Frage von piusalex, 119

Wie reagiere ich am besten, wenn mich jemand auf meine NPD- Vergangenheit anspricht?

Ich bin 19 Jahre alt und hatte in der Zeit von 16-18 eine "nationale Phase", die ich ausgelebt habe. Das bedeutet, dass ich politisch zum endlich weit rechts einzuordnen war und das durch eine Mitgliedschaft bei der NPD und durch weitere politische Äußerungen gezeigt habe. Ich habe mich irgendwie in diesen Bann ziehen lassen, habe aber mittlerweile, als ich älter wurde, eingesehen, wie dämlich das alles war und ich schäme mich zutiefst für die Äußerungen, Ansichten und Handlungen, die ich vollbracht habe. Das Problem ist jedoch, dass ich jetzt, nach dem Abitur ein Jurastudium beginnen möchte und mich letztens jemand auf meine "Vergangenheit" angesprochen hat und ich innerlich so damit abgeschlossen habe, dass ich im ersten Moment nicht wusste, wie ich reagieren sollte. Wie bekomme ich die letzten Spuren dieses Kapitels in meinem Leben weg? Und soll ich offen damit umgehen, wenn Fragen kommen? Wie vermeide ich das? Ich Bzw meine Persönlichkeit hat sich vollständig geändert und mir ist es, wie gesagt, auch sehr peinlich. Ich habe auch Angst, dass das Vergangene meine Karriere einschränken könnte. Ich würde mich sehr über ernstgemeinte Ratschläge freuen.

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Antwort
von expermondo, 5

Hallo piusalex,

Schau mal bitte hier:
Recht Beruf

Antwort
von teafferman, 21

Ok. Fein, dass Du ausgerechnet Jura studieren willst. Das passt wunderbar zu Deiner Frage. Denn

Das Bundesverfassungsgericht hat vor Jahrzehnten in einem Urteil entschieden, dass vor allen Dingen Pubertierenden das Recht auf Irrtum einzuräumen und ihnen dieses nicht vorzuwerfen ist. 

Wann? Es rattert in meinem Kopf. Wenn ich richtig umkreise, so um 1979 oder sehr wenig später. 

Als Jura-Student wirst Du auf jeden Fall Zugang zum juristischen Archiv haben. Da gibt es dann mehrere Fachzeitschriften, in welchen die jeweils aktuellen Urteile zu finden sind. In der Regel wird auf einer vorderen Seite der Inhalt grob angerissen. 

Bis Du da offiziellen Zugang hast kannst Du tatsächlich auch schon jetzt dort entsprechend recherchieren. Ansonsten gibt es die 

Deutsche Staatsbibliothek Berlin

Bayrische Staatsbibliothek München 

Badische Landesbibliothek Karlsruhe

wo Du ebenfalls fündig wirst dank eines Mitgliedsausweises. 

Mit einem zukünftigen Jura-Professor würde ich persönlich auf keine andere Weise diskutieren. Denn da sollte es um die Vermittlung geltenden Rechts unter Berücksichtigung menschlicher Natur gehen. 

Internet-Spuren lassen sich ja auf Antrag löschen lassen. Mache das zügig. 

Ansonsten: 

Kein Mensch hindert Dich daran, nun ein anderes Leben sichtbar zu führen. Hier bieten sich ja zahlreiche Möglichkeiten. So wäre unter Umständen denkbar, dass Du Asylbewerbern die Integration erleichterst durch regelmäßigen Kontakt oder Wissensvermittlung. Hier kannst Du dann auch gleich manche Absonderlichkeit angewandten Rechts erfahren. Ja. Absonderlichkeit. 

Oder Du wirst in einem ganz normalen Jugendverein aktiv. Da wirst Du auch auf vielfältigen Kontakt zu sogenannten Zugewanderten finden können. 

Sogenannte Zugewanderte, denn unsere Vorfahren waren auch mal Einwanderer. Beißt keine Maus einen Faden von ab. 

Jo. Und ein wenig ausführliches Geschichtsverständnis kann sicherlich für eine fundierte Diskussion auch absolut nicht schaden. Denn damit kannst Du unter Beweis stellen, dass Du die vergangene Zeit gut genutzt hast, um schlauer zu werden. Die Erfindung des Nationalstaates ist ja noch nicht so alt. :)

Es gibt keine Fehler. Es gibt nur Chancen zu lernen. Wer sie nicht ergreift ist dumm. Oder faul. Oder beides. Wer sie ergreift, hat ein wesentliches Lebensprinzip verstanden. :)

Abschließend:

Leben bedeutet Veränderung, Stillstand Tot. 

