Frage von krassdodel, 50

Wieso sind Leute in Deutschland arm?

Ich war ein 20-jähriger Junge ohne jegliche Qualifikationen und habe einen Job gesucht. Während mir immer beigebracht wurde, dass es sehr schwierig (gerade für Unqualifizierte) sein kann einen Job zu finden und daher Arme auch nicht wirklich Schuld an ihrem Armsein sind, habe ich innerhalb von wenigen Tagen eine Stelle nur wenige Minuten von meiner Haustür weg gefunden und hätte sogar, weil ich bei mehreren Unternehmen angefragt habe, zwischen 4 verschiedenen Jobs wählen können. Der Job den ich bekommen habe zahlt zwar nur Mindestlohn, aber wenn man bedenkt, dass es ein Vollzeitjob ist reicht das Geld vollkommen um zumindest nicht als arm zu gelten. Klar gibt es Ausnahmen wie eine alleinerziehende Mutter oder eine Krankheit, aber hat ein gesunder, arbeitsfähiger Mensch wirklich eine Ausrede für seine Armut oder sind Arme in Deutschland im Grunde nur faul? Und wenn man bedenkt, dass der Staat Sozialleistungen zahlt, frage ich mich, wie kann man selbst ohne Job in Deutschland arm sein?

Antwort
von berkersheim, 15

Erst mal spielt in der Frage "arm" oder "reich" die Ideologie eine große Rolle, Je nachdem, auf welcher Seite jemand steht, gibt es ganz unterschiedliche Antworten. Wirst Du in den Beiträgen merken. Ein Problem der Ideologisierung dieser Frage ist, dass "arm" oder "nicht arm" (denn wo fängt denn "reich" an?) ist, dass sie immer gleich moralisch mit der Schuldfrage verknüpft wird. Lassen wir also mal für einen Moment "arm" oder "nicht arm" außenvor und gehen in eine Schulklasse. In den meisten gibt es eine Normalverteilung von sehr schlechten, vielen so mittelguten und wenigen sehr guten Schülern. Setzt man sich mit den Lehrern zusammen, finden die viele Gründe dafür, für jeden Schüler andere und die Frage "Schuld" wird meist als sehr, sehr schwierig eingeschätzt. Pauschal gefällte Schuldzuweisungen über den Leisten geschlagen helfen nicht, die Probleme der Nachzügler zu lösen. Teils hat die Natur die Fähigkeiten sehr unterschiedlich verteilt. Teils wird das durch die gesellschaftlichen Verhältnisse verstärkt, teils aber auch wettgemacht.

Was ist Deutschland? Ein Land mit einer langen, wechselvollen Geschichte und einem Staffellauf der Generationen, der immer wieder durcheinander gerüttelt wurde. In so einer Generationenfolge kann es eine Zeitlang gut gelaufen sein und dann verstolpert einer die Chancen. Sind daran die anderen Staffelläufer Schuld? Weil es in Deutschland insgesamt aber gut läuft sind immer wieder Neue dazugekommen - z.B. aus dem Osten zur Zeit der Industriealisierung im Ruhrgebiet. Während die einen schon mit ihrem Staffelholz auf dem Weg waren, haben da sehr arme Familien mit ihrem Staffellauf erst neu begonnen. Hätten die anderen sie draußen halten sollen, damit es keine Armen gibt? Ein reiches Land importiert ständig Armut und viele davon nutzen die Chance. Ist es eine Schuld der Alteingesessenen, Neue ohne Vermögen dazugelassen zu haben? Jetzt kommt eine gewaltige Menge ärmster Völkerwanderer. Wetten, dass die uns übermorgen als Arme präsentiert werden. Die Hilfsorganisationen wollen nicht nur helfen, die wollen auch Geld verdienen.

Antwort
von dan030, 9

Dazu mal drei Antworten:

Zum einen lebst Du rein nach statistischen Kriterien mit einem Vollzeit-Mindestlohn auch schon nahe der Schwelle, ab der von "Armut" gesprochen wird. Denn "Armut" wird im internationalen Vergleich typischerweise daran festgemacht, dass jmd. weniger als x % vom Durchschnittslohn erhält. "Armut" in diesem statistischen Sinne muss noch nicht zwangsläufig bedeuten, dass jemand hungern muss - zumindest in Deutschland.

Die andere Sache ist, dass Du Deinen Mindestlohn-Job möglicherweise auch mal anders sehen wirst, wenn z. B. eine Freundin und ein Kind dazukommen. Auch wenn die Freundin ebenfalls arbeiten geht... eine komplette Familie mit Mindestlohn-Jobs stabil(!) zu ernähren ist grenzwertig.

Und dann mal in die Zukunft gedacht:

Nehmen wir mal rein fiktiv an, Du machst diesen Job jetzt bis zum Rentenalter. Und gehst dann in Rente. Dann bekommst Du ca. 43-45 % dessen, was Du heute verdienst, aus der Rentenkasse. Kannst Du davon dann immer noch leben? Nein? Dann bist Du wirklich arm. Und konntest blöderweise nichts dagegen tun vorher, denn der jetzige Lohn reicht nicht aus, um zusätzliche Altersvorsorge zu betreiben.

Antwort
von PomHobbit, 23

Naja, dann bist du ein spezieller Fall und hast eine beeindruckende Karriere hingelegt. Allerdings können das nicht alle von sich behaupten. Viele aus ärmeren Familien und gerade aus den berüchtigten "Asivierteln" werden allein schon von den Eltern der anderen Klassenkameraden von diesen Kameraden isoliert und auch die Lehrer betrachten diese Schüler immer mit Vorurteilen. Wenn man nie gelernt hat, sich mal an den Eiern zu packen und zu lernen, bzw. was eigentlich lernen wirklih ist, dann ist es viel verlangt, dass ein junger Mensch alles alleine stemmen soll. Dann kann man am Ende, wenn man sich reinhängt, Glück wie du haben und man erreicht noch etwas oder aber der Kapitalismus hat mal wieder aufgrund des niedrigen Kapitals seiner Eltern das Potential von einem Menschen in den Sand gesetzt.

Antwort
von voayager, 5

Noch nie was von Massenarbeitslosigkeit gehört? Noch nie was von H-4 mitbekommen? noch nie was von Armutsrenten erfahren? Stattdessen nimmst du deine überaus bescheidenen eigenen Erfahrungen als allgemeinen Maßstab.


Antwort
von Neutralis, 24

Sozialleistungen sind nicht gerade viel, weshalb man auch mit solchen nicht als reich gilt oder "Normalverdiener".
Das du so schnell Jobs gesucht hast kann viele Gründe haben. Glück, eine größere Stadt usw. aber ich denke das trotzdem sehr viele nicht ernsthaft nach einen suchen.

Antwort
von jimpo, 5

Deutschland ist nicht arm aber, es gibt viele Menschen die sich selbst in die Armut manöveriert haben. z.B. haben Sie über Ihre Verhältnisse gelebt, Kredite aufgenommen die Sie nicht bezahlen konnten und, und und.

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