Frage von Reka6211, 84

Wie viel Gesangsunterricht für Anfänger?

Hallo ihr Lieben,

ich habe mich entschlossen Gesangsunterricht zu nehmen. Jetzt meine Frage dazu... wie viel Unterricht ist am Anfang sinnvoll? Einzel- oder Gruppenunterricht (2er, 3er, 6er)? 30, 45, 60 min Unterricht?

Ich habe ein Konzept gefunden mit 3x 30min Einzel- und 1x 60min Gruppenunterricht im Monat ist sowas sinnvoll?

Viele Grüße und Danke schon mal :)

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von jpPopgesang, 46

Anfängern empfehle ich immer wöchentlichen Unterricht, um eine gewisse Routine zu entwickeln. Bei 14tägigem Unterricht oder gar noch größeren Intervallen bauen sich meiner Erfahrung nach nicht schnell genug Routinen und gute Gewohnheiten auf, so dass der Schüler wenig Fortschritt sieht.

Zur Unterrichtsdauer: Mindestens 30 Minuten. Mit 5 Minuten Einsingen, 10-15 Minuten technischen Übungen und 5-10 Minuten Arbeit am Song ist das schon knapp gerechnet. In einer 45minuten-Stunde ist definitiv mehr Zeit, um auf alle Fragen einzugehen und die Basics des Singens wirklich anständig einzuüben.

Von reinem Gruppenunterricht rate ich ab. Der bringt zwar viel Spaß und lohnt zum Reinschnuppern. Aber wirklich eingehen auf jeden einzelnen Schüler kann man als Lehrer dabei nicht. Und dann ist der individuelle Nutzen, was stimmlichen Fortschritt angeht, einfach nicht so groß wie im Einzelunterricht.

Aber: Das Modell mit kombiniertem Einzel- und Gruppenunterricht ist gut. So hast du in den Einzelstunden Zeit, um dein Singen zu verbessern und in den Gruppenstunden, um das miteinander singen und aufeinander hören zu trainieren.

Antwort
von MissMarplesGown, 40

Teil 1:

Ich kenne seit meiner Jugend und bis heute die Stimmbildung in Chören und hatte über 9,5 Jahre Einzelstimmbildung / Gesangsunterricht. Von Gruppen-Gesangsunterricht hat man hier und da z.B. in den Chören berichtet - oft haben sich mir hier die Nackenhaare gesträubt, für welche "lauen" Geschichten die Leute hier Geld bezahlten und dies "Gesangsunterricht" nannten. Ich kenne die Art Gesangsunterricht, in dem man 1-2 X in der Woche eine Stunde lang allein und einzeln Training erhält. Hier lernt man tatsächlich Singen.

Ich würde Dir aus unterschiedlichen Gründen ganz von Gruppenunterricht abraten. Die wenigen Minuten der Stunde, in denen Du selbst einzeln an der Reihe wärst, kannst Du nicht "Unterricht" nennen. Da vertieft sich nichts, da wird nichts trainiert, da ist keine Zeit, um einmal 20 Minuten lang gezielt Übungen mit Dir allein und zu Deinen ganz individuellen und persönlichen Fragen und Handcaps zu machen, so kommst Du nicht vorwärts. Du musst Dich allein hören und für einen Lehrer allein und einzeln hörbar sein. Singen lernen ist nicht zu 4/5 "zuhören, was anderen gesagt wird und was andere gerade versuchen", sondern Singen ist PRAXIS, ist SELBST MACHEN.

Gemeinschaftsunterricht ist oft eine gute Möglichkeit für Gesangslehrer, hier auch diejenigen Anfänger geschäftlich "mitzunehmen", die sich einen Einzelunterricht längst (noch) nicht getraut hätten und ihn auch nicht bezahlen wollen würden - oder die niemals in den Einzelunterricht kommen würden. Ich habe bis heute bei vier unterschiedlichen Gesangslehrern Unterricht erhalten - und keine/r von ihnen hätte Gruppenunterricht angeboten. Aus gutem Grund. Auch Lehrer macht diese Art des oberflächlichen Unterrichts nicht zufrieden, wenn sie wissen, dass sie mehr leisten und bessere Erfolge an ihren Schülern haben könnten. Dafür haben sie studiert, dass sie tatsächlich GESANGSVERMÖGEN auf gutem und auch professionellem Niveau vermitteln können - und nicht lediglich jungen Leuten, die Klischees vom Singen im Kopf haben, dazu verhelfen, "sich selbst zu schmeicheln" und bezügl. Singen ein wenig mehr privates Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Du musst wissen, dass in einer ganzen Stunde Gemeinschaftsunterricht bei einer Gruppe von nur 4 Schülern Du selbst NICHT einmal "ganze" 15 Minuten hättest (was bereits erbärmlich wenig und und uneffektiv wäre!), sondern dass ein guter Teil der gesamten Stunde (oft sind es 30 Minuten) allein mit Lockerungsübungen für Rücken, Schultern, Gesichtsmuskulatur, für "Geräuschemachen" zum "Warmmachen" der Stimmlippen und zum eigentlichen Einsingen draufgehen. Es gibt keine vernünftige Stimmbildung für Anfänger und Hobbysänger ohne Lockern, Aufwärmen und absolut gründliches Einsingen!

