Frage von kalscha, 75

Wieso vertritt der Hauptmann bei Woyzeck den Idealismus?

Ich verstehe nicht genau, was der Hauptmann in dem Buch "Woyzeck" mit dem Idealismus zu tun hat. Idealismus bedeutet doch, dass die Idee die eigentliche Realität ist, weil alles andere vergänglich ist und somit quasi nur ein Abbild der Idee ist. Wir sehen also die Realität nur als Abbild der eigentlichen Idee.
Der Hauptmann hat halt Idealvorstellungen vom Leben eines Menschen, mit Moral und Religion. Aber was hat das jetzt mit der Idee zu tun?
Und was hat der Idealismus mit dem ständigen Streben nach Fortentwicklung des Menschen zu tun?  
Ich glaube um den Zusammenhang zu verstehen fehlt mir noch etwas mehr wissen über den Idealismus... Danke schonmal für eure Antworten :)

Expertenantwort
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 22

Im Drama »Woyzeck« von Georg Büchner trägt der Hauptmann keine gehaltvollen philosophischen Gedanken vor und zeigt eine geistige Beschränkheit.

Die vom Hauptmann in seinen Äußerungen vertretene Weltanschauung kann in seinen Aussagen zu Moral und Tugend als Idealismus eingeordnet werden. Sein eigenes Verhalten gegenüber Woyzeck steht allerdings in erheblichem Ausmaß zu einem ethischen Idealismus in Gegensatz.

Idealismus ist ein Begriff mit verschiedenen Bedeutungen. Eine Gemeinsamkeit besteht darin, Ideen eine wesentliche Rolle zu geben.

Umgangssprachlich werden als Idealismus ein Überzeugtsein von Idealen, eine Ausrichtung des Verhaltens an Idealen als höheren Werten, ein Glaube an das Gute (seine Gültigkeit und Erfolgsaussicht) in Verbindung mit einer Neigung zur Realitätsferne und einer Prägung durch Traumvorstellungen bezeichnet.

Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch gibt es den Begriff »Idealismus« in verschiedenen Fassungen und mit Bezug auf verschiedene Bereiche. Ohne dies mit allen Feinheiten und vollständig darzulegen, kann als Merkmal angegeben werden, Ideen als grundlegend, ursprünglich, vorrangig und maßgeblich aufzufassen. Als Ideen bzw. Träger von Ideen können beispielsweise gedankliche Prinzipien und Gedankengehalte, die Vernunft, der Geist und das Bewußtsein verstanden werden.

a) Ontologie (Seinslehre): Ideen sind das Grundlegende der Wirklichkeit/der Welt/des Seienden. Die wahrnehmbare Wirklichkeit ist Abbild von Idee oder von Ideen als Prinzipien durchwirkt oder das Sein vom Bewußtsein bestimmt. Gegensatz zum Idealismus ist ein Materialismus.

b) Erkenntnistheorie: Die Wirklichkeit/die Welt/das Seiende ist nicht durch Erfahrung unmittelbar fertig vorgegeben, sondern sie wird erst über Ideen erkannt. Die Vernunft mit einem begrifflichen Denken ist eine wichtige und eigenständige Quelle der Erkenntnis. Gegensatz zum Idealismus ist Empirismus.

c) Ethik: Bestimmte Ideen, nämlich Ideale/Werte haben Geltung als gut, sollen das Verhalten leiten, sind maßgeblich. Mehrere Standpunkte sind gegensätzlich, z. B. ein ethischer Nihlismus und ein selbstsüchtiger Egoismus.

Zusammenhang von Idealvorstellungen und Ideen: Ideale zum Leben der Menschen, Werte (z. B. Tugenden), wie Menschen sich verhalten sollen, sind bestimmte Ideen.

Zusammenhang von Idealismus und ständigen Streben nach Fortentwicklung des Menschen: Ein ethischer Idealismus vertritt als Ziel, sein Verhalten und sein Leben allgemein an bestimmten Ideen auszurichten. Es wird also eine Verwirklichung/Umsetzung dieser Ideen angestrebt. Dies kann als Fortentwicklung verstanden werden, hin zu einem immer weitergehenderen Ausmaß an Verwirklichung/Umsetzung. Es wird versucht, einen besseren Zustand zu erreichen. Dies bedingt ein Streben nach möglichst weit vorangehender Annäherung an eine Selbstvervollkommung.

