Frage von PeterHeppner, 72

Wie würde die Gesellschaft aussehen, wenn es keine Börse, also keine Wertpapiere geben würde?

Hallo Zusammen,

an alle Wirtschafts-Experten in Beruf oder Hobby: Wie würde die Welt-Wirtschaft aussehen, wenn es keine Börse, also keine Wertpapiere geben würde? Es würde ja bedeuten, dass alle Unternehmen ihren Erfolg selbst erwirtschaften müssten und als Folge würde hinter jedem Firmenwert, hinter jedem gezahlten Gehalt und letzlich hinter jedem Umsatz ein realer Gegenwert stehen.

Wie würde sich diese Situation z.B. auf die Stabilität der Wirtschaft, Startups, Altersvorsorge, Arbeitnehmer und die Arm-Reich-Grenze auswirken?

Ich weiß, dass meine Frage vermutlich nicht in einem Satz beantwortet werden kann - über Antworten, auch nur Teilantworten, würde ich mich trotzdem sehr freuen.

Viele Grüße

Antwort
von berkersheim, 33

1. Börse und Aktienbörse sind zwei verschiedene Dinge. Warenbörsen gab es schon im Mittelalter, und das hatte seinen guten Grund. Börse ist eine rechtlich geschützte Plattform, auf der gehandelt wird. Es braucht keine Börse, um Unternehmensanteile zu handeln und Aktien sind auch nicht die einzige Form der Unternehmensfinanzierung.

2. Ohne Börse würde die wirtschaftliche Effektivität abkrachen, und zwar gewaltig. Ohne Börse fehlt Transparenz. Du bist einigen Fehlinformationen aufgesessen. Eine Börse ist keine Voraussetzung für Wertpapiere wie Aktien. Die Börse schafft nur größere Transparenz im Handel damit. Auch mit Wertpapieren müssen Firmen ihren eigenen Wert erwirtschaften, sonst kauft keiner Aktien oder leiht ihnen Geld. Börsen machen den Wert von Firmen im Vergleich zu anderen transparent. Außerdem ist Börsenwert nicht gleich Firmenwert, da ein Teil des Börsenwerts immer einen Spekulationsanteil enthält.

3. Wenn die wirtschaftliche Effektivität abkracht, Transparenz gekappt wird und Verschiebereien Tür und Tor geöffnet wird, geht alles nach unten, was an der Wirtschaftskraft eines Landes hängt: Renten, Startups, Löhne und Gehälter. Ohne Börse bedeutet mehr Wild-West. Ohne kontrollierte Transparenz öffnet sich das Tor für mehr Betrug und unsaubere Geschäfte. Davon haben Arme noch nie profitiert. Im Gegenteil, das bevorzugt die Ellbogentypen und Reich bedeutet dann nicht mehr Leistung, sondern mehr Ellbogen und Gewalt.

Kommentar von PeterHeppner ,

Ich merke, dass ich meine Frage zu unpräzise und nicht richtig gestellt habe, sorry! Du hast mir, besonders in Bezug auf die Bedeutung der Börse, sehr geholfen. Danke dafür.

Kommentar von berkersheim ,

Mir ist bei vielen Fragen auf GuteFrage aufgefallen, dass viele Begriffe oberflächlich mit Bedeutungen geladen werden, die ihnen nicht zukommen, weil es sich wie bei BÖRSE immer nur um Sammelbegriffe handelt für verschiedene Phänomene gleicher Art. Es heißt z.B. DER MARKT regelt alles. Das ist Quatsch. DER MARKT existiert nicht, es ist eine zusammenfassende Bezeichnung für ein System verschiedener miteinander gekoppelter Einzelmärkte. Auch diese Märkte sind nur Plattformen. Akteure sind Anbieter und Nachfrager. Auch DER STAAT tut nichts. Unser Staat ist eine Vielzahl von staatlichen Institutionen, gelenkt von Parteienvertretern. Die handeln, beschließen Gesetze und Ausführungsverordnungen. Auch die BÖRSE ist kein Akteur sondern eine geregelte Plattform, auf der Akteure handeln. Bei solchen gesellschaftlichen und ökonomischen Bezeichnungen muss man immer genau nachfragen, wer da was tut, wer die wirklichen Akteure sind.

