Frage von Jersey11, 366

Woher kommt die unglaubliche politische Korrektheit in den Unis?

Gestern habe ich zum ersten Mal im Rahmen eines Seminars kurz die Sprache auf den Islam gebracht. Kurz um: Selten so eine krampfige, um das Höchstmaß an politischer Korrektheit bemühte Diskussion erlebt. Dabei muss man sich vorstellen: Man sitzt in einem Bürgertums-Seminar und spricht darüber, wie es kam, dass die Betonung von Privatheit im 19. Jh. so an Stellenwert gewann. Dass es mitunter vor allem an den Ideen der Aufklärung, der Unterscheidung zwischen Privatem und Öffentlichkeit lag, dass es überhaupt so etwas wie Öffentlichkeit in diesem Sinne gab etc. Und dann werden Beispiele benannt und ich stelle nur fest, dass man ja auch heute teilweise den Unterschied zu vielen Menschen aus islamisch geprägten Gesellschaften sehen könnte, wo die Gesellschaften eher kollektivistisch seien bzw. es (noch) keine Aufklärung im europäischen Sinne gab. Nichts Schlimmes also. Nicht einmal Kritik. Erst einmal wurde das "noch" vor dem Wort Aufklärung als nicht richtig empfunden. Das würde ja implizieren, jeder bräuchte zwangsläufig eine Aufklärung nach westlichem Vorbild. Dann musste ungefähr 5 Mal erwähnt werden, wie viele verschiedene "Islame" es gäbe. Um sich dann ein kleines Statement dazu abzuringen, dass die Trennung in kollektivistischen Gesellschaften aus dem islamischen Raum nicht so gegeben sei und dass man deswegen in Deutschland so massive Probleme hätte, den Islam wie das Christentum und das Judentum zu behandeln und mit staatliche Mitteln zu fördern. Das Bemühen um politische Korrektheit zerstört den Diskurs an den Unis. Es macht jede auch nur noch so kleine Diskussion zum Krampf. Wenn es denn überhaupt eine Diskussion gibt. Seit fast einem Jahr existiert die Krise. In keinem einzigen meiner Uni-Seminare oder Vorlesungen kam jemals wirklich die Sprache darauf. Das Thema findet an der Uni, zumindest in meinen Veranstaltungen, nicht statt. Null. Und ich bin Politikstudent. Ich glaube nicht, dass es irgendwo anders großartig thematisiert wird. Dazu muss natürlich sagen, dass das auch themenabhängig ist. Man betreibt ja im Politikstudium nicht den ganzen Tag Diskussionen über tagespolitische Themen. Aber müsste man nicht gerade mit jungen, angehenden Politikwissenschaftlern darüber reden? Stattdessen wird indirekt tabuisiert. Man merkt wie sich ein Schleier des Schweigens über die Leute legt, wenn es um das Thema geht. Islam, Asyl, darüber redet man nicht. Außer es wird zur Demo gegen Fremdenhass aufgerufen. Im wissenschaftlichen Diskurs ist das kein Thema. Und wenn, dann ist es ein Krampf. Aber: Muss man nicht gerade an den Unis über so etwas vernünftig und offen reden können?

Antwort
von Exisaur, 123

Aufgrund der wie (zu erwartend)haarsträubenden Antworten auf eine eigentlich echt interessante Frage, hier my two cents:

Ich studiere auch Politik und ich habe an manchen Stellen ähnlich Beobachtungen gemacht. Es gibt Themen bei denen sich die Öffentlichkeit (und die Universität ist eine Form von Öffentlichkeit) schwer tut, unbefangen zu diskutieren. Dass das beim Islam der Fall ist und dass das ein sehr großes Problem ist, da würde ich absolut zustimmen (beim Thema Asyl hingegen überhaupt nicht - Asyl wird meiner Erfahrung nach relativ kontrovers diskutiert).

