Frage von LarsGrad, 78

Wie wichtig ist politische Korrektheit?

Abweichende Meinungen können mittels der politische Correctness verächtlich gemacht und gegen Andersdenkende repressiv vorgegangen werden. Kritikern kann so die berufliche und wirtschaftliche Existenz zerstört werden. Ist das tatsächlich eine gute Entwicklung

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Juli277di, 32

Die politische Korrektheit ist politisch nicht korrekt.

Antwort
von Tasha, 31

Es kommt mMn auf den Kontext und die Auswüchse an.

Im Beruf "neutral" zu reden und keinen zu beleidigen, besonders, wenn man oft mit bestimmten Menschen zusammen arbeitet - z.B. in einer geschützten Werkstatt oder Schule für Behinderte - ist schon wichtig. Allerdings sollte man sich ja in vielen Berufen sowieso mit privaten Meinungen und allzu umgangssprachlicher Ausdrucksweise zurückhalten.

In der Freizeit sieht es anders aus. Wenn man Angst hat, etwas überhaupt zu sagen, weil man nicht weiß, wie man es "korrekt" ausdrücken soll, und darum seine Meinung immer öfter für sich behält, sich also selbst mundtot macht, sollte man das Thema Ausdrucksweise/ politische Korrektheit mal im Bekanntenkreis (oder dort, wo man sich mundtot fühlt) ansprechen.

Noch schwieriger wird es bei politischen Diskussionen, sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Privaten (und dann gibt es noch Diskussionen im Internet, die mMn eine Mittelding zwischen beiden sind). Wenn heikle Themen und Meinungen nicht geäußert oder unterbrochen/ unterbunden werden können, weil jemand "die falschen Begriffe" benutzt oder sogar bestimmte Meinungen "aus Rücksichtnahme" gar nicht äußern darf, vorausgesetzt, diese Meinungen sind nicht dazu gedacht, bewusst andere zu verletzen/ herbzusetzen (z.B. Penner statt Wohnungsloser wäre eine bewusste Herabsetzung und man kann alles, was man möchte, auch mit dem Begriff "Wohnungsloser" ausdrücken oder eben Obdachloser), dann hat derjenige, der die politische Korrektheit anmahnt, die Diskussion in der Hand und kann bestimmen, wessen Meinung Raum und Gehör findet und wer lächerlich gemacht oder mundtot gemacht wird, weil seine Meinung nie Gehör findet, sondern stattdessen auf Metaebene ständig seine Formulierungen diskutiert werden.

Noch schwieriger wird es, wenn die Gegner der politischen Korrektheit nicht nur Wörter benutzen, die ihnen in den Sinn kommen, sondern gegen die extreme PC ihre extremen, intoleranten Meinugnen setzen und damit wirklich verletzen.

Hier wäre ein Beispiel, in dem sich beide Parteien mMn nicht mit Ruhm bekleckert haben:

Shapiro hat mMn bewusst provoziert und ist mit seiner Aussage bzgl. Geisteskrankheit zu weit gegangen, weil er das mMn gar nicht bewerten kann und es auch im heutigen Kontext, in dem es eben Transsexuelle gibt, die nicht als geisteskrank von der Psychologie eingestuft werden, eine harsche Beleidigung ist, dies so zu nennen. Er hätte das Thema sicher anders anschneiden können, hätte z.B. zur Diskussion stellen können, dass es vielen schwerfällt, alte Bekannte oder Kollege plötzlich als Mensch mit anderem Geschlecht zu sehen und anzusprechen, weil das eben selten vorkommt. Auf der anderen Seite hätte aber auch die Drohung von Zoey Tur zurückgenommen werden müssen bzw. ein Erwachsener sollte sich so weit unter Kontrolle haben, dass er solche Drohungen einfach nicht äußert (ein Siebtklässler auf dem Schulhof hätte dafür auch schon Schwierigkeiten bekommen).