Antwort
von nobytree2, 31

Die Unternehmen müssen jetzt bereits ihren Erfolg selbst erwirtschaften.

Unterschied wäre nur, dass ein sehr fungibler Markt für die Finanzierung wegfiele. Die Börse ist primär ein Markt, sekundär nur ein Maßstab für die Bewertung von Wertpapiere, für Ratings etc. Dann müsste man auf Mark-To-Modell umsteigen.

Also die Folgen: Die reduzierte Möglichkeit der Finanzierung würde die Investition ebenfalls verlangsamen und die Wirtschaftsleistung somit nach unten ziehen. Man müsste dann eben GmbHs gründen und das Geld über andere Wege, z.B. direkt oder über Intermediäre einsammeln. Wo ist der Vorteil? Nirgends.

Den Gegenwert bekommt man immer nur über eine CF-Bewertung heraus, nicht indem man irgendwelche Börsen-Preise (Preis ungleich Wert, das hat ein höheres dt. Bundesgericht in einem fehlerhaften Urteil nicht ausreichend berücksichtigt) nimmt. Somit sollte eine ordentliche Bewertung keine Abstriche erfahren. Probleme bekommen nur die Schnellbewertungen via Mark-to-Market, hier würde aber eine Bremse gut tun.

Antwort
von bitbuerster, 11

Interessante Frage -aber sie zielt sozusagen leicht daneben: Die Börsen sind nämlich gar nicht das Problem -im Gegenteil: Eine Börse ist nur eine spezielle Art von "Marktplatz", an dem sich Käufer und Verkäufer zum Handel einfinden. Je grösser und freier dieser Marktplatz ist, desto besser kann dort das Gesetz von Angebot und Nachfrage wirken, um den "fairen" Preis der gehandelten Waren zu finden.

Die Misere die Du wohl eigentlich hinterfragen willst, ist, woher die Verzerrungen im Preisgefüge vieler börsengehandelten Dinge stammen (wie bspw. beim Wert von Aktien). So sind Aktien nach allen typischen Massstäben und Indikatoren (Shiller-KGV, Baltic-Dry-Index, Tobin-Q, Warren Buffet Indikator, ..) deutlich bis massiv überbewertet.

Der eigentliche Grund heisst "Spekulation" und die Ursache dieser Spekulation heisst "Fiat-Geld und Nullzinspolitik": Das natürliche Angebots-Nachfrage-Gleichgewicht, das in einer Realwirtschaft mit "gutem Geld" und einem "freien Markt" herrschen würde, ist massiv gestört, weil es einen immensen Überschuss an Papiergeld gibt: Die Notenbanken dieser Welt schöpfen Billionen an Dollars, Euros, Yens, Yuans, etc.
Dieses Geld wird dann den Geschäftsbanken zur Verfügung gestellt, damit diese Kredite vergeben sollen. Ein grossteil des Geldes fliesst aber nicht etwa als Investitionskredite in die Realwirtschaft (die kann ob der künstlich geschaffenen Geldsummen schon längst nicht mehr im selben Tempo wachsen, wie dies die Fiat-Geldmenge tut), sondern als Zockerkapital in die Finanzwirtschaft, weil sich das Geld dort eben viel schneller vermehren lässt.

Dazu gibt es dort prinzipiell zwei Methoden, zum einen die Spekulation über "Optionen" (also: Wettscheine) und das direkte haussieren von Kursen. Beide stellen letztlich eine künstlich (Fiat-Geld-)getriebene Nachfrage nach (realwirtschaftlichen-)Gütern aus. Den ganzen künstlich geschaffenen unendlich vielen Fantastilliarden an Papiergeld stehen eben nur endlich viele reale Sachwerte gegenüber (und Aktien sind nun mal Anteile an "realen" Unternehmen) -das treibt deren Preis direkt. Und dann sind da eben noch die Spekulanten, die mit ihren Optionsscheinen noch Wetten auf deren Kursverläufe generieren. Diese sog. "calls" wirken ihrerseits nochmals wie eine (sehr starke, sog. "gehebelte") künstliche Nachfrage und treiben die Aktienkurse somit nochmals indirekt nach oben.