Warum sich der Diskurs schwer tut, ist eine schwierige Frage. Das mag schon damit zusammenhängen, dass die Mehrheit der am Islam geäußerten Kritik extrem undurchdacht, vereinfachend und tendeziell rassistisch ist (und vor allem gewesen ist). Dass man da nicht unbedingt in die Nähe gerückt werden will, steht wohl außer Frage. Weiterhin habe ich das Gefühl, dass die "Islamkritik" selten vermag, zwischen bestimmten Ebenen zu unterscheiden - z.B. werden Kritikpunkte die man auf den politischen Islam anwenden sollte (oder man quasi durchweg kritisieren muss, weil der einfach furchtbar ist), mit der persönlichen und individuellen Auslegung des Islam eines oder einer Gläubigen vermengt - und eine fundierte Kritik kann so eben nicht funktionieren. Probleme gabs meiner Erfahrung nach vor allem an den Ecken von Politik und Soziologie, wo man aus der Tradition der Postcolonial Studies argumentiert, weil viele Menschen da meiner Meinung nach sehr problematisches Verhältnis zur Aufklärung haben ("Das ist was westliches, was man nicht von allen erwarten kann"). Ich würde deinem Beitrag absolut zustimmen, dass der Islam eine Aufklärung braucht - aber die kann man (leider) von außen nicht erzwingen, sondern sie muss (analog zur Aufklärung im Christentum) von den Gläubigen selbst ausgehen. Wenn man die aber mit so undifferentierter Kritik überzieht, wie es aktuell mehrheitlich passiert, provoziert man eben genau die Abwehrmechanismen, die einer solchen Aufklärung im Wege stehen. Stattdessen müsste man eben liberale Auslegungen des Islam stützen - denn dass es Muslime gibt, die ein total mit den Anforderungen einer demokratischen und pluarlistischen Gesellschaft zu vereinbarendes Leben führen ist unbestreitbar und auf genau die muss man eben bauen, anstatt sie vom Diskurs auszuschließen.

Abschließend noch: "political correctness" ist leider tendenziell ein schrecklich antiaufklärerischer Kampfbegriff geworden, der vor allem immer die auf den Plan ruft, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass man von ihnen verlangt, darüber nachzudenken was sie so sagen. Mit denen sollte man sich keinesfalls gemein machen.

Antwort
von MaggieSimpson91, 136

Das ist nicht nur in den Universitäten so. Klar wird das Thema in den Medien groß thematisiert. Aber sobald man sich auf anderer Ebene austauscht, schreit die eine Seite:"Gutmensch!" und die andere Seite:"Nazi!". Wie soll denn auch so ein Austausch stattfinden, geschweige ein Prozess ablaufen, der sich mit den aktuellen Herausforderungen strukturiert und lösungsorientiert auseinandersetzt? Im Endeffekt kann man das Thema nur immer wieder unter Einbeziehung von geprüften Fakten, anbringen.

Kommentar von Tteller ,

Fakten sind von gewissen Kreisen aber nicht erwünscht...

Kommentar von MaggieSimpson91 ,

Das weiß ich, so schade das auch ist, diejenigen, die Wert darauf legen, müssen hier am Ball bleiben.

Antwort
von freieswort, 97

Danke für diese offene Darstellung. Ich erlebe in meinem Bereich genau dasselbe. Gerade Akademiker verdrängen offenkundige Fakten oft mit großer Anstrengung und igeln sich in ihrer ideologischen Multikulti-Wagenburg ein. 

Ich habe einen guten Bekannten, Politiklehrer, der sich geweigert hat, die Kriminalitätsstatistik des BKA auch nur anzuschauen. Er scheut sich auch, die Stellungnahme  von Dr. Hillebrand von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung über das Versagen der europäischen Linken gegenüber dem Islamismus zu lesen. Ich wollte mit ihm diskutieren, aber er lehnte dies ab. 

Manche Akademiker leben in einer gespaltenen Welt. Ein Multi-Kulti-Paar fährt in Freiburg nicht mehr mit der Straßenbahnlinie, die zum großen Asylheim führt. Sie nehmen jetzt eine andere, ungünstigere Linie, mit der sie sogar umsteigen müssen. In Worten halten sie aber eisern an ihrer Haltung fest. 

Sie haben Angst, in ihren Kreisen und an ihrer Arbeitsstelle (Uni) ausgegrenzt zu werden, wenn sie Kritik an der Grenzöffnungspolitik üben.

Kommentar von Sachsenbruch ,

"Gerade Akademiker verdrängen offenkundige Fakten oft mit großer Anstrengung und igeln sich in ihrer ideologischen Multikulti-Wagenburg ein."

Ach ja ! ?

Wenn das im Kreis deiner "guten Bekannten" tatsächlich so ist, muss man sich schon fragen, wie diese Leute, die du da kennst, eigentlich "Akademiker" geworden sind. Vielleicht haben sie - wie es die Frage als Empfehlung nahelegt - selbst in ihrem Studium auch nur gelernt, ihre Vorurteile zu vertiefen?

Wovon ja dringend abzuraten ist, sonst fängt man an auszugrenzen ...

Antwort
von AbuAziz, 105

Du solltest dir mal genau ansehen, was das Studium der Politikwissenschaft bedeutet. Es hat relativ wenig mit aktuellen politischen Themen zu tun. Es geht um etwas anderes:

Die Politikwissenschaft beschäftigt sich mit dem wissenschaftlichen Lehren und Erforschen politischer Prozesse, Strukturen und Inhalte sowie den politischen Erscheinungen und Handlungen des menschlichen Zusammenlebens.

