Frage von rotesand, 149

Wieso diktiert die Gesellschaft eine "Norm", der sich alle beugen müssen?

Hallo!

Nachdem sich dieser Tage ein junger Mann, den ich aus meiner Schulzeit kannte, das Leben genommen hat was ich ganz schlimm finde, plagt mich eine Frage: Woher nimmt sich die Gesellschaft das Recht raus, Menschen in Raster zu drücken & als "normal" oder "unnormal" abzustempeln?

Wir haben doch alle unsere Macken, Fehler und Launen mit denen wir von der "Norm" abweichen...

Der junge Mann, der sich das Leben nahm, war 27 & ein introvertierter, ruhiger Mensch. Er ging mit den meisten auf Distanz. Er hatte zwar ein paar Freunde & seit einigen Jahren eine feste Freundin, ging seiner Arbeit nach & nahm am Leben teil.. aber Partys, Discobesuche, Konzerte, Messen, Märkte, Tanz usw. fanden ohne ihn statt. Er wollte das nicht. Er war lieber für sich, ging angeln, Naturfotos machen oder radelte mit seiner Freundin übers Land.

Irgendwann in der Grundschule hatte ihn eine Lehrerin als "unnormal" bezeichnet bzw. berief die Eltern ein weil der Junge sich weigerte, in Grüppchen zu gehen und lieber alles alleine machte.. mein Onkel ist so alt wie der Vater des Jungen, sodass ich einiges erfuhr.. der Junge wurde z.B. als Aspergerautist eingestuft, was andere Ärzte widerriefen.. aber von da an hatte er keine ruhige Minute mehr, wurde praktisch "kranktherapiert" wie er mal im O-Ton zu mir meinte & jeder wollte ihn "verändern", "normal machen" & viele Lehrer/Erzieher die er hatte fanden es ganz grausam, dass er in keine Clique und kein Jugendhaus ging, lang kein Interesse an einer Partnerschaft hatte, viel lieber mit Fahrrad oder Mofa unterwegs war & auf keiner Party anzutreffen war.. dadurch galt er für die Pädagogen als "was noch alles" worunter er sehr gelitten hat.

Er war bis in die Realschulzeit (er war eine Stufe über mir) oft in Krankenhäusern, Arztpraxen usw., er meinte mal zu mir dass ihm Lehrer und Erzieher seine Kindheit & Jugendzeit geklaut hätten. Letzten Endes wurde die Aspergerdiagnose komplett verworfen, als er ca. 15 gewesen ist. Nach der Realschule absolvierte er eine Lehre im technischen Bereich; er hat bis zuletzt im Lehrbetrieb gearbeitet.

Habe mich als mit ihm unterhalten wenn wir uns sahen, da ich mit ihm recht gut ausgekommen bin. Ich hatte nicht das Bild er sei krank oder behandlungswürdig, er war einfach ein sehr ruhiger Jugendlicher der auf die Meinung anderer pfiff und sein Ding durchzog.

Er hat sich nun das Leben genommen.. warum weiß ich nicht, ich denke aber da ich weiß, wie sehr er gelitten hat das Ganze einen Zusammenhang damit haben wird.

Das wirft in mir die Frage auf, wie die "Gesellschaft" sowas überhaupt zulassen kann & wieso sich Pädagogen/Erzieher in solche Dinge einmischen & dadurch erst recht das Wohl eines Kindes gefährden/beeinträchtigen.. was meine Meinung ist --------> Kernfrage, woher nimmt sich die "Gesellschaft" das Recht raus, über Menschen dermaßen oberflächlich zu urteilen?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von safur, 73

Hey Matula,
ich glaube vielen ist überhaupt nicht bewusst, was sie damit anstellen. So doof das klingt. Ich sehe regelmäßig Menschen die oberflächlich Kommentare abgeben in einer Leichtigkeit, die andere Menschen sehr stark verletzt.

Was zu diesem Zeitpunkt bei dem anderen Menschen im Kopf abgeht, interessiert aber nicht.
Jetzt wirst du wieder viele haben die sagen, es ist doch sein Problem, wenn er sich nicht wehrt?
Na ja viele haben das nicht gelernt oder Ihnen ist die Harmonie wichtig oder es gibt andere Treiber. Anpassung, nicht auffallen, nicht das Wort erheben, ..  Vielleicht umging dein Freund auch deshalb die Konfrontation auf Parties, weil es ihm zu anstrengend war :-)

Genau das was dem einen so leicht fällt, fällt dem anderen ggf. unheimlich schwer.

Pädagogen und Ärzte. Klar wird oft mit Angst gespielt. In Zeiten von Google-Mamas ist das doch kein Wunder mehr. Ich bekomme das z. B. bei schwangeren Kolleginnen mit. Was man heutzutage alles für 100.000 Untersuchungen privat noch machen kann, weil es könnte ja xyz sein. Es ist wohl Zeitgeist immer gleich nach Krankheiten oder dem Abnormen zu suchen. Früher hat man es halt akzeptiert, hingenommen, sich über andere Dinge gefreut und somit abgelenkt.

