Wurde der Naturzustand und das Menschenbild von Thomas Hobbes in Leviathan beschrieben?

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2 Antworten

Ja, Thomas Hobbes hat den Naturzustand und sein Menschenbild in seinem Werk »Leviathan« beschrieben.

Thomas Hobbes, Leviathan or the matter, forme and power of a commonwealth ecclesiastical and civil (1651) enthält eine solche Beschreibung in Part 1: Of man (Teil 1: Vom Menschen).

Das Menschenbild (die Anthropologie) wird in diesem ganzen Teil dargestellt. Der Naturzustand wird behandelt in Chapter 13: Of the natural condition of mankind as concerning their felicity and misery (Kapitel 13: Vom Naturzustand des Menschen in Bezug auf ihr Glück und Elend).

Eine Darstellung zum Naturzustand hat Thomas Hobbes schon vorher veröffentlicht, im (der Systematik nach) dritten Band einer dreibändigen Darstellung (ab 1637 hat er daran gearbeitet) der Grundzüge seiner Philosophie »Elementorum philosophiae« (in späteren Auflagen: »Elementa philosophiae«), der zuerst 1642 als Privatdruck in Paris erschien, 1647 in einer durchgesehenen und ergänzten Fassung in Amsterdam: De Cive. Caput 1: De statu hominum extra societatem civilem (Vom Bürger. Kapitel 1: Vom Zustand des Menschen außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft)

Die Aussage „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ (homo homini lupus est) steht in diesem Buch. In der Widmung zu seinem Werk »De cive« erklärt Thomas Hobbes:

„Profecto utrumque vere dictum est, homo hominis deus est, et homo homini lupus est: Illud si concives inter se, hoc si civitates comparemus.”

„Nun sind sicherlich beide Sätze wahr: Der Mensch ist für den Menschen ein Gott, und: Der Mensch ist für den Menschen ein Wolf; jener, wenn man die (Mit-)Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht.“

Sein Menschenbild hat Thomas Hobbes auch im erst 1658, also nach seinem Werk »Leviathan« erschienenen zweiten Band veröffentlicht: De homine (Vom Menschen)

Kapitel 1 und Kapitel 10 - 13 enthalten eine Darstellung seines Menschenbildes.

Ein im Mai 1640 vollendetes Werk enthält bereits die meisten anthropologischen und politischen Auffassungen von Thomas Hobbes, darunter eine Darstellung zum Naturzustand.

Thomas Hobbes, The elements of law, natural and politic. Part 1. Chapter 14: Of the estate and right of nature

Von dem Werk waren handschriftliche Exemplare im Umlauf. 1650 erschien ein von Thomas Hobbes nicht genehmigter Druck. Insofern gab es das Werk, aber Thomas Hobbes selbst hat es nicht durch eine Veröffentlichung allgemein zugänglich gemacht.

Im Werk »Leviathan« sind das Menschenbild und der Naturzustand ausführlicher dargestellt als in den anderen Schriften.

Menschenbild

mechanistischer Materialismus: Alle inneren Zustände und Tätigkeiten des Menschen werden auf Bewegungen von Körpern zurückgeführt, sollen also mit Hilfe eines physikalischen Bewegungsbegriffes vollständig dargelegt und erklärt werden.

Reiz-Reaktions-Schema auf der Grundlage eines sensualistischen Empirismus: Jede Erkenntnis ist aus den Einzelerkenntnissen der sinnlichen Wahrnehmung zusammengesetzt. Alle Vorstellungen gehen direkt oder indirekt auf Sinnesempfindungen zurück. Die Einwirkung denkt Thomas Hobbes als Druck und Gegendruck, also nach einem Modell der Mechanik. Das Verhalten der Menschen läuft daher nach einem Reiz-Reaktions-Schema ab. Bei der Sinneswahrnehmung verursachen Bewegungen, die von den Gegenständen ausgehen, Bewegungen in den Sinnesorganen, die zum Gehirn geleitet und von dort nach außen zurückgeleitet werden.