Es geht also nicht um aktuelle Tages-Politik. Vielleicht bist du einfach im falschen Studium gelandet?

Kommentar von HolgerSchneider ,

Ein Prozeß (=  Verlauf) ist ein zeitlicher Vorgang, beginnend zum Zeitpunkt A, endend zum Zeitpunkt B oder auch noch über diesen hinausgehend, falls noch nicht abgeschlossen. Beispiel: Ein Reinigungsprozeß. Die Putze beginnt mit dem Saugen der Wohnung um 10 Uhr, der Reinigungsprozeß endet um 11 Uhr 15.

Antwort
von Steffile, 175

Da hast du recht, und das wird sicher auch kommen, wegen Leuten wie dir. Muss es, denn wenn eure Generation sich nicht an dem Finden der Loesung beteiligt, wer dann?

Ich kann mir vorstellen, dass viele nicht ueber das Thema reden wollen, weil sie keine Loesung parat haben - die es an sich auch nicht gibt, und die erst erarbeitet werden muss.

Antwort
von tanztrainer1, 37

Es ist doch gut, dass man in den Unis auf so etwas Acht gibt.

Wenn diese Studenten dann später in Positionen sind, in denen sie etwas bewirken können, eventuell in der Polittik, sollten sie die Fähigkeit haben, sachlich und vorurteilsfrei zu argumentieren und nicht auf dem Niveau der BLÖD-Zeitung oder Pegida und Co.

Kommentar von HolgerSchneider ,

Ein VOR-Urteil ist lediglich VOR-läufig. Gefährllch sind nur Jakobiner, deren Urteil bereits END-gültig ist.

Antwort
von 1988Ritter, 104

Verblödung auf höchstem Niveau.

Der Islam ist eine faschistisch ausgelegte Religion.

Beweis:

  • Herr Erdogan hat hier in Deutschland behauptet, der Islam sei nur solange säkular wie er in der Minderheit ist.
  • Salafisten versuchten hier in Wuppertal die Scharia-Polizei zu etablieren.
  • In der Türkei werden christliche Einrichtungen zugemauert oder gar enteignet. Letzte Enteignung im April diesen Jahres.
  • In Köln wurde in einem Stadtteil der Kalifat-Staat ausgerufen.
  • www.opendoors.de belegt 100 Millionen Christen sind weltweit auf der Flucht,
  • Der gesamte islamische Raum ertrinkt im Konflikt.

Dies auch nur ein paar Beispiele.

Wenn ich dann sehe, dass diejenigen die gegen den Islam Kritik üben, dann als Islamhater oder Islamophoben dargestellt werden, und zudem als angebliche Nazis in die rechte Ecke gedrückt werden, muss man zwangsläufig über die Limitierung der Geisteskraft nachdenken.

Hierbei sind studentische Organisationen ganz weit vorne. Die die sich gegenseitig mit DITIB auf die Schulter klopfen, und sich gegenseitig bezüglich Toleranz ausloben.

DITIB ist der Ausleger der islamischen Behörde der Türkei, sprich dem Religionsministerium. Das Ministerium welches Kindercomics über die Schönheit des Märtyrertums verbreitet, dessen Botschafterin Frau Erdogan in der Türkei die Annehmlichkeiten des Lebens im Harem proklamiert.

Na dann klopft mal schön....geistige Limitiertheit scheint kein Privileg der minderer Schulabschlüsse  zu sein.

Kommentar von Apfelkind86 ,

Deine Argumentation ist genauso logisch, als würde ich rechtsextreme Straftaten in Deutschland in der Nationalität begründet sehen und aus diesem Grund gegen alle Deutschen vorgehen...

Kommentar von Sachsenbruch ,

Offenbar ist der erste Satz von 1988...s Antwort als ihre Überschrift zu verstehen.

Kommentar von LGTipps ,

Der Unterschied zwischen Beweis und (Pseudo)Beleg ist bekannt?

Antwort
von Corvo21, 131

Die Menschenkommen nicht damit klar dass nicht alle Nationen auf dem selben Entwicklungsstand sind un das dass auch der Grund ist warum religiös begründeter Terrorismus dort wesentlich heutiger vorkommt 

Antwort
von RobinsonCruesoe, 80

Also, es wurde also an Deiner Wortmeldung kritisiert, dass

a) das Wort "noch" implizieren würde, dass es eine Aufklärung nur nach westlichem Vorbild ablaufen würde. Dies müsse aber nicht zwangsläufig erfolgen.

b) es eben nicht den "einen" Islam gibt, sondern verschiedene

c) islamisch "geprägte" Gesellschaften nicht unbedingt mit jüdisch oder christlich geprägten Gesellschaften verglichen werden können

