Frage von DieDaLinksOben, 161

Würdet ihr sagen, dass die russische Revolution, wirklich eine Revolution war?

Wenn man das Wort "Revolution" hört, kommen häufig Assoziationen wie: Volksaufstand, Blut, Kampf, und Gewalt ins Spiel. Doch Lenin hat ja eigentlich ohne viel Schaden anzurischten, nur den Winterpalast eingenommen und die Politiker unterschreiben lassen, dass sie nie wieder sich politisch in Russland einsetzten würden. Also findet ihr, dass es eine Revolution war oder eher nicht?

Antwort
von atzef, 69

Was ist überhaupt eine Revolution? Was soll die von einem Aufstand, einer Revolte, einer Rebellion unterscheiden?

Sind "Volksaufstand, Blut, Kampf und Gewalt" notwendige und wesentliche Aspekte einer Revolution?

Beschränkt sich eine "Revolution" auf ein tagesereignis wie die erstürmung des Winterpalais...?

Das alles würde ich verneinen und für einen sehr sparsamen Umgang mit dem Begriff plädieren.

Eine Revolution muss für mich im Wesentlichen einen qualitativen Entwicklungssprung in der Geschichte der emanzipativen menschlichen Entwicklung verkörpern, einen qualitativen Zuwachs an individuellen Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten.

Daran gemessen ist die sogenannte "Große Sozialistische Oktoberrevolution" groß allenfalls in ihrem desaströsen Rückschritt gegenüber bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften mit Demokratie, Gewaltenteilung, Rechts- und Sozialstaatlichkeit gewesen und insofern eher eine Konterrevolution...

Kommentar von Sachsenbruch ,

Jetzt gehst Du aber aus irgendeinem Grund weit hinter das zurück, was Du eigentlich weißt, oder irre ich mich dermaßen? Zumindest den Begriff "Konterrevolution" verstehst Du doch in Wirklichkeit besser, als Du ihn benutzt?

BPB definiert Revolution folgendermaßen:


[lat.] R. bezeichnet eine schnelle, radikale (i. d. R. gewaltsame) Veränderung der gegebenen (politischen, sozialen, ökonomischen) Bedingungen. Politische R. zielen i. d. R. auf die Beseitigung der bisherigen politischen Führer und die Schaffung grundsätzlich neuer Institutionen, verbunden mit einem Führungs- und Machtwechsel. Ziel der bewusst herbeigeführten, tief greifenden Veränderungen ist es, mit einem politischen Neuanfang die bisherigen Probleme und Machtstrukturen zu beseitigen und radikal Neues an ihre Stelle zu setzen (z. B. neue Machtstrukturen, neue Eliten, neue Eigentumsverhältnisse, eine neue [Verfassungs-]Ordnung etc.).

Es scheint mir schwer, auch nur eines dieser Merkmale im Oktober 1917 in Russland nicht als gegeben anzusehen.





Kommentar von atzef ,

BPB ist die Bundeszentrale für Politische Bildung. Das weiß ja vermutlich nicht jeder aus dem Stand...:-)

Ansonsten ist das eine Definition von vielen Definitionsversuchen. M.M.n. ein misslungener, in dessen Ergebnis zwei so diametral entgegengesetzte historische Ereignisse wie die Französische Revolution und die Machtübergabe an die Nazis, die diesen Prozess selber als "Nationale Revolution" verklärten, auf einer begrifflichen Ebene qualitativ gleichgestellt würden.

Ein Begriff von "Revolution" aber, der die Geburststunde der Moderne mit einer ihrer Tötungsversuche gemein macht, leistet keinerlei Beitrag zu irgendeiner Erkenntnis, sondern allenfalls zu deren Versenken im Nebel.

M.M.n. MUSS ein gehaltvoller und erklärungsträchtiger Begriff von Revolution immer auch die Frage nach einer gesellschaftlichen Höherentwicklung stellen, nach dem erreichten Entwicklungsschub für die menschliche Emanzipation, dem Zuwachs an individueller Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit.

Für einen marxistischen Revolutionsbegriff wäre dies z.B. essentiell...:-)

Unter diesem Kriterium aber war die Februarrevolution wirklich eine Revolution - wie die Novemberrevolution in Deutschland.

