Frage von Sandelfe02, 73

Wie schwierigem Kind Distanzlosigkeit abgewöhnen?

Hey Leute, ich arbeite momentan in einer Grundschule (Bundesfreiwilligendienst) und habe absolut keine Ahnung von Kindern/Erziehung. Jedenfalls gibt es da ein Mädchen in der zweiten Klasse, die mich einfach nur nervt, wobei ihr vollkommen bewusst ist, dass sie mir damit auf den Keks geht. Zumindest hat sie heute gesagt, dass sie mich heute nicht nerven wird, wenn ich ihr den Rücken kraule, hab ich dann aber nicht gemacht.

Damit ihr euch ein bisschen was darunter vorstellen könnt: Sie will mich ständig schlagen oder kneifen und wollte mir auf dem Weg zum Spielplatz andauernd Eicheln in meine Tasche stecken, hat sich an ihr festgehalten und wollte sie mir wegnehmen... bla bla bla. Sie lässt mir einfach null Freiraum, will ständig kuscheln bzw hängt sich an mich dran und was weiß ich.

Ich weiß einfach nicht, wie ich ihr klarmachen kann, dass sie mich endlich in Ruhe lässt. Mit Strafarbeiten drohen bringt nicht, im normalen Ton kann man sowieso nicht mit ihr reden und lauter werden hilft genauso wenig. Ich könnte mich wohl "wehren", aber dabei würde ich ihr wohl wehtun und das sollte ich wohl vermeiden.

Allerdings bin ich nicht die einzige, die mit ihr Probleme hat. Auch die anderen Erzieher wissen, dass das Mädchen verdammt schwierig ist. Ich habe gehört, dass da wohl sexueller Missbrauch im Spiel war.

Also, wie kann ihr vernünftig klarmachen, dass so eine Distanzlosigkeit nicht geht?

Antwort
von Tasha, 30

Das, was du beschreibst, klingt nach verzweifelter Suche nach Aufmerksamkeit. Sie weiß nicht, wie sie die bekommt - vielleicht stimmt/e was zu Hause nicht und sie bekam nie die Aufmerksamkeit, die ihr zustand.

Ich würde folgendes *versuchen*:

Widme dich zu bestimmten Zeiten nur ihr. Mache etwas mit ihr, dass ihr Spaß macht. Sie darf sich EINE Sache aussuchen pro Tag (eine Aufgabe mit dir machen, ein Spiel, reden, Quatsch machen etc.). Kuscheln würde ich mir ihr nicht, aber man kann ihr stattdessen z.B. aus Kissen eine "Höhle" bauen, wenn ihr irgendwo so eine Kuschelecke habt. Das heißt, du packst sie in Kissen und Stofftiere ein, mit denen sie kuschelt, aber du kuschelst nicht direkt mit ihr. 

Wenn sie nervt, das heißt, wenn sie KONKRETE Dinge macht, die du vorher mit ihr besprochen hast, an DIESEM Tag, fällt die Zweierstunde aus. Das heißt, z.B. sie darf dich nicht schlagen. Wenn sie das längere Zeit geschafft hat, und nur dann, und dafür belohnt wurde, kommt das nächste: Dich nicht stören, wenn du mit anderen Kindern etwas machst etc.

Mache dir eine Liste. 

Lass ihr anfangs (unausgesprochen) drei Chancen: Sie schlägt dich einmal - du verwarnst sie, keine Zweierstunde heute, wenn das noch mal vorkommt. Beim zweiten Mal wieder. Beim dritten mal: Stunde fällt jetzt aus. Du beachtest sie dann nicht mehr. Sie kann dich schlagen, Eicheln in deine Tasche schaufeln etc. - du lässt sie links liegen. Am Ende des Tages sprichst du noch mal mit ihr: "Das ist ja heute nicht gut gelaufen. Morgen machen wird ..., wenn du mich nicht schlägst." Frage sie mal, was sie machen  kann, statt dich zu schlagen. Kann sie dir etwas sagen, dass bedeutet, sie will dringend deine Aufmerksamkeit und bekommt sie dann auch. Kann sie ihren Frust anderweitig ablassen (bestimmtes körperlich anspruchsvolles Spiel spielen, schreien etc.).