Der Hauptmann und Woyzeck

Der Hauptmann ist ein schwerfälliger Mensch, leidet unter Langeweile und innerer Leere (mit Neigung zur Melancholie) und hat mit Angst vor Bewegung und Veränderung. Eiligkeit, sich abzuhetzen, deutet er als Anzeichen schlechten Gewissens. Zu Woyzeck meint er wegen dessen Eile, er sei ein guter Mensch (was vielleicht ausdrückt, ihn für grundsätzlich sympathisch zu halten, ihm eine gutartige Naturveranlagung zuzuprechen oder mit ihm aufgrund seiner Unterordnun zufrieden zu sein), aber habe keine Moral. Diesen Vorwurf konkretisiert er (in Bezug auf das Verhältnis mit Marie) mit dem Hinweis auf ein uneheliches Kind, ein Kind ohne Segen der Kirche. Er tadelt Woyzeck mit dem Vorwurf, keine Tugend zu haben, kein tugendhafter Mensch zu sein.

Der Hauptmann ignoriert die materiellen Vorausetzungen für eine Heirat und damit eheliche Kinder. Eine Heiratserlaubnis gab es nur bei ausreichend Vermögen/Einkommen und einem festen Wohnsitz. Woyzeck kann wegen seiner sozialen Lage diese Bedingung nicht erfüllen.

Woyzeck entgegenet, kein Geld, aber auch sein Fleisch und Blut zu haben. Er meint, die einfachen armen Leute seien in der Welt unselig gestellt. Der Hauptmann sagt von sich selbst, auch Fleisch und Blut zu haben, aber Liebe nicht entgegen der Moral auszuleben.

Woyzeck meint, die armen Menschen aus der Unterschicht („wir gemeine Leut“) hätten keine Tugend, es käme einem nur so die Natur. Zugleich anerkennt er die Tugend als etwas Schönes und meint, als wohlhabender, vornehmer und gebildeter Mann würde er tugendhaft sein.

Der Hauptmann trägt selbstgefällig Floskeln und hohle Phrasen vor. Er gibt keine genauen Begriffsbestimmungen (zu Moral allgemein sagt er, sie sei etwas Gutes, aber nuchts Weitergehendes). Stattdessen verwendet er Tautologien (z. B. „Moral das ist wenn man moralisch ist“) und verweist auf Konvention/Autoritäten (die Kirche, konkret „unser hochehrwürdiger Herr Garnisonsprediger“).

Irgendein tiefgründiger Idealismus ist beim Hauptmann nicht vorhanden. Moral bzw. Tugend enthält Ideen und damit Vorgaben, wie ein Mensch sich verhalten soll. Einem Idealismus zugeordnet werden kann seine Annahme, der Mensch könne mit Ideen sein Fleisch und Blut, seine Natur (Körperlichkeit, Triebe, Bedürfnisse, natürliche Anlagen bzw. Naturell) unter Kontrolle halten. Von den Umständen, in denen ein Mensch lebt, meint er in diesem Zusammenhang absehen zu können. Der Hauptmann setzt voraus, das Bewußtsein könne das Sein bestimmen.

Georg Büchner neigte in seiner Weltanschauung zu einer materialistischen Determiniertheit (Bestimmtheit von Menschen durch die Umstände, darunter vor allem die gesellschaftlichen Bedingungen). In einem Brief an seine Familie schreibt er im Februar 1834: „Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, - weil wir durch gleiche Umstände wohl Alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen.“

Der Hauptmann ist Vertreter einer gehobenen gesellschaftlichen Schicht und Woyzecks Vorgesetzter. Persönlich ist er weder besonders intelligent (er ist im Gespräch der Argumentation von Woyzeck sachlich nicht gut gewachsen) noch tapfer (Courage hält er für keine Eigenschaft guter Menschen und betont seine Liebe zum Leben). Sein Schwadronieren von Moral und Tugend läuft auf eine Disziplinierung durch das gesellschaftliche System hinaus. Der Hauptmann hat nur eine dünne Schicht an Gutmütigkeit. Tatsächlich verhöhnt er Woyzeck („O Er ist dumm, ganz abscheulich dumm.“). Er droht ihm, wenn er nicht folgsam ist, und seine Andeutung über ein Verhältnis Marie mit dem Tambourmajor ist eher auf Verspotten angelegt. Der Hauptmann versucht seine eigene Unsicherheit und Leere zu überspielen, indem er Woyzeck demütigt.