Anstatt vorschnell einen Stempel zu setzen kann man dem Menschen auch mal zuhören. Vielleicht versteht man nicht alles oder seine Beweggründe, allerdings hilft allein das Wahrnehmen manchmal schon echt viel!

Kommentar von rotesand ,

Vielen Dank!

Ja, so in etwa nehme ich das auch wahr --------> diese Untersuchungen sind nicht von Vorteil. Scheinbar für alles gibt es "Therapien", wobei diese mehr oder weniger das "Ziel" verfolgen Leute "normal zu machen", indem man sie medikamentös behandelt und willenlos macht, damit ihnen die "Therapeuten" alles sagen können...

Antwort
von einfachichseinn, 38

Gewisse Normen sind für das gesellschaftliche Leben notwendig.

Außerdem übersiehst du, dass solche Diagnosen Menschen auch sehr oft helfen können.

Wenn ein Mensch ständig auffällt und merkt, dass er anders ist, als seine Umgebung (was niemand beeinflussen oder ändern kann) kann es erleichternd sein, dass er eine Erklärung dafür erhält und im besten Fall auch Hilfe bekommt.

Der Fall von deinem Freund ist tragisch, aber nicht die Regel.

Antwort
von warehouse14, 38

Die wenigsten Menschen können wirklich objektiv denken.

Ich habe beispielsweise auch so manchen "Spaß" mit Psychologen hinter mich bringen müssen, als ich im Heim war. Als Missbrauchsopfer ist man in den Augen von vor allem solchen "Fachkräften" grundsätzlich lebensuntüchtig und damit therapiepflichtig. o.O

Ich bin Autist und habe demnach nicht vorschriftsmäßig mit Suizid oder ähnlichem gedroht. Für mich war der Missbrauch vorbei, als ich von zuhause weg war. Aber um überhaupt ein Gerichtsverfahren gegen meine Eltern in Gang zu kriegen (ich habe noch 2 kleinere Brüder, die ich nur so schützen konnte) musste ich nachweislich unter dem Missbrauch leiden (was ich echt diskriminierend und einfach nur abartig finde... Missbrauch ist doch sachlich betrachtet nicht nur gegeben, wenn das Opfer irgendwelche Alpträume davon bekommt). Also ab zum Therapeuten und möglichst glaubwürdig jammern, was ich als Autist nunmal nicht wirklich gut hinbekomme. :(

Ich habe unzählige Stunden mit unterschiedlichsten Psychologen/Pädagogen hinter mir. Keiner von diesen (ein-)gebildeten Schnöseln hat mir sinnvoll erklären können, warum ich nicht normal sein sollte. Ich hatte mit 14/15 halt kein Interesse an Sexualität. Weder in hetero noch in homo oder wie auch immer. Na und? Bin ich deswegen ein schlechter Mensch? Nein, meinten diese Spezialisten. Aber ich bin auch nicht normal. o.O

Muss ich normal sein? Nein. Aber auch das ist nicht normal. Was ist normal? Keine Ahnung, meinten diese Schlaumeier. Und wie soll ich dann etwas werden, was sie mir nicht einmal definieren können? ... Die intelligenten unter ihnen haben irgendwann aufgegeben, mich mit ihrem Geschwurbel zu belästigen. Seitdem geht es mir gut. Ich komme in der großen bösen weiten Welt zurecht. Auf meine Weise eben. :)

Warum erlauben sich solche Gestalten, Kinder in irgendeiner Weise zu beeinflussen? Weil es ihr Job ist.

Oberflächlichkeit ist einfacher. Und Menschen sind von Natur aus eher (denk-)faul. Denkschablonen sind die meistverkauften Artikel der Welt.

Und genau diese (denk-)faulen Leute bilden die Gesellschaft.

Daher kann es nur eine oberflächliche Gesellschaft sein. Sie bekommt ihr Recht auf Oberflächlichkeit von ihren führenden Mitgliedern.

Wir alle können es im Einzelnen nur anders machen.

Oder eben normal sein. ;)

warehouse14

Antwort
von Goldmarie1988, 54

Erst einmal tut mir das sehr Leid... 

Ich weiss nur, dass Menschen gerne in Schubladen denken und viele auch Angst haben vor dem Anderssein. Wenn einer nicht in das Schema passt dann wird er eben in eines gedrängt was zu 100% unglücklich und krank macht.

Eine Lösung dafür habe ich auch nicht aber vielleicht sollte man versuchen sein "Anderssein" als etwas Positives zu betrachten - jeder Normalo strebt doch nach Individualität und wenn dann wirklich jemand individuell ist wir er zum Problemfall. Paradox...

Kommentar von rotesand ,

Ich danke dir!

