Frage von einfachichseinn, 294

Wieso existiert jener psychische Krankheiten Kult?

Ich will hiermit in keinsterweise psychische Erkrankungen schlecht reden oder ähnliches. Die Gründe, weshalb jene Diagnosen zunehmen ist eigentlich offensichtlich.

Mir geht es um (vor allem) Mädels, die es irgendwie total "cool" finden, wenn sie depressiv sind oder sich "ritzen".

Mein erster Gedanke, war, dass das einfach nur ein Eindruck ist, der durch das Internet entsteht. Das polarisiert.

Allerdings ist mir auch schon im realen Leben aufgefallen, dass es Menschen gibt, die es wirklich cool finden psychisch krank zu sein.

Ich arbeite ehrenamtlich in einem Jugendzentrum und habe neulich ein Gespräch, wie folgt mitangehört.

A: Ich gehe nächste Woche zum Psychologen. Es hat so lange gedauert meine Mum davon zu überzeugen, dass das notwendig ist.

B: Was hast du denn? Ich habe Depressionen, aber das ist so schlimm , dass ich mich jeden Tag ritze. Sagt das bitte keinem, aber euch kann ich das ja zeigen macht ihre Uhr ab und zeigt nichts außer einen roten striemen, der in 2 Stunden verblast (Das ist ich am Tresen saß und das gesehen habe, war ihnen vollkommen egal)
C: oha krass. Ich sitze mich auch. Voll schlimm. In der Schule ist das so schlimm, niemand soll das sehen zeigt ihren Arm auf dem ebenfalls nichts zu sehen war Meine Mutter glaubt mir aber nicht, dass ich Asperger habe.Das ist so schlimm, dass ich schon depressiv werde. Ich hasse Menschen einfach Die versteht gar nicht, wie schlimm das ist.

Ich kenne die drei Mädels ziemlich gut, da sie regelmäßig da sind und auch in meiner Konfi-Gruppe sind. Keine von denen hat wirklich schwere Depressionen und wirklich ritzen tun sie auch nicht.

Ich habe leider mitbekommen müssen, wie furchtbar es ist, wenn Menschen an Depressionen leidet und sich sogar (versucht) das Leben zu nehmen.

Wieso können diese Mädchen nicht mehr über Bücher, Filme oder Jungs sprechen.

Ich bin selber öfters bei einem Psychiater, weil ich AD(H)S und andere Probleme habe. Das schreibe ich im Internet, weil mich da niemand (er)kennt. Im rl weiß das alles niemand.

Was ist so toll daran krank zu sein? Es wünscht sich doch auch niemand Krebs oder ähnliches.

Eine Krankheit heißt doch, dass jemand irgendwie kaputt ist. In wie weit betroffene das schlimm finden oder nicht, will ich nicht beurteilen. Aber es will doch auch niemand einen kaputten Fernseher oder ein kaputtes Auto kaufen.

Können sich junge Menschen nicht mehr anders unter Beweis stellen. Ich hatte in dem Alter eine absolute Skater-Phase und fand nichts cooler, als Skateboard zu fahren. Das teil war immer mit dabei und hat mir jene Aufmerksamkeit geschenkt, die die "Kids von heute" über ihre Krankheiten erhalten.

Aber was macht eine Krankheit so attraktiv?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von schokocrossie91, 147

Viele Jugendliche befinden sich in der Pubertät in einer Identitätskrise. Krankheiten sind definiert und bringen dadurch eine gewisse Stabilität ein, dazu noch Aufmerksamkeit, was an sich nichts Schlimmes ist, jeder Mensch möchte beachtet werden. Nur zu solchen Mittel zu greifen ist fragwürdig. Ich denke nicht, dass böser Absichten dahinter stehen, krank sein "zu wollen", sondern eine Art gesucht wird, sich durch eine sehr verwirrende und schwierige Zeit zu navigieren. Ich befürworte so ein Verhalten nicht, so würde ich es aber erklären.

Kommentar von einfachichseinn ,

die Erklärung finde ich ansatzweise sehr passend. Allerdings frage ich mich, wieso das erst jetzt so kommt. Ich meine vor wenigen Jahren konnten Teenager auch noch anders Aufmerksamkeit bekommen

Kommentar von schokocrossie91 ,

Ich denke nicht, dass das ein neues Phänomen ist, es ist nur prominenter durch die Vernetzung. Man kriegt heutzutage grundsätzlich viel mehr von dem mit, was es schon ewig gibt. Heute kann man mitkriegen, was Sarah aus Oregon oder Ali aus dem Iran denken und tun, früher ging das nicht.

