Sex, Menschen, Evolution?

5 Antworten

Das Sexualverhalten des Menschen ist in der Tat sehr besonders und in seiner Gesamtheit einzigartig. Unsere Sexualität ist einer der Gründe, weshalb unsere Spezies zu dem wurde, was sie ist. Anthropologen nennen in erster Linie den aufrechten Gang, die Reduktion des Fells und den Erwerb der Sprache als die wichtigen Schlüsselelemente der menschlichen Evolution. Ich bin aber überzeugt davon, dass die Sexualität mindestens ebenso wichtig war wie all die anderen genannten Faktoren.

Eine Besonderheit des menschlichen Verhaltens ist, dass Menschen "es" gerne, oft und vor allem völlig unabhängig von seinem ursprünglichen Zweck, nämlich der Fortpflanzung, tun. Die meisten Menschen haben Sex, weil es ihnen ganz einfach Spaß macht und weil sie dabei einen Orgasmus bekommen können. Wir Menschen treiben es dabei auch dann miteinander, wenn eine Frau gerade nicht in der fruchtbaren Phase ihres Sexualzyklus ist. Das liegt daran, dass der Eisprung ohne jegliches von außen sichtbares Zeichen abläuft (versteckte Ovulation). Kein Mann kann beurteilen, ob die Frau, mit welcher er soeben schläft, gerade empfängnisbereit ist oder nicht. Viele Frauen wüssten ohne Verhütungscomputer oder Regelkalender selbst nicht, ob sie gerade ihren Eisprung haben. Das führt dazu, dass wir etwa drei Viertel all unserer sexuellen Aktivitäten miteinander zu einem Zeitpunkt haben, der außerhalb des Rahmens der Befruchtungsmöglichkeit liegt. Aber damit nicht genug. Mit etwa 50 Jahren haben die meisten Frauen ihre letzte Regelblutung (Menopause) hinter sich gebracht und auch die Fruchtbarkeit vieler Männer nimmt ab 50 stark ab - was uns aber dennoch nicht davon abhält, weiterhin fleißig miteinander Sex zu haben. Und dann gibt es natürlich auch noch den gleichgeschlechtlichen Sex, den überraschend viele von uns ausüben - etwa 2 - 3 % der Bevölkerung sogar ausschließlich. Auch hier gilt: Fortpflanzung ausgeschlossen. Aber warum macht Sex uns so viel Spaß und warum praktizieren wir Sex ganz unabhängig von der Fortpflanzung?

Zuvor sei aber gesagt, so einzigartig wie wir meinen, ist unser Sexualverhalten gar nicht. Viele Elemente unseres Sexualverhaltens finden wir nämlich auch bei den nichtmenschlichen Hominiden, also bei Orang-Utans (Pongo), Gorillas (Gorilla) und den Schimpansen (Pan). Man muss heute davon ausgehen, dass alle Menschenaffenarten einen Orgasmus haben können. Nicht bei jedem, aber doch bei einigen beobachteten Sexualkontakten zeigen Menschenaffen manchmal einen stark verklärten Gesichtsausdruck. Darüber hinaus zeigen Menschenaffen die gleichen Zuckungen der Muskeln wie sie auch bei einem menschlichen Höhepunkt oft auftreten. Mit dem Bärenmakaken (Macaca arctoides) ist schon seit einigen Jahren sogar bei einer Tieraffen-Art ebenfalls ein, wie der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal schreibt, "Orgasmusgesicht" nachgewiesen worden. Wahrscheinlich sind sogar alle Säugetiere in der Lage, einen Orgasmus zu empfinden - jedenfalls besitzt jede einzelne Spezies von ihnen die anatomischen Voraussetzungen dafür: eine empfindliche Peniseichel (Glans penis) bei den Männchen und ein weibliches Pendant dazu, eine Klitoris (Glans clitoridis). Eine Studie von Mihaela Pavlicev, Günter P. Wagner und Kollegen aus dem Jahr 2019 gibt auch eine Antwort darauf, weshalb Frauen einen Orgasmus haben können. Während beim Mann der Orgasmus die Ejakulation des Spermas auslöst und für die Fortpflanzung gewissermaßen zwingend erforderlich ist, gilt das für den Orgasmus der Frau nicht. Vermutlich löste bei den ersten Säugetieren der Orgasmus beim Weibchen den Eisprung aus (induzierte Ovulation), war also für die Fortpflanzung essentiell. Noch heute gibt es Säugetierarten, wo das der Fall ist, z. B. bei Kaninchen, Katzen, Lamas und Alpakas. Erst später ersetzte der regelmäßige Sexualzyklus bei vielen Säugetierarten die induzierte Ovulation. Da war der weibliche Orgasmus aber schon entstanden und bleib bis heute erhalten und hat heute wesentliche andere Funktionen.

