Frage von Coccinelle23, 181

Würdet ihr heute noch einmal Medizin studieren?

An alle Ärzte/Famulanten/Studenten: Würdet ihr heute noch einmal Medizin studieren? Warum Ja, warum Nein? Die Arbeitsbedingungen sind ja heutzutage sehr happig. Wäre super wenn ihr noch eure aktuelle Situation, also ob Facharzt, Assi, Student, Krankenhaus, Praxis usw, sowie eure Fachrichtung und was ihr, wenn ihr nochmal wählen könntet, studieren würdet, angeben könntet :) LG!

Antwort
von garfield262, 121

Moin,

meinerseits ein klares Ja. Schichtdienst und einige der vielen Schattenseiten kenne ich aus meiner vorherigen Berufstätigkeit, auch wenn diese nur bedingt einen Ausblick auf die Zukunft bieten kann, u.a. da man ja nunmal auch älter wird und damit auch allmählich die Fähigkeit, Schlafdefizite o.ä. kompensieren zu können sinkt. Zudem ist z.B. die Persönlichkeit des Menschen nicht zwangsweise ein fixes Konstrukt (z.B. ich bin ein netter Mensch und werde das auch immer bleiben) sondern verändert sich auch mit der Umwelt. Wenn diese permanentes negatives Feedback gibt, dann kann man auch auf kurz oder lang psychisch und physisch daran erkranken. Darüber hinaus sollte man auch die weiteren Aspekte des Lebens wie die Gründung einer Familie, die Berufstätigkeit des Partners etc. ebenfalls irgendwo im Hinterkopf behalten. Es gibt noch weitere Aspekte, die bei der Berufswahl definitiv nicht außer Acht gelassen und durch irgendwelche Traumvorstellungen ersetzt dürfen. Auch wenn der letzte Teil dieses Absatzes recht düster klingt, ist all dies mit einem hohen Maß intrinsischer Motivation Arzt zu sein ein eher geringes Problem.

Meine Motivation beziehe ich zum einen aus dem wissenschaftlichen Interesse, hinter den Vorhang blicken und die Vorgänge verstehen zu können als auch aus der Freude an der Arbeit an sich, der Verantwortung, die sie mit sich bringt und so weiter. Das Studium schenkt einem nichts und die Belastung nach Approbation als Assistenzarzt wird auch nicht grad weniger werden; daher auch meine grundsätzliche Empfehlung, vor Aufnahme dieses Studiums ein berufsorientierendes Praktikum in einer Klinik zu absolvieren.

Hast du sonst noch gezielt Fragen an mich? In dem Fall stell sie bitte gern! :)

Lieben Gruß ;)

Kommentar von Coccinelle23 ,

Vielen Dank für die ausführliche Antwort, sehr lieb dass du dir die Zeit genommen hast :) das sind alles Fragen, die ich mir auch stelle. Inwieweit man Zeit hat für Familie etc. Ich mache momentan ein orientierendes Praktikum in einem Krankenhaus und die Arbeit macht mir sehr viel Spaß! Trotzdem wirken die Assistenzärzte meist sehr gestresst, viele müssen oft 24 Stunden Dienste machen und da frage ich mich, ob in diesem Beruf noch Zeit zum leben bleibt. Ich denke das hängt alles auch stark von der Fachrichtung ab, kennst du dich da etwas aus? Fällt es dir schwer, Familie und Freunde mit dem Job zu vereinbaren? Mich würde noch interessieren, welche Fachrichtung du persönlich spannend findest :) 

LG!

