Frage von ElleLoco, 56

Wie soll der Mensch laut Marx sein?

Ich habe heute schon eine ähnliche Frage gestellt (ich weiß) aber kann mir jemand sagen, wie der Mensch laut Marx sein sollte, was also im Prinzip sein "Soll-Zustand" ist?

Antwort
von berkersheim, 30

Wie bei Feuerbach gibt es auch bei Marx eine Loslösung von der hegelschen Terminologie und Vorstellung des Gattungswesens. Sehr gut gezeigt wird die Entwicklung des Begriffs hier:

http://www.marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon\_g/gattung.html

Dabei ist die letzte Überschrift sehr erhellend, wo es heißt:

"Marx war zwar „gelernter“ Philosoph, hatte sich aber von der Philosophie ab- und der Wissenschaft zugewandt"

Marx war Philosoph bis zu seinem Ende und Philosophie ist kein Kontrast zur Wissenschaft. Die Heiligsprechung der "materialistischen Wissenschaft" hat schon starke religiöse Züge. Für Marx ist der Mensch ein gesellschaftliches Wesen. Seine Aussage "Man muss ‚die Philosophie beiseite liegen lassen‘ ... man muss aus ihr herausspringen und sich als ein gewöhnlicher Mensch an das Studium der Wirklichkeit geben ..." hätte er schon früher haben können, wenn er bei seiner Arbeit über Epikur und Demokrit den Epikur als Anti-Idealismus-Philosophen deutlicher erkannt hätte. Denn er meint natürlich, man muss die idealistische Philosophie, die auf jenseits der Realität definierten Begriffen aufbaut, beiseite lassen. Die Orientierung an der Wirklichkeit ist eine Hauptforderung Epikurs, weshalb er keine Logik sondern eine Erkenntnistheorie vertritt, von der Logik nur ein Teil ist.

Feuerbach, der sich auch aus den hegelschen Begriffen löst, wählt den Fokus stärker auf das Individuum und wirft Marx vor, im Wechselspiel "Individuum - Gesellschaft" die gesellschaftlichen Aspekte zu stark zu betonen und damit Wege zu beschreiten, die gerade nicht zur Befreiung des Individuum führen, sondern zur Zwangskollektivierung. Der reale Sozialismus hat diese Gefahren offengelegt und ist auch daran gescheitert. Zur Ehrenrettung von Marx müssen wir allerdings festhalten: Wir wissen nicht, wie er diesen Prozess begleitet hätte, ob er Lenin gefolgt wäre oder ob man ihn als Dissidenten ausgeschieden hätte.

Insoweit muss man Rasperling1 zustimmen, dass Marx sicher ehrlich das Ziel hatte, das Individuum zu befreien. Doch wenn wir uns die heutigen Massengesellschaften anschauen ist das ein Widerspruch: Die ökonomisch ausreichende Versorgung von Menschenmassen ist nur möglich mit Massenproduktion und extremer Vernetzung, deren Komplexität uns langsam über den Kopf wächst. Die Schein-Individualisierung unserer Zeit ist in Wirklichkeit eine Illusion. Sie führt zum trendgeformten Massenmenschen, der glaubt, bestimmten Trends folgend und andere ablehnend, ein einzigartiges Individuum zu sein. Alle Werbung versucht uns Massenprodukte als Individuallösung vorzugaukeln.  In dieser Erwartung der Befreiung des Individuum ist Marx ein Idealist geblieben. Er hofft, dass der Weg vom einsamen, sich selbst versorgenden Höhlenmenschen (den es so nie gegeben hat) über gesellschaftliche Kooperationen mit allen ihren prägenden Folgen für den Einzelnen der Kreis schließt und zum Schluss wieder der sich selbst versorgende Massenmensch herauskommt. Nun steht Marx am Anfang der Bevölkerungsexplosion und kann nicht ahnen, dass 150 Jahre später sich die Menschheit mehr als verzehnfacht hat. Weder Philosophen noch Wissenschaftler sind Hellseher.