Das mit dem Schubladendenken kann ich so bestätigen. Ich persönlich gehe auch eigene Wege & bin damit sehr zufrieden... andere haben sich dran gewöhnt bzw. erachten es schon wieder als "cool".

Von Individualität reden alle, aber am Ende traut sich keiner individuell zu sein. Wer sich doch traut wird genau von denen angepieschert, die sich gern von der Masse abheben würden, aber keinen Mut dafür haben.

Kommentar von Goldmarie1988 ,

ganz genau

Antwort
von christin20, 30

Sehr traurig!!! 

Ich denke hier kommen viele Dinge zusammen. Oft ist eine depressive Grundstimmung vorhanden. Wenn dann plötzlich noch etwas gravierendes dazu kommt, kann es dazu kommen das sich Menschen aus dem Bauch heraus dazu entscheiden sich das Leben zu nehmen- Kurzschluss Reaktion. 

Bei deinem Schulfreund ist vieles schief gelaufen. Gute Psychologen gibt es leider nicht in Massen. 

Die Gesellschaft ist so wie sie ist und man kann sie nicht ändern. Aber man kann sich selbst ändern oder sich Hilfe holen. 

Wo waren die Eltern? Wieso war da keine richtige Kommunikation? Traumatische Erlebnisse aus der Kindheit/Vergangenheit müssen aufgearbeitet werden. Psychische Probleme behandelt werden. Wo waren die Menschen die für ihn zuständig waren? 

Antwort
von Extrawissen, 33

Hi!

Klingt als hätte er eine Wahl gehabt! Warum ist er denn bitte immer drauf eingegangen zum Arzt zu gehen oder zu Psychologen?

Wäre er eigenständig gewesen so hätte er sich nicht rumkommandieren gelassen!

Mich wollten sie acu hin die Klapse einweisen, weil ich der gemeinschaft zu ruhig war, aber was hab ich gemacht? Ich hab den Ort gewächselt, die personen gewechselt und denen Kante geboten, nun bin ich dabei Abi zu machen...

Kommentar von Marc8chick ,

Die Eltern entscheiden so etwas in den Alter. 

Kommentar von Extrawissen ,

Von 0 - 18, aber erzähl mir nicht auchnoch mit 27, wenn das der Fall wäre, dann wärde es alles durchaus verständlich und total normal!

Wieso? ganz einfach weil er dann hätte so oder so nichts tun können, weil er mit 27 einen Erziehungsberechtigten bräuchte und scheinbar so oder so nicht selbstständig hätte sein können!

Also entweder erzählst Du Quatsch oder es ist so!

Antwort
von oxygenium, 42

das tut mir sehr leid für deinen Freund.

Dieser kam möglicherweise mit dem Druck dieser Gesellschaft nicht mehr zurecht.Das Problem der Situation ist ja auch,wer einmal den Stempel des Anders-sein auf der Stirne hat,wird diesen nicht mehr los.

Anstatt solche Menschen aufzufangen und sie sein lassen wie sie sein möchten,wird dann auch noch drauf gehauen/getreten und versuche durch Pädagogen oder Psychofuzzies....einen angeblich anpassungsfähigen Menschen der Gesellschaft daraus zu machen.

Aber hier stelle ich mir oft auch die Frage,was ist ein Mensch der in diese Gesellschaft überhaupt passt?

Und mit welchem Recht versuchen andere Menschen ein Schaf zu züchten,welches blökend mit der Herde rennt?

Skurile Menschen sind mir lieber als eine Horde blöder Schafe die sich anpassungsfähig ohne ein Nein immer schön brav einreihen.

Tut mir jedenfalls sehr leid,das dein Freund den Kampf gegen eine Horde verloren hat,die das wesentliche der Gesellschaft nicht begriffen haben.

Kommentar von rotesand ,

Vielen lieben Dank.

Er war ja eigentlich kein auffälliger oder skurriler Mensch -------> er war einfach kein "Herdentier" & kein lauter Partytyp, sondern einfach nur ein ruhiger junger Mann, der unter falschen Arztdiagnosen und "Therapien" sehr gelitten hat. Ich glaube keiner wusste, wie schlecht es ihm wahrscheinlich gegangen sein muss.... Suizid ist immer der letzte Ausweg für jemanden, wenn er echt keinerlei andere Wege mehr sieht.

Kommentar von oxygenium ,

Suizid ist wahrscheinlich eine unüberlegte Handlung aus dem Affekt heraus,die man dann leider nicht mehr rückgängig machen kann.

Gerade in solchen Situationen brauchen solche Personen vertraute an der Seite ,die leider nicht immer zur Verfügung stehen.

Habe das auch mal bei einem Freund erlebt und dieser war so ein guter Schauspieler und ich habe das nicht bemerkt obgleich ich gute Menschenkenntnisse besitze.

Deshalb sollten wir auch Freunden die Türe immer offen lassen bei Tag und auch in der Nacht,falls mal wirklich was ist.

LG

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