Frage von Dunacsilla, 166

Wieviele Kühe braucht ein Bauer um seine Existenz zu sichern?

Vor ca. sechs Jahren hat mir ein Landwirt erzählt, dass die Produktionskosten für einen Liter Milk 26 cent betrugen. Das war der komplette Preis, inklusive Futter, Tierarzt, Betriebskosten wie Zinsen, Hypotheken auf Stallgebäuden etc. Damals erhielt der Landwirt zwischen 30 und 34 cent für einen Liter Rohmilch, und verdiente somit zwischen 4000 und 8000 Euro an einer sehr guten Milchkuh pro Jahr (die ja an die 10.000 Liter Milch geben). Wenn nun die Milchquote abgeschafft ist, und der Preis für die Milch gesunken ist, wie überleben dann die Bauern? Die Produktionskosten kann man kaum senken, es sei denn man verzichtet auf das teure Turbofutter. Ohne das Futter geben die Kühe aber weniger Milch. Wie schaffen die Milchbetriebe es, sich dennoch über Wasser zu halten. Die Frage ist nur auf die Milchwirtschaft bezogen. Sicher gibt es Bauernhöfe die noch eine Laden betreiben, und auch Obst und Gemüse anbieten. Ich möchte aber wissen, wie umfassend die Haltung von Milchkühe sein soll, damit ein Landwirt davon ordentlich leben kann.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Nogli, 166

Also, Milchbauern sind Restgeldempfänger. Sie liefern die Milch ab, ohne im vorraus zu wissen, was sie hierfür erhalten. Die Molkereien antworten auf "Rundfragen" der Discounter und unterbieten sich gegenseitig. Es entsteht hierbei ein Liefervertrag mit dem LEH je nach Situation am Rohstoffangebot von bis zu 6 Monaten. (Vertragsinhalte wie z.B 6-8 Wochen Zahlungsfrist). Die Molkerei berechnet den Erlös mit der eigenen Kosten und der Marge, und überweist bis zu 6 Wochen nach der Rohmilchlieferung das Rest-Milchgeld an die Bauern. Z.Z. 24-28 cent/ltr. bei Vollkosten der Bauern von mind. 45 cent (http://www.milch-marker-index.de/home/ ) Laut Studie von der RABO Bank NL wird die Rendite am Produkt Milch im Laden verteilt (ROI return of investment): vorgelagerte Bereich (Tierarzt, Futtermittel, Landtechnik) 14,1 % ; Verarbeiter, Molkerei 18,1 % ; LEH 24,4 % ; Milchbauern 0,5 %. In einigen Bundesländern gibt es die "Faire Milch". Bei diesem Produkt erhält der Bauer 45 cent garantiert.

Kommentar von Dunacsilla ,

Lieber Nogli,

Du scheinst dich ja wirklich gut auszukennen. Vielleicht hätte ich die Frage anders formulieren sollen. Mir ist klar, auch aus den Erzählungen meiner Verwandten und Freunden, die irgendwo am Rande mit der Landwirtschaft zu tun haben, dass die Milchviehanlagen zunehmend unrendabler werden. Ich habe mir aber überlegt, wie ich daran gehen würde. Wenn sich der Endpreis nicht halten oder steigern lässt, würde ich die Kosten senken. Das hieße dann einen Verzicht auf die Produkte von Monsanto und Co, weniger Medikamente, keine Bürste- und Massagebühnen, etc. Die Kühen würden dann vermutlich keine 10.000 Liter Milch mehr geben, sondern vielleicht nur 6000 wie noch vor Jahrzehnten der Fall war. Aber auf die 6000 Lt/Kuh würde der Landwirt eventuell noch etwas verdienen können, während er ja im Moment mit Verlust wirtschaftet, oder so gerade mal über die Runden kommt. Also soll die Frage eigentlich lauten: Führt die Aufgabe der Milchquote nicht auf langer Termin dazu, dass die industrialisierte Produktionsweisen zugunsten der natürlichere Haltung der Kühen aufgegeben werden muss? Und wäre das nicht besser für alle Beteiligten: die Landwirte, die sich nicht mit Haut und Haaren verschulden müssen, die Kühe, die wieder auf die Wiese grasen dürfen, und der Verbraucher, der zu einem vertretbaren Preis Milch kaufen kann wofür die Tiere weniger gestresst wurden. Oder sehe ich das komplett falsch, geradezu naiv? Dann sage es ruhig, es war nur eine Überlegung, weil mir eben beide Leid tun, die Kühe und die Milchbauern.