Antwort
von AlphaOmega190, 23

Ich würde einerseits schauen, dass die Spuren meiner Vergangenheit (zum Beispiel im Internet) weitgehend gelöscht werden und mich gegebenenfalls auch von Freundinnen/Freunden distanzieren, die rechtes Gedankengut teilen. Ansonsten machst du dich bei anderen unglaubwürdig, wenn du einerseits erzählst, du habest mit deiner Vergangenheit abgeschlossen, sich andererseits aber z.B. entsprechende Bilder bei Facebook oder ähnlichem finden. Bitte auch Leute, die entsprechendes Material haben, dieses zu löschen.

Andererseits würde ich gegenüber anderen ehrlich sein, was meine Vergangenheit betrifft. Es ist menschlich, Fehler zu machen. Genau genommen hilft es sogar auf längere Sicht, da man nur aus seinen Fehlern lernt. Dadurch, dass du selbst eine Phase durchlebt hast, in der du gewissermaßen "rechts" gedacht hast, und dich auch in entsprechendes Milieu begeben hast, kannst du dich besser in die Menschen hineinversetzen, die zum Beispiel Anhänger*innen der NPD oder auch AfD sind. Vielleicht gelingt es dir ja damit, solchen Leuten klarzumachen, dass man mit Hass und Hetze nicht weiterkommt und dass ein Mensch sich nicht über seine ethnische Zugehörigkeit, Farbe der Haut, kulturellen Hintergrund oder sein Geschlecht definiert, sondern dass die Welt viel komplexer ist, da nunmal jeder Mensch auf die eigene Art und Weise einzigartig ist.

Am besten erzählst du also die ganze, wahre Geschichte, unterstreichst aber auch, dass du einen Lernprozess durchlaufen hast und deine Vergangenheit bedauerst, am besten so wie oben.

Was das Studium angeht, so würde ich beim Bewerbungsgespräch für den Studienplatz nicht unbedingt von selbst los erzählen, sondern erst dann, wenn nachgehakt wird. Gut möglich, dass es einige Leute geben wird, bei denen du in ein schlechtes Licht gerätst, auch wenn du betonst, dass du dich geändert hast. Dennoch ist Ehrlichkeit der beste Weg. Nicht nur, weil du dich einschließlich deiner Fehler vertrittst, sondern auch, weil es früher oder später doch jemand herausfindet. Und dann ist es besser, du hast es schon erzählt, als absichtlich verschwiegen.

Eine Möglichkeit wäre auch, sich gegen Rassismus (und Sexismus) stark zu machen, indem du dich zum Beispiel in Projekten zum entsprechenden Thema engagierst, dich wie oben genannt mit Leuten unterhältst, die rechtsradikales Gedankengut vertreten, in der Flüchtlingshilfe mitwirkst und auch deinen Horizont erweiterst, indem du verschiedene andere Kulturen kennen lernst und mit Menschen aus anderen Ländern/mit Migrationshintergrund Kontakte knüpfst. All das sind Möglichkeiten, mit deiner Vergangenheit abzuschließen und dein Handeln in die Gegenrichtung zu lenken.

 

Antwort
von jan1990, 9

Weisse doch darauf hin dass schon andere Leute in ihrer Jugend gravierenden Unfug gemacht haben. Sogar in sehr viel späterem Alter

So waren nicht wenige Mitglieder der GRÜNEN in ihrer Jugend (und zwar später als Du, so mit Anfang oder gar Mitte 20) Mitglied einer besonders radikalen kommunistischen Vereinigung, dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW).

Darunter der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (der heute an der Spitze der beliebtesten Politiker Deutschlands steht und u.a. gerade von Frau Merkel für das Amt des Bundespräsidenten umworben wurde) oder der frühere Umweltminister Jürgen Trittin.

Die Liste lässt sich fast beliebig fortsetzen.

Kretschmann sagt heute, das war der gravierendste Fehler seines Lebens und führt dies auf seine Jugend und Unerfahrenheit zurück. Obwohl der KBW erst 1973 gegründet wurde und Kretschmann da schon 25 war. Von wegen Jugendsünde  ...  von Trittin habe ich im übrigen nichts ähnliches vernommen, ob das Zufall ist ?