Wenn sie nervt: Wende dich demonstrativ anderen Kindern zu, auch wenn sie euch übertönt. Rede mit ihnen, schaue ihnen zu, lobe sie, mache etwas mit ihnen (Sachen austeilen wie z.B. Arbeitsblätter, Material etc. - keine Belohnungen für die anderen). So lange (und es wird lange dauern!) bis sie weniger nervt. Hört sie auf, warte ein bisschen und gib ihr dann Aufmerksamkeit! So lernt sie: Aha, wenn ich DAS mache, kommt Sandelfe zu mir, redet mit mir, spielt mit mir etc. Nerve oder schlage ich, kümmert sich Sandelfe um die anderen...

Bis das aufgenommen wurde, dauert es leider länger.

In den Zweierstunden, die keine Stunden sein müssen sondern 5 bis 15 min dauern können, widme dich nur ihr. Gib ihr Redezeit, Aufmerksmkeit, Körperkontakt (anstubsen, Hand auf Schulter etc.), bring sie zum lachen, lobe sie, betone ihre Fähigkeiten etc. Lass sie stolz auf sich sein und gib ihr die Geborgenheit, die sie sucht, ohne zu sehr "Mama" oder "Papa" zu sein. Kündige das Ende an, gibt 2 min für ein Abschlussritual  - Lob, Bewunderung für ihre Arbeit, lachen/ Quatsch machen, eine letzte Geschichte von ihr oder dir - und dann höre auf. Anfangs wird sie protestieren. Besprich vorher mit ihr, was sie macht, wenn die Zweierzeit zuende ist, z.B. etwas weiterarbeiten, etwas malen, etwas spielen. Nach und nach versuche durch Lob und Vorschläge sie auch dazu zu bringen, mit anderen Kindern zu spielen. Lobe das. So wird sie nach und nach weniger abhängig von der Aufmerksamkeit der Erwachsenen.


PS

Was auch sehr gut klappt oft:

Gib ihr eine Aufgabe! Wenn ihr unterwegs seid: X trägt (wichtige Ausrüstung, Spielzeug), X sucht schon mal einen schönen Platz für... . Wenn ihr in der Klasse seid: X teilt die Arbeitsblätter aus, X sagt uns noch mal, worauf wir achten müssen, X wird von dir mal gelobt etc. Nicht übermäßig, damit die anderen Schüler nicht eifersüchtig werden!

Kommentar von Tasha ,

PPS

Eines noch:

Sage immer wieder das gleiche!

Als Erwachsener denkt man oft, man müsste sich immer wieder anders ausdrücken, man würde sich lächerlich machen, wenn man zum fünften Mal sagt "leg den Stift weg!". Das Kind braucht aber verlässliche Regeln. Nur wenn du das Gefühl hast, dass sie bestimmte Anweisungen nicht versteht, versuche sie so umzuformulieren, dass sie sie versteht (z.B. statt "leg den Stift weg", "falte deine Hände/ lege deine Hände flach auf den Tisch" etc., also eine konkrete Alternative zum Stifthalten).

Regeln sollten aber freundlich immer auf die gleiche Art formuliert werden. Kinder brauchen Zeit, um sie zu lernen und sind oft abgelenkt durch Spannenderes, so dass sie nicht an die Regeln denken. Dann reicht es, sich auf Regel 3, "sei leise, solange andere reden" zu berufen. Nicht "sei leise, sschschsch, sei ruhig, Ruhe! usw. Nach und nach werden oft Zeichen oder nur einzelne Wörter eingeführt, so dass man nicht immer einen Satz wiederholen muss. Z.B. du hebst deine leeren Hände und die Schüler wissen, dass sie jetzt auch nichts halten sollten. Bei einigen dauert das länger und gerade Schüler, die vielleicht weniger "intelligent" sind brauchen verlässliche Regeln in immer den gleichen Worten, die sie gerne wiederholen, während sie sie lernen oder ausführen (damit meine ich besonders i-Kinder, geistig behinderte Kinder etc., aber normalerweise trifft das auch auf Kleinkinder zu, daher wiederholen Kinderlieder und Kinderreime zentrale Aussagen immer wieder).

