Frage von charismaticus, 49

Wie weit lässt sich 'soziale Marktwirtschaft' ausdehnen?

Wie viele Regulierungen kann man vornehmen, ohne dass ein Land heruntergewirtschaftet wird? Für Marktwirtschaft gibt es ja aktuell praktisch keine Alternative, aber bezogen auf Deutschland würde ich mir schon mehr Regulierungen wünschen, im Sinne mehr sozialer Gerechtigkeit und mehr Ökologie.

Antwort
von Interesierter, 31

Jede Regulierung ist ein Eingriff in den Markt. Jeder Eingriff in den Markt behindert diesen und verhindert dessen Eigenregulierung. Weiter sind die Regulierungen auch Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen.

Regulierungen im Sinne der Ökologie sind weitgehend richtig, da hierdurch die notwendige Nachhaltigkeit gegeben wird, die der Markt gerne übergeht. 

Regulierungen im Sinne von "sozialer Gerechtigkeit" halte ich für weitgehend falsch, da hier die Eigenverantwortung eingeschränkt und Möglichkeiten zum selbstbestimmten Leben verbaut werden. Im Übrigen ist sozial selten gerecht und gerecht selten sozial. Hier den richtigen Mittelweg zu finden, ist schwierig. 

In Deutschland sind sehr viele Dinge sehr restriktiv reguliert. Ich persönlich würde mir mehr Freiheit für den Einzelnen wünschen. 

Kommentar von charismaticus ,

Das sehe ich etwas anders. Zum einen stört mich der Begriff der "Freiheit" in diesem Kontext. Der wird gerne populistisch missbraucht, weil man mit "Freiheit" ja automatisch immer etwas Gutes und Richtiges assoziiert. Klar, jeder will frei und selbstbestimmt leben. Aber so wie wir uns in einer Gesellschaft eben immer an unausgesprochene Normen halten und uns im Rahmen des Gesetzes bewegen - so darf auch der Markt kein grenzenloser Raum sein. Meine Freiheit muss dort aufhören, wo die Freiheit eines anderen beginnt.

Du sprichst von Eigenverantwortung - klar, jeder Mensch hat ein Maß an Eigenverantwortung. Aber das darf ihn nicht freisprechen davon, dass er auch Verantwortung für seine Mitmenschen trägt. Aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung geht hervor, dass die Startchancengleichheit hierzulande sehr gering ist. Kann man jemandem, der aus einem unteren Milieu stammt und später einen dementsprechenden Job bekommt, vorwerfen, er habe sich seine problematische Lage einzig und allein selbst zuzuschreiben? Muss man den Freiheitsbegriff nicht umdenken insofern, dass ein Staat sich darum sorgen sollte, dass Freiheiten nicht erheblich ungleich verteilt sind? Die extrem ungleiche Verteilung des Reichtums in Deutschland und auf der Welt wurden durch den Neoliberalismus hervorgerufen. Und mehr Geld bedeutet eben gleichzeitig mehr Freiheit und vor allem mehr Macht. Ich finde, das ist nicht demokratisch, wenn 6 Leute über unermeßlich mehr Freiheit und Macht verfügen als der Rest der Welt.

Einen unregulierten Markt halte ich für schlichtweg unzivilisiert und verroht. Knallhartes survival of the fittest, wie in der Natur. Und bekanntermaßen ist die Natur ein moralfreier Raum. Wollen wir das sein, frei von Moral?

Kommentar von Interesierter ,

Ich denke, wir sind hier gar nicht so sehr weit auseinander. Ich wollte aufzeigen, dass hier gewisse Kompromisse nötig sind. 

Totale Gleichmacherei ist genauso falsch, wie ungezügelter Markt. Deswegen hatte ich auch ausdrücklich geschrieben: "Hier den richtigen Mittelweg zu finden, ist schwierig."

Antwort
von Lazarius, 15

Es gibt keine soziale Marktwirtschaft. Dieser vom Kapitalismus geschaffene Ausdruck ist Schönreden und Augenwischerei.

Die Marktwirtschaft regelt sich durch Wettbewerb, Angebot und Nachfrage. Sie unterliegt finanziellen Gesetzmäßigkeiten in der für soziale Belange normalerweise kein Platz ist.

Soziale Anpassungen in der Marktwirtschaft sind ein Eingriff in die Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft und können nur als Kompromiss betrachtet werden.

Kommentar von charismaticus ,

Soziale Anpassungen in der Marktwirtschaft sind ein Eingriff in die Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft und können nur als Kompromiss betrachtet werden.

Das "nur" würde ich hier weglassen. Denn zum besagten Kompromiss gibt es derzeit keine bessere Alternative. Deswegen finde ich es ja so wichtig, die sozialen Anpassungen so weit es geht auszudehnen.

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