Frage von Jazz2k, 40

Was ist der Zusammenhang zwischen Utilitarist, Ethiker und Kategorischer Imperativ?

Hallo, ich habe eine Schwierigkeit einen Zusammenhang - sofern der bestehen sollte, zwischen einen Handels/Regelutilitarist, dem kategorischen Imperativ und dem Tugend/Deontologischen/Konsequentiale Ethik zu finden. Ich meine, dass der Tugend/Deontologische/Konsequentiale Ethiker ein Oberbegriff für einen Utilitarist oder dem kategorischen Imperativ ist. Während der kategorische Imperativ von Immanuel Kant sich nach der deontologischen Ethik orientiert, soll der Utilitarist nach dem maximalen Glück streben und ist somit der konsequentialen Ethik untergeordnet. Das ist ein wenig verwirrend, weil es so viele Fachbegriffe sind. Aber liege ich mit meiner These richtig?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 36

Richtig ist die These, wenn damit gemeint ist, ein Ethiker (allgemein; ohne einen Zusatz, der eine Einschränkung auf eine bestimmte Art von Ethik ausdrückt) sei ein Oberbegriff zu einem Utilitaristen, einem deontologischen Ethiker, einem Tugendethiker oder einem Vertreter einer noch anderen Art von Ethik.

Genauer ausgedrückt ist die den kategorischen Imperativ enthaltende Ethik eine deontologische Ethik. Der Utilitarismus ist eine konsequentiale Ethik/ist der konsequentialen Ethik zuzuordnen.

Streben nach maximalem Glück allein bedeutet nicht eindeutig eine konsequentiale Ethik (das folgernde „somit“ ist daher nicht richtig). Eine konsequentiale Ethik ergibt sich nur bei einer Verbindung mit bestimmten weiteren Grundsätzen, mit denen die Folgen einer Handlung zum Kriterium/Maßstab werden. Streben nach maximalem Glück kann auch Bestandteil anderer Ethiken sein. Dazu gehört die Tugendethik. Und bei Immanuel Kant ist Glück immerhin auch etwas Gutes und ein Ziel. Allerdings hält er Glück als Grundlage der Ethik für ungeeignet.

In der Ethik gibt es verschiedene grundsätzliche Ansätze/Standpunke/Auffassungen. In der Fragebeschreibung werden auf einer sehr allgemeinen Ebene drei davon genannt:

  • Tugendethik
  • deontologische Ethik/Pflichtethik (Immanuel Kant mit dem kategorischen Imperativ gehört dazu als ein besonders wichtiger Vertreter)
  • konsequentiale Ethik/Konsequenzethik/Konsequentialismus (Utilitarismus ist eine Hauptart davon)

 
Deontologische Ethik/Pflichtethik und konsequentiale Ethik/Konsequenzethik/Konsequentialismus sind entgegengesetzte Auffassungen darin, ob ein in der Handlung selbst liegendes Prinzip oder die Folgen einer Handlung Maßstab sind, eine Handlung als gut zu beurteilen. Bei der Tugendethik geht es um einen Gesichtspunkt, der sich auf etwas anderes bezieht als die Frage, zu der deontologische Ethik/Pflichtethik und konsequentiale Ethik/Konsequenzethik/Konsequentialismus gegensätzliche Ansätze sind. Inhaltlich enthält Tugendethik Auffassungen, die teils mehr mit deontologischer Ethik/Pflichtethik, teils mehr mit konsequentiale Ethik/Konsequenzethik/Konsequentialismus übereinstimmen.

Tugendethik

Mit Tugend wird eine vorzügliche Eigenschaft bezeichnet. In einer Tugendethik geht es um das Anstreben des Guten (griechisch τὸ ἀγαθόν) aus einer inneren Einstellung heraus. ἀρετή (arete), das griechische Wort für Tugend, drückt Vortrefflichkeit aus (sehr wörtlich genommen steht es für etwas, das am besten ist – Bestheit). Damit ist auch Tüchtigkeit und Tauglichkeit gemeint, während das deutsche Wort „Tugend“ oft teils mit moralistischem Reglementieren, teils mit bloß funktionellen Qualitäten verbunden ist. Tugendethik richtet ihre Aufmerksamkeit auf das Gute bei Personen und ihre innere Einstellung. Tugend wird um ihrer selbst willen erstrebt und führt zum Glück (εὐδαιμονία [eudaimonia). In der Tugendethik geht es um etwas inhaltlich Wertvolles.

deontologische Ethik/Pflichtethik

Für die Beurteilung einer Handlung ist ausschlaggebend/entscheidend, ob ein in ihr liegendes Prinzip einem Prinzip entspricht, das als Pflicht/das Gesollte verstanden wird, und ob die Handlung aufgrund dieser Verpflichtung/diesem Sollen ausgeführt wird. Handlungen werden unabhängig von ihren Folgen als gut oder schlecht bzw. richtig oder falsch beurteilt.

konsequentiale Ethik/Konsequenzethik/Konsequentialismus

Für die Beurteilung einer Handlung (als gut oder schlecht bzw. richtig oder falsch) sind ihre Folgen (Konsequenzen) ausschlaggebend/entscheidend. Es gibt kein in einer Handlung liegendes Prinzip, das unabhängig von den Folgen unbedingt eingehalten werden muß.

