Frage von Truffaldino, 38

Wie nennt man das musikalisch?

Hier eine Frage an den musikalisch versierten Opernfreund: Aida - Vorspiel zum dritten Akt (Nilakt). Das klingt wie eine Gezirpe von Zikaden. Sind das Sechzehntelläufe und welche Noten sind das und welches Instrument hauptsächlich? Es geht immer so fünf Töne hoch und wieder drei zurück, wie in Wellen. Danke im voraus!

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, 19

In einer Partitur sind die Instrumente und die von ihnen gespielten Noten zu finden.

Die zuerst einsetzenden ersten Violinen spielen Sechzehntelläufe, über mehrere Oktaven ansteigend vom g bis zum dreigestrichenen g und dann wieder herunter.Die Spielweise der ersten Violinen heißt mit einem Fachausdruck Arpeggio. Als Plural wird Arpeggien bzw. manchmal Arpeggios verwendet (italienisch: arpeggio; Plural: arpeggi). Die Töne eines Akkordes erklingen nicht gleichzeitig, sondern kurz nacheinander. Dies wird als gebrochener Akkord bezeichnet. Es wird harfenartig gespielt (italienisch: arpa = Harfe; arpeggiare = Harfe spielen).

Die zweiten Violinen spielen im Tremolo (italienisch: tremolo; Plural: tremoli, tremare = zittern, beben) und wie die ersten Violinen gedämpft (sordinert; con Sordina = mit Dämpfer).

Die Violen (Bratschen) spielen Pizzicato (italienisch: pizzicato = »gezwickt«), also gezupft statt gestrichen.

Die (geteilten; italienisch: divisi) Violoncelli spielen Flageoletts/Flageolett-Töne.

Alle Streicher spielen ein dreifaches Piano (ppp).

Vor diesem Klnghintergrund spielt dann eine Flöte mit vielen Verzierungen/Arabesken.

Evan Baker, Verdi : Aida (1871). In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters : Oper, Operette, Musical, Ballett. Herausgegeben von Carl Dahlhaus und dem Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth unter Leitung von Sieghart Döhring. Band 6 Werke: Spontini - Zumsteeg. München ; Zürich : Piper, 1997, S. 482:  

„Mariettes Szenario bot im Sinn der Couleur locale die Grundlage für aufwendige optische Gestaltungen als integraler Bestandteil jener Stimmungen, die durch eine Andeutung von exotischen Klängen in der Partitur evoziert werden, so etwa in der Nilszene des III. Akts. Die Musik setzt ein mit einer farbigen Mischung aus Arpeggios, Tremoli und Stakkati der gedämpften Violinen und Violen, zu denen Flageoletts der Celli und Arabesken der Flöte hinzutreten. Obwohl die gesamte Passage nur wenige Takte umfaßt, schafft sie eine eindringliche Atmosphäre am Szenenbeginn, wie sie, wenn auch mit gänzlich andern kompositorischen Mitteln hervorgerufen, dem Vorspiel von Wagners Rheingold (1869) vergleichbar ist.“

Teresa Klier, Der Verdi-Klang : die Orchesterkonzeption in den Opern von Giuseppe Verdi. Tutzing : Schneider, 1998 (Würzburger musikhistorische Beiträge ; Band 18), S. 129 - 130:  

„Eine andere Szene, in der ebenfalls die nächtliche Natur dargestellt wird, liegt am Beginn des 3. Aktes von Aida (P.265ff). Der Zauber des nächtlichen Nilufers wird in dieser Szene beschworen. Ein feines Gewebe von Streicherklängen bildet einen zarten, beinahe flirrenden Klanghintergrund: Langsame, gesprungene Arpeggien der sordinierten Vl 1 durch drei Oktaven (g-g''') beginnen zwei Takte voraus, dann treten ein Tremolo der sordinierten Vl2 (d"-g") und ein Pizzicato durch zwei Oktaven (g-g") in Achteln der ebenfalls sordinierten Vle hinzu. Dazu erklingen zwei Flageoletts der geteilten Vc, ebenfalls auf g/g', im Quartflageolett. Diese vier Spielweisen mischen sich zu einem homogenen Klangbild, das aber nicht undurchdringlich wird, sondern in dem die Konturen der einzelnen Klangkomponenten deutlich wahrnehmbar sind. Auf diesen bewegten Klanggrund setzt Verdi die einsame Melodie einer Soloflöte. Diese ahmt in ihrer schlichten Melodik den Klang eines primitiven Instruments nach. Zunächst nämlich nur auf Grundton, Quinte und Oktave aufgebaut erweitert sich der Tonraum der Melodie allmählich zur Terz h, deren Changieren mit der Mollterz b den eigentümlichen exotischen Reiz der Melodie erhöht, der auch mit den zahlreichen Verzierungen angedeutet wird.Während des Gebetes der Priester klingt das Flageolett der geteilten Vc weiter. Am Schluß der Introduktion wird der vollständige Satz wieder aufgenommen, während aus dem Tempel das Gebet der Priester und Priesterinnen erklingt. Während Aidas Auftritt (P.271) klingen zwei Soloviolinen auf g'" weiter und breiten ein fahles Licht über die Szene.“

Kommentar von Truffaldino ,

Bravo! Der Vergleich mit Rheingold ist mir neu - aber das stimmt wirklich. Und in beiden Szenen geht es um Wasser, Wellen...frappant!  Wer ließ sich hier wohl von wem inspirieren...? Aida wurde 1871 uraufgeführt, Rheingold 1869. Sehr interessant. Aber das lässt sich nicht vermeiden und eine Grundmelodie ist im Gegensatz zu einer Partitur wohl noch kein geistiges Eigentum.

Kommentar von Truffaldino ,

Ich dachte gleich - dieses Tuffsteinmassiv kommt mir bekannt vor - ja, es ist das Königshaus auf dem Schachen.

Antwort
von OlliBjoern, 4

Das ist ein Beispiel für Verdis schlichte, aber eindrucksvolle Instrumentierung (eine der Stärken von ihm, mit minimalem Aufwand eine maximale emotionale Wirkung zu bewirken). Eine kurze, aber sehr stimmungsvolle Einleitung (hab es gerade wieder mal gehört). Mag sein, dass Verdi hier versucht "ägyptische" Stimmung (Zikaden) einzufangen (gute Idee, denke ich).

Der Vergleich mit dem Rheingold war mir nun auch neu.

Dazu fällt mir ein, dass ich beim Liebesduett im Otello (Ende 1.Akt) immer an den "Tristan" denken muss (der Otello wurde einige Jahre nach der Uraufführung des Tristan zum ersten Mal auf die Bühne gebracht).

Ein anderer meinte mal, im Vorspiel der "Traviata" in den geteilten Violinen einen Bezug zum "Lohengrin" (dessen Vorspiel auch mit geteilten Violinen beginnt) gehört zu haben.

Verdis Talent war unter anderem dieses "Einfangen" der Stimmung in nur wenigen (auch sehr leisen) Noten. Ich muss dabei auch immer an die Szene im Macbeth ("sleepwalking scene") ("perchè si frega le man?") denken, in der Lady Macbeth sich im Wahn die Hände wäscht, mit nur wenigen Takten (mit dem "Seufzermotiv") hat Verdi die Essenz dieser Szene eingefangen. Das ist zugleich schlicht und einprägsam, dass man oft daran denken muss.

Antwort
von laralaraw, 38
Kommentar von Truffaldino ,

Genau - Flöte und Violinen. Ich liebe dieses Stück!

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