Allgemein stört mich an übermäßiger PC die Möglichkeit, jede Meinung zu unterdrücken, indem man nicht auf deren Inhalt, sondern auf die Art der Formulierung eingeht. Das ist auch ein beliebtes Mittel von Menschen, die gern andere provozieren oder unterdrücken wollen und wird hier salonfähig, was ich mit Sorge sehe. Wenn jeder weiß, was gemeint ist, und einer sich wirklich verletzt fühlt, kann man ruhig und sachlich bitten, die Formulierung zu ändern ("ich fühle mich unwohl, wenn Sie mich als Behinderten bezeichnen, weil das Wort auch als Beleidigung verwendet wird. "Mensch mit Behinderung" wäre mir lieber" etc.). Was ich NICHT gut finde, ist bswp. aus Angst vor solchen Äußerungen die Behinderung des Menschen gar nicht ansprechen zu dürfen, selbst wenn das Thema des Gesprächs ist. Wenn es nicht Thema ist, muss man es mMn auch nicht unbedingt ansprechen, weil man ja auch nicht kommentiert, dass jemand rote Haare hat etc. Wenn es aber um Haarfarbe geht, muss man das sagen dürfen.

Wenn PC also Gespräche, Themen und Meinungen unterbindet bzw. nur bestimmte Richtungen erlaubt oder gar bestimmten Menschen von vorneherein verbietet, über bestimmte Themen zu reden - was auch immer öfter vorkommt: "Sie sind nicht behindert, haben also kein Recht, über Behinderte überhaupt zu reden!"  - dann wird die Redefreiheit eingeschränkt und einige Menschen "dürfen" ihre Meinung nicht mehr äußern, es gibt Themen, die nur in einer bestimmten Richtung besprochen werden dürfen und es entstehen immer mehr Tabus (z.B. dürfte man über Gewalt gegen Behinderte reden, nicht aber über Gewalt, die Behinderte gegen Nicht-Behinderte ausüben, weil das ein Tabu wäre, weil der Behinderte von der PC als "Opfer" gesehen werden "muss". Wer also Opfer eines Menschen mit Behinderung wäre, hätte Probleme, das Thema überhaupt anzusprechen und am Ende könnte man ihm, bei "hardcore PC", sogar nahelegen, dass er die Gewalt verdient habe, weil er als Nicht-Behinderter allein durch seine Möglichkeiten, die dem Täter verwehrt bleiben, täglich viele "Provokationen" für ihn darstellen würde (in dieser Weise argumentieren einige der Social Justice Warriors, bezogen auf verschiedene Gruppen, und bei erstaunlich vielen Menschen findet diese Art Argumentation sogar Gehör, wird also nicht von vorneherein als Quatsch abgetan).

Alles, was dazu führt, dass Meinungen nicht ausgeführt werden dürfen und sogar Erlebnisse nicht erzählt werden dürfen (in meinem Beispiel Gewalt Behinderter gegen Nicht-Behinderte) bzw. bestimmte Gruppen grundsätzlich bevorzugt werden und es bestimmte etablierte Meinungen gibt, die nicht in Frage gestellt werden, ist mMn schlecht und führt langfristig zu Frust und einer Gegenbewegung. Im schlimmsten Falle zum gegensätzlichen Extrem.

Daher sollte man diese Art der (Nicht-) Kommunikation nicht unterstützen, finde ich.

Antwort
von voayager, 20

"Summus ius, summa iniuria" - das höchste auf die Spitze getriebenene Recht ist höchstes Unrecht - so ein Ausspruch Ciceros. Der antike römische Dichter sagt: "höchstes Recht ist oft die größte Bosheit."

Ein Übermaß an political correctness ist nix anderes als eine Nötigung all Jener, die anderer Auffassung sind. Damit werden bei Übermaß die Leute in ein Zwangskorsett reingepreßt.

Zuzweilen ist p.c. ganz ok, doch gilt es Maß dsbzgl. zu halten, sonst haben wir es mit einem wahren Tugendterror zu tun, der einem arg die Petersilien verhageln kann.

