Blickwechsel – Deine Fragen an einen Ex-Drogenabhängigen

 

Unser Nutzer Pharmatastisch war beinahe seine ganze Jugend von unterschiedlichen Rauschmitteln abhängig. Zwischenzeitlich arbeitet er als Neuropharmakologe. Im Blickwechsel beantwortete er Deine Fragen zum Thema Drogensucht.

 

Was hat es damit auf sich?

Mit dem gutefrage Blickwechsel wollen wir die Möglichkeit für Begegnungen mit interessanten Menschen schaffen. Über den direkten Austausch soll so mehr Verständnis für die Sichtweisen des Anderen erreicht werden.

Denn hinter jeder Antwort auf gutefrage steckt ein Mensch mit einer spannenden Geschichte. Diesen Menschen kannst Du beim gutefrage Blickwechsel begegnen und dabei versuchen, die Welt durch ihre Augen zu sehen. Denn genau das meint die doppelte Bedeutung des Wortes "Blickwechsel":

  1. Der Austausch von Blicken
  2. Der Wechsel der Sichtweise

Der Blickwechsel fand diesmal im Rahmen des gutefrage Community Days am Freitag, den 2. Oktober 2020, von 18-20 Uhr statt. 

Hier beantwortete Pharmatastisch, der jahrelang drogenabhängig war, zwei Stunden lang Fragen zu seiner persönlichen Drogenhistorie und wie er heute als Neuropharmakologe zum gesellschaftlichen Umgang mit Drogen und Sucht steht

Pharmatastisch stellt sich vor:

Ich denke jeder und jede hat schonmal etwas von Sucht gehört. Doch was bedeutet Sucht eigentlich? Substanzen-Sucht ist eine Krankheit, welche im offiziellen Klassifikationssystem der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme dem ICD10 der WHO gelistet ist. Sucht ist nicht wie häufig gedacht eine Störung, bei der man nicht mehr ohne die Substanz leben kann. Dieses Krankheitsbild umfasst weitaus mehr als nur den Konsumzwang. Es geht dabei um psychische Vulnerabilität, abnorme psychosoziale Umstände, psychodynamische Ereignisse und mehr. Sucht ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, welche auf einer Dysfunktion im limbischen System des Gehirnes zurückzuführen ist. Abhängigkeit ist eine Verhaltenssucht, bei der der Betroffene eine Substitutionsbindung zu einer Substanz oder einem Verhalten aufbaut, weil er oder sie psychisch zu labil ist, um gesunde zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen.

Ich mag mich noch erinnern, als ich mit 13 Jahren das erste mal Cannabis konsumiert habe. Es war als ob der Juckreiz in meinem Gehirn das erste Mal in meinem Leben aufhörte. Ich hatte das Gefühl das ideale Mittel gegen mein ADHS gefunden zu haben, dabei war das nur die Ausrede und Selbstmanipulation für mein Gewissen, denn das Gewissen ist die Stimme, die einem sagt, dass jemand zuhört. In der Psychologie nennen wir das «Das Prinzip des distanzierten Schützers». Aus Kiffen am Wochenende wurde jeden Tag und aus jeden Tag wurden irgendwann 10g / Tag. Mein Leben drehte sich nur noch um Drogen v.a Cannabis. Mit 16 Jahren drehte ich jedes Mal durch, wenn ich keinen Joint hatte. Denn ich hatte mir über die Jahre eine Schutzblase angekifft. Im Verlauf dieser Jahre hatte ich auch Kontakt mit Opiaten wie Codein, Opioide wie Heroin und Stimulanzien wie Kokain oder Amphetamin. Jedoch hatte mich das THC am meisten unter Kontrolle. Mit 16.5 Jahren war es einfach zu viel für mein Gehirn und ich hatte Cannabis nicht mehr vertragen. Die Natur hat mich quasi gezwungen aufzuhören. Es folgte der schlimmste Entzug, den ich je hatte! Doch nach einer Zeit der Realisationsphase habe ich darüber gelacht, dass ich so dumm war, so viel Geld, Zeit und Gesundheit für eine Pflanze zu opfern.

Dann habe ich das erste Mal ein Bier getrunken und plötzlich waren meine Ängste weg. Innerhalb eines knappen Jahres wurde aus Bier am Wochenende – jeden Tag 3 Bier und daraus wurden irgendwann 10 Bier und schlussendlich jeden Tag eine ganze Flasche Spiritus wie Vodka oder Gin. Jeden Tag musste ich mindestens 2 Promille auf der Schippe haben, damit ich in den Bus stieg um nach Hause zu fahren. Sämtliche und unzählige Familienstreite folgten und ich habe mir einiges an Gesundheit in meinem Leben damit verscherzt. In einem emotionalen Zusammenbruch auf 10mg XANAX und 1 Flasche Vodka hatte ich dann zuhause eingesehen, dass ich ein Problem habe und ich hatte mich für eine Behandlung entschieden. Der Alkoholentzug und Benzodiazepinentzug war für mich zwar nicht so schlimm wie der Cannabis-Entzug, jedoch hält das Craving , also das Verlangen bis heute an.

Heute übe ich den Beruf des Neuropharmakologen aus und beschäftige mich also weiterhin tag-täglich mit Drogen und Medikamenten. Die Ironie des ehemaligen Drogensüchtigen, welcher jetzt den akademischen Drogenexperten-Beruf ausübt ist für einige bestimmt eine spannende Nebenrolle.

Ich finde es schade, dass Sucht in unserer europäischen Gesellschaft noch nicht den Stellenwert hat, den es verdient und grundsätzlich von den meisten nicht verstanden wird. Sucht kann jeden und jede treffen, welche(r) die psychodynamischen Indikatoren dafür erfüllt. Drogenaufklärung sollte wie Sexualkunde schon in der Unterstufe der Primarschule Programm sein, da man da die Kinder noch erreichen kann.

All das und vieles mehr spielte sich in meiner Vergangenheit ab.

Du hast selbst Probleme mit Drogen? - Hier findest Du Hilfe!

Nach Schätzungen leiden allein in Deutschland fast 3 Millionen Menschen an der Abhängigkeit von illegalen Substanzen wie Cannabis oder verschreibungspflichtigen Medikamenten. Weitere 1,6 Millionen Menschen sind alkoholabhängig. Sucht ist eine Krankheit, die jeden treffen kann. Solltest Du selbst auch betroffen sein, zögere nicht und suche Hilfe. Die Bundesweite Sucht- und Drogen-Hotline bietet unter der 01806 - 31 30 31 24 rund um die Uhr Beratungsgespräche an: https://www.sucht-und-drogen-hotline.de/

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Hier findest Du alle Fragen der Community, die von Pharmatastisch beantwortet wurden!

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