Hallo evian1, Du scheinst Dich ja gerade intensiv mit der Internatsthematik auseinanderzusetzen!? Vor- und Nachteile des Internatslebens würde ich folgendermaßen abwägen:
Grundsätzlich: Internate sind kein Luxus-Artikel, den man sich gönnt, wenn man es sich leisten kann. Zwar werden gewisse Institute inzwischen so vermarktet, doch versucht man auf diese Weise nur das ramponierte Image der Internate aufzuwerten.
Bis etwa in die 1960er Jahre hinein waren Internate in Deutschland ein notwendiges Übel, da es vor allem in ländlichen Regionen zu wenige weiterführende Schulen gab. Viele gut begabte Kinder und Jugendliche konnten nur dann ein Gymnasium oder eine Realschule besuchen, wenn sie in ein Internat eintraten. Mit dem flächendeckenden Ausbau des Angebots an höheren Schulen büßten die Internate die Funktion der Heranbildung einer geistigen Elite weitgehend ein und wurden zu „Lazaretten für Schulversager“.
Die ganz teuren Internate wie etwa die Deutschen Landerziehungsheime (z.B. Salem, die Odenwaldschule, die Hermann-Lietz-Schulen usw.) hatten von Anfang an die Funktion, Problemkinder aus besseren Kreisen aufzufangen. Sie konnten die elitären Ziele ihrer Gründer deshalb nie einlösen. Auch die Gründerpersönlichkeiten waren übrigens oft gesellschaftliche Außenseiter oder sogar psychisch krank. So heißt es von Kurt Hahn, dem Mitbegründer Salems, er sei manisch-depressiv gewesen. Andere waren nachweislich Päderasten.
Wer in einer intakten Familie lebt und in der Schule etwas leistet, wechselt nach meiner Erfahrung normalerweise nicht in ein Internat. Die angeblichen Vorteile des Internatslebens werden zumeist von denjenigen gepriesen, die familiäre, psychische oder schulische Probleme haben, dieses aber nicht offen zugeben wollen oder können. Als Tarnmotive für den Wechsel ins Internat werden in solchen Fällen dann gern die angeblich schlechte Qualität der staatlichen Schulen oder eine fehlende individuelle Förderung von Begabungen vorgeschoben, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sind.
Mittlerweile ist eine neue Problemgruppe von geltungssüchtigen Nichtskönnern entstanden, die ihre Vita gern mit dem Besuch einer angeblichen „Eliteschule“ schmücken wollen bzw. darauf hoffen, von den Ehemaligen-Netzwerken der Nobelinternate beruflich profitieren zu können. Hier wird der Leistungswettbewerb einer offenen Leistungsgesellschaft unterlaufen und die Erneuerung der Eliten verhindert, indem mittelmäßige Absolventen von Luxus-Internaten den Vorzug erhalten vor besseren Bewerbern ohne entsprechende Beziehungen.
Eine Ausnahme stellen vielleicht extrem Hochbegabte bzw. auf bestimmten Gebieten besonders Talentierte dar, die an ihrem Heimatort nicht angemessen gefördert werden können, aber großen Ehrgeiz besitzen, ihr Begabungspotenzial voll zu entwickeln. Vor allem Leistungssportler gelangen mit Hilfe einer Eliteschule des Sports samt angeschlossenem Internat wesentlich leichter an die Spitze. Ähnliches kann man von musikalisch außergewöhnlich Begabten sagen.
Hochleistende bzw. intellektuell allgemein Hochbegabte profitieren dagegen in relativ geringem Maße von einer Erziehung in Eliteinternaten. Wie Längsschnittstudien aus den USA beweisen, erzeugt die Förderung von hochintelligenten Schülern unter besten Bedingungen keinen höheren Output an Nobelpreisträgern oder anderweitig Erfolgreichen als das normale Bildungswesen. Besonders gediegene Rahmenbedingungen nach dem Motto „Schöner lernen in der Schule Schloss XY“ wirken sich sogar leistungsmindernd aus, weil hier junge Menschen mit Privilegien ausgestattet werden, die sie sich noch nicht durch eigene Leistungen verdient haben (Problem der Verwöhnung).
