Frage von dasistsparta5, 44

Wirtschaft - könnte es eine Wirtschaftsform geben, die nicht ständig Wachstum braucht, um sich am Leben zu erhalten?

Wir schreiben das Jahr 1976. Die Politik und die Wirtschaftler sind sich einig: "wir müssen wachsen". Wir kehren in unsere heutige Zeit zurück: wir sind mittlerweise dermaßen gewachsen, dass sich die Wirtschaftskraft verfünffacht hat im Vergleich zu 1976. Und dennnoch sind wir nicht glücklich. Wir müssen ständig weiter wachsen, warum ist das so? Warum kann es uns nicht gut gehen bzw warum können wir unseren Wohlstand nicht erhalten, wenn die Wirtschaft so bleibt wie sie ist? Könnte es eine Wirtschaftsform geben, die gesund bleiben kann, ohne ständig wachsen zu müssen? Ich habe nichts gegen Fortschritt und Wirtschaftswachstum, sondern gegen den Zwang. Ich jogge gerne mal, aber ich will vor niemandem weglaufen müssen.

Antwort
von berkersheim, 15

Das wäre wünschenswert, aber wünschenswert und möglich sind nicht immer deckungsgleich. Die erste unerfüllbare Forderung wäre: Wir bräuchten andere Menschen, überhaupt eine andere Menschheit. Eigentlich bräuchten wir nach Kant funktionierende Vernunftmaschinen, die sich nur noch an Zahlen und Daten orientieren und denen die Emotionen endlich rausoperiert wurden. Emotionen sind der Grund unterschiedlicher, individueller und gegenläufiger Gruppenbewertungen. Emotionen sind der Grund für Liebe und Mitgefühl, aber auch für Zwist und Krieg. Ob wir dann ohne Wachstum auskommen ist eigentlich egal, denn dein Anspruch ist ja, dass wir glücklich sind. Wie soll das gehen ohne Emotionen? Ich sehe wenig Hoffnung für Deine Ambitionen.

Doch selbst Maschinen brauchen Wachstum. Keine Maschine hält ewig. Selbst wenn sie mit Zahlen arbeiten, arbeiten sie mit Statistiken und die haben nun mal Schwankungsbreiten. Um im Austausch alt gegen neu zumindest das gleiche Niveau zu halten, benötigen sie zur Überbrückung der statistischen Schwankungen immer etwas mehr neu als alt. Dazu kommen - Gleichverteilung auf der Welt längst vorausgesetzt (falls Dir klar ist, was allein das bedeutet) - Naturkatastrophen, die unberechenbar zerstören, falls wir es bis dahin nicht geschafft haben, dass die ganze Welt eine berechenbare Maschine ist. Am besten, wir werden Gott, der das alles im Griff hat. Sonst kommen wir um Wachstum nicht herum.

Kommentar von dasistsparta5 ,

Du scheinst dich gut auszukennen, deswegen will ich dir nicht zu nahetreten. Aber kann es sein, dass du einem Denkfehler unterliegst. Klar müssen Maschinen ersetzt werden, alles muss ersetzt werden. Aber das funktioniert auch, wenn die Wirtschaft konstant bleibt.

Z.B. kauft die Behörde XY jedes Jahr neue PC's. Und die Firma XY produziert jedes Jahr die benötigte Anzahl.

Die Wirtschaft bleibt konstant. Die Firma XY muss seine Verkaufsrate nicht steigern, damit sie nicht pleite geht.

(Und übrigens "du" kann man nach der neuen Rechtschreibung klein oder groß schreiben, je nach Bekanntheitsgrad. "du" ist aber persönlicher).

Kommentar von berkersheim ,

Du bleibst zu abstrakt. Wieviele PCs die Behörde ersetzen muss, ist eine schwankende Größe. Firma XY produziert ja nicht nur PCs für die Behörde sondern auch für Kunden, bei denen die Schwankungen des Neukaufs oder Austauschs noch größer sind. Nicht mal die Geburtenrate ist konstant und stabil zu halten. Sie ist aber die Grundlage künftiger wirtschaftlicher Entwicklung. Man merkt, Du hast noch nichts mit realen Wirtschaftsprozessen zu tun gehabt. Die in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und von der Presse gern zitierten Zahlen sind a) nachträglich und gerundet und vertuschen als Gesamtzahlen die erheblicher Fluktuation innerhalb der Prozesse. Schau Dir doch mal allein den wirtschaftlichen Wandel von 1950 bis heute an.