Antwort
von norbert9014, 7

1. Hast Du eigentlich jemanden (pädag. Fachkraft), der Dich in diesen Freiwilligendienst anleitet und betreut: Im besten Sinne einen "Praktikumsbetreuer"...  erst mal diesen fragen. Zudem muss es an dieser Grundschule doch auch einen zentralen Ansprechpartner für Dich geben, dem Du das auch zutragen darfst.: Beide... der eine wie der andere könnte dich dann wahrscheinlich auch einmal in diese Situation begleiten und kennt wahrscheinlich auch das Kind genauer.

2. Könnte es möglich sein, dass man derartige Unsicherheiten, die in der Betreuungssituation auftauchen, nicht publik machen möchte, weil man glaubt man müsse "Erwartungen" erfüllen (undifferenzierte Aufträge durch die Gesamtsituation in der Du bist... Begleitungs- u/o Betreuungsauftrag in differenzierter Situation...;- in diesem Fall durch die Schule oder den Freiwilligendienst gelenkt;-  ebenso wie Ansprüche an sich selbst unter dem Motto "Das-muss-ich-alleine-schaffen).... >>> Streich das! Profis stehen zu ihren Unsicherheiten und lernen genau darum ihr Verhaltensrepertoire zu verbessern und auszubauen: Das ist Kompetenz!

3. Dieses Mädchen weiß sehr genau was sie tut: Und ihr zuckerfreundlich und umständlich in Andeutungen und verklausulierten, also schwammigen und schwer verständlichen Worten und Abgrenzungsbemühungen zu begegnen

- gibt diesem Mädchen erstens Macht

- und zweitens eine Entwertung mit auf den Weg in diesen gemeinsamen beziehungsstand: Denn sie wird nicht ernst genommen

4: Aus diesem Grunde: Klarheit: Formuliere verständlich, was Dir unangenehm ist >> Belohnungen und Konsequenzen (ist hier ja auch schon angesprochen) sollten angemessen und unmittelbar sein.

Eine weitere gute Möglichkeit kann (passt nicht immer und schon gar nicht in jeder Situation) die Methode sein, "Gleiches mit Gleichem" zu vergelten: Also verhalte Dich in ihr unpassenden Situationen ähnlich... und dann darüber, wie man es gemeinsam besser machen kann.

Und ja,- wie durch andere User beschreiben: Das Mädchen sucht Kontakt,- Aufmerksamkeit: Und ihre Kraft ist es, mit negativer Aufmerksamkeit umgehen zu können: Es wird also wenig geben, was sie (ab)schrecken könnte... auf diesem Gebiet ist sie der Profi: Ab und zu einfach vollkommen paradox auf ihr verhalten reagieren... könnte auch bei ihr "Wow"-Effekte auslösen.

Du machst das,- Du bist kreativ... da fällt Dir schon was ein... und zwar immer mit einem lachenden Auge, oder?

Wer weiß... wenn Du Dich drauf einlässt und es schaffst eine gute Beziehungsgrundlage zu etablieren... könntest Du an diesem Mädchen mehr für Dich lernen, als an der ganzen Klasse über die gesamte Zeit

Sincerely, Norbert

Antwort
von Menuett, 10

Die Distanzlosigkeit zeigt, was dem Mädchen angetan wurde. Niemand wahrte ihre Distanz. Sie spiegelt einfach nur das wieder, was sie gelernt hat - den Körper anderer zu mißachten.

Selbst wenn man nur küchenpsychologisch unterwegs ist - das mit Strafarbeiten drohen ist dermaßen inkompentent, das lass besser.

