Frage von Lo1G2S3M4RoL, 48

Wie sieht EIN Arbeitstag in der Forschung (Physik) aus (möglichst genau)?

Hallo, ich weiß, dass es nicht den Arbeitstag in der Forschung gibt, aber ich würde gerne wissen wie einer aussehen könnte.

Die Beschreibung sollte dabei bitte möglichst konkret sein (am besten an einem Beispieltag erklärt), also nicht nur etwas wie "Messungen durchführen, Daten auswerten, Ergebnisse dokumentieren, im Team Besprechungen machen, ..." o.ä..

Außerdem würde mich noch folgendes interessieren:

1.) Wie unterscheiden sich die Tätigkeiten eines "neuen" Forschers von denen eines Forschers, der bereits länger gearbeitet hat?

2.) Wie stressig ist die Arbeit eines Forschers? Stress ist für mich: zu strenge Fristen, viel Kundenkontakt, überdurchschnittlich hohe Arbeitszeiten, ungeregelte Arbeitszeiten, reisen (d.h. kein fester Arbeitsplatz). Also welcher dieser Punkte trifft in der Regel für die Forschung zu?

Danke für jede Antwort im Voraus!

Antwort
von karajan9, 31

Hm... ich befürchte, deine Frage macht so, wie du sie gestellt hast, nicht besonders viel Sinn. Klar kann man einen Bespieltag aufschreiben, aber dann fällt so viel unter den Tisch, was eben nicht täglich sondern nur zwischendrin oder in bestimmten Teilen eines Projekts dran kommt...

Es klingt auch so, als wärst du jetzt auf einen experimentellen Physiker, der im Labor arbeitet fixiert. Es gibt aber auch viele, die theoretische Arbeit leisten, viel am Rechner sitzen oder simulieren. Dementsprechend ändern sich natürlich die Aufgaben.

Es gibt auch noch einen großen Unterschied zwischen Physikern, die zum Beispiel an der Uni an Grundlagen forschen oder Physikern die in der Industrie versuchen ein Produkt zu entwickeln.

Grundsätzlich passt dein Ablauf. Wenn man schon weiß, was man wie messen möchte, misst man halt, untersucht die Daten und wertet sie aus. Dann schaut man, ob man mit den Ergebnissen zufrieden ist und falls nicht, kann man den Versuchsaufbau anpassen (oder stundenlang nach Fehlern suchen, auf die kein Mensch kommen würde). Was genau brauchst du konkreter?

Wenn du gerade nicht misst, gibt es Besprechungen ja, sowohl im eigenen Team als auch vielleicht mit anderen Leuten, die am gleichen Problem arbeiten (insbesondere an Unis gibt es übergreifende Forschungsgruppen). Irgendwann schreibst du deine Fünde zusammen oder veröffentlichst ein Paper. An den Tagen siehst du das Labor überhaupt nicht, sondern sitzt nur an deinem Computer.

Wie stressig die Arbeit ist, kann ich dir nicht wirklich gut sagen, und das kommt wieder mal wirklich drauf an. Wenn du nur im Labor forscht, wirst du keinen Kundenkontakt haben. Wenn du in einem kleineren Betrieb bist, kann es sein, dass du beides machst. Wenn du viel auf internationalen Tagungen bist musst du reisen, ansonsten eher nicht. Häufig gibt es Deadlines, aber auch nicht immer -- wenn du halt keine vernünftigen Ergebnisse bekommst, was sollst du auch machen.

Vielleicht ließe dir besser helfen, wenn du sagst, warum du das fragst, was du willst und was du dir vorstellst. Möglich ist vieles und daher ist es kaum möglich, dir sowohl eine konkrete als auch umfassende Antwort zu geben.