Kommentar von dasistsparta5 ,

Ja, aber man sagt doch, bei einer Geburtenrate von 2,1 bleibt die Bevölkerungszahl konstant. Der Wirtschaft reicht es aber nicht aus, konstant zu bleiben, sie muss wachsen. Übertragen auf die Bevölkerung hieße das z.B. die Geburtenrate eines Landes soll z.B. 3,5 betragen, damit die Bevölkerungszahl wächst.

Wachstum scheint in der Wirtschaft also ein Selbstzweck zu sein, und das kritisiere ich bzw. hinterfrage ich. Warum ist das so? Warum müssen wir immer mehr produzieren, damit es uns gleichgut geht?

Kommentar von berkersheim ,

Wir benötigen keine wachsende Bevölkerung. Besser wäre, wenn die Weltbevölkerung zurückgeht, allerdings nicht ungleichmäßig. Ein geringes Wachstum bedeutet auch nicht, dass der Ressourcenverbrauch steigt. Wenn das Recycling zunimmt, um verbrauchte Güter wiederzuverwenden, wird das im BIP auch als "Wachstum" gemessen. Es geht im BIP immer um den jährlichen Waren- und Dienstleistungsumschlag. Eine leichte Steigerung benötigen wir, um den Umbruch, der ständig stattfindet, auf dem Arbeitsmarkt und bei den Preisen ohne negative Auswirkungen bewältigen zu können.

Antwort
von Innovate, 8

So edel deine Wünsche auch erscheinen mögen, heißt ein Leben ohne Wachstum kein Fortschritt. Was sind denn Treiber von Wirtschaftswachstum? Innovationen (Smartphones, Autos, Computer), effizientere Märkte (Jeder bekommt das, was er wirklich haben will, Wohlstand usw.) oder z.B. Steigerung des Humankapitals (wie Nutzen von Erfahrungen vorheriger Generationen). Willst du auf das alles verzichten bzw. der nächsten Generation höheren Wohlstand dadurch unmöglich machen?

Vielmehr ist Wachstum sehr gut, da der Wohlstand aller steigt. Auch für die Umwelt ist Wachstum gut. Gerade technologische Innovationen reduzieren den Ressourcenbedarf (bessere Motoren/Hybridautos, Moderne Flachbildfernseher verbrauchen nur 1/10 der Ressourcen eines Röhrenfernsehers - bei besserer Leistung).

Gibt es einen Zwang für Wachstum? Nein. Wenn du magst, ziehe in den Wald oder auf Inseln. Es gibt Inseln, da sind 1.000 Jahre ohne Wachstum vorübergegangen. Da will halt nur heute "keine Sau" mehr leben - genau wegen des Nullwachstums. Ist es also sinnvoll nach zukünftigen Wachstumsmöglichkeiten zu suchen (wenn einem sein persönliches Wohlergehen wichtig ist)? Definitiv!

Antwort
von GuenterLeipzig, 20

Das wäre rein theroretisch schon möglich, wir müssten uns dann aber auch alle auf allen Ebenen beschränken, sei es im Export, im wirtschaftlichen und privaten Konsum, Investitionen.

Gerade letztere dienen natürlich auch dazu nachhaltig die Wirtschaftskraft zu erhalten und zu steigern.

Bleiben Investitionen gang aus, hat man irgendwann einen überholten Gerätepark usw. und wir legen dann ggf. ungewollt des Rückwärtsgang ein.

Auch eine progressive Lohnentwicklung ist dann tabu, dennn diese ist nur aus Wachstum finanzierbar.