Antwort
von Schlaubi900, 17

Also es kommt drauf an.

Spuren im Internet würde ich auf jeden Fall entfernen. Beim Arbeitgeber - gerade auch wenn du Jura studierst! - kommt sowas überhaupt nicht gut. Also besser verbergen!

Privat, wenn dich jemand aus deinem persönlichen Umfeld darauf anspricht, würde ich ganz offen damit umgehen. Denn so wie du das hier schreibst, wirkt das absolut glaubwürdig. Und so wäre das ja auch im echten Leben. Wenn du so offen damit umgehst und man auch merkt, dass du inzwischen ernsthaft davon Abstand nimmst, hat man normalerweise immer Verständnis dafür. Ich glaube sogar, dass man dir eher Respekt entgegenbringt, dass du aus diesem Sumpf herausgefunden hast, das Ganze bereust und es ab jetzt besser weißt :-)

Antwort
von gromio, 29

es kommt darauf an, WER Dich WARUM darauf anspricht.

Ich denke, es reicht in den meisten Fällen, zu bestätigen, das dies der Vergangenheit angehört. Punkt.

cheerio

Antwort
von Leisewolke, 29

stehe offen dazu (wenn man dich anspricht) , und erkläre warum du dich dann doch von dieser "Weltanschauung" getrennt hast. Diese Phase ist nun Teil deines Lebens. Herzlichen Glückwunsch, dass du diesen Absprung geschafft hast.

Antwort
von Thomas19841984, 35

versuche ruhig, Spuren im Internet zu löschen. Es bringt nichts, zu dieser Vergangenheit zu stehen, auch wenn es völlig normal ist, in dem Alter vieles auszuprobieren. Du bist doch kein schlechter Mensch.

Antwort
von hotMetallBall, 19

vielleicht so: kennen Sie das Sprichwort "Wissen ist Macht" von Francis Bacon?

Ein Mensch lernt nie aus im Leben,
ich wurde vielleicht fehlgeleitet damals und habe mich nun geändert.
Mittlerweile Distanziere ich mich durch Vernunft von solchen Dingen.

Die neuesten Erkenntnisse verdichten sich auch immer mehr,
dass die NPD in Deutschland vielleicht tatsächlich vom britischen Geheimdienst MI6 in Szene gebracht wurde.

Kommentar von BjoernWilhelm ,

Auf die auf den ersten Blick sehr interessante Geschichte von der Gründung der NPD durch den MI6 bin ich kürzlich schon gestoßen und bin der Sache nachgegangen. Da haben die Medien mal wieder eine kleine Spekulation völlig übertrieben! Letztlich steckt da so gut wie nichts dahinter, außer dass der MI6 zumindest sporadischen Kontakt zu einer Gründungsfigur der NPD hatte. Allerdings erst später. Dass der MI6 schon in den 1950er Jahren "Kontakte" zu Adolf von Thadden hatte, ist zwar bisher nur eine einzelne Aussage, zumal aus zweiter Hand nach dem Hörensagen bei einem Treffen von vor 40 Jahren ! Für möglich halte ich das aber. Thadden war schon in den 1940er Jahren führender Parteifunktionär und in den 1950ern stellvertretender Oberbürgermeister von Hannover - also durchaus keine unwichtige Person. Die Briten wollten anscheinend herausbekommen, ob aus seiner Partei quasi die Gefahr einer neuen NSDAP droht.

Von einer Gründung oder Steuerung durch den MI6 kann allerdings keine Rede sein, liest man mal die zugrundeliegenden Berichte nach. Für die Gründung einer rechtsextremen Partei musste man Thadden weder auffordern noch gar bezahlen. Er war schon seit 1947 in der Deutschen Rechtspartei, später Deutschen Reichspartei führend und hat deren Zusammenschluss mit anderen zur NPD mit vorangetrieben. Ein erster Anlauf ist 1949 gescheitert, weil die britische Militärregierung einem rechten Parteienzusammenschluss die Lizenz verweigert hat. Soviel zur Gründungsunterstützung der Briten. Aber mit so einem Quatsch können Onlinemedien Leser und Klicks generieren.

Ausführlicher hier: https://www.gutefrage.net/frage/hat-der-mi6-britischer-geheimdienst-die-npd-gegr...

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