Frage von Arandil, 72

Wie soll man argumentieren wenn jemand scheinbar allem misstraut (darunter Bio, Fairtrade und ähnliches)?

Hallo zusammen,

ich habe einige Freunde, die auf Bio oder Fairtrade nichts geben, weil sie der Meinung sind, das sei oftmals mehr Schein als sein, es wurde schon des Öfteren nachgewiesen, dass da wo Bio drauf steht nicht Bio drin ist, usw.

Ich habe mich daraufhin in der Thematik "Bio/Fairtrade" sehr kritisch informiert, möchte das aber nicht zum Thema machen, weil es nicht mein Punkt ist.

Mein Punkt ist: Wenn ein Mensch grundsätzlich allem misstraut, quasi jedem Apfel, weil er mal in einen sauren gebissen hat, worauf vertraut er dann überhaupt?

Warum vertraut er darauf, dass er für den Schein auf dem "10 Euro" steht, in jedem Laden Ware bekommen? Wenn der Verkäufer mal sagt: "Den Schein nehme ich nicht. Ich vertraue dem Euro nicht.", was dann? (Juristische Fragen bzgl. Annahmepflicht mal beiseite.) Ist das ein Grund, dem Prinzip "Geld" zu misstrauen?

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Mensch auf irgendetwas vertraut. Die Frage ist, warum auf das Eine, aber nicht auf das Andere? Warum z.B. Geld, aber nicht z.B. Fairtrade?

Ich weiß, dass "Bio" und insbesondere das Geldsystem sehr heiße Eisen sind. Deshalb bitte ich darum beim Thema zu bleiben ohne in eine Diskussion über "Geld/Bio ja/nein" auszuarten. Danke.

Antwort
von beroud, 27

ich mißtraue diesen großkapitalistischen "hilfsorganisationen" ebenfalls, die helfen vor allem sich selbst

wenn ich an die unsummen denke, die dort schon versickert sind, dürfte es eigentlich weder hunger noch ungerechtigkeit überhaupt geben

und was labels angeht, die ja vor allem der werbung dienen und in der regel von interessierten wirtschaftsverbänden vergeben werden, spätestens bei eiern aus freilandhaltung, die dann die typischen rillen von batteriehaltung aufweisen, sollte man seine naivität ablegen

so oder so, er ist halt mißtrauischer als du - bist du dir sicher, daß er zu mißtrauisch ist, und nicht etwa du zu blauäugig...?

http://www.welt.de/nrw/article764498/Rot-Kreuz-Chef-hatte-drei-Autos-und-drei-Ge...

Kommentar von Arandil ,

Ich habe schon erlebt, dass Optimisten eine rosarote Brille vorgeworfen wurde, während Realisten zu Pessimisten erklärt wurden.

Ich finde es ja gut, dass es Menschen gibt, die Dinge kritisch sehen, die ich nicht kritisch sehe, weil es in der Natur des Vertrauens liegt, weniger kritischere Fragen zu stellen, als wenn man misstrauisch ist.

Ob ich bluäugig bin finde ich heraus, wenn ich kritisch recherchiere. Das heißt, dass ich nicht nach Argumenten suche, die meine Sicht unterstützen, sondern nach welchen, die die Sicht der Kritiker unterstützt.

Wenn sich dann an meinen Ansichten grundsätzlich nichts geändert hat, würde ich nicht behaupten, dass das "blauäugig" ist. "Blauäugig" wäre meines Erachtens, wenn man die Auseinandersetzung mit kritischen Fragen bewusst ignoriert und ich tue bei allem, was mich interessiert, genau das Gegenteil. Ich will wissen, was es zu kritisieren gibt, weil ich wissen will, ob meine Sichtweisen richtig sind.

Antwort
von comhb3mpqy, 18

Ich habe schon mehrere Berichte gesehen, die zeigen, dass fairtrade etwas bringt. Auch große Fernsehsender haben dazu Dokumentationen.

Kommentar von Arandil ,

Ich bin auch der Überzeugung, dass Fairtrade etwas bringt. Es kommt vor allem auf die Transparenz an.

Ein Zertifikat oder Siegel ist eine Sache. Wenn das Unternehmen dem Verbraucher die Möglichkeit gibt, zu sehen, wie der Handel und die Produktion ablaufen, unter welchen Bedingungen gearbeitet wird und wie viel die Leute verdienen, dann ist das schon ein sehr deutliches Zeichen, dass das Unternehmen auch daran interessiert ist mitzuteilen: "Wir reden nicht nur, wir tun wirklich!".

Bspw. Fairphone, ein niederländischer Mobilfunkhersteller, hat das Ziel ein faires Smartphone herzustellen. Und dafür sind sie auch sehr an Transparenz interessiert und veröffentlichen unter anderem die genaue Zusammensetzung des Produktpreises:

https://www.fairphone.com/2015/09/09/cost-breakdown-of-the-fairphone-2/

Auch Interviews mit den Fabrik-Mitarbeitern wurden veröffentlicht:

https://www.youtube.com/watch?v=tcPaqEHdsLI

Kommentar von Arandil ,

Wenn jemand eine Preis-Leistungs-Vorstellung hat, die ausschließlich Verkaufspreis mit Endprodukt vergleicht, dann zeigt das, dass diese Person nicht versteht, dass Fairness auch ihren Preis hat, ohne dass dadurch das Produkt zwangsläufig technisch oder qualitativ besser wird.

Kommentar von comhb3mpqy ,

wenn ich mir das nächste Mal ein Handy kaufe, dann wird das vielleicht ein fairphone.