Wenn also alle Menschenaffen einen sexuellen Höhepunkt erleben können, dann dürfte man erwarten, dass sie Sex auch praktizieren, weil es ihnen Freude bereitet. Exakt das ist der Fall. Beispielsweise gehört, genau wie beim Menschen, bei allen Menschenaffenarten die Selbstbefriedigung zum völlig normalen Verhaltensspektrum. Schimpansenweibchen sind sogar schon dabei beobachtet worden, dass sie Holzstöcke zurechtstutzten und gewissermaßen wie einen Dildo benutzten - eine, wie ich finde, verblüffende Form der Werkzeugherstellung und des Werkzeuggebrauchs. Manche Zoo-Schimpansen zweckentfremdeten den Wasserschlauch der Wärter fremd, um damit ihre Genitalien zu stimulieren. Auch andere sexuelle Praktiken wie die gegenseitige manuelle Stimulation, Oralverkehr und Analsex sind bei allen Menschenaffenarten gut dokumentiert. Selbst homosexuelle Handlungen sind bei allen Menschenaffen beobachtet worden. Das gilt besonders für den Bonobo, dessen Sexualverhalten dem unseren in vielerlei Hinsicht am stärksten ähnelt. Wenn wir der Antwort auf die Frage weshalb Menschen Sex nicht nur der Fortpflanzung wegen betreiben einen Schritt näher kommen wollen, dann sollten wir uns unbedingt mit dem Sexualleben der Bonobos beschäftigen.