Und? Was ist daran falsch? a bis c sind völlig richtige, belegbare Aussagen. Wenn einer falsch lag, dann Du, der sich über Sachen auslässt, über die er keine Ahnung hat. Mal angenommen, die Diskussion wäre nach Deinem Wunsch verlaufen:

a') Eine Aufklärung erfolgt, wenn überhaupt, nach westlichem Vorbild

b') Es gibt nur einen Islam und damit nur eine Auslegung

c') Es macht keinen Unterschied, ob ich mir die Geschichte Ägyptens, Pakistans, Frankreichs oder Deutschlands anschaue

Die Aussagen a' bis c' sind nachweislich falsch und Pegida-Argumente. Und ich erwarte und bin heilfroh, dass an der Uni der Diskurs über den Islam nicht auf diesem Niveau geführt wird.

Kommentar von HolgerSchneider ,

"Also, es wurde also an Deiner Wortmeldung kritisiert, dass

c) islamisch "geprägte" Gesellschaften nicht unbedingt mit jüdisch oder christlich geprägten Gesellschaften verglichen werden können"

Ziel eines Vergleiches ist die Herausarbeitung von UNTERSCHIEDEN. ALLES kann man mit ALLEM vergleichen:

a) Dieser Baum ist höher als jenes hinter diesem stehende Haus.

b) Diese Äpfel sind fauliger als jene Birnen.

Was "bitte" ist der Unterschied zwischen "geprägt" und geprägt?

Kommentar von RobinsonCruesoe ,

'islamisch geprägt' bedeutet, dass tatsächlich eine Prägung durch den Islam stattfand und man diese Prägung noch immer als Erklärungsmotiv verwendet: Obwohl die Gesellschaften und Staaten des Nahen Ostens vielfältige kulturelle, politische und religiöse Traditionslinien haben, wird immer nur die islamische Prägung herausgegriffen. Gegen dieses Klischee wendet sich die Kennzeichnung 'islamisch "geprägt"'.

Antwort
von Tteller, 93

Die Unis werden vom Staat finanziert, soviel ich weiss. Da gewisse Kreise die Unis schon immer als Kaderschmieden benutzten, ähnlich wie in der DDR, ist das Rumeiern um den Islam kein Wunder. Denn das Thema Islam ist vor allem ein Politikum. Zumindest heutzutage. Vor 20 Jahren hat das Thema keinen Menschen interessiert. Ein Tip: Wenn du gut abschliesen willst, halt an der Uni die Klappe. Leider sind wir wieder in der DDR gelandet.

Kommentar von Sachsenbruch ,

Wie bist du da nur hingeraten?

Antwort
von Sachsenbruch, 104

Das Politik-Studium dient der Ausbildung von Fähigkeiten zur kritischen Betrachtung politischer Zusammenhänge, auch wenn das jetzt tautologisch wirken mag.

Wie könnte man einem Fremden Recht tun, wenn man ihn und seine Verhaltensweisen beschreibt? Doch nur mit angemessener Korrektheit, sonst wird meine Beschreibung sofort ein durch die eigenen Gewohnheiten verfälschter Brei von unhinterfragten Vorurteilen.

Im Politikstudium geht es aber darum, politische Sachverhalte angemessen beurteilen zu lernen. Dazu ist eine Kenntnis dessen, was man selbst gemeinhin als Vorurteile mit sich herumschleppt, äußerst nützlich, sonst ... lernt man nix.

Wenn ich Literatur oder Film studiere, werde ich mich ja auch nicht zufriedengeben mit einer Beurteilung wie "Echt klasse, der Film!", sondern nach den dieses Urteil prägenden oder widerlegenden Beweisen suchen und sie in der Mikroanalyse finden.

Wenn ich Mathe studiere, lerne ich, die Details mathematischer Verfahren so lange zu erlernen, bis diese Analyse mir quasi aus dem Stand, automatisch gelingt und ich damit weiterarbeiten kann.

Wenn ich Soziologie studiere, will ich lernen, die Verhältnisse zwischen den Menschen in ihrer Funktion und Wirkung zu begreifen. Das kann nur gelingen, wenn ich darauf achten lerne, mit welchen Kategorien ich sie zu beschreiben versuche.

Ich bin froh über die "unglaubliche politische Korrektheit in den Unis".



Kommentar von HolgerSchneider ,

"Das Politik-Studium dient der Ausbildung von Fähigkeiten zur kritischen Betrachtung politischer Zusammenhänge, auch wenn das jetzt tautologisch wirken mag."

Ein jeder Denker unterzieht einen jeden kritischen Politikwissenschaftler, kritischen Soziologen, kritischen Kritiker generell einer Kritik und untersucht, welches subjektive Eigeninteresse dieser vertritt.

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