Frage von MiniMa787, 80

Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Studiengang Sonderpädagogik (Bachelor Lehramt) in Hannover?

Hallo, ich interessiere mich für den Bachelor Studiengang Sonderpädagogik in Hannover (Lehramt). Sind hier vielleicht einige Studenten, die mir ihre Erfahrungen mitteilen können? Wie muss ich mir die zeitliche Belastung vorstellen, also wie viele SWS hat man in der Regel? Ich bin nämlich Mutter von zwei Kindern... Ist der Inhalt gut aufzunehmen und gut machbar oder ist es besonders anspruchsvoll? Und wie ist das mit dem Vorpraktikum... Ist das "nur" zur persönlichen Überprüfung, ob man sich die Arbeit mit Behinderten tatsächlich vorstelle kann oder wozu dient das? Ist das im weiteren Verlauf des Studiums noch relevant? Also in Sachen Klausur, Hausarbeit, Referat o.ä.? Vielen Dank für Eure Antworten. LG

Antwort
von Easiophiler, 35

Hallo MiniMa787,

aufgrund der beiden recht unqualifizierten Antworten hier, möchte ich mir jetzt Mühe geben, Dir eine angemessene Antwort zum Thema "Studium der Sonderpädagogik" abzuliefern.

Ich bin selbst Student der Sonderpädagogik (in Hessen auch "Lehramt an Förderschulen" genannt) und wenn ich hier in diesem Forum Aussagen wie

"Das Studium ist sehr easy, gibt kaum was einfacheres."

lese und kurz darauf bemerke, dass diese Antwort offensichtlich von einem Referendar und damit angehenden Lehrer kommt, wird mir zugegebener Maßen unwohl - ach, warum so förmlich hier; mir wird kotzübel!

Während der Studienzeit sind spaßhafte Sticheleien zwischen den verschiedenen Lehrämtern keine Seltenheit. Ja, sie sind regelrecht ziemlich lustig, da jeder schließlich weiß, dies sind meist nur naive Vorurteile oder schlichtweg Humor.

Aber hier nun einmal zu den Fakten:

Bei der Sonderpädagogik handelt es sich um ein viereinhalb- bis fünfjähriges Studium, das sowohl im Bachelor-, Master-Modell als auch auf Staatsexamen studiert werden kann. Anschließend folgt ein eineinhalb bis zweijähriges Referendariat.

Die Inhalte beschränken sich hierbei nicht nur auf das Unterrichtsfach bzw. die Unterrichtsfächer die man belegen muss, sondern auch auf zahlreiche Module aus dem Bereich der Psychologie, Soziologie, Bildungswissenschaften, Politikwissenschaften und eben der Sonderpädagogik. Der Anteil dieser Wissenschaften ist erheblich größer, als dies bei Regelschullehrern der Fall ist. Der Sonderpädagoge wird damit wahrlich zu einem Experten ausgebildet und bekommt nicht nur die rudimentäre Grunddosis eines Gymnasial- oder Realschullehrers beispielsweise.

Gerade aufgrund der Vielfalt der Module, die man zu belegen hat, stehen im Verlauf des Studiums zahlreiche Klausuren, Referate, Hausarbeiten UND sogar für Sonderpädagogen spezielle Prüfungsformen wie biographische Skizzen und diagnostische Berichte an. Damit würde ich behaupten, dass der Arbeitsaufwand für die verschiedenen Leistungsnachweise den der Regelschul-Lehrämter in vielen Fällen übersteigt.

Lediglich den naturwissenschaftlichen Lehrämtern möchte ich einräumen, dass Viele von ihnen doch sehr häufig Übungsaufgaben abzugeben haben. Derartige Übungen sind zwar ebenso im Studium der Sonderpädagogik vorhanden, nehmen aber nur einen sehr kleinen Teil ein.

Ich möchte nicht behaupten, dass es sich bei der Sonderpädagogik um ein sehr schweres Studium handelt. Wer dies allerdings auf die leichte Schulter nimmt, wird eines Tages mit immensen Problemen zu rechnen haben.

Im Schnitt ist das Studium in der Regelstudienzeit zu schaffen, wenn man pro Woche ca. 20 Semesterwochenstunden (SWS) einplant. Damit ist das Studium im Zeitaufwand vergleichbar mit vielen anderen Studiengängen.

In deiner Frage hast Du das Vorpraktikum angesprochen. Hier in Hessen ist dieses für angehende Sonderpädagogen verpflichtend. Dieses kann man allerdings auch während des Studiums ableisten. Mir persönlich hat das Praktikum wertvolle Erfahrungen eingebracht, da sich der Schulalltag an der Förderschule doch ganz erheblich von dem an einer Regelschule unterscheidet. Ich kann es dir daher auf jeden Fall sehr ans Herz legen.

ABER: Ich möchte darauf hinweisen, dass Sonderpädagogen aufgrund der Inklusion zunehmend an Regelschulen arbeiten, um dort zusammen mit Regelschullehrern Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf zu unterstützen. Damit ist das Berufsfeld von Sonderpädagogen zu dieser Zeit sehr stark im Wandel. Die wenigsten von ihnen werden an Förderschulen unterrichten.

Genau das ist im Übrigen der Grund, warum mich die Herablassung des Regelschullehrers derart erzürnt. Die Inklusion ist nicht nur für Sonderpädagogen etwas Neues, sondern noch viel mehr für Regelschullehrer. Dieses neue Modell führt immer einmal wieder zu Missverständnissen zwischen den beiden Lehrern. Viele sind "Team-Teaching" und Zusammenarbeit gar nicht gewohnt oder sind nicht im Klaren darüber, wer welche Aufgaben zu übernehmen hat. Nicht selten entsteht eine wahre Feindschaft zwischen den Lehrern - und dieser "Krieg" geht zu Lasten der Inklusion und damit zu Lasten derjenigen, die unsere Hilfe am meisten brauchen - die Förderkinder.