Aber wenn jemand Wert auf Preis-Leistung legt, dann sollte der Mal überlegen, was andere Handyhersteller noch für ein Gewinn drauflegen. Besonders ein Hersteller fällt mir dazu ein.

Antwort
von Pyrut, 31

Mein Vater arbeitete in einer Metzgerei und gab selber zu dass sie dort Fleisch dass nicht "Bio" ist als "Bio" etikettiertem...

Kommentar von Arandil ,

Konkret zum Thema "Bio" habe ich Dokus gesehen und Artikel gelesen, in denen der Schluss gezogen wurde, dass es bei der Tierhaltung immer weniger darauf ankommt ob "Bio" draufsteht oder nicht, sondern wie die Tiere gehalten und am Ende geschlachtet werden.

Ich hatte bei "Massen-Bio" schon immer Bedenken, aber seit ich mich weitreichend informiert habe, vertraue ich darauf gar nicht mehr, schon allein weil Bio nach EU-Standard nicht zwangsläufig "artgerechte Haltung" heißt.

Wichtig ist mir inzwischen viel mehr, ob die Tiere ein glückliches Leben hatten und nicht, ob sie den gesetzlichen Regeln für "Bio" entsprechen. Und solche "artgerechte Haltung" findet man nicht bei den "großkapitalistischen" Unternehmen, sondern nur bei kleineren Betrieben, die das aus Überzeugung und nicht zu Marketingzwecken machen.

Darüber hinaus gibt es Standards abseits des EU-Bio/Öko-Standards, die noch strenger sind als die europäischen Richtlinien. "Demeter" ist der bekannteste darunter. Nur zwei Beispiele:

Während EU-Bio aus nur 95% Bio bestehen muss, muss ein Demeter-zertifiziertes Bio-Produkt aus 100% Bio bestehen. Darüber hinaus dürfen EU-Bio Tiere mit genmanipuliertem Futter gefüttert werden. Bei Demeter muss auch das Futter Bio sein.

Das bedeutet allerdings auch, dass man auch entsprechend Zeit investieren um einen "Nicht-Bio-Bauernhof mit artgerechter Haltung" zu finden, denn solche Produkte landen - wenn überhaupt - in Bio- und Naturkost-Läden, meist werden sie aber direkt im Hofladen verkauft. Aber mit Sicherheit findet man sowas nicht bei einer großen Supermarkt- oder Discounter-Kette.

Wenn man aber eine Einstellung hat, à la "Da kann ja jeder
kommen und behaupten..." oder das universell einsetzbare Totschlag-Argument "Hast du es denn gesehen?", dann komme ich wieder zu der ursprünglichen Frage:
"Worauf vertraust du überhaupt, wenn nicht einmal Menschen, die aus Überzeugung handeln?"

Antwort
von Meilo17, 35

Also zu der sache mit Bio bio heisst das nicht gespritzt werden darf und ich habe mehrere bio bauern in der umgebung die nachts um 3 auf die Tracktoren steigen und zum spritzen aufs feld fahren.

Kommentar von ElCuador ,

Das hört sich jetzt aber bisschen komisch an.

Kommentar von Agronom ,

Dann informiere dich mal lieber besser. Auch im ökologischen Anbau darf Pflanzenschutz eingesetzt werden, es gibt dabei nur Einschränkungen für die "Herkunft" der Wirkstoffe. So dürfen organsiche Wirkstoffe eingesetzt werden, die auch so in der Natur vorkommen (z.B. Pyrethrine wie aus der Dalmatinische Insektenblume oder das bt-Toxin aus dem namengebenden Bodenbakterium) und allgemein anorganische Wirkstoffe (z.B. Kupferhydroxid oder Schwefel).

Hier ist eine Liste der aktuell zugelassenen Mittel/Wirkstoffe für ökologischen Anbau:

www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/04\_Pflanzenschutzmittel/psm\_oekoliste-DE....

Kommentar von Arandil ,

Unter "spritzen" versteht man in der Regel das Verteilen von Pestiziden und Fungiziden auf dem Feld. Bio-Bauern hingegen "spritzen" erlaubte Zusatzstoffe (siehe die im vorangegangenen Kommentar verlinkte Liste), darunter z.B. Kupfer-Salze auf ihre Felder, was von außen genauso aussieht.

Allerdings ist auch Kupfer umstritten und sollte in der EU schon einmal verboten werden.

http://www.welt.de/wissenschaft/article3228140/Biobauern-spritzen-Schwermetalle....

Auch die Chemikalien-Politik von EU-Bio ist einer der Gründe, warum ich mich damit nicht identifizieren kann. Es dürfen immernoch 47 umstrittene Zusatzstoffe im Endprodukt landen, Felder dürfen mit umstrittenenen Stoffen gespritzt werden, ein Tier darf genau einmal im Leben mit Antibiotika behandelt werden und wenn das gegen Ende des Lebens ist, landen Reste davon auch im Fleischprodukt.

Davon abgesehen: Wie bekommst du mit, dass sie mitten in der Nacht spritzen? Und woher weißt du, dass es Bio-Bauern sind?

Kommentar von Agronom ,

Die nutzen genauso Insektizide und Fungizide, das sind die von mir genannten Stoffe. Wenn man den "Bio-Siegeln" etwas dabei vorwerfen kann, dann ist es eine falsche und unsinnige Bewertung der Wirkstoffe, es wird rein nach der Herkunft geschaut, dabei können chemisch synthetische Wirkstoffe zum Teil umweltschonender eingesetzt werden, man sollte stattdessen nach Wirkmechanismus und Metabolisierung/Abbau gehen.

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