Der gemeine Nibi (Nicht-Behinderte, die Formulierung hörte ich einst von einem Rollifahrer - Rolli = Rollstuhl) pflegt den Umgang meist nur mit seinesgleichen. So fällt der Fehler im Titel ihm nicht auf: das Wort 'Behinderte' nämlich, weil es durch und durch Behinderte nicht gibt. Gemeint sind an sich völlig normale (aber was ist schon 'normal' - bei Dummies gibt's die 5-%-Frau und den 95-%-Mann) Menschen - nur eben mit mehr oder weniger starken Einschränkungen in bestimmten Bereichen. Und genau da, wo ihre Einschränkungen sich auswirken, brauchen sie manchmal (und nicht immer!) Hilfe. - Sonst zwar manchmal auch - aber so, wie alle Menschen manchmal Hilfe brauchen; die Frau mit Kinderwagen vor der Treppe etwa, irgend wer packt halt mit an.
Klar: Behinderungen fallen auf. So merkt der gemeine Nibi gar nicht, dass er erst mal Frau Müller oder Herrn Meier oder wie sie heißen mögen gegenüber steht. Womit wir beim Thema Einstellung sind; Einstellung gegenüber anderen Menschen - ein Handicap rechtfertigt eine Ausnahme nicht. Nächstens sollte kler sein: wer sich mit seinem Handicap in der Öffentlichkeit allein bewegt - kommt damit klar, führt meist ein selbständiges Leben.
Von dem aber der gemeine Nibi kaum was weiß - also davon, wie es sich mit diesem Handicap lebt. Klar: so kommt eigene Unsicherheit hoch; ein Gefühl, das niemand liebt.
Nun hole ich mal etwas aus: es gibt eine Reaktionskette Unsicherheit erzeugtz Angst erzeugt Aggression. Wie alles, was sich entwickelt, aufbaut, lässt auch diese 'Kette' am einfachsten sich am Anfang stoppen. Und da Unsicherheit mit Unkenntnis zu tun hat, ergibt sich auch schon das Ziel - nämlich Kenntnis zu gewinnen, mittels Fragen oder schlicht Gewöhnung.
Noch eine 'Fremdheit' gibt es. Wenn zwei einander fremde Menschen im Alltag sich gegegnen, die aus dem selben Kulturkreis stammen, kennen beide die üblichen Verhaltensmuster nebst ihrer Bedeutung - wie Begrüßungsformeln, Reaktionen auf versehentliche Rempler und dergleichen; für viele Alltagssituationen gibt es fast schon ritualisierte Verhaltensmuster, Gestik und Mimik eingeschlossen, aber auch oft unbewusst (was Alltagsbegegnungen sehr erleichtert). Wenn aber diese Muster nun nicht 'stimmen'? So mag hier der mit Daumen und Finger geformte Kreis 'Top' bedeuten, sich dort aber auf eine unappetitliche Körperöffnung beziehen .. Allein die Schwierigkeit, einen Sprachbehinderten zu verstehen, mag für Irritation sorgen; mit einem Rollifahrer kann ich nur dann in Augenhöhe reden, wenn ich selber auch sitze - und so weiter.
Zum Glück ist mensch ja sprachbegabt; tauchen Irritationen auf, lassen die sich deshalb durch Frage(n) und Antwort(en) zumeist klären. Übrigens schließt das Fragen zu Behinderungen ein, selbst solche aus Neugier, sofern die sich mit menschlichem Interesse paart. Kinder aber dürfen immer nur neugierig sein und Betroffene fragen - die also nicht wegziehen, sondern fragen lassen; Eltern dürfen natürlich darauf achten, dass sie dei Regeln der Höflichkeit einhalten bzw. bei dieser Gelegenheit lernen. - Zwei kleine anekdotenhate Beispiele: Dr. P. - 'dank' seiner Glasknochen im Wachstum zurück geblieben sah er ein wenig wie ein Gnom aus. Er hatte einen Vortrag gehalten, zum anschließendem Beisammensein kam ich mit meinem damals 3jährigen Sohn dazu. Der krähte prompt heraus: "Bist du Rumpelstielzchen?" Mama schämte sich natürlich, P. amüsierte sich köstlich (ich übrigens auch). Meine Frau, ausgebildete Sozialarbeiterin und Spastikerin machte ein Praktikum und bekam dort mit z.T. verhaltensauffälligen Kindeern zu tun. Denen nun erklärte sie ihre Behinderung, führte die Auswirkungen teils auch vor (manches macht sie eben anders).Unbeabsichtigter Nebeneffekt: der Gebrauch des Schimpfwortes 'Spasti' sank gegen Null.
Zurück zu Alltagssituationen, in denen wer infolge eines Handicaps Hilfe brauchen mag. Das kann das alte Mütterchen sein, das sich mit schweren Einkaufstüten abschleppt. Da frage ich, wenn ich ihr helfen möchte, ja auch, ob ich ihr die Last abnehmen darf (und wohin damit). Vielleicht will sie nicht - ob aus Angst vor Diebstahl oder weil sie ihre Selbständigkeit in diesem Punkt nicht abgeben will geht mich schon nichts mehr an.
Also: freundliche Ansprache nebst Angebot der Hilfestellung - und wo ich nicht weiß, wie, frage ich halt nach. Ist die Hilfe dann gegeben, war's das auch schon. Nur nicht aufdrängen: ein Blinder findet auch so die Tür ('1/2 Schritt weiter links' darf aber helfen, anfassen ist nie nötig - außer, sie bitten darum). Spastiker zeigen oft Bewegungsabläufe, die sie besoffen scheinen lässt - genauer hingucken halt. Rollifahrer können durchaus in der Lage sein, im Rolli allein eine Treppe hinauf und hinunter zu kommen (nicht alle, hängt vom Trainingszustand und den noch nutzbaren Muskeln ab). Gehörlose haben meist Lippenlesen gelernt - dazu aber müssen sie die Lippen aber auch sehen können, was auch für die Schwerhörigen eine Hilfe ist, die Lippenlesen nie gelernt haben.