Günter

Kommentar von dasistsparta5 ,

eine progressive Lohnentwickling ist aber nicht nötig, wenn die Preise konstant bleiben

Kommentar von berkersheim ,

@dasistsparta5

Ist Dir klar, auf welch hohem Niveau der Abstraktion, der Realitätsferne, Deine Forderung ist, dass Preise konstant bleiben? Bei sieben Milliarden Menschen auf der Welt im Handelsaustausch? Dabei reicht es nicht, dass evtl. festgesetzte nominale Preise gleich bleiben. Da gibt es Qualitätsschwankungen, die einen nominalen Preis für den Verbraucher höher- oder geringwertiger erscheinen lassen, da gibt es eine Fülle von Umgehungsstrategien. Konstante Preise sind genauso unmöglich wie kein Wachstum. Abstrakte Bedingungen sind noch lange keine Realität und außerdem ist in dieser Beziehung immer von Preisniveau die Rede, innerhalb dessen die Einzelpreise schwanken und selbst das hat noch keine Regierung über längere Zeit hinbekommen. Schon gar nicht ohne Wachstum.

Kommentar von dasistsparta5 ,

Ich gehe von ganz simplen Gedankengängen aus. Preise können unabhängig von Angebot und Nachfrage, weil z.B. mein Geld in den Kreislauf kommt, steigen oder sinken. Wenn sie steigen oder sinken können, gibt es aber sicher auch einen Weg, sie konstant zu halten. Mehr oder weniger.

Kommentar von GuenterLeipzig ,

Mal noch etwas zum Nachdenken:

Die Weltbevölkerung wächst stetig - ist einfach so - derzeit sind wir glaube bei etwa mehr als 7 Mrd.

Was wird wohl passieren, wenn alles andere gleich bleibt, keine Wirtschaftswachstum einhergeht?

Ich möchte unter solchen Bedingungen nicht leben.

Günter

Antwort
von FrageSchlumpf, 3

Ich würde mir da keine Gedanken machen. Der angebliche Zwang zum Wachstum ist so schlecht wissenschaftlich belegt, dass man getrost davon ausgehen kann, dass es nicht stimmt.

Warum in "Gleichbleiben" von allem, was wir Wohlstand nennen ( quantitativ und qualitativ in Punkten wie Wohnung, Auto , Kleidung , Essen , Unterhaltungselektronik usw ) zwingend zum Tode führt leuchtet mir nicht ein.

Eventuelle Probleme, die sich aber wiederum durch Wachstum hervoragend kaschieren lassen, entstehen eigentlich nur durch ungleiche Verteilung des Wohlstandes.

Antwort
von ballooou, 19

Unser kapitalistisches System braucht Wachstum sonst werden die Reichen nicht mehr reicher. Das andere System was du meinst ist Kommunismus (Soziales System), dieses System kennt aber keine Unterschiede von Menschen, es gibt keine Reichen und keine Armen, da braucht die Wirtschaft nicht zu wachsen , da geht es nur um den Menschen. Der Mensch ist aber gierig und will immer mehr, deshalb würde Kommunismus nicht funktionieren

Kommentar von dasistsparta5 ,

dass die Reichen nicht reicher werden ist aber für die Allgemeinheit kein Problem. Es wird aber immer gesagt, wir brauchen Wachstum, um Arbeitsplätze und so weiter zu erhalten.

Kommentar von ballooou ,

und wer sagt es? dass sagen die Chef und Politiker die die Taschen nicht voll genug bekommen können. es war aber in der Geschichte des Menschen immer so.

Kommentar von berkersheim ,

@ballooou

Kommunismus war und bleibt eine Utopie, war nicht mal annähernd je in Aussicht, Realität zu werden, und hat bei genauerem Hinsehen einen anderen Menschen vorausgesetzt. Aber seine Vorstufe, der Sozialismus hatte sich doch offiziell Wachstum in die Agenda geschrieben. Der Kapitalismus sollte überholt werden. Und der Sozialismus hat dann gezeigt, vor allem für "dasistsparta5" lehrreich, wenn er genau hinschauen mag, dass Wollen und Planung das eine sind und Realität das andere. Sie sind von einer Fehlplanung in die nächste und dann in ihr Ende gestolpert. Mit etwas mehr Bescheidenheit, dann wäre in manch konkretem Fall eine Verbesserung drin, aber diese Überheblichkeit, dieses unrealistische Kopfkino schubst uns eher in den Abgrund.

Kommentar von Unsinkable2 ,

Unser kapitalistisches System braucht Wachstum sonst werden die Reichen nicht mehr reicher.

Das Wachstum wird sogar gebraucht, um "nicht ärmer" zu werden. 

Stagniert das Wachstum dauerhaft, bricht das gesamte System zusammen.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community