Das gilt als widerlegt. In der großangelegten Nurses' Health Study hatten Walter Willet, Ernährungswissenschaftler an der Harvard University und seine Kollegen bereits Anfang des Jahrtausends aufgedeckt: Die Höhe des Fettverzehrs ist nicht mit einem höheren Krankheitsrisiko verbunden. Bestätigt wurden die Funde vom US-amerikanischen "Women's Health Initiative Dietary Modification Trial" im Jahr 2006.
Die Ergebnisse sprachen dafür, dass ein verminderter Fettverzehr Herzkrankheiten nicht verhindert. 50.000 Frauen mittleren Alters wurden in diesem Mammutprojekt dazu angehalten, acht Jahre lang fettarm zu speisen. Es gelang ihnen, im Schnitt nur 29 % ihrer Gesamtkalorien in Form von Fett aufzunehmen, während die anderen Probandinnen auf die für die USA üblichen 35 % kamen. Ergebnis: Weder hatten die Fettabstinenzlerinnen an Gewicht verloren, noch unterschied sich ihr Cholesterinspiegel von dem der anderen Frauen.
Versch. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) mahnen trotzdem, man solle sich das Fett vom Munde absparen, auch wenn sich dieser Rat im Wesentlichen auf Fleischund Milchprodukte bezieht. Dafür könne man bei Brot, Reis, Kartoffeln und Nudeln ruhig großzügig zugreifen. Und das machen die meisten Menschen auch intuitiv, schließlich muss man ja von irgendetwas satt werden.
Bei Kindern, die fettarm ernährt wurden, beobachteten Epidemologen wie Jakob Linseisen am Helmholtz Zentrum München, dass sich ihr Zuckerkonsum stark erhöhte. (Also der der Kinder, nicht der der Forscher ;-)) Annett Hilbig, Ernährungswissenschaftlerin am FKE, spricht von der "Fett-Zucker-Schaukel". Doch wer zu viele einfache Kohlenhydrate statt Fett zu sich nimmt, erhöht sein Risiko, eine Herzkrankheit zu entwickeln. Das hat eine niederländische Studie 2007 aufgedeckt. Denn nicht nur Zucker, auch Reis, Nudeln & Co werden im Körper flugs zu Glukose (Traubenzucker) abgebaut, die die Blutbahn überschwemmt. Als Gegenspieler wird Insulin ausgeschüttet, das die Glukose in die Zellen schleusen soll.
Bei ständigem Zuckernachschub (nach Süßkramgenuss steigt der Glukosepegel sprunghaft an, um danach in ein tiefes Tal zu fallen - in diesem Tal bekommt man Heißhunger auf Süßes und so geht die gefährliche Zuckerkurve wieder von vorne los, den ganzen Tag, jahrelang...) entsteht eine sog. Insulinresistenz in den Zellen: Sie werden unempfindlich für Insulin, der Zucker verbleibt im Blut, was schließlich zu Diabetes führt.
Dazu kommt: Aus dem nichtverbrannten Zucker macht die Leber Fett, was die Blutfettwerte verschlechtert - alles Risikofaktoren für einen Herzinfarkt.
In den Industrienationen wird immer weniger Fett gegessen, gleichzeitig nimmt der Anteil der Übergewichtigen zu. Jetzt wisst ihr - das ist kein Paradoxon!
"Fettarme Diäten führen also keineswegs zu einer lang anhaltenden Gewichtsreduktion - und das Herzinfarktrisiko steigt mit einer solchen Ernährung eher an", folgert Nicolai Worm, Ernährungswissenschaftler in München. Was man weiß: Die traditionelle mediterrane Diät schützt vor Herzkrankheiten. Doch die ist reich an Pflanzenölen und damit keineswegs fettarm. In Spanien bspw. besteht das Essen zu 40 % aus Fett.
"Mehr Fett, vor allem in Form ungesättigter Fettsäuren (pflanzliches Fett also), dafür weniger Zucker und Stärke - das hilft vor allem übergewichtigen, insulinresistenten Menschen, die wenig Sport treiben", erklärt Worm. "Schlanke, fitte Menschen müssen generell weniger auf ihre Ernährung achten"
Denn Diäten sind Essenspläne für Kranke, nicht für ganz normale Menschen!
Quelle: aktuelle bild der wissenschaft, S.22 ff