Wie steige ich in das Thema "Architektur ein?

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5 Antworten

Man sieht nur, was man weiß.

Das ist wahrscheinlich die wichtigste Regel für Wahrnehmung überhaupt, also auch für Architektur. Ich bin erst im Architekturstudium mit dieser Regel konfrontiert worden und habe so erst sehr spät gelernt, wie wichtig es ist, bewusst zu 'sehen', sich klar darüber zu sein, was man wahrnimmt. (Man sieht viel mehr, als man glaubt. Unser Gehirn verknüpft in Gedankenschnelle unfassbare Massen von Informationen mit dem, was unsere Augen an Informationen liefern. Beispiel: Zeig einem Ureinwohner Indonesiens ein Bild von Superman und er wird nur einen bleichen, geschorenen Mann in blauem Strampelanzug sehen, der eine Decke um den Hals gewickelt hat.

Um möglichst viel zu bemerken, um möglichst alles zu sehen, was andere gemacht haben, muss man viel wissen. Je umfassender dein Wissen ist, desto mehr siehst du auch.

Mein Tipp ist also: Kaufe dir ein Buch über Architekturgeschichte, damit du einen ersten Überblick bekommst, was man unter diesem Begriff überhaupt versteht - und dann wirst du deine Umgebung mit neuen Augen sehen.

Beispiel:

Du gehst durch deine Stadt und siehst ein Gebäude, das beeindruckend aussieht. Säulen, riesige Türen, weißer Marmor... Was du zuerst mal nicht siehst, ist das, was du noch nicht weißt. Du weißt z.B. nicht, dass da jemand riesige Säulen gebaut hat mit dem Ziel, dich daneben zu einem Zwergen zu machen. Die Tatsache, dass gigantische Türen da sind, mit gigantischen Säulen daneben, legt ja nahe, dass es Individuen gibt, die solch große Türen brauchen. Und du bist das nicht. Du bist klein. Das ist Architekturpsychologie. Herrscher nutzen diese "Tricks", um dich zu beeinddrucken. Wenn du das weißt, siehst du das nächste Mal nicht dich als Zwerg, sondern du siehst, dass da jemand so ein Haus gebaut hat, das dich zu einem Zwergen machen soll. Und du sagst: Aha, interessant. Warum wollte er das?

So kann Wissen deine Augen verändern. Du siehst nur, was du weißt. Aber das geht auch weiter. Die Säulen z.B. sehen alt und ehrwürdig aus. Was du nicht weißt, ist, dass die Idee dafür Jahrtausende alt ist. Diese Säulen sind ein Zitat altgriechischer Säulentypen. Sie wurden entworfen für die Häuser der Götter. Heute stehen diese Säulen vor anderen Häusern. Interessant, oder? Was sagt das über das Gottesbild unserer Kultur aus? Wer fordert Ehrfurcht ein? Will sich jemand lustig machen über die alten Griechen, deren Gläubigkeit und ihre Tempel?

Die heutige Architektur hat wie wir selbst einen Stammbaum. Unsere geistigen Vorväter in der Architektur haben Kinder gezeugt. Und diese Nachkommen sehen ihnen ähnlich. Man erkennt das Erbe. Schlussfolgerung: Je besser man die Architektur vergangener Zeiten kennt, desto besser versteht man, wieso die Architektur heute so ist, wie sie ist. Man sieht die Verwandtschaft von Alt und Neu. Man sieht die Veränderungen, sieht, wenn sich verschiedene Stile zu einem neuen gemischt haben.

Aber man sieht nur, was man weiß. Also: Wisse.

Wenn du nichts weißt, kannst du natürlich auch was malen. Aber das ist dann ziemlich platt. Besser ist, mindestens gleichzeitig zu lernen, was andere vor einem gemalt haben, gezeichnet haben, entworfen haben, designt haben. Und warum. Wenn du z.B. weißt, wie der menschliche Körper aufgebaut ist, mit seinen Sehnen, Knochen, Gelenken und Muskeln, dann kannst du ihn viel realistischer zeichnen. Du zeichnest, was du weißt. Das gilt auch für Bautechnik.

Was du verstanden hast, kannst du auch zeichnen.

Wenn du etwas zeichnen kannst, kannst du deine Zeichentechnik natürlich auch immer noch verbessern, damit es schneller und effizienter wird. Suche mal nach "Scribble oscar Niemeyer" (ohne Gänsefüßchen).

Literaturtipps:

Es gibt reihenweise gute Führer zur Architekturgeschichte. Die heißen Baustilkunde, Architektur für Einsteiger, Kompaktwissen Architektur, Baugeschichte... usw. von 5 Euro bis 50 Euro und aufwärts.

Ein gutes Standardwerk ist der Reclam:

http://www.amazon.de/gp/product/3150105439/ref=as_li_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=3150105439&linkCode=as2&tag=wwwthiloremme-21

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Interessant! Die bisherigen Vorschläge beginnen gleich mit der Verwendung von CAD. Wie wär's zunächst mit einem Blatt Papier und einem Zeichenstift (weicher Bleistift oder Faserschreiber), um erst mal ein Gefühl für Linien und Flächen zu kriegen, statt dich gleich den Zwängen vorhandener Programme auszuliefern. Baupläne nachzeichnen ist im Übrigen auch eine bewährte Übung.

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Zeichnen oder Bauen mit Lego sind die besten Mittel um räumliches Vorstellungsvermögen zu schulen. Auch für Erwachsene!!! Computergestützte Planungsprogramme sind unverzichtbar und supertoll, nützlich werden sie aber erst, wenn eine Vorstellung, ein Bild im Kopf vorhanden ist. Also: Stift und Papier und zeichnen, was du siehst: Das scheußliche Gebäude nebenan, eine Pflanze (sehr gut für Strukturerkennung), ein tolles Haus.....  Alternative: Bau dein Haus ganz frei mit Legosteinen, klingt blöd, ist aber sehr effektiv, weil du dabei mit Maßstäben umgehen musst. Weitere Möglichkeit: Fotografiere, was du besonders findest und versuche eine Typologie - hier wäre was zum Anschauen: www.diergarten.com

Viel Spaß und viel Erfolg jedenfalls wünsche ich dir!

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Wie so oft: Was nix kostet - taugt nix!

Also: Lasse dir dein Interesse nicht vermiesen indem du dir Zeugs anschaffst, dass nix taugt. Google mal nach alten Arcon-CAD-Versionen. Die sind recht gut und haben sogar bereits eine Renderfunktion drin. Falls du nicht fündig wirst, dann schau bei ebay nach CAD. Kosten wird es immer etwas, wenn auch nicht viel.

Oder du fragst mal einen Architektur-Studenten, ob nicht zufällig mal ein CAD-Programm "vom Himmel fällt"... ;-)

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