Und Lehrer wie die Verfasser meiner zitierten Antwort erleichtern die Probleme mit Sicherheit nicht, indem sie mit ihren Aussagen über das vermeintlich leichte Studium eine mangelnde Wertschätzung unserer Kenntnisse vermitteln.

Ebenso ist der Neid immer mal wieder ein Auslöser, um sich in die Haare zu kriegen. Sonderpädagogen haben nämlich in aller Regel erheblich bessere Beschäftigungsaussichten (die letzten Jahre durchgehend Vollbeschäftigung im Gegensatz zu den teils dramatisch schlechten Chancen für Lehrer anderer Lehrämter und Fächerkombinationen) und verdienen darüber hinaus in den meisten Bundesländern deutlich mehr (Besoldungsgruppe A13 statt A12 vieler Realschul-, Hauptschul- und Grundschullehrer). Dass dies der Sympathie nicht gerade zu Gute kommt, ist glaube ich verständlich.

Ich hoffe, ich habe Dir jetzt sowohl ein paar Einblicke in die Sonderpädagogik als auch in derzeitige Entwicklungen geben können.

Für Fragen stehe ich jederzeit zur Verfügung.

Liebe Grüße

Easiophiler

Kommentar von MiniMa787 ,

Danke für deine umfangreiche Antwort! Hat mir schon wirklich weiter geholfen. Mein Ziel ist es nämlich, sofern es mit dem Studium klappt, an einer Regelschule zu arbeiten.

20 SWS sind ja schon mal ein guter Hinweis für meine Planungen. Was schätzt du denn, wie viel Zeit man darüber hinaus noch in etwa einplanen muss. Also für Vor- und Nacharbeiten, Hausarbeiten, Referate etc.

Kommt man mit 30 Wochenstunden in etwa hin?

Danke schon mal & viele Grüße

MiNiMa

Kommentar von Easiophiler ,

Es kommt ganz auf Dein Lernverhalten an.

Der große Vorteil einer Universität ist, dass man seine Zeit ziemlich gut einplanen kann. In der Vorlesungszeit finden nur Veranstaltungen statt, für welche meist noch nicht einmal eine Anwesenheitspflicht besteht, in der vorlesungsfreien Zeit dagegen - auch Semesterferien genannt - finden Prüfungen statt.

Viele Studenten nutzen die vorlesungsfreie Zeit aus, um ihr Studentenleben zu genießen und fangen erst kurz vor Beginn der Klausurenphase an zu lernen. Dies führt dazu, dass viele Studenten zeitlich sehr unter Druck geraten und dementsprechend auch viele Wochenstunden auf sich nehmen müssen.

Solltest Du allerdings Dich bereits während der Vorlesungen mit dem Stoff ausgiebig beschäftigen, sind 30 Wochenstunden auf jeden Fall gar kein Problem. Bei geschickter Planung würde ich sogar auf 25 tippen.

Außerdem weise ich darauf hin, dass es zu jeder Veranstaltung ein Skript gibt. In aller Regel ist es also nicht einmal klausurenrelevant, sich in jede Vorlesung zu setzen. So würdest Du auch einige Wochenstunden einsparen.

Liebe Grüße

Kommentar von MiniMa787 ,

Danke 🙏🏼 

Bekommt man die Skripte vorab oder in der Veranstaltung? Oder wie läuft das, wenn man sich ggf. vorbereiten möchte oder nicht hingeht, da alles verständlich ist?! 

Kommentar von Easiophiler ,

Das Skript bekommt man normalerweise direkt zu Beginn der Vorlesungen.

Antwort
von Vardanchik, 52

Mach aif jeden Fall dein Master. Wenn du die Chance hast

Kommentar von MiniMa787 ,

Danke! Dafür muss ich ja aber erstmal den Bachelor machen *hihi*

Studierst du Sonderpädagogik?

Kommentar von Vardanchik ,

Ne leider nicht

Kommentar von MiniMa787 ,

Kennst du jemanden, sodass du mir Erfahrungen mitteilen kannst. Also in Hinblick auf den wöchentlichen Zeitaufwand oder das Vorpraktikum?

Antwort
von Referendarwin, 44

Das Studium ist sehr easy, gibt kaum was einfacheres.

Kommentar von MiniMa787 ,

Studierst du es? In welchem Semester? 

Erzähl doch mal... 😉

Kommentar von Referendarwin ,

Bin schon fertiger Lehrer und habe mit vielen der Studis gemeinsame Seminare in EWS gemacht, kenne zudem über 20 fertige Sonderpädagogen und 2 Dozenten persönlich.

Keiner fand sein Studium schwer. Es besteht aus einfach Vorlesungen gekoppelt an zig Seminare mit Referaten plus Hausarbeiten. Wirklich unschaffbar ist da nix.

Ich will das Studium nicht runtermachen, es ist halt relativ leicht. Ich halte die Wahl für sehr klug, die Chancen für Sonderpädagogen stehen gut, besonders mit Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung.

Kommentar von MiniMa787 ,

Danke schon mal.

Kannst du mir was zum wöchentlichen Zeitaufwand sagen? Also in etwa?

Und wie ist das mit dem vorpraktikum? Wozu dient das? Hat das im weiteren Verlauf noch Bedeutung oder ist das "nur" zur Entscheidungsfindung?

Kommentar von Referendarwin ,

Das dient dazu, das man das Ref kürzer machen konnte. Du wirst ja nicht bezahlt im Praktikum, ist also ne Sparmaßnahme.

Aber klar, politisch korrekt: Entscheidungfindung, blablabla,

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