler zu sein. auch mit nem job hat es viel besser geklappt als ich in meinem lebenslauf erwähnt habe dass ich meine matura gerade mache.. warum allerdings auf hauptschülern so rum gehackt wird weiss ich nicht..e vielleciht weil amn seinen status zeigen will..andere machen das mit autos und dergleichen und schüler mit ihrer bildung..

BastiB 27.06.2010, 11:08

Vor allem gibt es, wie bei jeder Schicht, einige schwarze Schafe unter den Hauptschülern, die das Vorurteil des "dummen, aggressiven, lernfaulen" Schülers bestärken. Das Problem ist, dass Gesellschaften stets dazu neigen zu verallgemeinern. Das sieht man bei der Hartz4 Debatte, genauso wie in dieser Bildungsdiskussion.

Abiturienten sind genauso wenig arrogante Überflieger, wie Hauptschüler minderbemittelte Vorbestrafte sind.

0

Ich vermute mal, dass alle Abiturienten ein wenig Angst haben, gerade wegen ihrer Leistung verachtet zu werden. Schließlich ist diese "Wer gute Noten hat, ist ein Streber"-Mentalität hier in Deutschland irgendwie einzigartig. (Scheint wohl ein Relikt aus Zeiten des preußischen Beamtentums zu sein...)

Entsprechend versuchen sie diese Angst in gleicher Münze zurückzuzahlen à la "Angriff ist die beste Verteidigung." Ein Pädagoge oder Psychologe könnte das ganze jetzt wohl als eine Abwehrhaltung identifizieren.

Fazit: Die Verachtung gegenüber Hauptschülern ist nur Angst vor der Verachtung durch Hauptschüler.

Ich habe übrigens auch gerade Abi gemacht.

dita1988 26.06.2010, 13:25

Also bitte spätestens ab der 7.Klasse wird doch keiner mehr als Streber bei guten Noten bezeichnet...

0
Schoenschuh 26.06.2010, 13:33
@dita1988

Glaub mir, man wird. Ich war in einer "Streberklasse" (wir haben kollektiv ein Jahr übersprungen) und ich habe das noch etliche Jahre zu spüren bekommen. Das letzte Mal hat mich in der 13. jemand als Streber bezeichnet.

0
dita1988 26.06.2010, 17:41
@Schoenschuh

Bei uns hört so ein Verhalten sehr früh auf! Ich hab auch meine 13 Jahre abgesessen ;)

0
BastiB 27.06.2010, 10:48
@dita1988

Ich bin jetzt im Studium und kann das von Schoenschuh beschriebene Verhalten nur bestätigen. Wer gute Noten durch hohen Lernaufwand erhielt, galt als Streber. Es gab auch "coole" Schüler mit guten Noten, aber die haben eben nicht übermäßig viel gelernt. Nicht die Noten machen jemanden zum Streber, sondern das Lernengagement. Das ist nicht meine Meinung, aber das Gesellschaftsdenken scheint so zu sein.

0

Über den Schulabschluss findet in dieser Gesellschaft nun einmal soziale Selektion statt: Ein Abitur oder ein abschlossenes Hochschulstudium eröffnet einen Zugang zu einem sozialen Kreis, zu dem andere nur schwierig Zugang haben. Über die Berufswahl hinausgehend kann man z. B. nachweisen, dass Abiturienten und Hauptschulabsolventen in unterschiedlichen Wohnvierteln leben (auch dann, wenn sie das gleiche verdienen), unterschiedliche Freizeitinteressen haben, bevorzugt nur in ihrer eigenen Bildungsgruppe Freundschaften pflegen und heiraten (und ihren Nachwuchs wiederum auf die selbst besuchte Schulform schicken), sich im Alltag gegenseitig aus dem Weg gehen - also in zwei unterschiedlichen Welten leben. Der Mensch hat das Bedürfnis sich von seinen Mitmenschen abzugrenzen - Schulbildung war schon immer ein geeignetes Abgrenzungsmittel (und ist es auch in anderen Ländern / Kulturen).

Caprico 26.06.2010, 14:41

Deine Antwort ist eine zynische Begründung dafür, warum es so ungerecht ist wie es ist.

0
Maple 26.06.2010, 21:42

Meine Erfahrungen sind da andere. Das kann aber vielleicht daran liegen, dass ich keine Vorurteile gegenüber anders beschulten Menschen habe - und so treffe ich dann auf Menschen, die ebenfalls keine Vorurteile haben...unabhängig, auf welcher Schule sie ihren Abschluss gemacht haben.

Auch während ich noch zur Schule ging, kannte ich keine Berührungsängste...und meine Freunde auch nicht, sonst wären sie ja nicht mit mir befreundet gewesen.

0
yokohama 27.06.2010, 11:42

...wie bereits erwähnt: Freundschaft, Partnerschaft, Liebe, Sex, Heirat, Fortpflanzung - in den allermeisten Fällen finden diese Dinge zwischen Menschen statt, die die gleiche Schulbildung haben. In diesem Zusammenhang von sozialer Selektion zu sprechen ist (leider?) nicht übertrieben..

0

Sie wollen einfach protzen! Das heißt, dass ihnen noch viel Wissen und Erfahrung fehlt. Nur weil der eine nicht Latein kann, heißt das ja nicht, dass er weniger "weiß" als der Absolvent. Und wenn man dann zum Beispiel Lehrer wird als Absolvent? Lachen die mit Mittlerer Reife und normaler Arbeit. Also ich für meinen Teil möchte nicht zig Kanacken und dekadente Schnösel-Styler auf meiner Nase rumtanzen sehen...

AriSina 02.07.2010, 10:40

Och glaube mir, wenn man weiß, wie man mit denen umgehen muss, sind die ganz umgänglich.

0

Ich halte mich auf Grund meines Schulabschlusse nicht für etwas besseres, dieser allein verspricht mir ja noch keine gute Antellung mit gutem Verdienst. Ich konnte aber in der Schule feststellen, dass geade Schüler deren Mutter Putzfrau oder Vater Hausmeister sind sich über unseren Schulhausmeister und Gehilfe ständig lustig machen. Sowas stößt für mich auf Unveständnis.

Die Schulausbildung ist immer nur "Grundlagenbildung" (im doppelten Wortsinne) für alles weitere.

So vermittelt die Schule primär das "Wissen"; "Bildung" entsteht für mich dagegen vielmehr aus dem gelebten Leben. Wenn beides in sich stimmig zusammen kommt, kann (!) es optimal sein.

Und lass´mal 10, 15 Jahre verstreichen - da fragt unter Umständen kein Ein mehr danach, ob, wo und wie du denn dein Abi mal irgendwo gemacht hast - sofern du deinen Job anständig, mit Freude, Begeisterung und entsprechendem "Erfolg" angehst.

Und kennen tu´ich genug (lebens-)kluge (und auch beruflich arrivierte) Köpfe, bei denen völlig piepegal ist, ob sie Abitur und / oder Studium hinter sich haben.

All das relativiert sich wirklich zunehmend mit den Jahren. Und auch den Erfahrungen, die man -in der Zeit- mit Menschen so macht.

Schreiberlilli 02.07.2010, 12:35

@mia, ich stimme Dir zu. Bildung, Wissen, Lebenserfahrung...Alles ist wichtig.

0

Was möchtest Du wissen?