Kommentar von Albrecht ,

Immanuel Kant als Vertreter einer deontologischen Ethik/Pflichtethik

Kant beginnt sein Werk mit dem Gedanken: Nichts kann für uneingeschränkt gut gehalten werden als allein der gute Wille. Moralisch gut versteht er als um seiner selbst willen gut.

Der Wert einer Handlung liegt in Kants Ethik nicht in einer Wirkung, die als Folge der Handlung erwartet und möglicherweise erreicht wird, sondern in einem Prinzip. Um uneingeschränkt gut zu sein, muß die Vorstellung eines Gesetzes, das eine allgemeine Gesetzmäßigkeit der Handlungen überhaupt ist, Bestimmungsgrund des Willens sein.

Bei Kant wird die Maxime (der subjektive Grundsatz) einer Handlung beurteilt. Was als uneingeschränkt gut gelten kann, tritt als guter Wille auf. Dies bedeutet nicht, bloße Gesinnung sei ausreichend und ein Bemühen um eine Verwirklichung der guten Absichten sei nicht erforderlich. Aber die Folgen sind in moralischer Hinsicht nicht ausschlaggebend.

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785/2. Auflage 1786). Erster Abschnitt. Übergang von der gemeinen sittlichen Vernunfterkenntniß zur philosophischen (AA IV 393/BA 1):  

„Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785/2. Auflage 1786). Erster Abschnitt. Übergang von der gemeinen sittlichen Vernunfterkenntniß zur philosophischen (AA IV 394/BA 4):  

„Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zu Erreichung irgend eines vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen, d. i. an sich, gut und, für sich selbst betrachtet, ohne Vergleich weit höher zu schätzen als alles, was durch ihn zu Gunsten irgend einer Neigung, ja wenn man will, der Summe aller Neigungen nur immer zu Stande gebracht werden könnte. Wenn gleich durch eine besondere Ungunst des Schicksals, oder durch kärgliche Ausstattung einer stiefmütterlichen Natur es diesem Willen gänzlich an Vermögen fehlte, seine Absicht durchzusetzen; wenn bei seiner größten Bestrebung dennoch nichts von ihm ausgerichtet würde, und nur der gute Wille (freilich nicht etwa als ein bloßer Wunsch, sondern als die Aufbietung aller Mittel, so weit sie in unserer Gewalt sind) übrig bliebe: so würde er wie ein Juwel doch für sich selbst glänzen, als etwas, das seinen vollen Werth in sich selbst hat. Die Nützlichkeit oder Fruchtlosigkeit kann diesem Werthe weder etwas zusetzen, noch abnehmen.“

Pflicht bestimmt Kant als die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz. Nur ein praktisches Gesetz der Vernunft, das allgemeine Gesetzmäßigkeit an sich darstellt, kann Gegenstand der Achtung und ein Imperativ (ein Gebot) sein.

Immanuel Kant lehnt Glück als Prinzip der Moralität/Sittlichkeit ab. Seiner Auffassung nach ist Glückseligkeit und das Streben/Verlangen nach ihr als Grundlage der Ethik ungeeignet. Kant hält Glückseligkeit durchaus für ein Gut und ein Ziel. Das höchste Gut besteht nach Kant in der Übereinstimmung von Glückseligkeit und Glückwürdigkeit, bei der die Tugendhaften entsprechend ihrer Tugend belohnt werden.

Jedoch hält Kant es für falsch und unmöglich, aus der Glückseligkeit als Bestimmungsgrund ein moralisches/sittliches Gesetz herzuleiten. Sein Glück zu fördern geschehe schon ganz natürlich aus Selbstliebe. Ein Streben nach Glück (eine Absicht auf Glückseligkeit) sei allgemein bei allen vernünftigen Wesen nach einer Naturnotwendigkeit vorhanden. Für das Erreichen der Glückseligkeit liegen hypothetische Imperative zugrunde. Es handelt sich um Vorschriften der Klugheit (Geschicklichkeit in der Wahl der Mittel zum eigenen Wohlergehen/Wohlbefinden). Eine Handlung ist dabei nicht um ihrer selbst willen geboten, sondern als Mittel zu einer anderen Absicht. Dies enthält keine Bestimmungsgründe des Wollens, die objektiv und allgemeinverbindlich Gültigkeit als gut beanspruchen können; das Gute würde aufgrund von ihnen nicht notwendig getan.

Glückseligkeit mangelt es nach Kants Aufassung für ein moralisches Gebot an Allgemeinheit und fester Stabilität. Kant weist darauf hin, daß Glückseligkeit ein unbestimmter Begriff ist. Der Sache nach geht es darum, daß Glück nicht direkt angesteuert werden kann. Die Elemente (Bestandteile), die Menschen anstreben können, um zum Glück zu gelangen, indem sich dies einstellt/ergibt, sind empirisch (der Erfahrung entlehnt). Wegen der Begrenztheit menschlichen Wissens ist es nicht möglich, einen bestimmten Begriff als Bestimmungsgrund des Willens mit völliger Gewißheit aufzustellen, der einen Menschen wahrhaft glücklich machen wird. Nichts kann unter allen Umständen, immer und überall, mit Sicherheit nur Angenehmes und nichts Unangenehmes mit sich bringen.