Auch das Einsingen selbst sollte bereits intensiv geführt und korrigiert werden, es gehört bereits zur Vermittlung erster "Range"-Erweiterung, zum Konditionstraining und zur Vermittlung allgemeiner Technik. Im "Chor" von 4 Stimmen, die dies gleichzeitig tun, kann aber all dies nicht ausreichend gewährleistet werden, da hier 4 x unterschiedliche Bedingungen und Ausgangsvoraussetzungen zusammen kommen. Das kann man nicht ausführlich gesangspädagogisch begleiten.

Aber auch die verbleibende halbe Stunde wird dann nicht auf 4 Leute verteilt (was Dir 7,5 Minuten "Einzel" zukommen lassen würde), sondern es geht noch Zeit drauf für die spezifischen Fragen und Meldungen individueller Schwierigkeiten der Mitschüler, für Erklärungen und praktische Demonstrationen des Gesangslehrers. Fazit: Dies ist ein "Unterricht", der absolut nichts mit der Art Gesangsunterricht zu tun hat, den Du im Einzel erhalten würdest - Du lernst hier nicht wirklich "singen" und die Vermittlung von Technik ist hier nur im Ansatz und über viele Stunden möglich, wobei es keine tiefere Beschäftigung mit garnix geben kann, da die anderen andere fragen, andere Anliegen haben als Du und die Stunde von alldem aufgefressen wird, was ich oben beschrieb.

Ich würde Dir eine Stunde wöchentlich und einzeln empfehlen (eine Stunde =  zumeist 55 Min.) - bei einem ausgebildeten Gesangspädagogen. Nicht bei Gesangsstudenten bzw. ohne gesangspädagogische Ausbildung, nicht bei sogenannten "Coaches", die womöglich an ganzen (von den Schülern mitgebachten oder vorgeschlagenen!!??) Songs arbeiten möchten oder dies ok fänden. Guter und professioneller Gesangsunterricht beginnt niemals mit ganzen Songs, erst Recht nicht ausgesucht von Schülern. Hieran merkt man, dass hier ein Lehrer nicht anhand klarer und sinnvoller gesangspäd. Konzepte arbeiten möchte, die einen gründlichen gesangstechnischen und konditionellen Aufbau von Grund auf gewährleisten würden.

Kommentar von MissMarplesGown ,

Teil 2:

Wenn Gesangslehrer nach "Lieblingssongs" fragen, haben sie vor allem auch im Focus, Schülerinnen länger am ansonsten oft auch frustrierenden oder auch Druck produzierenden Unterricht zu halten, indem sie bedienen, was insbesondere junge Leute sich davon in ihrer Unwissenheit versprechen: Möglichst in 3 Wochen einen Lieblingssong "gaaaanz toll" und enorm besser als zuvor singen zu können.

Die Realität: Gesangsschüler müssen Hemmungen und Ängste überwinden, sie werden mit viel Konsequenz, Geduld und Fleiß Schritt für Schritt kleine Erfolge erarbeiten und aber immer wieder auch Schwierigkeiten und gefühlte" Niederlagen erleben und lernen müssen, mit diesen umzugehen - ohne den Mut und Willen zu verlieren.

Sie werden erfahren, dass "Stimme" KEIN konstantes und zuverlässiges Werkzeug ist, das man einfach zur Gesangsstunde trägt und dort wunderbar "performen" lässt, dass psychischer Stress, wenig Schlaf, zu wenig Flüssigkeit, Angst vor inneren und äußeren Hürden das Gesangsvermögen und die stimmlichen Zustand unmittelbar beeinflussen - und sie werden lernen, auch damit umzugehen und sich selbst in dem Zustand zu halten, in dem "Stimme" für sie in optimalem Zustand ist und zur Verfügung steht.

