Glaubhaften Medienberichten zufolge wählen unsere Schüler(innen) wieder vermehrt das Fach Latein. Ich erinnere mich noch, wie ich jahrelang auf einsamer Stelle stehend die Bedeutung dieser "toten" Sprache in meinem Umkreis verteidigt habe, insofern freut mich diese Tatsache. Dass Latein für Germanistik, Medizin, Theologie und Jura verlangt wird, dürfte bekannt sein; aber nicht alle Schüler(innen) wollen diese Fächer jetzt studieren... Also: Nachdem Latein jahrzehntelang "verpönt" war, ist die Sprache jetzt wieder "im Aufwind". Wie steht Ihr dazu? Welche Gründe haben möglicherweise zu dieser Entwicklung geführt?

Latein hat mir in meinem Leben sehr geholfen. Und ich bin kein Jurist oder Mediziner, sondern Ingenieur. Aber ich habe festgestellt, dass ich privat mit der romanischen Basis recht gut italienisch und spanisch verstehe, zumindest den Sinn, wenn langsam geredet wird. Dieses Verständnis war für mich in meinem Leben so wichtig, dass ich vor ein paar Jahren russisch gelernt habe, um zumindest eine slawische Basis zu haben. Pauschal glaube ich sagen zu können, dass mir Latein die Möglichkeit gegeben hat, gleichzeitig mehrere Sprachen zu verstehen (ich habe auch französisch und natürlich englisch gelernt).

Möglicherweise kommt zu den erwähnten Gründen für diese Fächerwahl (Modeerscheinung, langfristiger Nutzen in bezug auf logisches Denken allgemein und die Erlernung romanischer bzw. indogermanischer Sprachen im besonderen) noch der - für manche Schüler leider fatale - Glaube hinzu, Latein sei wegen seiner scheinbaren Einfachheit ein leichtes Einstiegsfach.
Auch wenn man berücksichtigt, daß nur das "klassische" Latein in der Schule gelehrt wird, bleiben immer noch genügend grammatikalische Ausnahmen und idiomatische Sonderfälle, um Latein in den höheren Schuljahren zu einem recht biestigen Fach zu machen. Nepos, Cicero, Ovid, Tacitus ... verwenden anderen Wortschatz und andere Stilmittel - natürlich! Das alles muß mitgelernt werden und benötigt Kapazitäten, die u.U. dann für andere Fächer fehlen.
Ich plädiere hier nicht gegen Latein, sondern dafür, sich vorher lieber ausführlich mit den Anforderungen dieses Unterrichtsfachs intensiver zu beschäftigen, um besser beurteilen zu können, ob es die richtige Wahl für das eigene Kind ist.
Pendel schlagen auch immer wieder zurueck. Meine Generation freute sich, keine Kravatte tragen zu muessen, auch bei der Arbeit (ausser Bankschalter). Heute sind die Jungen wieder stolz mit unterwegs. Moden, Vorlieben gehen und kommen.

Latein als zweite Fremdsprache zu wählen erachte ich nach wie vor als beste Entscheidung meiner Schullaufbahn.
Dieses Grundverständnis für das System Sprache und für Grammatik allgemein hättet ich ohne Latein nicht oder doch schwieriger erlangt. Außerdem existieren kaum Fremdwörter, wenn man das Latinum hat, da man sich fast alles herleiten kann. Ebenso kann ich mir fast alle geschriebenen (nicht gesprochenen) Texte auf spanisch, italienisch, portugiesisch oder rumänisch (französisch ja sowieso) übersetzen, da diese Sprachen vom Lateinischen abstammen. Ganz davon abgesehen, dass ich es auch fürs Studium gebraucht habe und dass es einfach Spaß macht, sich mit dieser komplexen Sprache zu befassen.
Wo allerdings dieses große Interesse momentan herrührt, kann ich mir auch nicht so recht erklären. Vielleicht ist es, wie Bruno mit den Krawatten erklärt hat, irgendwie "schick", sich auf alte Werte oder Ideale zurückzubesinnen; vielleicht haben auch Eltern selbst gute Erfahrungen mit Latein gemacht und möchten dies nun an ihre Kinder weitergeben; vielleicht hat man auch gemerkt, dass es eben nicht nur eine "tote" (weil nicht mehr gesprochene) Sprache ist, sondern der Grundstock zum Erlernen anderer (romanischer) Sprachen.