Kommentar von garfield262 ,

Ja, die Wahl der Fachrichtung hat definitiv Einfluss auf das Arbeitsleben. Prinzipiell ist Chirurgie bspw. ein sehr zeitintensives Fach. Das liegt u.a. daran, dass OP's sich zum Teil zeitlich schieben, dabei Stationsarbeit und weitere Arbeit ebenfalls verschoben wird und so weiter. Dabei steigen Überstunden sehr schnell und sehr stark an. Auch die Ärzte der Inneren Medizin (ich selbst habe durch Praktika, Arbeitstätigkeit etc. sehr guten Kontakt zu sowohl den Assistenz- und Fachärzten als auch den Oberärzten dieser Abteilung einer Klinik nahe meines Elternhauses) sind großer Arbeitslast ausgesetzt. Das kommt, so meine Empfindung, insbesondere daher, dass das Patientenaufkommen und damit auch die Bettenauslastung einer Inneren Klinik verglichen z.B. mit der Chirurgie deutlich höher ist. Auch wenn ich Innere Medizin recht reizvoll finde, besonders hinsichtlich der Kardiologie, denke ich nicht, dass ich auf Dauer darin arbeiten möchte. Aber noch ist nichts in Stein gemeißelt... ;)

Dies ist einer der Gründe (aber mit Sicherheit nicht der einzige) aus dem ich meine Zukunft in der Anästhesiologie sehe. Dieses Gebiet gilt als eher "sozialverträglich". Der Hauptgrund allerdings ist, dass dieses Gebiet äußerst vielseitig ist, man ist sowohl im OP als auch auf Intensiv, meist auch in der präklinischen Notfallmedizin als Notarzt und mach ggf. auch ambulante Schmerztherapie. Der OP-Aspekt impliziert allerdings auch das ständige Wissen, dass man ein Dienstleister der Chirurgen/Gynäkologen etc. ist. Man macht die Narkose, kümmert sich auch um weitere Notwendigkeiten während der OP, sieht den Patienten danach allerdings erstmal nicht wieder (solange er nicht post-OP auf Intensiv überwacht wird). Man ist nicht Frau/Herr Dr. XYZ, man ist eher anonym. Wenn man kein Problem damit hat, der stille Helfer (oft auch Lebensretter) zu sein, dann wird man in der Anästhesiologie durchaus Spaß haben können. Als Entschädigung wird man mit einem breiten Spektrum medizinischer Fragestellungen konfrontiert, so kümmert man sich z.B. auf Intensiv um internistische, chirurgische, neurologische, urologische usw. Patienten. Man arbeitet i.d.R. mit Blick auf die nächsten Sekunden, Minuten und Stunden, wenns hochkommt Tage und nicht (wie z.B. ein Internist, der einen langfristigen Bluthochdruck einstellt) mit Blick auf die folgenden Wochen. Die Medikamente, die Anästhesisten nutzen wirken größtenteils innerhalb von Sekunden und sind auch eher schnell wieder draußen. Man ist sozusagen "direkt im Geschehen" und das gefällt mir; die Notwendigkeit, innerhalb kürzester Zeit richtige Entscheidungen zu treffen und den Erfolg (und hoffentlich nicht den Misserfolg) direkt im Anschluss sehen zu können. Falls du mehr darüber wissen willst, der Bund Deutscher Anästhesisten hat eine recht informative Website hierzu erstellt. Auch Berufsverbände anderer Fachgebiete wie Chirurgie haben solche Websites online gestellt, du kannst das ja mal ergoogeln.

Mit deinem freiwilligen Praktikum hast du einen wichtigen und großen Schritt in Richtung der richtigen Berufswahl getroffen! Falls dir dieser Beruf nach deinen Praktikum zusagt wünsche ich dir, dass du die Chance, ihn zu ergreifen, bekommst.

Kann ich dir sonst noch helfen?

Lieben Gruß ;)

Kommentar von Coccinelle23 ,

Vielen Dank nochmal!

Notfallmedizin/Anästhesie wäre jetzt auch das, was mich am meisten reizen würde. Allerdings kann man da ja später schlecht in eine Praxis gehen, oder? Ich kann es mir schwer vorstellen, ein Leben lang im Krankenhaus zu sein, rein physisch gesehen. Sind die Arbeitszeiten in der Anästhesie wirklich geregelter? 

In welchem Semester bist du momentan, wenn ich fragen darf? Stimmt es, dass man nach dem Studium ohne Probleme ein Telefonbuch auswendig lernen könnte? ;)

LG! 