Subjektivität der Bewertungen: Bewegungen bei der Sinneswahrnehmung wirken auf eine Lebensbewegung der Menschen ein. Was für die Lebensbewegungen förderlich ist, wird als gut bewertet, was hemmend/hinderlich ist, als schlecht bewertet. Was für ein Individuum gut ist, erregt die Leidenschaften und ist anziehend, was schlecht ist, wirkt abstoßend. Das Förderliche wird notwendig begehrt. Es gilt als vernünftigg und richtig zu versuchen, alle Schäden für Leib und Leben zu vermeiden. Einen einheitlichen und verbindlichen Maßstab für Gut und Schlecht kann erst der Staat durch das Gesetz aufstellen.

strikter Determinismus: Es ist kein Platz für Willensfreiheit, nur für Handlungsfreiheit in einem bestimmten Verständnis. Freiheit versteht Hobbes als Abwesenheit äußerer Hindernisse, also als Fehlen von äußerem Zwang. Äußere Hindernisse können die Macht einschränken, beliebig zu tun, was jemand tun möchte. Doch ein Mensch hat Handlungsfreiheit, die verbleibende Macht nach dem Gebot seines eigenen Urteils und seines Verstandes/seiner Vernunft anzuwenden. Menschen sind von Streben und Vermeiden angetrieben.

Ziel des Strebens: Menschen streben nach Glück. Glückseligkeit besteht nach Hobbes aber nicht in einer zufriedenen Seelenruhe. Es gibt bei ihm kein höchstes Gut bzw. letztes feststehendes Ziel als Ruhe- und Endpunkt. Glückseligkeit versteht Hobbes als ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand zu einem anderen.

Mensch und Tier: Einerseits können auch (andere) Tiere aus Erfahrung lernen, andererseits unterscheidet sich Mensch von ihnen durch Sprache/Rede und Verstand/Vernunft.

Gleichheit der Menschen: Fähigkeiten wie Körperkraft und Intelligenz sind bei den einzelnen Menschen unterschiedlich, aber durch List oder Bündnisse mit anderen kann jeder getötet werden. Niemand ist davor völlig sicher und insofern besteht eine grundsätzliche Gleichheit der Menschen.

Naturzustand

Primäres (erstes und vorrangiges) Ziel ist die Selbsterhaltung. Selbsterhaltung sei für jeden das erste Gut. Denn die Natur habe es so eingerichtet, daß alle ihr eigenes Wohlergehen wünschen. Um dies bekommen zu können, sei es für sie nötig, Leben und Gesundheit zu wünschen und deren Gewährleistung für die Zukunft, soweit dies möglich sei.

Höchstes Ziel ist das ungehinderte Fortschreiten zu immer neuen Zielen.

Jeder hat ein Recht auf alles. Dadurch gibt es aber kein gesichertes Recht, weil Konflikte mit sich widerstreitenden Ansprüchen auf gleiche Dinge auftreten.

Eine egoistische Nutzenmaximierung der Individuen ist wesentlich. Das Streben nach Selbsterhaltung schließt die Bereitschaft ein, alle zur Verwirklichung dieses Ziels erforderlichen oder förderlichen Mittel zu erhalten und anzuwenden. Thomas Hobbes erklärt das menschliche Handeln insgesamt durch ein bindungsloses (keiner normativer Einschränkung unterliegendes) Eigeninteresse (es kann soziale Regungen einschließen, muß es aber nicht). Alle wünschen ihr Wohlergehen und haben die gleichen Leidenschaften.

Die Sinnesempfindung der Menschen sei von Natur aus so beschaffen, einander zu mißtrauen und zu fürchten, wenn nicht die Furcht vor einer über alle bestehenden Macht sie zurückhält.