Gesangsunterricht ist immer auch ein Abenteuer mit sich selbst, mit Psyche und Körper. Es ist ein persönlicher Lernprozess, der auch die Persönlichkeit prägt, wenn man sich darauf einlässt. Die Stimme ist unmittelbar von all diesen Dingen und somit von psychischen Situationen beeinflusst. Dies zu umgehen und keinen Frust aufkommen zu lassen, der dann den (zahlenden) Schüler aufgeben lässt, da die Prozesse nicht immer nur angenehm und einfach zu händeln sind - darum arbeiten manche Gesangslehrer an den Songs, die Schüler "unbedingt sofort singen können wollen". Weil Schüler dies als "Erfolg" ihres "Unterrichts" empfinden - ohne zu wissen, was ihnen dabei vorenthalten wird.

Schüler als Laien können nicht überblicken, was da tatsächlich möglich gewesen wäre und was sie bezüglich Wissen und Gesangsvermögen versäumen, da sie ein "Crash-Coaching" direkt am Song (oder in Gruppen) erhalten, anstatt ihr Gesangsvermögen, ihre Kondition und Technik von Grund auf anhand sinnvoller ÜBUNGEN aufgebaut zu bekommen - und einzeln. Um einen Song wirklich gut singen zu können, braucht es einen langen Vorlauf an individuell angeleitetem Training bezüglich allgemeiner gesangstechnischer Themen. Das geht nicht in Stunden, Tagen oder 3 Wochen, sondern in Monaten und Jahren. Alles Andere ist ein Vorgaukeln von Versprechen, die illusionär sind.

Singen lernen ist mehr als mal eben gezeigt zu bekommen, wie es "besser klingt" oder "wie man es machen muss". Es gibt da keine plötzlichen Aha-Effekte und "Schwupps", ist man enorm weiter, sondern geduldige Versuche, aufmerksames Eingehen auf Nuancen, auf Atmung, Stimmsitz, Vokalformung, Einsätze, Impulse, Körperspannung, Haltung und auch "Experimentelles" zur Demonstration und Erfahrung von Technik, Training und Übungen, Erläuterungen, Vormachen und wieder neu üben und wiederholen - auch in den nächsten Wochen und Monaten, da sich die Dinge nicht nur im Kopf, sondern vor allem auch körperlich einprägen und trainiert werden müssen. Wenn man inerhalb von 4 Wochen einen Song (mit 6-8 unterschiedlichen technischen Schwierigkeitsthemen und nötiger stimmlicher und atemtechnischer Kondition, die noch gar nicht vorhanden sind) erarbeitet", lernt man dies alles nicht ansatzweise.

Darum wähle Dir Deinen Gesangsunterricht und Lehrer ganz genau aus. Und: Andere Gesangsschüler haben in einem Unterricht, der auf Dich und die individuellen Bedingungen, die Du mitbringst, zugeschnitten sein muss, nichts zu suchen. Nur ein persönliches und individuelles Training wird Dir einen positiven Lern- und Entwicklungsprozess auf Dauer anbieten können. Dieser braucht immens viel Zeit und Aufmerksamkeit auf DEINE Stimme, DEINE Schwierigkeiten, DEINE Fragen, DEIN Potenzial.

Ein Gesangspädagoge muss hier viel Erfahrung und Wissen mitbringen - dies rechtfertigt auch den Preis für einen solchen Unterricht. "Billiger", weil Gruppe - das wäre hier also schlecht überlegt. "Ein wenig Singen lernen" geht nicht, genauso wenig wie "ein wenig Schwimmen lernen" Sinn hätte - oder "ein wenig Tanzen lernen" wirklich zufrieden stellen könnte - wenn man weiß, man könnte die Dinge auch gleich vernünftig lernen und dann auch immens mehr Freude und Erfolg daran haben.

Kommentar von Reka6211 ,

Wow. Das nenne ich mal eine ausführliche Antwort, Danke hierfür!

Ich habe mich jetzt mal für eine Probestunde bei dem gemischten Modell entschieden. Mal schauen, was dabei rumkommt :)

Antwort
von Cosmicchaos, 53

Hallo, ich hatte selber mehrere Jahr Gesangsunterricht und kann sagen, dass ca 1x pro Woche schon sehr sinnvoll ist.

Also 3 x 30 min Einzel + Gruppenunterricht hört sich sehr vernünftig an.

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