Kommentar von Lo1G2S3M4RoL ,

Entschuldigung falls die Frage etwas undeutlich war und danke für die Antwort. :-)

Ich überlege nämlich Physik zu studieren, ich weiß aber nicht, was ich dann beruflich machen könnte. Forschung wäre eben eine Möglichkeit, ich kann mir das aber nicht so gut vorstellen. Ich habe auch nichts spezielles im Sinn, also ob Uni oder Industrie, ob theoretische oder experimentelle Arbeit; deswegen habe ich allgemein nach irgendwelchen Berufsabläufen gefragt, einfach um einen Überblick zu bekommen und zu sehen, ob mir so etwas gefallen würde. Vielleicht wäre es schlauer gewesen nach Tätigkeiten und nicht nach einen Arbeitstag zu fragen.

Ich möchte eben, bevor ich mich für die Forschung entscheiden würde, wissen, ob das zu mir passen würde. Es ist mir dabei wichtig, möglichst wenig Stress zu haben (siehe die genannten Punkte in der Frage), denn nur dann würde die Arbeit Spass machen bzw. nur dann wäre sie zumindest ok. Ich stelle mir übrigens auch vor, dass man in der Forschung (abhängig davon wo man arbeitet) oft verzweifeln kann (misslungene Projekte, evtl. Einfallslosigkeit) und manchmal / oft kaum vorankommt. Das würde ich aber auch lieber vermeiden wollen. Gibt es vielleicht etwas, was Du mir empfehlen oder abraten könntest? Simulieren oder sonstige Computerarbeit würden evtl. den genannten "Wünschen" entsprechen (so wie ich mir das vorstelle), oder? Wüsstest Du noch was anderes?

Falls ich etwas unklar beschrieben habe, bitte einfach fragen. :-)

Und nochmals danke für die ausführliche Antwort.

Kommentar von karajan9 ,

Ja, so etwa klang das ;-)

Gerade mit Physik kann man unglaublich viele verschiedene berufliche Wege einschlagen, die sich natürlich unglaublich voneinander unterscheiden können. Forschung, Industrie, Unternehmensberatung, Lehrer, Bundeskanzlerin...

Die allgemeinen Aufgaben eines Physikers sind logisches Denken und Problemlösung. Wie das genau aussieht ist dann ziemlich unterschiedlich. Du kannst eben Versuche durchführen um zu schauen ob deine Vermutungen stimmen, du kannst versuchen mit Zettel und Papier auf neue Ideen zu kommen oder Gleichungen zu lösen, du kannst mit dem Computer Probleme simulieren, die zu umständlich oder gar unmöglich wären auszuprobieren.

Wenn absolute Stressfreiheit für die höchste Priorität hat, ist Physik vielleicht nicht ganz das richtige für dich. Schon das Studium ist nicht gerade locker und man muss sich schon hinsetzen um das gut zu schaffen. Aber daran kann man sich ja auch gewöhnen.

Aber Deadlines wird es so gut wie immer geben. Wenn dir Leute Geld geben, wollen sie dafür ja auch etwas sehen. Das wird weder bei der Forschung an der Uni noch in der Industrie anders sein. Das wird aber auch bei kaum einem Beruf anders sein, von daher ist die Frage, wie zielführend dieser Wunsch ist.

Das mit dem Verzweifeln kann durchaus mal passieren. Schon beim Studium selbst wirst du an genügend Aufgaben scheitern -- aber das tun alle. Wenn du dann eine Forschungsarbeit durchführst und einfach keine vernünftigen Ergebnisse bekommst, hast du recht stumpf Pech gehabt. Keine Ergebnisse kann man nicht veröffentlichen.

Gerade bei Versuchen kann es mal passieren, dass der Aufbau einfach nicht funktioniert, wie er sollte, oder dass dir irgendwelche Teile fehlen, ohne die du nicht arbeiten kannst. Das Problem hast du bei Simulationen natürlich nicht.

Das klingt jetzt ziemlich düster, aber du bist ja auch nicht alleine. Es wird ja wahrscheinlich immer ein Team geben, mit dem zu dich austauscht, dass dir weiterhelfen und neuen Input geben kann.

Ich würde sagen, dass es definitiv nicht leicht ist, aber schon Spaß machen kann. Ich würde mich deshalb nicht unbedingt davon abhalten lassen. Die Frage wäre glaube ich eher, wo deine Interessen liegen, wie du dir deine Zukunft vorstellst und was Alternativideen sind.