Es gibt weitaus mehr Bereiche wo u.a. das kleine o. große Latinum gebraucht wird. Zum Beispiel für Lehramt, was viele nach der Schule studieren wollen.

Also, mir hat Latein in meinem Leben schon einiges gebracht (gebe aber zu, dass ich auch Geschichte studiert habe). Ich fand aber immer, dass man durch Latein auch der deutschen Sprache näher kommt (zB Fremdwörtererklärung)und natürlich viel einfacher italienisch lernen kann. DEn neuen Hype finde ich zwar wünschenswert, weil ich glaube, dass man dadurch eben einen größeren aktiven Wortschatz erreicht, glaube aber, dass es sich bald wieder erledigt hat. Er ist doch entstanden, weil sich Stars wie Angelina Jolie lateinische Sprüche tätowieren lassen und wenn dieser Trend vorbei ist, wird es das auch mit dem Interesse an Latein sein....
Das kann ich mir auch nicht erklären! Ich jedenfalls habe seinerzeit Französisch vorgezogen und das auch nie bereut. Für einige wenige Berufsgruppen (Sprache , Medizin) könnte Latein auch in zukunft unvermeidlich sein, aber in unserem fortschreitend digitalen Leben sollte man allgemeinhin besser das Auslesen von binären Codes rechtzeitig lernen, als in einer toten sprache rumzuwühlen finde ich . Diverse Landessprachen habe ich jedenfalls auch so gelernt, ohne Sie wisschenftlich auseinanderzunehmen.
Eine Sprache ist erst tot, wenn sie niemand mehr spricht. Das bedeutet dann auch Verlust an Kultur.

Auch wenn Latein beruflich nur in wenigen Bereichen wirklich wichtig ist, ist das Erlernen dieser Sprache sinnvoll, insbesondere als erste Fremdsprache. Latein ist, auch wenn man spontan als Schüler keinen aktuellen Nutzen erkennen kann, eine nach ganz klaren und logischen Regeln aufgebaute Sprache mit ganz konsequenter Grammatik und funktioniert wie ein Baukasten. Der Lateinlehrer meiner Tochter (schon zu meiner Schulzeit an der Schule) bezeichnete Latein einmal als "Betriebssystem" für die europäischen Sprachen, da es die grammatikalischen Grundbestandteile für die anderen Sprachen enthalte. Und die Sprachen aller Länder, in denen die alten Römer als Besatzer waren (das waren viele), enthalten große Teile lateinischer abgewandelter Begriffe und Grammatik, die dann von Lateinschülern übernommen werden können.
Griechisch behielt seine Eigenstaendigkeit. In der Medizin haben viele Organbezeichnungen einen griechischen Stamm. Aber Latein haette mir ueberall besser geholfen, wie nun in Griechenland, wo ich 16 Jahre lebe. Also: Latein ist nie falsch.
Ich halte etwas, das Zugangsmöglichkeiten für eine geisteswissenschaftliche Bildung mit weitem (auch geschichtlichem) Horizont fördert, für begrüßenswert.
Gründe kann ich nicht mit Sicherheit angeben. Einerseits können praktische Überlegungen eine Rolle spielen. Latein ist eine Voraussetzung in einer Anzahl von Studienfächern und manche Eltern haben vielleicht eigene Erfahrung, wie anstrengend ein Nachholen in einem Sprachkurs während des Studiums sein kann. Bestimmungen über die Fächerwahl an Schulen können eine Abnahme oder Zunahme beeinflussen.
Durch die Hauptübersetzungsrichtung Fremdsprache -> Zielsprache kann Latein in der schulischen Praxis eine besondere Leistung für spachliche Fähigkeiten wie Strukturerkennung und Genauigkeit erbringen. Dies schätzen vielleicht einige als festes Gegengewicht mit formalem/logischem Denken, das zugleich mit inhaltlicher Bedeutung (gehaltvolle Lektüretexte) verbunden wird.
Als ich kürzlich in der Tagesschau den Sprecher von der Restaurierung des "codex aureus" berichten hörte und vernehmen musste, das der das Wort "aureus" falsch betonte, wurde mir bewusst, dass Latein eines zunehmenden Interesses weiterhin bedarf.- Ich bedanke mich bei Allen für die gelieferten Antworten.