Frage von Vitaly1989, 190

Wie waren Beziehungen in deutschen Familien in den 1980er Jahren?

Hallo! Mein Name ist Vitaly und ich bin ein Russe.

Im Internet habe ich viel über die 1968er-Bewegung gelesen, die für Gleichberechtigung von Männern und Frauen und auch für antiautoritäre Erziehung war. Und ich möchte fragen, wie schnell diese soziale Änderungen passiert sind.

Wie waren Beziehungen in den meisten westdeutschen Familien zum Beispiel in den 80er Jahren? Waren Beziehungen auf gleicher Augenhöhe damals schon weit verbreitet oder waren die meisten Familien noch traditionell (patriarchal)?

Danke für eure Erinnerungen! :)

Antwort
von LiloB, 70

In den 80er Jahren zeichnete sich in einigen Familien bereits sehr sichtbar die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ab. Allerdings waren die meisten wohl noch autoritär,- d.h. überwiegend entschieden Männer (Patriachat) über entscheidende Dinge. Auch über die Finanzen. Mitte der 70er Jahre änderte sich das (vor allen Dingen in den Grosstädten und im gebildeten Bürgertum) langsam. Alice Schwarzer hinterliess Spuren- es gab eine sexuelle Revolution (mit der Möglicheit, durch die Pille zu verhüten war die Selbstbestimmung der Frauen möglich). Gleichzeitig wurde die Abtreibung legalisiert,- dadurch wurde das Bestimmungsrecht der Männer auch geschmälert. Ich kann allerdings nur über die westliche Seite Deutschlands berichten. Hier im Westen war es oft so, daß die Frauen, die die Kinder großzogen nicht (oder "nur halbtags"))arbeiteten. Es gab kaum Plätze in Kindergärten. Somit hatten die meisten Frauen kein eigenes Einkommen. Bei den Studenten (und Studentinnen) änderte sich alles sehr schnell,- mit der 68er Bewegung wurde alles, was traditionell war, infrage gestellt . Kindererziehung wurde antiautoritär (Kinderläden, Neill;-die antiautoritäre Erziehung) wurden in der Praxis geübt. Aber nicht von allen! In vielen Familien hieß es immer noch (meist von den Vätern) "solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst, bestimme ich" . Das änderte sich u.a. dadurch, daß Kinder Rechtsansprüche an ihre Eltern hatten - ggf. auch einklagen konnten. Das Recht auf Bildung und angemessene Ausbildung zum Beispiel. Aber generell kann man sagen, daß sich die Situation in Westdeutschland (insbesondere in den ländlichen Gegenden) erst sehr viel später änderte. Gleichzeitig ging aber auch der Familenverbund oft (nicht immer) sehr schnell auseinander. Die Zahl der Scheidungen nahm zu. Insbesondere dadurch, daß die Schuldfrage keine Rolle mehr spielte. Aber gleichzeitig war in den "heilen" Familien eine größere Offenheit, es wurde diskutiert,- über alle Themen des Alltags. Dies ist meine sehr persönliche Ansicht, es kann sein, daß andere es völlig anders erlebt haben.

Kommentar von Vitaly1989 ,

Danke für die Antwort! :) Bist du auf dem Land oder in einer Großstadt aufgewachsen? Wie war es in deiner Familie?

Kommentar von LiloB ,

In einer Großstadt, habe aber bei Verwandten auf dem Lande eine langsamere Entwicklung beobachten können. Jedenfalls teilweise.Und- wir waren eine sehr zeitgemässe Familie, mit einem Vater, der nicht autoritär war, zwei Söhnen und vielen Nichten und Neffen (eine große Familie), die sich bei uns trafen. Und Freunden, sowohl von uns als auch von unseren Söhnen. Die teilweise aber ganz andere Situationen kannten, insbesondere die Mädchen. Es gab beide Versionen - aufgeschlossen - oder traditioneller. Auch in unserem Freundeskreis. Mehr Info wäre aber für ein großes Forum zu viel an Information,- das wirst Du verstehen.

Kommentar von Vitaly1989 ,

In welchen Städten Westdeutschlands war die Idee der Gleichberechtigung besser etabliert, in deiner Meinung?