In Aktien passiert das alles deshalb, weil dies die einzige Anlageklasse ist, die sich im Mikrosekundenbereich (sog. "high-frequency-trading") an Börsen handeln lässt; früher galt das auch noch für Anleihen, aber diese sind aus Sicht des Grosskapitals angesichts der ausgereizten Zinskurve bei Nullzinspolitik zwischenzeitlich weniger interessant geworden.

Ergo: Eine Welt ohne Börsenplätze wäre eine schlechte Welt, weil das Fehlen eines funktionierenden Marktplatzes zu verzerrten Preisen führen würde. Dass wir bei den heutigen Börsen trotzdem auch eine (enorme..) Verzerrung der Preise sehen, liegt nicht an den Börsen selbst, sondern einer komplett pervertierten Geld- und Zinspolitik, welche die Regeln des freien Marktes auf den Kopf gestellt haben und nur eine kleine Kaste mit künstlich erschaffenem Fiat-Geld begünstigt, sich die Realwirtschaft unter den Nagel zu reissen.

Kommentar von flunra39 ,

--der einzige Grund heißt nicht "Fiat-Geld und Null-Zinspolitik", sondern Kapitalgewuinnstreben und Renditeerwartungen, wider alle sozialen und humanen Erfordernisse und Möglichkeiten -

Kommentar von bitbuerster ,

Da muss ich Dir vehement widersprechen, das ist jetzt rabenschwarz und komplett falsch! Gewinnstreben ist gut und richtig, weil es die Handelnden überhaupt erst dazu antreibt, innovativ und produktiv zu sein. Und Rendite ist ebenfalls notwendig: Sie ist der Lohn dafür, dass jemand auf sofortigen und sicheren Konsum verzichtet, zugunsten eines unsicheren und zukünftigen liegenden Konsums.
-Nicht Gewinnstreben und Rendite an sich sind falsch, sondern nur die Pervertierung der Rahmenbedingungen, in denen sie aktuell zur Anwendung kommen!

Antwort
von Grautvornix, 12

Wenn es keine Börse gäbe, dann wäre es schwieriger sich in bestimmten Situationen Geld zu beschaffen. Alles würde (Wirtschaft) würde langsamer ablaufen. Den gesamten Umfang, was alles anders wäre zu bestimmen, dazu kann vieleicht ein Wirschaftshistoriker was sagen.

Die Börse an sich ist ja nicht schlecht, aber es viel geandelt, und gewettet, und was weis ich noch alles gemacht wird, was der Allgemeinheit nur Nachteile bringt.

Wenn jemand darauf wettet, das die Maisernte schlecht wird, und sie dann tatsächlich schlecht wird, dann hat das die Auswirkung, das der Mais noch teuerer wird, als er durch die schlechte Ernte ja sowieso schon wird.

Einige wenige verdienen Geld, und anderen fehlt Geld um den höheren Preis zu zahlen.

Es gibt einige Experten die sagen das der Kapitalismus am Ende ist.

Kam doch gestern die Meldung, das 63 der reichsten Personen ( oder Geselschaften) mittlerweile die Hälfte dessen gehört, was es zu besitzten gibt.

Antwort
von Shaik97, 22

Die Wirtschaft wäre halt grundsätzlich "langsamer" . Aktieninhaber werden Prozentual am Gewinn beteiligt, dafür investieren sie in die Firma. Fällt dies nun weg, fehlt dem Unternehmen schlicht das Geld zum Investieren etc..

Antwort
von Ninombre, 31

Deine Schlussfolgerung kann ich nicht nachvollziehen: "alle Unternehmen müssen ihren Erfolg selbst erwirtschaften" -> an der Börse gibt es ja kein Gewinn geschenkt, dort werden Unternehmensanteile gehandelt. Also die Frage, wem das Unternehmen gehört, aber nicht, ob das Unternehmen Gewinn macht.

Für die philosophisch-spekulativen Fragen finde ich die Ausgangssituation etwas schnell hergeleitet. Keine Börse heißt nicht keine Wertpapiere, nur eben nicht an der Börse gehandelt. Ggf. muss das Unternehmen den Fremdkapitalbedarf über einen Kredit decken und Eigentümer müssten ihre Anteile bei Bedarf eben direkt verkaufen und individuell einen Preis aushandeln.

Vielleicht musst Du noch deutlicher formulieren, auf was Du hinaus willst mit der Frage bzw. den Überlegungen.

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