Frage von Br4Inee, 62

Wieso plädieren einige Parteien für ein kostenloses Nah-Vehrkehrsnetz?

In Berlin ist das schon seit einiger Zeit Thema.Jetzt, wo wieder Wahlkampf ist, wird es wieder befeuert. Für realistisch halte ich es nicht und den Sinn verstehe ich auch nicht so wirklich. Was würde für so ein Vorhaben sprechen und was dagegen?Würde Autofahrer dann auf die Bahn umsteigen?

Antwort
von LuxMayer, 37

Nicht kostenlos, sondern fahrscheinlos ;)

Um die Innenstädte zu entlasten und den ÖPNV zu niedrigen Preisen attraktiv zu machen.

Kommentar von LuxMayer ,

Als gutes Beispiel dazu ist unter anderem die belgische Kleinstadt Hasselt. 

Antwort
von Skinman, 14

Nicht kostenlos, sondern fahrscheinfrei. Das wäre dann umlagefinanziert.

Die Vorteile sind unter anderem

- keine Kosten und Infrastruktur für Fahrscheinverkauf mehr

- keine Kosten und Infrastruktur für Jagd auf Schwarzfahrer mehr

- höhere Auslastung öffentlicher Verkehrsmittel

- weniger privater Kurzstreckenverkehr in der Stadt

Das ist auch durchaus schon mal erprobt worden, beispielsweise in Tallinn und in Hasselt in Belgien.

http://derstandard.at/1363707098646/Wer-in-Tallinn-lebt-faehrt-gratis-mit-Oeffis

https://de.wikipedia.org/wiki/Personennahverkehr_in_Hasselt

Antwort
von Linguino, 17

Für die Politiker ist der Vorteil, dass sie damit eine Menge Wähler auf ihre Seite ziehen können; denn damit fiele eine geldliche Abgabe an ein mehr oder weniger staatliches Konstrukt weg (, wenn man nicht beachtet, dass dadurch andere Abgaben wahrscheinlich erhöht werden würden).
Ansonsten hätte die ärmere Bevölkerung einen Vorteil dadurch, denn so könnte sie leichter mobil werden.
Wenn dies durchgesetzt wird und dadurch andere Abgaben an den Staat teurer werden, hätten Touristen Vorteile, denn sie wären dann die einzigen, die wirklich kostenlos fahren könnten.
Letztendlich schont es auch die Umwelt, denn für den ÖPNV muss man ja dann nicht mehr zahlen (oder man wird über andere Abgabe gezwungen indirekt einen festen Beitrag zu zahlen); bezahlen würde man aber weiterhin für jeden Liter Benzin im Autotank. Also würden die Leute eher die Bahn oder den Bus nutzen, dadurch würde der Kohlenstoffdioxidverbrauch durch Personentransport sinken und die Erdwrwährmung würde verzögert oder sogar (sollte uns das wirklich irgendwann einmal trotz unserer Gier gelingen) zum Teil der Klimawandel gestoppt werden.

Antwort
von ES1956, 23

Abgesehen vom Wahlkampf finde ich die Idee nicht schlecht. 

Der ÖPNV finanziert sich jetzt schon weniger aus Einnahmen als durch die öffentliche Hand, viele Nutzer fahren schon kostenlos. (Schüler, Bedürftige)

Warum nicht den ÖPNV komplett aus Steuergeldern finanzieren und sich dafür das ganze Gedöns mit den Fahrkarten einsparen.

Die Idee dahinter ist auch dass Bürger die durch Steuern dieses System finanzieren und ohne Zusatzkosten nutzen können vielleicht zweimal überlegen dann noch mit dem Auto zu fahren.

Antwort
von Maro95, 12

Der Sinn dahinter (oder die Konsequenz) ist, die Kosten für den ÖPNV nicht nur den Leuten aufzuerlegen, die ihn tatsächlich nutzen, sondern auch Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger damit zu belasten, die nicht darauf angewiesen sind.

Für Autofahrer, die nicht auf das Auto verzichten können oder wollen - was ihr gutes Recht ist - bedeutet das eine Doppelbelastung, die ich für absolut ungerecht halte.

Das Argument, dass dann mehr Leute Bahn fahren würden, ist an Hinterfotzigkeit kaum zu übertreffen - klar machen manche das, wenn man sie dazu nötigt. Wer mit nem 15-jährigen Ford Fiesta jeden Tag aus Strausberg Nord, wo alle 40 Minuten ne Bahn fährt, die sich alle zwei Wochen verspätet, in die Berliner Innenstadt zur Arbeit fährt, leistet sich das vielleicht nicht mehr, wenn man ihn zwingt, jedes Jahr ne Jahreskarte zu erwerben.

Das Umwelt-Argument finde ich relativ schäbig, so lange man über blaue Umweltplaketten diskutiert, es aber nicht hinbekommt, Hybrid- oder Elektrofahrzeuge erschwinglich zu machen.

Das Argument, die wegfallenden Fahrscheinkontrollen würden zu einer Kostenersparnis führen - Blödsinn, denn wenn die Kosten für die Kontrollen die Einnahmen durch das erhöhte Beförderungsentgelt überwiegen würden, dürften die Verkehrsbetriebe diese wohl kaum so eifrig betreiben.

Ich hab manchmal das Gefühl, dass damit eher die öffentlichen Kassen auf Kosten des Nicht-ÖPNV-Nutzers entlastet werden sollen. Außer bei den Piraten, die möchten die Hipster zurück an die Wahlurne holen - mithin das beste Argument für den steuerfinanzierten ÖPNV. 