Bücher in Bibliotheken können nützlich sein. z. B.:

Harald Neumeyer, »Woyzeck«. In: Büchner-Handbuch : Leben - Werk - Wirkung. Herausgegeben von Roland Borgards und Harald Neumeyer. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2009. S. 98 - 118 (zum Hauptmann S. 108 -110)

Hans-Georg Schede, Georg Büchner, Woyzeck. Stuttgart : Reclam. 2006 (Reclams Universal-Bibliothek ; Nr. 15339 : Lektüreschlüssel für Schüler), S. 30 - 31:

„Für sich genommen ist der Hauptmann eine kümmerliche Gestalt. Er ist müßig – er liegt im Fenster und schaut den Frauen nach (vgl. Szene 5) –, »aufgedunsen, fett« und insofern vom Schlaganfall bedroht (der Doktor über den Hauptmann, Szene 9), schreckhaft um seine Gesundheit besorgt und auch vor dem Feind alles andere als tapfer gewesen (vgl. seinen Eigenkommentar am Ende der Szene 9). Dass er nicht über den Rang eines Hauptmanns hinausgekommen ist, wird mit diesen mittelmäßigen Anlagen zusammenhängen. Der Bedrohung, die eine fortschreitende Modernisierung der Gesellschaft auch für ihn bedeutet, begegnet er mit einer philosophischen Attitüde, die aber inhaltlich völlig unzulänglich bleibt und über einen wichtigtuerischen Idealismus nicht hinausreicht. Dabei stützt er sich auf konservative Werte wie Tugend, Moral und den Segen der Kirche.

Bezogen auf Woyzeck veranschaulicht die Figur des Hauptmanns, dass sich die Obrigkeit auch noch in ihrer jämmerlichsten Erscheinungsform jederzeit mit Selbstverständlichkeit das Recht anmaßt, die ihnen Untergeordneten zu zu drangsalieren und zu verhöhnen. Der Hauptmann zieht sein Gefühl der Überlegenheit wesentlich aus der Herablassung, mit dem er Woyzeck behandelt. Dass er zu Woyzeck sagen kann, er sei »abscheulich dumm« (Szene 5), wird ihm zum Beweis seiner eigenen Klugheit, die er anders unter Beweis zu stellen nicht in der Lage ist. Zwar gibt er sich gerne gemütlich und »menschlich«; aber man darf nicht übersehen, dass diese gemütliche Herablassung »die völlige Entmündigung des andern« schon voraussetzt […] und dass diese Gemütlichkeit jederzeit bedenkenlos bereit ist, in Grausamkeit umzuschlagen: Es ist der Hauptmann, der Woyzecks Verdacht, dass Marie ihn betrüge, boshaft Nahrung gibt und der auf diese Weise dafür sorgt, dass Woyzeck vollends die Balance verliert.“

Michael Glebke, Die Philosophie Georg Büchners. 2., unveränderte Auflage. Marburg : Tectum-Verlag, 2010 (Marburger Wissenschaftliche Beiträge ; Band 9), S. 46:

„Woyzecks Rechtfertigung korrespondiert mit Büchners Determinationsgedanken. Er begründet seine fehlende Moral mit dem Hinweis auf seine Armut. Wenn er “ein Herr“ wäre und seine ökonomische Situation damit besser, würde er über eine Moral verfügen. Doch die Umstänhde sind es, die Woyzeck daran hindern, moralisch zu leben. Obwohl Woyzeck um die Nützlichkeit der Moral weiß – er kennt ja das “Schöne“ der Tugend -, erklärt er sich unter Hinweis auf seine Armit für unfähig, moralisch zu handeln. Aus der theoretischen Einsicht in die Notwendigkeit des moralischen Verhaltens kann also keine praktische Umsetzung werden, weil es die Umstände, die Büchner zum bestimmenden Element des Menschen erklärt hat, nicht zulassen.“

Antwort
von Koestiii, 36

So wie ich es verstehe, denk er, er wäre besser als Woyzeck. Er vergleicht sich mit ihm und sieht in Woyzeck nur ein Schatten von dem Abbild seiner Moral Vorstellung. Als dieser dann dem Hauptmann wiederspricht(religion) versteht der Hauptmann gar nicht, dass Woyzeck ihn ausgekontert hat. Er hätte an dem Bild fest und sieht gar keine Möglichkeit, dieses zu ändern. Zusätzlich ist das ne Kritik am Militärisch geprägten Bürgertum. Weiß nicht ob das jz so zu der Frage passt, aber so habe ich das in dem Zusammenhang gelernt :D

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