Antwort
von hghfve, 41

Nein ist es nicht. Heutzutage ist jeder gleich von allem beleidigt und die Regierung versucht alles, um den Wenigen nicht auf den Schlips zu treten.

Mir kommt es vor, als wären die Interessen der Minderheit wichtiger, als die der Masse.

Hinzukommend wird den Deutschen immer noch eingetrichtert, dass sie schlimme Menschen sind, da unsere Großväter/Urgroßväter am 2. Weltkrieg teilgenommen haben.

Kommentar von earnest ,

Seltsam: Das ist mir noch nie aufgefallen. Mir jedenfalls wurde das nicht eingetrichtert. 

Kann es sein, dass du hemmungslos übertreibst?

Antwort
von quopiam, 31

"Political Correctness" ist ein Schlagwort aus den USA. Der Ansatz ist sicher nicht falsch. Man kann aber alles übertreiben. Wenn aus Studenten und Studentinnen "Studierende" werden, dann ist das nicht korrekt, sondern schlicht falsches Deutsch. Nur mal als Beispiel.

Die Mitmenschlichkeit im Umgang in den Vordergrund zu rücken ist völlig richtig, nur sollte man dabei den Sozialknüppel im Sack lassen. Gruß, q.

Kommentar von whabifan ,

Wieso sagt man eigentlich in Deutschland "Studierende" statt "Studenten". Ich studiere in Frankreich und habe hier einen deutschen Professor und der schreibt in der Mail immer "Studierende". Wieso ist das? Das Wort "Student" ist doch nicht verwerflich?!

Kommentar von Tasha ,

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass von der Wortherkunft her "Studierender" jemand ist, der gerade studiert, während Student evtl. - rein von der Wortherkunft her - jemand ist, der studiert hat?

Kommentar von earnest ,

Nöh.

Als ich studierte, war ich Student.

Kommentar von earnest ,

P.S.: Gegen "Studierende" habe ich keinerlei Einwände. Besser als StudentInnen und ähnlicher Firlefanz.

Kommentar von quopiam ,

Ein "Studierender" ist ein Mensch, der jetzt gerade dabei ist, zu studieren. Er steckt also mit der Nase im Buch oder in den Skripten oder sonstwo in der Materie, die er studiert. Ein "Student" ist jemand, der gewöhnlich studiert, aber nicht unbedingt gerade jetzt. 

Ein Beispiel: Auf einer Demo marschieren Studenten, nicht Studierende. Wären sie gerade am Studieren, wären sie ja nicht dabei. Die da laufen, sind im Studium, also Studenten, die dann studieren, wenn sie nicht gerade auf einer Demo sind. 

Das mag manchem vielleicht marginal erscheinen, ist aber vom Verständnis her wichtig und überdies eine Stolperfalle für jeden, der des Deutschen so mächtig ist, daß er flüssig lesen (oder hören) kann. 

Politisch korrekt merke ich hier noch an, daß natürlich auch die weiblichen Studenten, eben die Studentinnen, gemeint sind. *seufz". Genus und Sexus sind im Deutschen eben zwei Paar Stiefel. Der Stiefel ist übrigens ein Junge, sonst hieße er "Stiefelin". Den männlichen Genus hat er nunmal, obwohl er nach dem Sexus ein Neutrum ist... Ach, ich hör jetzt auf, sonst muß ich mich bloß wieder ärgern. Gruß, q.

Antwort
von earnest, 10

Da gibt es sicher Auswüchse und Albernheiten - man denke nur an die (wohl nur scherzhaften?) MitgliederInnen. 

Aber was ist daran denn verkehrt, zum Beispiel einen weiblichen "chairman" fürderhin "chairperson" zu nennen - und den Ausdruck dann auch für den entsprechenden Herrn zu verwenden?

Keineswegs alles dient der Verächtlichmachung. Für einiges ist einfach die Zeit gekommen ... Schließlich haben wir und auch an die "Kanzlerin" gewöhnt. Wenn auch mühsam. 

Gruß, earnest

Kommentar von earnest ,

-upps: wir uns ... gewöhnt

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