Antwort
von alashatt, 25

Die Frage nach einem Soll-Zustand hat sich bei Marx nie gestellt. Ihm wird unterstellt, weil er für eine Gesellschaft plädiert, die ein "normaler" Mensch erstmal als Utopie zurückweisen würde, hätte er mit moralischen Prinzipien und idealistischen Grundsätzen argumentiert. Das haben seine Vorgänger getan, die er zu Recht als "utopische Sozialisten" kritisiert hat. Marx ging es nie darum, den Menschen zu diktieren, wie sie zu leben haben sollen, damit seine eigenen ethischen Bedürfnisse zufriedengestellt sind. Stattdessen hat er mit einer radikalen Kritik an der gegenwärtigen Ordnung den Schluss gezogen, dass der Kommunismus eine greifbare Möglichkeit ist; an Stelle davon, den jetzigen Menschen und die jetzige Gesellschaft abergläubisch auf einen göttlichen Willen oder - wie heute sehr beliebt - auf eine fetischisierte "Natur" zurückzuführen, hat er den historischen und vergänglichen Charakter der kapitalistischen Gesellschaft betont. Der marxistische Kommunismus hatte nie den Anspruch, moralisch hochwertiger als der Kapitalismus zu sein. Es ging immer um die praktische Relevanz - den Kapitalismus zu Ende zu bringen durch die Menschen, die unter ihm leiden. Als Materialist beschäftigte sich Marx mit der Welt wie sie wirklich ist. Bei ihm romantische Ethiklehren zu finden, dürfte, zumindest nach seinem sogenannten "epistemologischen Umbruch", eine Herkulesaufgabe sein.

"Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus diewirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt." - Die deutsche Ideologie. Marx/Engels, MEW 3, S. 35, 1846/1932

Antwort
von rasperling1, 18

Die Beantwortung allgemeiner anthropologischer Fragen wie "ist der Mensch an sich gut oder böse" und dergleichen lag Marx völlig fern. Auch moralische Erwägungen finden sich bei ihm nicht. Im Gegenteil betont er immer wieder, dass der Kapitalist als solcher nicht "böse" "egoistisch" oder "gierig" ist, sondern eine ihm vorgegebene und im Kapitalismus notwendige Rolle spielt. (Die "Entfremdung" trifft deshalb auch den Kapitalisten). Da es Marx darum geht, das Individuum zu befreien, d.h. gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, in denen jeder seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend leben kann, lässt sich immerhin sagen, dass er den Menschen als vernunftbegabt und als zur Kreativität fähig ansah und als fähig erachtete, sein Leben in freier Selbstbestimmung zu gestalten, was sich mit religiösen oder anderen deterministischen Auffassungen nicht vereinbaren lassen würde. Dass Marx nur oder vorwiegend kollektivistische Vorstellungen gehabt hätte, würde ich entschieden bestreiten. Natürlich sieht Marx die Menschen als soziale Wesen, d.h. grundsätzlich kann kein Mensch für sich allein existieren. Die Produktion der Menschen ist seit der Frühzeit immer gesellschaftlich. In den verschiedenen Epochen ist nur die Art und Weise der gesellschaftlichen Produktion verschieden. In einer Marktwirtschaft wird die Vergesellschaftung nur sehr vermittelt über den Markt und über das Medium Geld hergestellt. Dies führt zu einer Reihe von Problemen, wie z.B. die Klassenherrschaft, die Abhängigkeit aller Menschen von Verwertungskriterien usw. Am meisten leidet darunter die Arbeiterklasse, weshalb es für Marx nahe liegend war, dass diese irgendwann aufbegehrt und für einen Umsturz der Verhältnisse sorgt.  Die "Befreiung der Arbeiterklasse" ist für Marx deshalb gleichbedeutend mit der Befreiung aller Menschen. Marx hat aber nirgendwo behauptet, dass es in einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft keine Kriminalität oder keinen Ehebruch mehr gibt. Immerhin: Wenn es kein Geld mehr gibt, gibt es natürlich auch keine Banküberfälle mehr. Und vom Institut der Ehe war Marx auch nicht wirklich überzeugt.

Kommentar von alashatt ,

Ich wüsste jetzt auch keine Stelle, wo Marx explizit geschrieben hätte, dass es im Kommunismus weder Kriminalität noch "Ehebruch" geben würde (wobei zumindest Engels meines Wissens nach geschrieben hat, dass die Monogamie verschwinden wird), auf der anderen Seite gibt es aber auch keinen Grund anzunehmen, dass sie existent bleiben. Kriminalität und Ehe(bruch) stehen in Relation zur kapitalistischen Gesellschaft. Trotzdem eine gute Antwort.

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