Ich hoffe, ich konnte etwas weiterhelfen, aber ich steh natürlich immer noch gerne für Fragen zur Verfügung :-)

Kommentar von Lo1G2S3M4RoL ,

Vielen Dank für die Antwort und die Hilfsbereitschaft! :-D

Wenig Stress hat bei mir schon eine ziemlich hohe Priorität; denn wenn man sich zu sehr herumhetzen muss, dann wird auch die beste Arbeit unangenehm. Das Studium wird wohl tatsächlich ziemlich anstrengend sein, aber da muss man wohl durch; wichtiger wären die 40-50 Jahre danach. Lehrer in der Oberstufe fände ich beispielsweise nicht schlecht; der Beruf hat nämlich viele Vorteile (u.a. relativ wenig Stress, so wie ich das sehe und alles ist ziemlich geregelt). Man muss einfach darauf achten, dass man den Schulstoff bis zum Jahresende schafft und das wars. Ich bräuchte aber noch Alternativen dazu, falls daraus nichts wird.

Ich dachte eben an Forschung, aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich passen würde.

Wie gesagt geht es darum zu entscheiden, ob ich Physik studieren sollte, die andere Möglichkeit wäre Informatik. Beides interessiert mich ungefähr gleich stark, deswegen fällt die Entscheidung schwer. Von daher geht es jetzt vor allem darum, dass die Berufe danach möglichst ruhig / stressfrei wären. Von dem, was du bisher gelesen hast, gibt es vielleicht irgendetwas was du mir mehr empfehlen könntest, Informatik oder Physik? Gibt es irgendwelche Berufe, die du für mich als passend empfinden würdest?

Und noch eine Frage: Kann man in der Forschung auch nur simulieren oder nur irgendetwas dokumentieren, d.h. ausschließlich irgendetwas machen, was kein Ideenreichtum oder besondere Einfälle erfordert, sondern etwas arbeiten, was einfach gemacht werden muss und wo man deshalb immer vorankommt? Es soll nicht bedeuten, dass ich keine Ideen haben würde, aber ich bin eben eher vorsichtig und will mich deshalb auch nicht darauf verlassen. Als Programmierer muss man zwar auch Fehler suchen und darüber nachdenken, aber man kommt ja normalerweise mit dem Code immer vorwärts. Als Lehrer unterrichtet man einfach, d.h. man kommt auch stets voran. Forscher ist aber schwieriger, denke ich. Ich stelle mir vor, dass man über höchstkomplizierte Sachen nachdenkt, und man wenig Fortschritte macht, deswegen wäre ich lieber nicht an der vordersten Spitze als Vorantreiber des Projekts, sondern würde eher z.B. Ergebnisse dokumentieren wollen o.ä., zumindest jetzt im Augenblick, in 10 Jahren könnte es sich ja ändern.

Übrigens: Deadlines sind natürlich ok, sie sollten aber fair sein. Z.B. habe ich mal gehört, dass Spieleentwickler oft zu strenge Fristen haben, sodass sie die Spiele nicht einmal richtig zu Ende programmieren können. So eine Hetzerei würde ich eben gerne vermeiden.

Nochmals danke, dass du dir die Zeit nimmst meine Fragen zu beantworten. :-)

Kommentar von karajan9 ,

Kein Problem :-)

Ich glaube, wenn du das Studium gut überstehst, wird dich die Arbeit danach auch nicht mehr so schlimm aus den Socken hauen.

Äh... kommt drauf an, was für dich Stress ist. Du musst dich halt mit den Schülern rumschlagen, die gerade bei Physik bestimmt zu 50% Null Bock auf den Unterricht haben, mit den Eltern, wenn du mal wieder eins ihrer Engelchen ungerecht behandelt hast, du musst nach der Schulzeit den Unterricht vorbereiten und Klausuren korrigieren. Ich habe keine Erfahrungen damit, aber ich kann mir vorstellen, dass auch das anstrengend werden könnte ;-)
Bei den meisten Unis ist es (meines Wissens nach) außerdem ein Unterschied, ob man auf Lehramt oder auf Bachelor/Master studiert, sprich du müsstest dir das vorher überlegen.