Kommentar von garfield262 ,

Nein das stimmt schon, mit der Gebietsbezeichnung Anästhesiologie ist man eher in der Klinik angesiedelt. Es gibt vereinzelt Gemeinschaftspraxen niedergelassener Anästhesisten, welche z.B. für niedergelassene Orthopäden, MKG-Chirurgen, Zahnärzte etc. Narkosen in einer Praxis machen bzw. an der Schmerztherapie von z.B. Tumorpatienten mitwirken, diese sind allerdings nicht die Regel.

Ja, die Arbeitszeiten in der Anästhesiologie sind eher geregelt. Das liegt u.a. daran, dass Anästhesisten sich während einer OP weitestgehend auslösen und so pünktlich Feierabend machen bzw. der anderen Arbeit nachgehen können. Ein Chirurg bleibt solange am Tisch, bis er fertig ist. Dies ist jetzt nur ein Beispiel dessen, was die Anästhesiologie etwas entspannter macht.

Du hast ja noch einiges vor dir und wirst während des Studiums durch Praktika und Fächer in unterschiedliche Gebiete geführt, sodass du mit Sicherheit noch das ein oder andere Fach neu für dich entdecken könntest, ebenso wie die Vor- und Nachteile der klinischen oder niedergelassenen Tätigkeit. ;) "Praxis" klingt für manche recht verlockend, allerdings dürfen einige Aspekte nicht außer Acht gelassen werden:
1.: Wenn man eine eigene Praxis betreibt oder der "Inhaber" einer Gemeinschaftspraxis ist, dann ist man zugleich auch Geschäftsführer, mit allen Rechten, Privilegien und Pflichten. Einen Betrieb zu führen kann u.U. mehr Zeitaufwand erfordern als das Angestelltenverhältnis in einer Klinik.
2.: Wenn man Partner in einer Gemeinschaftspraxis ist, fällt ggf. der wirtschaftliche Part weg. Auf der anderen Seite ist die Mitarbeiterzahl eher klein und je nach Patientenaufkommen kann sich das dann auch rächen.
Zwar kann man in beiden Fällen, besonders im 1. den Feierabend und freie Tage selbst definieren, allerdings sind dieser Freiheit u.a. durch wirtschaftliche Aspekte auch indirekt Grenzen gesetzt. Ich selbst habe daher das Gefühl, lieber in einer Klinik tätig zu sein, in der ich z.B. als OA auch gewisse Privilegien und Verantwortungen habe, mich aber mit bestimmten Dingen wiederum nicht herumschlagen muss. ;)

Nein, ein Telefonbuch stur auswendig zu lernen ist zwar eine annähernde Umschreibung dessen, was im Studium auf einen zukommt, ist allerdings eher scherzhaft gemeint. Selbst Fächer wie Anatomie folgen einer gewissen Logik, der Terminologie. Man lernt die Grundvokabeln der lateinischen Sprache (lateinische Begriffe werden i.d.R. für anatomische Verhältnisse, griechische Begriffe für klinische Begriffe und Krankheitsbezeichnungen verwendet) sowie die Grundzüge der Grammatik. So fällt es dann weniger schwer, die anatomischen Bezeichnungen zu lernen, was allerdings keineswegs bedeutet, dass es nicht viel Ehrgeiz und Anstrengung erfordert. Abgesehen vom Alphabet folgt das Telefonbuch dabei ja keiner inneren Logik. ;)

Lieben Gruß ;)

Kommentar von Coccinelle23 ,

Danke dir :)

Und viel Erfolg noch beim Studium!

Kommentar von Barbdoc ,

Hi Garfield, ich habe noch nie gehört, daß ein Anästhesist sich selbst als Dienstleister bezeichnet hat. Das ist wirklich neu. Mit sozial verträglich hast du natürlich auch recht. Wie oft habe ich die Frage durch das Tuch gehört: Warst du schon beim Essen? Ich löse dich ab. Auf der anderen Seite des Tuchs stand ich. Wenn die Operation beendet war, hatten die Anästhesisten bereits den Suppentopf für die OP-Mannschaft geleert und den Kaffee ausgetrunken. Als Chirurg war man dann für ein Glas Leitungswasser dankbar und zufrieden.

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