Ab wann ist ein Dialekt für euch eine Sprache?

12 Antworten

Das ist schwierig zu sagen, denn die Kriterien sind nicht klar. Ein Beispiel: Luxemburgisch wird oft als eigene Sprache gesehen, da es einem eigenen Staat (Luxemburg) zugeordnet ist, und da es eine standardisierte Rechtschreibung hat.

Dennoch ist Luxemburgisch im weitesten Sinne Moselfränkisch, und damit auch mehreren Dialekten in Deutschland ähnlich, z.B. an der Mosel. Meine (deutsche) Großmutter benutzte noch Wörter, die es im Hochdeutschen nicht gibt, wohl aber im Luxemburgischen, ohne dass man ihren Dialekt so bezeichnen würde.

Die deutschen Dialekte sind nicht standardisiert, und abgesehen von Mundartschriftstellern schreibt fast niemand Texte in diesen Dialekten. Daher sind diese Dialekte fast nur mündlich in Gebrauch.

Beim Schweizerdeutschen ist die Lage ähnlich (eigener Staat), aber auch etwas verschieden (Zeitungen sind dennoch in Standarddeutsch).

Gegenseitige Verständlichkeit ist auch so eine schwierige Sache. Dänen verstehen die Schweden meist recht gut, umgekehrt klappt das aber seltener.

Norweger und Schweden verstehen einander recht gut, dennoch behandelt man Norwegisch (Bokmål) und Schwedisch als getrennte Sprachen, wohingegen eine Variante wie Dalamål (Sprache in Dalarna/Schweden) meist als schwedischer Dialekt angesehen wird, zumal es nur noch ein paar tausend Leute betrifft. Dalamål (wörtl. "Tälersprache") ist aber auch für die meisten schwedischen Muttersprachler nicht verständlich.

Dalamål benutzt manchmal Wörter aus dem Altnordischen, wo dies Schwedisch nicht tut, z.B. "warten" = Schwedisch "vänta" und Dalamål "baiða", vgl. Isländisch "bíða".

Die Unterscheidung zwischen Dialekt und Sprache ist sehr schwierig, denn es gibt kein vernünftiges Kriterium dafür. Deshalb schwanken auch die Angaben, wieviel Sprachen es in einem Land (oder auf der ganzen Welt) gibt, so extrem.

„Gegenseitige Verständlichkeit“ ist leider kein brauchbares Kriterium. Es gibt nämlich häufig Asymmetrie (Sprecher von A verstehen Sprecher von B, aber nicht umgekehrt) oder fehlende Transitivität (A und B sind untereinander verständlich, B und C auch, aber nicht A und C).

Linguisten formulieren das häufig mit Galgenhumor als „Eine Sprache ist ein Dialekt plus eine Armee“, um anzudeuten, daß der Unterschied eben nicht linguistisch er­klär­bar ist, sondern nur mit sozialen oder politischen Gegebenheiten zusammenhängt.

Um ein Beispiel zu geben: Wieviele Sprachen werden in Deutschland gesprochen? Wenn man von unbestrittenen Minderheitensprachen (z.B. Friesisch, Sorbisch, Dä­nisch) ab­sieht und den ganzen niederdeutschen („Platt“) Komplex ausschließt, wür­den vie­le sagen, daß nur eine Sprache übrigbleibt, nämlich Hochdeutsch und seine Dialekte. Ethnologue zerlegt das aber in Alemannisch, Bairisch, Ostfränkisch, Ripu­a­risch, Pfälzisch und Schwäbisch. Andere Wissenschafter sehen das bestimmt an­ders; das ist der ewige Konflikt zwischen lumpers (die alles zusammenwerfen) und splitters (de alles zerlegen).

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 Ethnologue zerlegt das aber in Alemannisch, Bairisch, Ostfränkisch, Ripu­a­risch, Pfälzisch und Schwäbisch. Andere Wissenschafter sehen das bestimmt an­ders; das ist der ewige Konflikt zwischen lumpers (die alles zusammenwerfen) und splitters(de alles zerlegen).

Würde man jetzt aber Pfälzisch als "Sprache" bezeichnen, könnte man ja andersrum genauso gut sagen, daß Rheinländisch, Hessisch, Badisch usw. Dialekte selbiger Sprache sind.

Man hat sich aber eben auf Hochdeutsch als Dachsprache aller Dialekte geeinigt, weil diese Sprachform am meisten Gemeinsamkeiten zu den untergeordneten Dialekten hat.

Pfälzisch als Hochsprache, wäre z.B. für einen Berliner etwas schwieriger zu verstehen. Oder andere Regionen kämen sich benachteiligt vor, weil ihre Spracheigenschaften zu wenig berücksichtigt worden wären.

Dennoch versteht sich in Deutschland eigentlich jeder gegenseitig, auch bei (leichtem) Dialekt. Wer natürlich den tiefsten Dorfdialekt ausgräbt und damit 500 km entfernt einem komplexe Zusammenhänge erklären will, da wird es dann eben schwierig, während er im Nachbardorf oder 20 km weiter keine Probleme hätte, verstanden zu werden. So gesehen könnte man am ehesten noch die ganz alten Dialekte als "Sprachen" sehen, die aber eh zurückgedrängt werden, alleine schon durch die Mobilität.