Ich glaube, wenn du ohne jede Kreativität auskommen möchtest, bist du vielleicht am Fließband am besten aufgehoben ;-) Scherz beiseite, jede Arbeit in der Physik wird Nachdenken und auf-Ideen-kommen erfordern. Das ist aber eigentlich bei jedem Job so, der nicht absolut stumpf ist. Ich glaube, du kannst dich in dem Fall schon auf deinen Ideenreichtum verlassen -- du sollst ja auch keine Kunst machen, sondern nur herausfinden, wie sich bestimmte Probleme lösen lassen. Aber das lernst du dann ja auch. Wenn es in der Forschung tatsächlich einen Job gibt, der *nur* Ergebnisse dokumentiert, würde man dafür einen Sekretär einstellen und keinen Physiker. Wenn du als Physiker arbeitest, musst du schon den Job eines Physikers erledigen ;-)

In riesigen Projekten nach Fehlern suchen kann auch ewig dauern. Und wenn du als Lehrer immer das Gleiche machst, steckst du zwar nicht fest, kommst aber auch nicht vorwärts. Es gibt wohl zu allem zwei Seiten ;-)

Wieder eine Vermutung, aber ich glaube bei den Informatikern ist das mit den Deadlines deutlich stressiger als bei den Physikern. Da ist dann aber auch das Risiko, das irgendwas mal gar nicht funktioniert höher. Vom Arbeitsklima würde ich wohl das eines Physikers bevorzugen.

So spontan würde mir wenig einfallen, was wirklich stressfrei ist, dafür habe ich wohl auch nicht genügend Erfahrungen. :-( In den Geisteswissenschaften ist es vielleicht etwas gechillter, aber das ist ja etwas völlig anderes und ganz ohne Stress werden die auch nicht leben.

Ich glaube, es wäre das beste für dich, wenn du mal irgendwo hingehst und die Leute nach ihrern Erfahrungen fragst. Bei der Uni kann ich dir etwa erklären wie es aussieht, aber in der Industrie und für Lehrer bin ich größtenteils auf Vermutungen angewiesen.
Zumindest bei mir sind die Physiker an der Uni unglaublich offen und hilfsbereit. Vielleicht kannst du dich da mal erkundigen, einfach mal ne Mail schreiben oder vorbei kommen. Die meisten Unis werden wohl auch einen Studienberater haben, der dir deine Fragen sicherlich deutlich besser beantworten kann als ich. :-)

Kommentar von Lo1G2S3M4RoL ,

Danke, inzwischen habe ich schon einen besseren Überblick über das Thema. :-)

Klar haben Lehrer auch Nachteile, hat wohl leider jeder Beruf, insgesamt fände ich ihn aber trotzdem nicht schlecht (solange die Klassen nicht zu schlimm sind). Den Unterricht vorbereiten muss man ja auch nicht jedes Jahr komplett neu machen, man kann die Unterlagen, Arbeitsblätter usw. zum größten Teil jedes Jahr neu verwenden, denke ich; und Klausuren in Physik korrigieren stell ich mir auch nicht so schlimm vor, Deutsch wäre schlimmer. ;-) Ist aber nur meine Meinung.

Insgesamt bin ich mir leider immer noch nicht ganz sicher, ob Physik oder doch Informatik besser wäre (Geisteswissenschaften wären eher unpassend für mich ;-)). Trotzdem weiß ich jetzt besser über die Forschung bescheid und kann das in meine Überlegungen mit einbeziehen.

Das mit der Uni hört sich aber schon mal nicht schecht an; ich finde es auch schön, dass die Physiker dort (zumindest bei dir) offen und hilfsbereit sind. Ein gutes Arbeitsklima wäre mir nämlich noch wichtiger als eine ruhige Arbeit zu haben. Leider kann man soetwas kaum vorher wissen, man muss halt etwas Glück haben.

Ich glaube fürs Erste hätte ich keine Fragen mehr.

Also danke und viel Spaß und Erfolg noch bei deiner Arbeit! :-)

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