Kommentar von Nogli ,

Hallo D., der Milchbauer der mit Abstand den größten Aufwand betreibt aber fast keine Rendite erhält gehört sicher nicht zum Agrobusiness. Andersrum würde es diesen nicht geben, wenn hier nicht produziert werden würde. In den 80er/90er waren es die Hähnchenhalter, die als erstes in die Industrielle Ldw getrieben wurden. Es mußten große durchmechanisierte Ställe sein mit wenig Arbeiteinsatz, aber viel Kapitaleinsatz. Dann vielen gesteuert die Preise, sodaß viele in finanziellen Nöten gerieten. Not macht Abhängig und so erklärte sich die Industrie (u.a. Wiesenhof) bereit, die Küken an einen bestimmten Termin zu liefern, die Medikamente terminlich zu liefern, das Futter zu liefern und den Schlachttermin festzusetzten, wann die Tiere abgeholt werden. D.h. der einstige stolze Bauer ist mittlerweile zum Lohnmäster degradiert. Das was ihm letztendlich gehört ist die Sch..ße und die toten Tiere (Abfall und das Risiko). Ab den 90er war es der Schweinehalter der industiealisiert werden mußten. 1995 gab es in Niedersachsen 62500 Schweinehaltende Betriebe. Heute sind es noch < 10000 bei ähnlichen Schweinepopulationen. Auch hier wird sklavenähnlich für die Industrie produziert, die die Preise letztendlich festlegen und die Bauern so entlohnen, sodaß die Abhängigkeit nicht verloren geht. Heute sind die Milchbauern dran, die 100 Kühe und mehr im Nebenverdienst machen sollen. Wie ist hierbei egal, solange die Milch der Industrie angeliefert wird. In allen Fällen ist es auf Seiten der Erzeuger absolut wichtig sich massivs zu bündeln, und geschlossen der Industrie entgegenzutreten. Hierfür benötigt man jedoch seitens der Politik Rahmenbedingungen um dieses zu realisieren. Leider macht Wirtschaft (deren Lobbyisten) Politik, und so ist es nicht möglich Mehrheiten zum Gunsten der Bauern zu erhalten. Selbst der Bauernverband ist derart in der Wirtschaft verflechtet, das er diesen Namen und Funktion längst nicht mehr verdient.

Kommentar von Nogli ,

Wir (die Milcherzeuger) wollen runter vom Überschuss, damit wir aus dem Existenz bedrohlichen Preistief herauskommen. Milcherzeugung zu diesen Tiefstpreisen zerstört wirtschaftliche Substanz auf den Betrieben und richtet sich gegen eine umwelt- und tiergerechte Landwirtschaft. Wir stehen für eine gesellschaftlich akzeptierte Landwirtschaft. Das fordern wir auch von unseren Agrarministern.  Wer sich jetzt noch gegen eine europaweit koordinierte Mengenreduzierung ausspricht, der treibt Tausende Familienbetriebe in den Ruin. Die Strategie der Exportausweitung der Bauernverbände und der Milchindustrie verkommen die Milchbauern zu reinen Rohstofflieferanten, die den Molkereien die Milch zu möglichst niedrigen Preisen zu liefern haben. Rechte der Bauern zur Mitsprache oder gar zur Verhandlung über Menge, Qualität und Milchpreis gibt es nicht. Tiefstpreise am Weltmarkt gehen voll auf das Konto der Bauern. Die Molkereien nehmen sich immer ihren Teil und halten sich so auf unsere Kosten schadlos. Milch für die Welt bedeutet Milcherzeugung zu Kosten und Standards wie in China, Indien, Südamerika oder in den USA, wo Betriebe mit mehreren Zehntausend Kühen das Bild bestimmen . Diese Entwicklung wird die Konflikte zwischen Bauern und Gesellschaft bei uns noch weiter anheizen. Auch das wird allein auf dem Rücken der Bauern ausgetragen, während die Exportindustrie unbehelligt ihre Geschäfte macht. Auch der LEH und letztendlich auch der Verbraucher sind nicht unschuldig. Wer Milch für 55 Cent den Liter kauft, handelt nicht anständig und kann sich auch nicht darauf hinausreden, dass er sich doch als Marktteilnehmer völlig rational verhalte. Wenn die großen Lebensmittelkonzerne die Erzeugerpreise so weit drücken, dass die Bauern für die Milch nur noch halb so viel bekommen, wie sie die Erzeugung kostet, dann ist der Niedrigpreissegen an der Supermarktkasse die Folge eines Gewaltaktes und nicht von Angebot und Nachfrage.