Jeder könne durch seine Kräfte sich mit Recht schützen und wolle dies auch notwendigerweise. Die Menschen hätten die Erwartung, andere seien von Natur aus schlecht. Konkurrenz (competition), Mißtrauen (diffidence) und Ruhmsucht (glory) prägen das Verhalten. Diese Konfliktursachen veranlassen Menschen zu Übergriffen um eines Vorteils wegen, zum Erreichen von Sicherheit und zur Erhöhung des eigenen Ansehens. Leidenschaften, Gier und rationale Vorsorge lassen dabei aggressives Verhalten nach der Überzeugung von Thomas Hobbes erforderlich werden. Die Menschen müssen um ihr Leben fürchten, wünschen aber persönliche Sicherheit.

Thomas Hobbes behauptet nicht, alle Menschen handelten stets mit Gewalt und List in der Art eines wilden Raubtieres. Er macht diese Möglichkeit aber zur Grundlage seiner politischen Philosophie.

Der Mensch kann gierig nach Beute sein und für Vorteile andere vernichten. Dies ist bedrohlich. Menschen belauern sich im Naturzustand, als ob sie sie einander jederzeit zerfleischen würden (Hobbes meint nicht, sie täten dies tatsächlich immerzu). Menschen seien deswegen schon aus Mißtrauen genötigt, sich so zu verhalten, als ob die anderen aggressiv und ungerecht wären.

Hobbes erwähnt Gerechtigkeit, Liebe und andere Tugenden des Friedens, behautet aber für den Naturzustand einen Zwang aufgrund der Verdorbenheit der Schlechten, schon allein zum Schutz zu den kriegerischen Verhaltensweisen Gewalt und List Hilfe nehmen zu müssen.

Es herrscht im Naturzustand Krieg aller gegen alle (bellum omnium in omnes).

Bücher in Bibliotheken enthalten zum Thema Erläuterungen, z. B.:

Otfried Höffe, Thomas Hobbes. Originalausgabe. München : Beck, 2010 (Beck'sche Reihe ; 580). ISBN 978-3-406-60021-0

Herfried Münkler, Thomas Hobbes. 3., aktualisierte Auflage. Frankfurt/Main; New York : Campus Verlag, 2014 (Campus Studium). ISBN 978-3-593-39870-9

Eduard Georg Jacoby/Jean Bernhardt/François Tricaud, Thomas Hobbes. In: Die Philosophie des 17. Jahrhunderts. Band 3: England. Erster Teilband. Völlig neubearbeite Ausgabe. Herausgegeben von Jean-Pierre Schobinger. Basel : Schwabe, 1988 (Grundriß der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg; Abteilung 4, Band 3.1), S. 93 – 177

Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens : von den Anfängen bei den Griechen bis auf unsere Zeit, Band 3, Teilband 2: Das Zeitalter der Revolutionen. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 265 - 321

Karl Schuhmann, Thomas Hobbes. In: Großes Werklexikon der Philosophie. Herausgegeben von Franco Volpi. Stuttgart : Kröner, 1999. Band 1: A – K, S. 692 - 697

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Was Hobbes als sog. Naturzustand beschreibt ist eine verschärfte Beschreibung der epikureischen Philosophie vom Gesellschaftsvertrag, die er auf Reisen in Frankreich durch Pierre Gassendi kennengelernt hatte. Nach Epikur ist Kern des Gesellschaftsvertrags, dass niemand einen anderen schädigt und alle durch vereinbarte Gesetze dafür Sorge tragen, dass niemand schädigend agieren kann. Die Verschärfung durch Hobbes entspringt seiner eigenen Lebenserfahrung aus dem englischen Bürgerkrieg, weshalb er selbst auch mal nach Frankreich ins Exil fliehen musste. In dieser Zeit war niemand sicher vor Verleumdung und allgemeiner Gesetzlosigkeit.

In Wikipedia heißt es: "Die Angst vor der Gewalt infolge politischer Auseinandersetzungen – im England des 17. Jahrhunderts vor allem als Bürgerkrieg zwischen König und Parlament, zwischen verschiedenen gesellschaftlich und religiös differenzierten Gruppen – ist ein bestimmendes Element im Leben wie in der politischen Philosophie Thomas Hobbes’ geblieben." Diese kritische Sicht des Menschen war für Hobbes keine Theorie sondern erfahrene Praxis.

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