Expertenantwort
von Buddhishi, Community-Experte für Krankheit, Medizin, Psyche, ..., 140

Hallo Einfachichsein,

das ist leider ein Phänomen, das Du sehr gut beobachtet hast. Es geht dabei häufig darum, Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu bekommen. Und auch das ist krank.

Allerdings ebenso in dem Sinne, dass viele es in dieser zunehmend kalten und einsamen Gesellschaft nicht mehr anders zu schaffen glauben, diese Gefühle von anderen zu erhalten.

Bei älteren Personen ist es z. B. auch das Burnout, an dem ja heute jeder leidet, der mal Stress hat und etwas erschöpft ist. Und wer traurig ist, ist ja gleich depressiv.

Das Traurige an all diesen Entwicklungen ist, dass diejenigen, die tatsächlich ernsthaft erkrankt sind, teilweise von ihren Mitmenschen nicht mehr ernstgenommen werden und noch kränker (gekränkter) werden.

Alles Liebe und Gute für Dich

Buddhishi

Antwort
von FlyingCarpet, 91

Das ist schon über Jahrhunderte ein bekanntes Phänomen, die Erscheinungsform ändert sich nur je nach Mode und Zeitgeist. Alle diese Dinge fielen früher unter den Begriff "Hysterie". 

Betroffen sind meist junge Menschen, die zwischen Kindsein und Erwachsenheit schwanken, Halt suchen und viel Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen und durch div. Erkrankungen einfordern.

Bei vielen lässt das nach der Pubertät nach, leider schaffen es einige nicht und brauchen einfach ein behütetes Leben, mit jemanden, der sie wortwörtlich auf Händen trägt. 

Antwort
von skogen, 127

Anders sein, "tumblr" sein. Aufmerksamkeit, Bestätigung.

Soviele Social Media Plattformen romantisieren solche "populären" Krankheiten/Störungen wie Depressionen, Borderline, Schizophrenie,... Auch SVV, Suizid wird schön dargestellt. "Evtl rettet mich ein Prinz und küsst meine Narben!"
Naja, zumindestens romantisieren sie das, was sie denken wie diese Krankheit es.

Magersucht ist nicht automatisch dünn sein, Schizophrenie nicht gleich Stimmen hören, Borderline nicht gleich selbstverletzen, Depressionen nicht gleich traurig sein,...

Ehrlich gesagt, werde ich mir selbst nicht daraus schlau. Ich weiß den wirklichen Grund nicht. Ich kann weder in solche Menschen sehen, noch verstehe ich dieses Getue, noch möchte ich es verstehen. Es tut weh.

Pro Ana/Mia, Pro Depri/SVV, Pro Suizid,... Ich weiß nicht was das soll. Aber Hauptsache "TW!" unter jedem Bild, wenn man es schon längst gesehen hat.

Ich muss aber sagen, dass meine Mutter mit 15 meine (ersten) Diagnosen der Lehrerin gesagt hat (warum auch immer) und die dann im Klassenbuch standen, mit 16 dann auch wieder, und plötzlich alle Mädchen in der Klasse magersüchtig, schizophren und/oder SVVler waren. Hieß also, dass das Getue mit meiner offiziellen Diagnose angefangen hat.

Und da blieb mir irgendwie gefühlt nichts anderes übrig, als "mitzuspielen". Auch so dumm zu reden, mir die Pro... Tipps anzuhören (und zu versuchen...),... Aber gleichzeitig haben die mich auch gemobbt.

Das Thema ist mir zu viel. Ich verstehe es nicht. Vielleicht versteh ich es ja morgen. Andere Antworten sind vielleicht hilfreicher.

Kommentar von skogen ,

Evtl hilft es dir, mit deinen Therapeuten drüber zu reden. Wir diskutieren auch manchmal über solche Themen. ZB haben wir schon festgestellt, dass auf Tumblr sich immer nur Faker gegenseitig bestätigen. Ernsthaft Kranke (wie ich) werden gemobbt und gehasst (und trotzdem wird nachgeeifert?) und Faker bekommen die "gute Aufmerksamkeit", aber auch nur von anderen ihrer Art.

Kommentar von einfachichseinn ,

Du verstehst wenigsten, was ich meine!

Was ist TW?