Kommentar von Dunacsilla ,

Danke Nogli, für diese perfekte Erklärung. Ich wusste ja, dass die Lage bedenklich ist, aber dass sie dermaßen desaströs ist, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich beobachte natürlich um mich herum wie kopflos die Menschen einkaufen. Die Bemühungen, möglichst wenig aus zu geben, stehen bei vielem voran. Ich habe vor Jahren schon damit angefangen, bei jedem Cent den ich ausgebe, zu überlegen, wohin der dann fließt. Zwar bin ich nicht so eisern und konsequent wie die Veganer, aber ich kaufe meine Lebensmittel nur bei Erzeuger aus dem Umland, frisch, saisongerecht. Das klappt wunderbar, nur bei der Milch nicht. Die Frischmilch (In der Glasflasche, im Bioladen) kommt aus Schweden oder Dänemark. Ich wohne in Berlin, und suche schon lange nach einem Laden oder Marktstand wo ich Milch aus Brandenburg kaufen kann, Es gibt solche Adressen schon, aber da ich auf ein Auto verzichte, muss ich X mal durch halb Berlin mit dem Fahrrad, und das sind lange Strecken. Einfache Frischmilch zu einem angemessenen Preis habe ich noch nicht gefunden. Dennoch habe ich das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen und komme mir vor, als wäre ich die einzige, die genau hinschaut.

Kommentar von Nogli ,

Bei Milch machst du mit "Faire Milch" alles richtig (http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.diefairemilch.de%2Flayout%2F... )  Am 16.01.2016 ist wieder die "Wir haben es Satt" Demo in Berlin,  NGO`s Verbraucher und Bauern gehen Hand in Hand gegen den Industrieverband. Ich bin auch wieder dabei.

Antwort
von blackforestlady, 140

Die meisten Bauern die hier im Schwarzwald eine Milchwirtschaft betreiben, haben eine Herde von mindestens zwanzig Kühe und darüber. Darunter lohnt sich der Aufwand nicht und haben eine zusätzliche Einnahmequellen und gehen eine geregelte Arbeit nach.

Antwort
von lastgasp, 128

Aus einem Forum von Landwirten:

RROTERBARON schrieb:

das ist rätselhaft

einen kenn ich der lebt mit familie von 17 kühen sonst nix also er zwei kinder und frau
wie er das macht weis i ned aber der kann seinen milchtank noch von hand zur strasse brungen

Ja, die gibt es !

In meiner Region sogar einige. 15 bis 20 Milchkühe plus Nachzucht, plus Ausgleichszulage, sonst nichts !

ABER :
Diese Betriebe haben oft keine Schulden, leben sparsam bis spartanisch, investieren nur noch in
notwendigste Reparaturen, "verleben"sozusagen ihre AfA und ihre Kinder haben schon ausserlandw.
Einkommen.
Man muss also sagen, diese Betriebe gibt es NOCH.
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Sonst gibt es genügend Material im Netz, dass Du mit einfachsten Suchbegriffen ermitteln kannst. Eine mundgerechte Antwort wie im Kochstudio kannst du nicht ernsthaft erwarten, hierzu sind die Bedingungen viel zu unterschiedlich. Kostensenkungsdruck, optimales Ausbalancieren der regionalen und EU-Fördergelder, Abhängigkeit von Großmolkereien und andere Feinheiten dürften zumindest für Niedersachsen ein Mindestanzahl von 40 Tieren erforderlich machen, um als bäuerlicher Betrieb zu überleben.

Hier die Beantwortung einer Anfrage an das niedersächsische Landwirtschaftsministeriums zur Struktur der Betriebe (s. Seite 21ff.)

www.landtag-niedersachsen.de/ps/tools/download.php?file=/ltnds/live/cms/dms/psfile/docfile/33/17_08305264d981ce9ca.pdf&name=17-0830.pdf&disposition=attachment

Kommentar von lastgasp ,

den ganzen Link kopieren, oder nach Drucksache 17/830 des niedersächsischen Landtages googlen.

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