Die Bonobos (Pan paniscus) oder Zwergschimpansen sind berühmt-berüchtigt für ihre häufigen sexuellen Kontakte und ihre ausgeprägte Bisexualität. Besonders häufig sind sexuelle Handlungen zwischen den Weibchen. Dabei zeigen die Bonobos am häufigsten ein Verhalten, das als genito-genitales Reiben (gg rubbing) bekannt ist. Keine andere Tierart zeigt dieses Verhalten, mit Ausnahme des Menschen, bei dem diese Sexpraktik als Tribadie oder Scherenstellung bekannt ist. Bei weiblichen Bonobos kann der Anteil gleichgeschlechtlicher Kontakte sogar bis zu 60 % aller sexuellen Kontakte ausmachen. Aber nicht nur die Weibchen zeigen homosexuelles Verhalten, auch Bonobomännchen praktizieren oft gegenseitig Oralverkehr, Penisfechten (penis fencing) oder steigen aufeinander auf. Abgesehen davon praktizieren Bonobos aber auch heterosexuellen Sex in allen nur erdenklichen Weisen und über alle Altersgrenzen hinweg.
Besonders häufig kommt beim heterosexuellen Sex unter Bonobos aber eine Stellung vor, die bei keiner anderen Menschenaffenart in derart großer Häufigkeit praktiziert wird. Die Rede ist von der Missionarsstellung, bei der die Gesichter der sich Liebenden einander zugewandt sind, oft begleitet von intensiven Küssen. Eine Eigenheit, die Bonobos abermals mit dem Menschen teilen, bei dem die Missionarsstellung gleichsam die bevorzugte Paarungsstellung ist. Alle anderen Menschenaffen bevorzugen hingegen die im Tierreich übliche Hündchenstellung (diese kommt aber auch bei Bonobos und beim Menschen vor).
Und es gibt noch eine dritte Gemeinsamkeit zwischen dem Paarungsverhalten von Bonobos und Menschen. Weibliche Bonobos haben, wie ihre nächsten Verwandten, die Schimpansen (Pan troglodytes), eine Brunstschwellung, mit der die Weibchen den Männchen die Ovulationswahrscheinlichkeit (nicht aber den exakten Ovulationszeitpunkt!) anzeigen, sie erstreckt sich aber über einen ungewöhnlich langen Zeitraum - rund 2/3 des ihres gesamten Zyklus zeigt ein Bonoboweibchen diese Schwellung, viel länger als beim Schimpansenweibchen. Damit sind beim Bonobo bereits Ansätze für einen ähnlich verschleierten Eisprung wie beim Menschen vorhanden. Darüber hinaus paaren sich Bonobos häufig auch dann, wenn ein Weibchen diese Schwellung gerade nicht besitzt.
Warum sind Bonobos so anders als Schimpansen? Die Antwort liegt in ihrem Sozialverhalten. Schimpansen leben in streng organisierten Gruppen, die von den Männchen dominiert werden. Häufig gibt es Streitigkeiten und heftige Kämpfe um die Position als Alphamännchen, das dominierende Männchen der Gruppe, sind nicht selten. Schimpansen können sich oftmals nur an der Spitze halten, indem sie mit anderen Männchen Allianzen schmieden. Das tägliche Leben eines Schimpansen ist daher geprägt durch Aggression und durch kämpferische Auseinandersetzungen. Bei Bonobos ist das komplett anders. Bonobogruppen sind weibchen-dominiert. Ein einzelnes Weibchen ist zwar kleiner, leichter und damit körperlich einem Männchen unterlegen. Aber gemeinsam schaffen es die Weibchen, sich die Männchen einer Gruppe unterzuordnen. Insgesamt geht es bei Bonobos viel entspannter zu. Natürlich gibt es auch bei Bonobos Spannungen und Reibereien. Aber Bonobos legen Konflikte nicht durch Kämpfe bei, sondern haben ein viel friedlicheres Mittel zur Konfliktbewältigung gefunden: Sex. Kommt es zu sozialen Spannungen, werden diese mit Sex abgebaut. Wenn man sich doch einmal gestritten hat, dann wird Sex auch eingesetzt, um sich wieder miteinander zu versöhnen. Dabei ist interessanterweise häufig derjenige der Initiator, der aus dem vergangenen Konflikt als Sieger hervorgegangen ist. Der Sex ist also ganz klar kein unterwürfiges Angebot des Unterlegenen an den Sieger, sondern ein eindeutiges Zeichen dafür, dass man sich wieder vertragen möchte. Diese einzigartige Methode des Umgehens mit sozialen Spannungen hat den Bonobos auch den Spitznamen als Hippie-Affen eingebracht. Für Bonobos scheint ganz klar zu gelten: Make love, not war!
In einem noch viel stärkeren Ausmaß als Bonobos waren sehr wahrscheinlich unsere eigenen Vorfahren von ihrer Gruppe abhängig. Um in der Savanne mit den vielen Raubfeinden wie Löwen, Leoparden und Hyänen zu überleben und um erfolgreich jagen zu können waren die Menschen zur Kooperation geradezu gezwungen. Dabei blieb es nicht aus, dass es zu sozialen Reibereien innerhalb der Gruppe gekommen ist. Folglich müssen unsere Vorfahren ebenfalls gute Wege gekannt haben, diese sozialen Spannungen zu verhindern oder im Fall einer echten Auseinandersetzung wieder zu beseitigen. Sex dürfte hier das Zauberwort gewesen sein. Vermutlich haben die frühen Menschen genau wie Bonobos Sex genutzt, um damit ihre sozialen Bindungen zu festigen und den Gruppenzusammenhalt zu stärken.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund für das besondere menschliche Sexualverhalten. Bei Schimpansen und Bonobos ist Promiskuität an der Tagesordnung - in der Gruppe treibt es jeder mit jedem. Männchen maximieren damit ihren Fortpflanzungserfolg, weil sie ihren Samen unter möglichst vielen Weibchen verbreiten und die Weibchen verringern so die Wahrscheinlichkeit eines Infantizids und profitieren von "Brautgeschenken". Die sich anschließende Kindererziehung ist bei ihnen ausschließlich Sache des Weibchens. Wenn ein Schimpanse oder Bonobo auf die Welt kommt, dann ist er schon sehr weit entwickelt. Er kann sich schon im Fell seiner Mutter festhalten und aktiv die Zitze zum Milchtrinken aufsuchen. Ein Menschenbaby kann das alles noch nicht. Es ist zum Zeitpunkt seiner Geburt beinahe noch in einem fetalen Stadium und vermag nicht einmal selbstständig seinen Kopf heben zu können. Menschliche Kinder sind deshalb extrem hilfsbedürftig und das Großziehen ist derart aufwändig, dass die Mutter allein überfordert wäre. Um erfolgreich ein Menschenkind großzuziehen, ist die Hilfe durch den Vater zwingend erforderlich. Sie war es jedenfalls bei unseren frühen Vorfahren und es gibt Hinweise darauf, dass in Steinzeitgesellschaften bei Halbwaisen die Sterblichkeit deutlich höher als bei Kindern mit beiden Elternteilen war.
Vermutlich hat diese Hilfbedürftigkeit dazu geführt, dass Menschen zumindest zeitweise (bis das Kind groß genug ist) monogame Partnerschaften eingegangen sind. Aber wie sollte eine Frau verhindern, dass ihr Mann nicht doch fremd geht und damit womöglich mit einer fremden Frau Nachwuchs zeugt? Auch für den Mann ist es, da er ja anders als seine haarigen Verwandten ein erhebliches Investment in den Nachwuchs tätigen muss, von Interesse, dass seine Partnerin ihm treu bleibt und ihm kein Kuckuckskind unterjubelt. Es musste deshalb ein Weg gefunden werden, wie die monogame Beziehung zumindest solange gefestigt werden konnte, bis der Nachwuchs groß geworden ist. Hier scheint Sex ein wichtiges Mittel zu sein. Man belohnt sich quasi für seine gegenseitige Treue mit Sex, den man sich sonst anderswo geholt hätte. Beim Orgasmus wird im Körper das Hormon Oxytocin vermehrt ausgeschüttet. Es bewirkt ein starkes Bedürfnis nach Nähe zum Partner, daher wird es landläufig auch das "Kuschelhormon" genannt. Darüber hinaus steigert Oxytocin das Eifersuchtsempfinden. Alles in allem ist Oxytocin also ein Hormon, welches die monogame Bindung festigt und zusammenhält. Sex wurde beim Menschen zum Kitt, der die Beziehung zusammenhält.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Biologiestudium, Universität Leipzig