Kommentar von skogen ,

Trigger Warning. Das ist eigentlich dazu da, um vor Auslöser zu warnen. Zb. können Schnittwunden Menschen mit SVV triggern, Nervenzusammenbruch, Rückfall, Flashbacks auslösen. - Wenn hier jetzt einer eine Frage stellt "Muss das genäht werden?" dann sollte in der Frage "TW", damit Menschen die von solchen Dingen zB rückfällig, erinnert werden, gewarnt sind und nicht auf die Frage gehen. Ich hoffe du verstehst, ich bin gerade irgendwie durcheinander. ^^

Kommentar von Baniwie ,

Auffällig ist dabei auch, dass wirklich erkrankte keinen Aufriss darum machen, im Gegensatz zu den Leuten, die sich mit aller Kraft einreden dass sie krank wären. 

Kommentar von einfachichseinn ,

Da stimme ich dir ebenfalls zu.

Kommentar von Anonym989 ,

nicht alle Menschen wollen durch solche posts aufmerksamkeit..... viele wollen das (ihre Gefühle) einfach nur los werden....nicht mehr für sich selbst behalten.... können aber nicht in ihrem sozialem umfeld darüber reden..

Antwort
von Lichtpflicht, 64

So neu ist das alles nicht, wie schon vor 200 Jahren der Werther-Effekt gezeigt hat.

In der Pubertät ist man sehr anfällig für Nachahmung, Dramatisierung, Theatralisierung, Trends und Gruppenzwang. Eben weil man kein stabiles Ich hat, bisher nicht, aber Identität sucht und sich daher nimmt, was von Außen angeboten wird.

Aus harter neurobiologischer Sicht ist Pubertät eine anhaltende psychische Ausnahmesituation. Lastet den Jugendlichen das nicht an, denn nein, sie wissen und können es tatsächlich nicht besser, weder heute noch damals.

Psychische Krankheiten sind ein großes, aktuelles und allgegenwärtiges Thema in unserer Gesellschaft, und Jugendliche greifen es auf ihre Art auf. Anders als angenommen wollen Jugendliche vor allem dazugehören, und nicht anders sein.

Antwort
von voayager, 40

Manche betteln so um Aufmerksamkeit, dann gibt es indes allerlei Jgdl. die eine narzißtische Störung haben und durch Ritzen sich intensiver oder überhaupt erst wahrnehmen.

Antwort
von Tinia91, 33

Mir geht es auch so auf den Sack immoment. 

Mir kommt es auch so vor als ob (vor allem die jungen Mädels) jede schlechte Laune die länger als ein Tag dauert als Depression bezeichnen. 

Damit wird die Krankheit ins lächerliche gespielt. Depressionen sind verdammt schlimm. Ich leide seit 1,5 Jahren darunter und habe immer wieder mal extreme Phasen. 

Ich rede unglaublich ungern mit Leuten darüber das es mir schlecht geht weil ich nicht rumjammern will. Außerdem verstehen es viele nicht. Ich glaube es liegt auch nicht zuletzt daran das es einfach eine Modekrankheit geworden ist. Kein wunder das viele Menschen die Krankheit dann so abtun. 

Ich will die Mädels mal sehen wenn sie wirklich depressionen haben. Dann würden sie darüber nicht so reden als hätten sie sich gerade neue Schuhe gekauft. Dieses Gespräch was du gehört hast ist der beste Beweis das sie keine Ahnung haben was Depressionen sind. 

Antwort
von Baniwie, 135

Der attraktive Faktor ist der Individualismus, die Jugendlichen wollen anders sein und sich abheben von der Masse, da reicht es nicht mehr "nur" ein cooles Hobby zu haben. Um wirklich aufzufallen muss man schon weiter ausholen.

Und das tun sie auch, in den Zeiten der Globalisierung und der sozialen Netzwerke ist nichts mehr besonders, weil man schon fast alles gesehen hat. So bedienen sich die Kinder an Krankheiten die sonst keiner haben will, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Kommentar von einfachichseinn ,

sind sie echt so blind, dass sie nicht merken, dass sie auch damit nicht alleine sind?

Kommentar von Baniwie ,

Leider ja, das wird dann wiederum ein regelrechtes Rangeln darum wer die schlimmeren Probleme hat, es wird verglichen. Wer hat es öfter gemacht, wer hat das schlimmere erlebt, wer wird am schlimmsten von seinen Eltern behandelt? Das ist so skurril und erinnert beinahe an das Sammeln von Karten oder Murmeln früher. Je mehr man hat, desto mehr wird man bewundert.

Antwort
von user8787, 41

Eine fantastische Frage mit unglaublich vielen Facetten. 

Ich gestehe, mir ist das Problem erst so richtig bewusst geworden seit ich selber Trauma bedingt in einen Kreislauf aus Panik und Todeangst stecke. 

Todesangst, Todeswunsch....Selbstverletzung. 