Halt sie auf Abstand, fest aber freundlich. Ihr sagen, dass sich das für Dich nicht gut anfühlt, und dass Du ein Recht hast, dass sie damit aufhört.

Nein, das wirkt natürlich nicht sofort, das dauert Jahre.

Antwort
von Schuhu, 25

Das ist eine langwierige Angelegenheit und erfordert sicher Fingerspitzengefühl und Geduld. Sie sucht die Aufmerksamkeit von Erwachsenen und ihr ist dabei jedes Mittel recht.

Ihr Erzieher solltet euch abstimmen, und jeder immer in der gleichen Weise sachlich und bestimmt ihre Annäherungen ablehnen. Sie wird nicht morgen damit aufhören, aber, wenn sie immer auf Granit beißt, wird sie ihr Verhalten irgendwann ändern.

Hoffentlich ist das Mädchen in psychologischer Betreuung. Eventuell könnt ihr dann von Psychologen Hinweise bekommen, wie ihr sie "abwehrt" ohne sie abzuwerten.

Kommentar von Menuett ,

Das hat mit Aufmerksamkeit suchen nix zu tun.

Sie spiegelt ganz klar die Erwachsenen, die keine Distanz zu ihr gehalten haben.

Antwort
von Evoluzzer213, 23

Dem Kind zuhören wäre eine Variante, wenn es denn eine schwierige Vergangenheit hatte.

Vielleicht sucht es einfach nur Hilfe und weiß nicht so recht wie es sich ausdrücken soll, in der zweiten Klasse ist man 7 Jahre alt, ich glaube kaum, dass da ein Mädchen auf dich zukommen wird und dir sagen wird "Hey ich wurde wiederholt sexuell missbraucht und ich entwickle wahrscheinlich eine tiefgreifende Kontaktstörung zum anderen Geschlecht inklusive PTBS, ich brauch Hilfe"

Das wird nicht passieren. Also sucht es andere Wege, um in Kontakt zu kommen. Sogar Aggression kann als Mittel zum Kontaktaufbau dienen wenn man ansonsten ratlos ist, man denke an das Necken zweier Liebender. Dieses Verhalten kann bei einem Kind mit dieser Vergangenheit einfach sehr verstärken.

An dieser Stelle sag ich aus persönlicher Erfahrung:

Pädagogen denken immer, man kann Macken mit genug Erziehung und Strafen ausbessern, das hat mich schon in der Schule einfach angekotzt.

Sei anders, versuch zu dem Kind durchzudringen, und nicht es zu bestrafen oder so ein Verhalten zu ignorieren. Da steckt etwas dahinter bei so einer Vergangenheit. Man kann sowas nicht wegerziehen, wenn du es versuchst endet das nur schlimm für den Betroffenen.

Dass dieses Kind keine erzieherische Hilfe erfährt sondern nur eine Abwendung von Erziehern/ Bezugspersonen und ein Tuscheln hinter hervorgehaltener Hand lässt mich erschaudern.

Antwort
von Goodnight, 8

Naja die Lehrer und die Schulleitung sollten sich darum kümmern. Kann ja nicht sein, dass sie dich auflaufen lassen.

Ich hätte kein Problem, das Kind unsanft weg zu stellen. Kinder ohne Grenzen brauchen Grenzen.

Antwort
von siggiiii, 21

Da sollte die Direktorin der richtige Ansprechpartner sein sowas gehört in Hände von Profis die die Situation beurteilen können. Nicht zu irgendwelchen Hobbypsychologen in ein Internetforum.

Kommentar von Menuett ,

Nun ja, wenn man einfach ohne Kenntnisse auf so ein Kind losgelassen wird, dann ist Internet u. U. besser als nix.

Antwort
von katzenladyx2017, 31

Gespräche mit den Eltern?

Kommentar von Sandelfe02 ,

Die habe ich leider noch nie zu Gesicht bekommen, aber ich werde es mal versuchen, wenn sich was ergibt.

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