Kommentar von Albrecht ,

Utilitarismus als eine Hauptart der konsequentialen Ethik/der Konsequenzethik/des Konsequentialismus

Utilitarismus kann es in verschiedenen Arten geben. Grundlegend ist immer der Nutzen, der in den Folgen einer Handlung liegt.

Beim Handlungsutilitarismus wird nach den Folgen einer einzelnen Handlung beurteilt. Beim Regelutilitarismus haben auch Handlungsregeln eine gewisse Bedeutung für die Beurteilung (dadurch nähert er sich ein Stück weit der Tugendethik und der Pflichtethik an).

Beim Präferenzutilitarismus sind die Präferenzen (eine Präferenz [Bevorzugung, Vorliebe, Begünstigung] ist etwas, das jemand gegenüber anderen vorzieht (lateinisch praeferre = vorziehen), die in den Wünschen und Interessen vorliegen, Grundlage der Ethik. Statt auf Maximierung von Glück/Lust/Freude bzw. Minimierung von Unglück/Schmerz/Leid/Unlust kommt es auf die maximale Erfüllung von Präferenzen an.

Der „klassische“ Utilitarismus, wie er von Jeremy Bentham und John Stuart Mill vertreten wird, enthält als Grundsätze:

a) Konsequentialismus: Die Beurteilung, was in ethischer Hinsicht gut ist, hängt von den Folgen einer Handlung ab. Die Folgen können individuelle oder gesellschaftliche Folgen sein, je nachdem wer von Folgen einer Handlung betroffen ist. Da Menschen gewöhnlich nicht isoliert leben, ist meistens nicht nur der sich entscheidende einzelne Mensch betroffen, sondern eine mehr oder weniger große Anzahl.

Prinzipien um ihrer selbst willen, innere Beweggründe, ein guter Wille oder Ähnliches sind für die Bewertung einer Handlung nicht entscheidend/ausschlaggebend/maßgeblich.

b) Nützlichkeitsprinzip: Handlungen werden nach ihrer Nützlichkeit beurteilt. Es geht um gute Folgen, aber das Nützliche ist eine Zweck-Mittel-Beziehung und bedarf zu einer inhaltlichen Bestimmung eines Kriteriums/eines Maßstabes. Inhaltlich aufgefüllt wird das Nützlichkeitsprinzip mit einer Theorie des Guten: Eine Handlung ist moralisch richtig, wenn sie das Glück fördert/vermehrt (die Tendenz dazu hat, also in diese Richtung geht) und falsch, wenn sie in der Summe ihrer Folgen Unglück hervorruft.

c) Eudaimonismus: Glück (griechisch εὐδαιμονία [eudaimonia]) ist das höchste Lebensziel.

d) Hedonismus (griechisch ἡδονή [hedone] = Lust, Freude, Vergnügen, Genuß): Der Nutzen wird als Glück bestimmt und dieses als Lust bzw. Freude, Annehmlichkeit, Gefälliges oder Ähnliches.

e) Universalität (ein Prinzip der Allgemeinheit): Alle sind zu berücksichtigen, das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl ist anzustreben.

Jeremy Bentham nimmt als Ausgangspunkt: Menschen streben Glück/Lust/Befriedigung an und möchten Unangenehmes/Schmerz/Leid vermeiden. Die Menschen sind grundsätzlich gleichberechtigt („Jeder zählt für einen und keiner mehr als für einen."). Die grundlegende Orientierung und das Motiv ist für die einzelnen Individuen die eigene Befriedigung/das eigene Wohlbefinden. Auch die Interessen anderer Menschen werden berücksichtigt (Wohlwollen und eine Art Sozialprinzip), aufgrund der Vernunft (wohlverstandenes Eigeninteresse) und gegebenenfalls durch Sanktionen (Strafen bei Nichtbeachtung) nahegelegt.

Glück wird als ein Empfindungsglück verstanden. Maßstab in der Ethik ist die Menge dieses Glücks. Damit ist ein quantitatives Kriterium aufgestellt. In einem hedonistischen Kalkül wird nach Bentham zusammengerechnet/abgewogen, was von einer Handlung an Glück zu erwarten ist. Empfindungen der Lust/Freude werden dabei hinzugefügt, Empfindungen der Unlust/des Schmerzes/des Leides abgezogen.

Kommentar von aurata ,

Jeder, der eine Frage stellt und von dir eine Antwort bekommt, kann sich glücklich schätzen! Eine großartige Antwort (wie immer). :-)

Antwort
von XXpokerface, 40

Für den Utilitaristen, der nach dem größten Glück strebt, ist es egal, wie er es erreicht, hauptsache die meisten sind glücklich und das Leid einzelner wird in Kauf genommen. Für Kant zählt aber alleine die Absicht.

Kommentar von Jazz2k ,

hmm, ok.. aber sind die verschiedenen Ethiken der Oberbegriff dessen?

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