Dein Wissen ist falsch. Deswegen ist deine Frage auch falsch.

Auch andere Tierarten haben durchaus aus anderen Gründen Sex als nur zur Fortpflanzung. Häufig ist das zur Stärkung des sozialen Zusammenhaltes - und auch einfach mal aus Spaß.

Vielen Dank für die Antwort und Aufklärung!

2

Das würde nicht funktionieren. Kein Lebewesen macht das, um sich fortzupflanzen. Ich denke so gut wie kein Tier weiß, dass Sex zu Fortpflanzung führen kann. Sie müssen es einfach machen. Es ist ein Trieb, den auch wir Menschen haben, damit wir es machen (wollen). Wir sollen es machen, weil es eben zu Fortpflanzung führen kann.

Grüß Dich Iloveyou4everbb

der Mensch ist von Natur aus ein sexuelles Wesen. Er ist darauf ausgerichtet. Es ist jedoch so:

Sex ist keineswegs alles, aber alles ist ohne Sex nichts.

Sexualität wird leider überschätzt, nur weil es das Vergnügen der sexuellen Erregung gibt. Natürlich dient Sexualität der Fortpflanzung aber eben nicht nur. Sie ist ein Triebgeschehen das auch auch ohne Fortpflanzung ausgelebt werden will. Aber Sex allein ist nicht geeignet alle Probleme und Konflikte zu lösen. Er kann aber dazu beitragen

Doch es ist klar:

Wir tragen sowohl sexuelle Verhaltensweisen des Bonobos als auch die des Schimpansen in uns.

Wikipedia

Nur wir als Menschen können, wenn wir wollen, den sexuellen Trieb beherrschen, es sei denn wir sind psychisch gestört und der Trieb beherrscht uns. Wir sind eben mehr als nur ein Tier sprich Menschenaffe. Die Trockennasenprimaten, Trockennasenaffen oder Haarnasenaffen sind eine untergeordnete Verwandtschaftsgruppe der Primaten, zu der in der biologischen Systematik auch der Mensch gehört.

Bild aus der Webseite:

https://www.bild.de/wa/ll/bild-de/unangemeldet-42925516.bild.html

Gut und Böse – Erbe der Evolution? | Bonobos und Schimpansen

https://www.youtube.com/watch?v=-Sni4t_MaiU

Herzlichen Gruß

Rüdiger

 - (Sex, Tiere, Menschen)

Das einzige "Alleinstellungsmerkmal" des Menschen ist ... die ganzjährige Brunft. Alles andere existiert auch im Tierreich inkl. Prostitution.

Was möchtest Du wissen?