Die Oktoberrevolution hingegen war aber ein Salto Mortale rückwärts, kein "ruckartiges Nachholen einer verhinderten Entwicklung" (eine Revolutionsdefinition von Marx), sondern ein voluntaristischer Vorgriff auf etwas, dessen materielle Bedingungen noch gar nicht existiert haben - und gerade deshalb in einer der größten Verbrechen und Katastrophen der Menscheitsgeschichte einmündete und letztlich sang- und klanglos scheiterte.

Kommentar von Sachsenbruch ,

Naja, für "sang- und klanglos" sind 72 Jahre Weltpolitik zumindest recht überraschend. Doch lassen wir diese Kleinigkeiten beiseite ... Bekannt ist allerdings, dass Hitler und seine nsdap in mehreren (allerdings schließlich letzten) Reichstagswahlen von den deutschen WählerInnen zur Regierungsbildung beauftragt wurden. Mir ist im Grunde nicht klar, wozu Du die Oktober-Revolution, nach der eine solche quasi definierbar ist, hinwegargumentieren möchtest.

Kommentar von atzef ,

Hitler und die NSDAP wurden nie von den Wählern mit der Regierungsbildung "beauftragt". Das blieb immer dem Reichspräsidenten vorbehalten... :-)

Ansonsten hatte Hitler mit der NSDAP auch nie die absolute Mehrheit bei Reichstagswahlen unter freiheitlichen Bedingungen erzielt. Höhepunkt waren 37 % im Sommer 1932. Bei den letzten freien Wahlen im November 1932 war das schon wieder auf 33 % gesunken.

Selbst unter schon etablierten staatsterroristischen Verhältnissen im März 1933 gab es für die NSDAP nicht mehr als 43 %.

Und auch mit dem Dauerkoalitionär der Nazis, der rechtskonservativen DNVP, langte es unter freien Bedingungen bei weitem niemals zu einer absoluten Mehrheit.

72 Jahre sind in der Geschichte nicht viel mehr als die Erinnerung an einen Fliegenschiss...:-) Ansonsten wurden sie mit einem irrsinigen Blutzoll an Vernichtunng der inneren Opposition erkauft. Schätzungen zufolge wurden in der Sowjetuion ca. 20 Millionen Oppositionelle und Regimegegner ermordet. Ferner hinterließ die Oktoberrevolution rein gar nichts, das irgendwie nachahmens- oder erstrebenswert wäre. Sie hielt die Menschen unter völliger politischer Unnmündigkeit und verwehrte ihnen im Namen eines "real existiernden Sozialismus" einen wirtschaftlichen und sozialen Erfolg, wie sie die Menschen im theoretisch "unterlegenen" Kapitalismus verbuchen konnten.

Ich plädiere dafür, die Oktober"revolution" nicht länger als Revolution zu thematisieren, weil sie im Sinne einer gesellschaftlichen Weiter- und Höherentwicklung eben keine war (auch nicht gemessen am eigenen theoretischen Anspruch), sondern lediglich eine Konterrevolution im Verhältnis zur Februarrevolution. :-)

Kommentar von Sachsenbruch ,

Ja, das sagtest Du bereits. Es geht dir also um ein polemisch gestütztes "Plädoyer"? Und Du willst die Geschichte da gern umgeschrieben und völlig neubewertet haben? Na dann ...

Kommentar von atzef ,

Nein.

Ich möchte nicht die Geschichte umgeschrieben haben, sondern sie im Lichte einer inhaltlich konturenschärferen und weniger beliebigen Definition von "Revolution" begreifbarer machen.

Die Welt ebenso wie die Geschichte ist weder schwarz noch weiß, noch rot oder braun, gelb oder grün, sondern bunt. Da käme auch niemand auf die Idee, alles unterschiedslos uniform anzumalen. :-)

Nun aber würde mich interessieren, warum du die überhöhte Qualifizierung des bolschewistischen Putsches gegen die Februarrevolution als Revolution aufrechterhalten möchtest? Einfach aus Konvention? Oder weil zu ihr eben die Merkmale der BPB-Definition passen? Wäre dann aber nicht auch die nationalsozialistische "Machtergreifung" eine Revolution? Und worin siehst du denn den Erkenntnisvorteil, Ereignisse wie die Französische Revolution, die Oktoberrevolution und den Machtübertrag an die Nazis begrifflich auf eine Qualitätsstufe zu stellen?