Manchmal macht es mich wütend wenn ich lese wie das zum Spielball der Gedanken wird...nur um Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Narben werden fotografiert, die Bilder ins Internet gestellt. Eltern, Leherer und Freunde werden erpresst. 

Mache eine Therapie, lasse dir helfen ! ....mit der Empfehlung macht man sich zum Urfeind . 

Ich gäbe alles um so schnell wie möglich aus der Spirale wieder rauszukommen, der Weg ist verdammt hart und jeder Tag ist ein Kampf. Betroffene verbergen real ihre " Schwächen " , uns ist das peinlich . 

Nichts in unseren Leben ist wervoller als die  physische und psychische Gesundheit. 

Antwort
von Katzenhai3, 94

Du hast vollkommen Recht. Ich denke, dass es in der heutigen Zeit alles gibt und die Jugendlichen oder Kinder nicht wissen wie gut es ihnen geht. Sie werden mit allem überflutet und können das gar nicht bewältigen.

Aufmerksamkeit zu bekommen ist das, was ihnen bleibt.

Wenn du Lehrer ( ich vermute es ) bist, kannst du sie doch zusammenrufen und über die ganze Geschichte reden.

Kommentar von einfachichseinn ,

wie kommst du drauf, dass ich Lehrer sei?

Kommentar von Katzenhai3 ,

Dachte, dass junge Lehrer auch ehrenamtlich in einem Jugendzentrum arbeiten können.

Kommentar von einfachichseinn ,

??

Antwort
von PurpurSound, 53

Ein nicht unwichtiger gedanke: patienten kommen in not und wollen eine diagnose bestätigt (!) oder gestellt bekommen.

Was bleibt dem arzt dann anderes übrig als das zu tun?

Es ist doch sehr unbefriedigend zu wissen, dass etwas nicht stimmt, und der arzt meint "alles in ordnung!"...

Antwort
von Neutralis, 15

Ich denke, dass es hauptsächlich daran liegt, dass sie durch diese Sachen Aufmerksamkeit und vielleicht sogar Vorteile bekommen (Typisches mit Samthandschuhen anfassen z.B.) 

Vielleicht liegt es auch daran, dass jeder weiß, dass es psychische Krankheiten gibt und grob wissen, welche Symptome es gibt, aber die allgemeine und genauere Aufklärung fehlt (Man ist bsp. Nicht depressiv, weil man ab und zu schlechte Laune hat.) Allerdings gibt es ja mittlerweile schon Psychologie als Fach, in vielen Schulen. 

Vielleicht liegt es auch an den Wunsch, anderen von seinen Problemen zu erzählen und da sind so ein paar Kratzer ein gutes Opening.  

Aber am Ende des Tages kann ich es mir nicht erklären. Ich habe schonmal eine Prügel zwischen 2 Mädchen mitbekommen, um die Frage wer sich tiefer und schlimmer geritzt hat. Und das ist kein Witz. ;)

Ich nenne das immer Mitleidswettbewerb

Antwort
von Wienerschnitzel, 84

Ganz ehrlich ich glaube nicht mal das diese Leute die das cool finden wirklich krank sind.

Habe übrigens auch ADS ohne H und lache nicht darüber sondern habe vor meiner Diagnose (erst mit 18 gestellt),

jahrelang gewusst das ich irgendwie nicht gesund bin aufgrund der Symptome.

Die ersten Probleme haben ja schon in der zweiten Klasse angefangen.

Die Lehrer haben sich immer über mich beschwert ich wäre zu langsam, gucke immer aus dem Fenster, mache oft Leichtsinnsfehler, wiederhole die selben Fehler immer wieder und ich würde träumen.

Bis zur Diagnose habe ich also auch gelitten und das hat mir keinen Spaß Gemacht.

Hoffe das war hilfreich.

Kommentar von einfachichseinn ,

nein, echt diese Leute, die sich über ihre Krankheiten unterhalten, wie über den letzten Film, den sie geschaut haben , sind nicht wirklich krank?

Kommentar von user8787 ,

" Echten " Panik- Trauma Leuten ist das peinlich . Alles ist so unwirklich, man will lieber wieder " normal " sein.....wie vor dem Geschehen. 

Real wissen es hier nur die engsten Freunde....und auch nur Bruchstücke. Viele meiner Patienten denken noch immer ich nehme gerade eine entspannende Auszeit. Meine Vertretung hat natürlich absolute Schweigepflicht. 

Anonym rutscht mal ab und an was raus, gerade bei so brisanten Themen. 

Die Plattform hier ist eine fantastische Ablenkung.....

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