Kommentar von LiloB ,

kann ich nicht beurteilen, generell hatte ich den Eindruck, daß sich in Berlin die Entwicklung schneller abspielte, aber Hamburg und München waren wohl teilweise (zumindest bei den jüngeren und an den Unis) sehr aufgeschlossen. Alle Änderungen spielten sich aber schon Ende der 70er Jahre ab.

Kommentar von Vitaly1989 ,

Ich habe viel über Koln gelesen, dass diese Stadt sehr liberal und aufgeschlossen ist. Obwohl Köln auch bekannt ist, als das Zentrum von Katholizismus.

Antwort
von Neuundgierig, 94

Ich geb mal kurz meinen Senf dazu: Die Familien waren eher streng patriarchalisch.

Es gab traumatisierte aus dem Krieg zurückgekehrte Ehemänner und Väter, ebenso traumatisierte (Trûmmer)frauen - und das Schlimmste: Es wurde nicht drüber gesprochen!

Bis in die 70er durften Ehefrauen nur mit Genehmigung ihrer Ehemänner arbeiten gehen. Wenn er nein sagte, dann war nein!

Die Beatles und Stones brachten den Bruch zwischen Jung und Alt, nur wegen der längeren Haare und exentrischer Musik und so.

Eltern schlugen ihre Kinder, Lehrer schlugen die Schüler - das war damsls so und das war rechtens!

Antiautoritär war das Extrem zur normalen Erziehung, gab den jungen Menschen keinerlei Orientierung.

Kommentar von Vitaly1989 ,

War es sogar in den 1980ern so?

Kommentar von Neuundgierig ,

Es war am Aufbrechen damals, aber im Prinzip ja.
Was damals pratriarchalische Gewalt war, ist heute häusliche Gewalt und Mobbing. Ich will sagen, dass es das selbst heute noch gibt.

Es ist ein sensibles Thema und was ich schreibe, ist sehr verkürzt. Ich hoffe, es hilft.

Kommentar von Vitaly1989 ,

Danke! :)

Antwort
von Spuky7, 113

Es gab alleinerziehende Mütter mit Kindern. Mütter hatten unverheiratet Sex, Vater lief auf und davon, Mütter mussten arbeiten gehen. Das ist ein kleiner Teil der Lebenswirklichkeit in den Achtzigern.

Kommentar von Vitaly1989 ,

Und wie wäre es mit Familien, in denen es beide Mutter und Vater gab? 

Kommentar von Spuky7 ,

weiß ich leider nicht, denn meine Lebenswirklichkeit ist das , was ich dir schrieb

Kommentar von Vitaly1989 ,

Ich bin auch ohne Vater aufgewachsen. Meine Familie besteht aus Mutter, Oma und Opa :)

Antwort
von ciubacka, 82

Das klassische Patriarchat existierte auch in Westdeutschland in den 80er nicht mehr.  In ländlichen und konfessionell geprägten Gebieten, vorwiegend in Süddeutschland, mag es derartiges noch vereinzelt gegeben haben.

Die 68er-"Bewegung" war im Grunde genommen lediglich eine Art Studentenaufstand, den die Bevölkerung zwar wahrgenommen, aber nicht sonderlich reflektiert hat. Schließlich bestand die damalige Bundesrepublik nur zu einem Bruchteil aus Akademikern. Ein zustimmendes Echo gabs bei Schülern und eben Studenten - keine gesellschaftlich relevanten Größen.

Jedoch war eine Folge der 68er die sogenannte "sexuelle Revolution", die in den 70er Jahren weiten Zuspruch fand. Damit ging einher ein gewandeltes Rollenverständnis der Frau - die verfassungsmäßig schon lange verbriefte Gleichberechtigung wurde nun mehr und mehr gleichermaßen gelebt. - Spätestens seit den 70ern kann man daher von gleicher Augenhöhe sprechen, wobei diese in aufgeklärten Kreisen der Bevölkerung (Intellektuelle ohnehin, außerdem "Bildungsbürger", Gutverdiener usw.) schon lange vorher bestand.

Kommentar von Vitaly1989 ,

Danke für die Antwort! :)

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community