Kommentar von Sachsenbruch ,

Du bist nicht seriös mit Deinen Argument-Unterstellungen. Das wird  mir zu albern.

Kommentar von paulklaus ,

Schade, Sachsenbruch ! Schien mir - ohne jede Ironie - ein hoch(!)interessanter Dialog gewesen zu sein, der für mich sehr lehrreich war, aber nunmehr von dir ausgebremst wurde...

pk

Antwort
von Jonas711, 70

Eine Revolution muss erstmal nicht gewalttätig sein, sondern ist nur eine grundlegende Änderung der Herrschaftsform. Diesem Kriterium entspricht die Russische Revolution in jedem Fall. 

Aber auch mit deinem eher weiter gefassten Begriff würde ich die Russische Revolution klar als Revolution betrachten. Denn in der Folge kam es ja aufgrund der Revolution zum Russischen Bürgerkrieg, in dem Millionen Menschen ihr Leben verloren, u.a. die gesamte Zarenfamilie. Da hast du dann auch Volksaufstand, Blut, Kampf und Gewalt.

Antwort
von voayager, 5

Die Stürmung des Winterpalais war doch nur der Auftakt zuer eigentlichen Revolution. Bis jetzt war die sozialistische Revolution in Russland die größte in der Geschichte der Menschheit.

Antwort
von ele777, 95

Revolutionen müssen nicht immer blutig oder kämpferisch sein. Das Wort bedeutet umwälzen oder Umwälzung. Diese kann völlig friedlich stattfinden. Das System jedoch wurde verändert.

Kommentar von Pudelcolada ,

Ganz genau, s. DDR 1989 oder die indische Revolution gegen die britische Kolonialmacht.

Kommentar von atzef ,

Nicht nur in der DDR, sondern eigentlich im gesamten ehemaligen Ostblock.

Antwort
von soissesPDF, 27

Eine Revolution bedeutet Anarchie.
Da die Machthaber in aller Regel nicht freiwillig verzichten kommt es zum Machtkampf.
Siehe Lenin "Staat und Revolution".

1989 wird gern zur friedlichen Revolution verklärt, war nur keine.
Die Machtfrage wurde gar nicht gestellt, womit des Wesensmerkmal einer Revolution fehlt.

Kommentar von atzef ,

"Die Machtfrage wurde gar nicht gestellt..."

Ob das die Honeckers, der Mielke und der Waschbär (Egon Krenz) wohl auch so sehen bzw. gesehen hätten...?

Antwort
von JBEZorg, 12

Es war eine und mit dem Sturm des Winterpalais war sie nicht vorbei.

Antwort
von archibaldesel, 18

Da schau nochmal in dein Geschichtsbuch. Die russische Revolution war mit der Erstürmung des Winterpalastes bei weitem noch nicht abgeschlossen. Sie war ausgesprochen blutig. Während des russischen Bürgerkriegs von 1917 bis 1921 wurden mehr als 8 Mio. Menschen getötet. Blutig genug?

Antwort
von robi187, 42

alles eine frage der:

https://de.wikipedia.org/wiki/Perspektive

geschichte ist immer aus welchem winkel man es sieht?

z.b. wenn man einen ball anschaut wieviel standorte gibt es oder sichtweisen? da gibt es immer licht und schatten seiten?

vorallem wir schrieb die geschichte?

also gibt es in der geschichte nie richtig oder falsch sonder nur standorte wie man es sehen kann?

Kommentar von DieDaLinksOben ,

Was wäre deine Sichtweise? Falls du dich mit dieser Thematik befasst hast.

Kommentar von robi187 ,

nein habe mich nie damit befasst weil mir das viel zu idiologisch beladen ist und viele feindbilder umherirren?

würd da lieber die vertriebene geschichte lesen um ein klein wenig infos zu bekommen oder alte zeitungen aus dieser zeit?

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