Frage von lamadajasmina, 50

Wie soll ich mit meinem Freund umgehen und wie kann ich ihn verstehen?

Ich bin jetzt seit gut 3 Jahren mit meinem Freund zusammen, kennengelernt habe ich ihn als eine Person die im kompletten Gegensatz zu all dem steht was ich aus meinem heilen Umfeld kenne. Als ich ihn kennengelernt habe hatte mich doch sehr geschockt wie viel Pech ein Mensch haben kann. Er zog mit seiner Mutter aus der USA nach Deutschland weil sie dort einen besser bezahlten Job angeboten bekam, der Vater wollte nicht mitkommen, er selbst tat sich lange schwer die Sprache zu lernen und kurz darauf wurde seine Mutter sehr schwer krank und verlor ihren Job, stiegen also vom sozialen Status sehr weit ab und so ist er dann halt auch aufgewachsen, Drogendelikte, Einbrüche, Raub. Heute ist er eigentlich komplett anders, meine kleinen Schwestern sehen ihn schon als großen Bruder, er macht mit ihnen Hausaufgaben in Englisch und co, mein Vater und Onkel geht ab und zu mit ihm mal einen Trinken. - So einfach war das lange nicht, da er sich oft nicht akzeptiert gefühlt hatte, obwohl ihn eigentlich jeder akzeptiert hat, er fühlte sich als würde er nicht dazu passen, was ich nie ganz verstanden habe. Er hat mit seinem alten Kreisen nicht ganz abgebrochen, er sagt mir ständig nur das die Menschen da waren als er niemanden hatte, ob sie in meinen Augen gute Menschen sind oder nicht, er liebt diese Menschen. Aber man ist doch nicht füreinander da wenn man zusammen kriminell ist? - Das verstehe ich nicht. Besonders ein Freund macht uns allen Sorgen. Auch er hat Migrationgshintergrund und die beiden haben sich in der Grundschule kennengelernt wo beide noch kein Deutsch konnten, dieser Freund war irgendwie immer ein Schützling für ihn. Dieser wurde jetzt aber verhaftet, aufgrund von 8 fachen Raubüberfalls, inzwischen wegen Stimmen im Kopf in die Psychatrie überwiesen - Aber mein Freund will das alles nicht sehen. Er setzt immernoch 100% darauf das er ihm helfen muss, er kann nicht schlafen, ist jeden Tag eigentlich bei ihm soweit es von der Besuchszeit geht. Letztens saßen wir mit meinen Eltern zusammen am Tisch und mein Vater sagte primitiv wie er manchmal ist was eigentlich mit dem Knasti wär von dem ich ihm erzählt habe, mein Freund ist völlig wütend geworden, obwohl er eigentlich immer vollen Respekt hat, aber da verging ihm alles, mein Vater tat es im Nachhinein leid, aber jetzt wird gegen ihm ermittelt weil er von den Überfällen gewusst haben soll und zwar versucht hat ihn zu überreden aufzuhören, aber ihn nicht gemeldet hat. Meine Mutter meinte zu ihm darauf das er es hätte melden müssen, er widerum wie ausgewechselt das er nicht mit der Einstellung erzogen wurde seine Brüder zu verraten. Ich seh wieviel Schmerz in ihm liegt und will es einfach verstehen, aber ich seh es eigentlich einfach wie meine Mutter, ich will eigentlich das er loslässt, aber trotzdem will ich eure Meinung dazu hören. Hat jemand damit Erfahrungen gemacht, mit so einem Umfeld, kann mir einer vielleicht das alles näher bringen? - Ich will ihn verstehen, aber schaff es irgendwie nicht.