Wie man inzwischen gelernt hat, sind selbst sehr gut begabte SchülerInnen der sich verschärfenden Konkurrenz in einem Eliteinternat oft nicht gewachsen. In ihrer alten Umgebung waren sie i.d.R. die „Stars“. Es fiel ihnen relativ leicht, ihren Rang als „Klassenprimus“ zu behaupten. In einem Internat für hochleistende Hochbegabte treffen sie dagegen auf Kameraden, die mindestens ebenso leistungsfähig oder ihnen sogar weit überlegen sind. Man muss einfach wissen, dass sich in jeder Lerngruppe eine Art Rangordnung ausbildet. Übertriebener Leistungswettbewerb und ungezügelter Ehrgeiz können zu psychischen Erkrankungen oder charakterlichen Fehlentwicklungen führen.
Ein grundsätzlicher Nachteil des Internats ist sein Charakter als „totale Institution“. Gemeinschaftsleben, Gruppenzwang, vollständige Verplanung des Tagesablaufs und die Entstehung von Subkulturen mit vom „offiziellen Internatsleben“ abweichenden Normen führen vielfach zu einer Art Doppelmoral oder Gehirnwäsche, die der Charakterbildung keineswegs förderlich sind. Oft wird behauptet, das Internatsleben mache „selbständig“. Diese Behauptung steht in merkwürdigem Kontrast zu dem Internatsleben selbst, das den einzelnen eher hospitalisiert, nämlich von morgens bis abends reglementiert und durch Personal „betreut“. Andererseits zwingt das Gemeinschaftsleben natürlich zur Rücksichtnahme und sozialen Anpassung, vermittelt also bestimmte „soziale Tugenden“. Das ist allerdings in Gangsterbanden nicht anders.
Ob man von einem Internatsaufenthalt profitiert, hängt sehr wesentlich von den individuellen Voraussetzungen und Persönlichkeitsmerkmalen ab. Sensible und introvertierte Charaktere, die sog. „Individualisten“ oder auch „Opfertypen“, sind in Internaten oft sehr unglücklich. Extravertierte Charaktere, die den allgemeinen Normen ihrer „Peergroup“ entsprechen, genießen dagegen das Internatsleben meistens sehr.
Ich könnte noch auf viele Punkte eingehen, will es aber erstmal bei dieser allgemeinen Darstellung belassen.
Viele Grüße U. Lange
Sehr geehrter ULange, was Sie hier schreiben ist absolut unmöglich. Ich bin selber Schüler in Salem und weiß wie es hier zugeht. Keines ihrer Statements, die sie über das Internat Schloss Salem behauptet haben, trifft zu. In Salem gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen den Stipendiaten und den andren Schülern (Weder die Schulsprecher, noch der Ess-Saal-Kaptiän sind Stipendiaten). Jeder Schüler, ob Stipendiat oder nicht-Stipendiat engagiert sich für die Schule, manche mehr und manche weniger, doch es gibt keine zwei Gruppen von Schülern. Außerdem kann man nicht immer im Allgemeinen sagen, dass Stipendiaten gute Schüler sind! Die Stipendiaten werden weder missbraucht, noch sind sie immer die Klassenbesten. Ich finde ihre Ausdrucksweise unmöglich und vor allem unpassend. In einem gewissen Sinne schäme ich mich durch ihren Beitrag für meine Schule und für allem für sie. Wie können sie nur Dinge behaupten, die einfach nicht der Wahrheit entsprechen und nebenbei andere Leute zutiefst beleidigen? Ich finde es unverschämt uns in so einer Weise niederzumachen und fühle mich fast gekränkt. ("Lazaretten für die armen Kinder reicher Leute", "Wohlstandsverwahrlosten" und "Bootcamp für Schwererziehbare"). Ich bitte Sie darum sich für diese Vorwürfe und Beleidigungen zu entschuldigen. Bevor sie das nächste Mal solche Kommentare abgeben, wäre es sinnvoll, sich die Schule anzuschauen und mit den Schülern und Lehrern zu reden (die sich hier wohlfühlen und gerne hier sind).
Mit freundlich Grüßen, eine in Salem glückliche Schülerin