Frage von RobertBecker, 24

Wurden in Deutschland vor 1941 Deutsche (Sütterlin) und Lateinische Schreibschrift parallel an Schulen gelehrt und angewandt?

Die Deutsche Schreibschrift (die Sütterlinschrift fällt in diese Kategorie) wurde 1941 im Deutschen Reich verboten. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde sie jahrhundertelang in Schulen im deutschsprachigen Raum gelehrt. Meine Mutter hatte im Schuljahr 1940/41 noch die Sütterlinschrift in der ersten Klasse gelernt, musste 1941 im neuen Schuljahr dann auf Lateinische Schreibschrift (also die Schrift, die wir heute lernen) umstellen. Eine meiner beiden Großmuttern, Jahrgang 1908, schrieb bis zu ihrem Tod 1988 Briefe ausschließlich in Lateinischer Schreibschrift. Sie hat diese mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in der Schule, also ca. 1914-1922, gelernt, und nicht erst nach 1941 (ich kann sie leider nicht mehr fragen). Sowohl meine Mutter als auch die genannte Großmutter gingen in dieselbe Volksschule am selben Ort, aber höchstwahrscheinlich bei unterschiedlichen Lehrern.

Nun meine Frage: wo und in welchen Schulen wurde im deutschsprachigen Raum vor 1941 die Lateinische Schreibschrift gelehrt? Hing das vom Lehrer oder von der Schule oder der Region ab? Angenommen, im Deutschunterricht wurde die Deutsche Schreibschrift angewandt. Wurde diese dann auch im Englisch- oder Französischunterricht verwendet? Kann ich mir kaum vorstellen - aber ließe sich daraus schließen, dass in Schulen, in denen eine Fremdsprache gelehrt wurde, immer auch die Lateinische Schreibschrift (parallel zur Deutschen) gelehrt wurde?

Antwort
von mulan, 11

Grundsätzlich gilt: bis 1941 war im deutschsprachigen Raum eine Zweischriftigkeit gegeben. Es wurde sowohl Kurrentschrift (deutsche Schreibschrift, deren vorletzte Stufe Sütterlin war, wobei dieses nur eine Schulausgangsschrift war) als auch Latainschrift gelehrt. Analog war das auch im Druckwesen. Die einen drückten Fraktur, die anderen Antiqua. Es gab in den Jahrzehnten zuvor einen regelrechten Streit um dir Schrift. Aber eines ist Fakt: Fraktur wurde bis 1941 mehrheitlich gedruckt. Si wurde auch der Duden bis dahin ausschließlich in Fraktur gedruckt. Die 1942er Ausgabe war dann ein Nachdruck der 1941er in Antiqua. ... Und ähnlich war es auch bei der Schreibschrift. Zuletzt war deutsche Schrift bzw. Kurrentschrift (aus der L. Sütterlin seine Schulausgangsschrift geformt hatte) Schulausgangsschrift Nr. 1. Zweite Schulausgangsschrift war die lateinische. Übrigens hatte Herr Sütterlin parallel auch ein lateinisches Alphabet geformt. Das ist weniger bekannt. Ab 1941 wurde nur Lateinschrift gelehrt. Was zuvor als "artfremd" bezeichnet worden ist, galt nun als "Normalschrift". ... Nach dem Krieg waren in einigen westdeutschen Ländern bis in die End-60er Jahre die deutsche Schrift noch einmal zumindest 2. Schulausgangsschrift, bevor das ganz aufhörte. Dann war nur noch Lateinschrift im Lehrplan.

Kommentar von RobertBecker ,

Was genau meinen Sie mit "Zweischriftigkeit"?  Wurde in jeder Schule jedem Schüler beides gelehrt? Wohl kaum. Oder war die Deutsche Kurrentschrift für jede Schule und jeden Schüler Pflicht, die Lateinische Kurrentschrift aber nur zusätzliches, freiwilliges Lehr- und Lernangebot an manchen Schulen?

Kommentar von mulan ,

Seit der Zeit der Humanisten gab's in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum tatsächlich beide Schriftarten. Goethe z.B. hatte mal deutsch und mal Lateinschrift geschrieben. Zumindest ab1935 war deutsche Schrift 1. und die lateinische 2. Schulausgangsschrift. Näheres findet man u.a. bei Wikipedia. Schau auch mal nach Schriftenstreit.

Ob im Druck oder in der Handschrift: es gab beides, nicht selten sogar gemischt. In Kurrenttexten bzw. Frakturtexten konnten lateinische oder französische Zitate pp. auch im Lateinschrift stehen. Auch Personennamen sind oft in Lateinschrift geschrieben worden. Kirchenbücher belegen das oft. Ich habe schon Dokumente gesehen, wo ein lateinisches Wort in Lateinschrift geschrieben stand inmitten eines Kurrenttextes, die deutsche Endung dieses Wortes aber dann auch wieder in Kurrentschrift stand. ... Mein Eindruck ist der, dass in Druck und Handschrift aber die deutsche Schrift (Fraktur bzw. Kurrentschrift) überwog. ... Ob jede Schule gleichermaßen deutsche und lateinische Schrift gelehrt hatten, kann ich natürlich nicht sagen. Jedenfalls galt für deutsche Schrift als die erste (zuerst und wohl maßgeblich zu lernende) und lateinische Schrift als 2. (wohl nachrangige)

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