Antwort
von Hoehlenmaus, 10

Du musst dir vorstellen, dass er aus seinem gewohnten umfeld gerissen, seine Familie auseinander gerissen wurde und er in ein fremdes Land gesteckt, dessen sprache er nicht beherrschte und wo er keinen anhaltspunkt, außer seiner mutter hatte. Diese wurde dann noch krank und er hat einen sozialen abstieg miterlebt.
Er hat sich allein und verlassen gefühlt. Die, die eigentlich für ihn hätte sorgen sollen, konnte nicht mehr. Er musste sich um sich selbst kümmern. Und das viel zu früh. Er fühlte sich wahrscheinlich überfordert und wollte seiner mutter nicht zur last fallen und vielleicht noch für sie sorgen.
So kriminelle Banden, rechtsradikale Gruppen oder andere Randgruppen sorgen stark füreinander, kümmern sich um die anderen Mitglieder und imitieren ein familiengefühl. So werden viele gleichgesinnte zusammen gebracht und die haben meist wenig zu verlieren und sind leicht beeinflussbar.
So tun sie viel füreinander und wachsen immer mehr zusammen.
Diese Leute sind seine Familie. Sie waren für ihn da. Sie haben sich um ihn gekümmert. Haben füreinander die hand ins feuer gelegt.
Und jetzt wurde seinem Bruder leid angetan. Er möchte ihn schützen. Wie früher. Wie sie es alle füreinander getan früher.
Es ist für ihn so, wie wenn auf einmal deine Schwester in Schwierigkeiten gerät. Ihr würdest du doch auch helfen wollen.
Du bist in einem anderen umfeld aufgewachsen, kannst dir nicht vorstellen, wie es ist keine biologische Familie mehr zu haben und sich “ersatz“ zu suchen.
Und dass er so gereizt reagiert, ist in anbetracht seiner Vergangenheit auch verständlich, dass er da so empfindlich ist.
Versuch es nachzuvollziehen. Du musst es nicht unbedingt gutheißen, wie er gehandelt hat. Aber du solltest trotzdem versuchen deinen Freund bzu verstehen. Und vielleicht solltest du nochmal ganz in ruhe mit deinem Freund darüber reden. Ohne Vorwürfe. Ohne etwas vorzuschreiben zu wollen. Sag ihm deine Gedanken und deine Befürchtungen, dass du dich um ihn sorgst

Antwort
von Mel1998, 11

Also, ich bin nicht vollkommen gleich wie dein Freund, aber ich konnte mich in einigen Punkten identifizieren.. Kurz mal zu mir: Ich bin Türkin, 17 Jahre alt, meine Eltern hatten selten Verständnis für mich und ich war schon immer Fehl am Platz in der Familie. Meine Eltern sind seitdem ich denken kann, arbeitslos. Wir haben zwar eine Wohnung und Essen, aber wir schwimmen in Schulden.. Sie sind auch ständig am streiten, wenn mein Vater mal in Deutschland ist. 1x schlug er auch beinahe auf sie ein – Zum Glück kam meine Schwester dazwischen. Nun, ich z.B. habe eine einzige Freundin mit der ich seit fast 10 Jahren durch dick und dünn gegangen bin (fast immer). Doch eigentlich gab's auch oft Tage, wo sie mich ausgenutzt hat und auch mal mit in Sachen wie shishan, rauchen usw. "rein ziehen" wollte, obwohl ich Grunderkrankungen habe. Außerdem sagt sie z.B. in meinen depressiven Phasen nur Sachen wie "Denk nicht so viel nach", "Sei nicht so negativ" und sowas hilft mir 0. &Trotzdem ist sie mir verdammt wichtig und ich wäre zu jeder Zeit für sie erreichbar. Die Sache ist (falls ich das richtig aus deinem Text entnommen habe), dass dein Freund bei dieser Person sich wie "Zu Hause" fühlt. Egal, ob er kriminell oder sonst was ist. Sie kennen sich seit Jahren. Auch, wenn es kriminelle Sachen waren.. Sie waren eine Gemeinsamkeit. Diese kriminellen Freunde sind sowas wie eine Familie, wo er sich eben akzeptiert fühlt. So würde ich's zumindest vermuten.

Sorry, falls mein Text zu lange geworden ist, aber ich wollte eine passende Antwort zu so einem komplizierten Thema geben. Übrigens, du kannst mir auch privat schreiben, wenn dir das lieber ist :)

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