Kommentar von Skinman ,

Wie "gerecht" findest du denn wohl die Belastung, der nicht Auto fahrende Anwohnern in Wohnvierteln durch Autofahrer ausgesetzt sind? Verkehrslärm, zugeparkte Gehwege, stellenweise zugeparkte Feuerwehrzufahrten, Unfallrisiko, Abgase (ich sag nur VW Dieselskandal) und den Verkehrsraum könnte man sonst in Wohnvierteln prima anderweitig nutzen.

Kommentar von Maro95 ,

Und wie gerecht ist es eigentlich, wenn man als eingesessener Autofahrer am Bahndamm wohnt... Und am Flughafen dürfen dann nur Vielflieger wohnen, weil die moralisch verpflichtet sind, den Lärm zu ertragen? Bei mir vorm Haus fährt alle 20 min ein Bus und das Haus vibriert jedes mal...

Es geht wohl nicht darum, dass niemand auf der Welt durch ein Verkehrsmittel belästigt wird, das er selbst gerade nicht braucht. Es geht darum, dafür zu bezahlen und das sehe ich nicht ein. Es soll jeder das bezahlen, was er braucht. Dann ist umso mehr Geld für ein Verkehrsmittel da, je mehr Leute es benutzen. Klingt für mich gerecht und sinnvoll. 

Kommentar von claushilbig ,

Es soll jeder das bezahlen, was er braucht.

So funktioniert unser Staat und sein Steuersystem aber nicht - es zahlen schließlich auch alle Bürger, die kein Auto fahren, für die Straßen mit. (Und alle zahlen für Schulen und Kindergärten, auch wenn sie keine Kinder haben, und die Subventionen für den Flugverkehr zahlen auch Leute, die noch nie im Leben geflogen sind und es auch nie tun werden usw.)

Und: Gäbe es einen kostenlosen (und gut ausgebauten!) ÖPNV, dann bräuchte so gut wie keiner mehr ein Auto, sondern eben den ÖPNV.

Kommentar von Maro95 ,

Im Falle von Autos funktioniert das schon so, denn die *zusätzliche* Steuerbelastung durch die Kfz-Steuer trifft nun mal nur Fahrzeughalter (von Steuern für Versicherung und Kraftstoff mal ganz zu schweigen). Und so soll auch die zusätzliche Belastung durch Beförderungsentgelt nur Fahrscheininhaber treffen.

Schulen und Kindergärten mit dem ÖPNV gleichzusetzen, finde ich unpassend. Denn niemand wird abstreiten, dass man auf Schulbildung, Kinderbetreuung und Erziehung angewiesen ist - im Idealfall hat man sie selber mal genossen.

Die Vorstellung, man könnte die meisten Autos durch einen gut ausgebauten ÖPNV ersetzen, halte ich für unrealistisch. Selbst in Städten wie Berlin, wo das ÖPNV-Netz wohl als umfangreich gelten darf, sind Streckenabschnitte mit Zugverkehr im 3-Minutentakt zur Rush Hour proppevoll. Die Funktion von Straße und Öffis bedingt sich hier gegenseitig. Das eine funktioniert ohne das andere nicht. 

Antwort
von PeterSchu, 5

Es geht wohl gar nicht mal so sehr darum, die Autofahrer in großem Maß zum Umsteigen zu bewegen. Dort, wo die Verbindungen schlecht sind, werden die Autofahrer sicher auch beim Auto bleiben.

Ich denke gar nicht mal so sehr, dass es für die Allgemeinheit so viel teurer wäre, wenn man auf Fahrscheine verzichtet. Denn im Gegenzug zu den entfallenden Einnahmen spart man jede Menge Aufwand an Fahrscheinverkaufsstellen, Kontrollen usw.

Es spart den Fahrgästen sicher auch eine Menge Zeit und Ärger, denn der Nachteil beim Fahren ist derzeit nicht allein das Bezahlen, sondern auch das Kapieren des Tarifsystems, das in jedem Bereich anders ist.

Ich bin mir zwar auch nicht schlüssig, ob das durchweg funktionieren wird, aber dein Argument "Wahlkampf" halte ich für vorgeschoben und deinen Einwand "unrealistisch" würde ich erstmal zurückstellen und Systeme betrachten, wo genau dies praktiziert wird.

Antwort
von claushilbig, 6

Viele Menschen glauben, mit dem Auto billiger hinzukommen als mit dem ÖPNV (was in vielen Fällen übrigens eine falsche Einschätzung ist) - die werden nur dann auf ein Auto verzichten, wenn der ÖPNV deutlich billiger ist - und "deutlicher billig" als kostenfrei geht nicht ...


Ich persönlich denke, um innerhalb der Ballungsgebiete und Innenstädte langfristig den Verkehrs-Kollaps zu verhindern und die Luftqualität zu verbessern, müssen wir die Massen von PKW soweit möglich "draußen" halten - und um das zu erreichen, ist m. E. ein kostenfreier (und gut ausgebauter!) ÖPNV quasi die einzige Möglichkeit.

Antwort
von ThommyGunn, 20

Man möchte wohl den Autoverkehr reduzieren und auch ärmeren Menschen mehr Mobilität ermöglichen.


Antwort
von Ratlos423, 22

Es würde vor allem die Geringverdiener entlasten, wenn der Nahverkehr aus Steuermitteln finanziert werden könnte. Zudem würde es die Umwelt schonen.

Antwort
von Pauli1965, 24

Sie wollen die Leute mit wenig Geld als Wähler und davon gibt es sehr viele. Und wenn sie dann gewählt wurden, machen sie uns ne Nase.

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