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@KraichgauerJung

Im Prinzip stimmt das natürlich (ich bin ja auch lumper und kein splitter), aber es wäre ja auch nicht undenkbar, daß in der deutschen Verfassung (wenn es so etwa gäbe) all diese Dialekte als Regionalsprachen anerkannt wären. In diesem Fall müßte die Adminisration mehrsprachig agieren und z.B. Gesetzestexte auf Schwäbisch verfassen. Klingt kompliziert, ist aber möglich und wird in manchen Ländern ja auch gemacht.

Es ist also nicht so, daß irgendeine Eigenschaft des Schwäbischen das Schwäbi­sche zum Dialekt macht, sondern das hat nur politische, soziale und historische Grün­de. Ich könnte z.B. auch schwäbische Geschichte, Literatur und Volks­erzäh­lun­gen studieren und würde an keiner Stelle merken, daß Schwäbisch „gar keine Sprache“ ist.

Daß eine standarddeutsche Dachsprache existiert, ist ja nur durch Studium des Schwäbi­schen nicht zu erschließen, es ist also ein „externer Faktor“ (und, neben­bei gesagt, scheint es auch vielen Schwäbischsprechern unbekannt zu sein, für mich armen Ösi war Pforzheim fremdsprachliches Ausland).

Ich glaube übrigens nicht, daß Pfälzisch für einen Berliner schwieriger wäre als um­gekehrt, wenn Fernsehen, Radio, Schule etc. auf Pfälzisch liefen.

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@indiachinacook

In diesem Fall müßte die Adminisration mehrsprachig agieren und z.B. Gesetzestexte auf Schwäbisch verfassen.

Sag das bloß nicht unseren Brüsseler Bürokraten, die finden diese Idee wahrscheinlich noch super. ;)

Schwierig wird dann eben, welches "schwäbisch" man da nimmt, da streiten sich dann Stuttgarter und Ulmer, Heilbronner und Tübinger wieder, wer korrektes schwäbisch spricht. Die Lösung: Jeder Landkreis eine eigene Sprache. Wobei es sogar innerhalb Landkreisen sein kann, daß im Extremfall bis zu drei Dialekte vorkommen (z.B. bei uns in Nordbaden, da liegen pfälzischer, hessischer und fränkischer Einfluß, nur wenige Kilometer auseinander. Wäre dann wohl ein viersprachiges Gebiet xD

Daß eine standarddeutsche Dachsprache existiert, ist ja nur durch Studium des Schwäbi­schen nicht zu erschließen, es ist also ein „externer Faktor“ (und, neben­bei gesagt, scheint es auch vielen Schwäbischsprechern unbekannt zu sein, für mich armen Ösi war Pforzheim fremdsprachliches Ausland).

Ja, aber selbst jemand, der nur schwäbisch kennen würde, würde von Natur aus auch hessisch, bairisch, pfälzisch und eben auch Hochdeutsch verstehen, da sich alle Unterschiede sehr einfach herleiten lassen.

Pforzheim zählt übrigens noch knapp zu Baden, hat aber von allen badischen Dialekten tatsächlich den meisten schwäbischen Einfluß.

Ich glaube übrigens nicht, daß Pfälzisch für einen Berliner schwieriger wäre als um­gekehrt, wenn Fernsehen, Radio, Schule etc. auf Pfälzisch liefen.

Natürlich, der Berliner Dialekt ist eben, alleine schon weil es die Hauptstadt ist, in den Medien präsenter und wird deshalb auch von allen problemlos verstanden. Aber einer, der halbwegs intelligent ist, versteht auch als Berliner z.B. pfälzisch. Ist doch alles miteinander verwandt.

Gibt natürlich auch Leute, die bewußt keine Dialekte verstehen wollen. Dafür halten sich solche Leute im Gegenzug für wahnsinnig weltoffen und kosmopolitisch. Wollen aber als Rheinländer angeblich einen Schwaben nicht verstehen können. Dafür bereisen sie eben jedes Jahr zwei andere Kontinente, ist doch auch was ;)

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Ein Dialekt ist per Definiition KEINE Sprache. Sächsisch, Kölsch, Bayerisch, Hessisch, Pfälzisch usw sind keine Sprachen, sondern nur deutsche Dialekte, denn die Struktur und die Grammatik dieser Dialekte unterscheiden sich nicht wesentlich vom Hochdeutschen.

Aus Dialekten können aber durch starke Individualisierung und Entwikclung von Eigenheiten im Laufe der Zeit irgendwann Sprachen werden. Beispiel: Luxemburgisch. --- Auch Niederländisch entwickelte sich aus einem niederdeutschen Dialekt.

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Was du mit bayerisch meinst, weiss ich ja nicht so genau....
Bairisch hingegen gilt offiziell als sprache und nicht als dialekt.

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