Frage von Rosenblad, 162

Wie nehmen Buddhisten die überwiegend muslimischen Flüchtlinge wahr - als Bedrohung oder als Bereicherung?

Eine Anm.: Für eventuelle Nachfragen stehe ich erst am Abend wieder zur Verfügung.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus & Religion, 56

Ich bin zwar Buddhist - kann aber natürlich nicht für "Buddhisten" im Allgemeinen sprechen, sondern nur meine Meinung äußern.

Meine Ansicht

Ich denke nicht, dass es für Buddhisten einen besonderen, religiös bedingten Grund geben sollte, die Flüchtlinge anders wahrzunehmen, als andere Bürger. Wir sind alle Menschen und fühlende Wesen.

Jeder Mensch macht sich sein eigenes Bild einer gesellschaftlichen Situation und der Buddhismus nimmt da keine Bewertungen vor.

Als Buddhist sollte man sich zwar von Weisheit und Mitgefühl leiten lassen - aber wie das in der Praxis aussieht, ist bei jedem Menschen unterschiedlich.

Das reicht von reiner Akzeptanz, bis hin zu gesellschaftlichem Engagement. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Wichtig ist es meiner Meinung nach authentisch zu sein und sich nicht durch  Vorurteile, Illusionen und Ängste beeinflussen zu lassen, sondern offen zu bleiben.

Natürlich gibt es beispielsweise in Myanmar gewalttätige Konflikte zwischen Buddhisten und Muslimen - aber ich denke nicht, dass dies einen ernsthaften Einfluss auf die Situation in Europa hat.

Äußerungen

Verschiedene buddhistische Lehrer und Gemeinschaften auf der ganzen Welt äußern sich zwar zu Themen wie etwa Terrorismus, der ja häufig mit der Flüchtlingsthematik verbunden wird - aber diese Aussagen sind keine verbindlichen Anordnungen.

Fumon Shoju Nakagawa, Auslandsbeauftragter der Sôtô-Tradition für Deutschland, äußert sich beispielsweise im November 2015 mit folgenden Worten zum Thema Flüchtlinge

"Wir sind alle Flüchtlinge. So weit, so lange wir heimatlos sind. Deshalb fliehen wir immer aus Angst, in äußere und innere Ablenkungen.

Aber wahre Heimat ist in uns selbst. Heimat ist die Übung des Weges. Heimat ist von uns praktizierte Stabilität. Im Herzen, im Geist".

Damit verweist er darauf, das Flucht nichts ist, was nur Menschen betrifft, die aus anderen Ländern fliehen, sondern dass wir selbst ein alltägliches Vermeidungsverhalten zeigen und fliehen.

Dadurch unterscheiden wir uns nicht wesentlich von jenen Menschen, die uns womöglich "fremd" vorkommen mögen, die manche sogar "fürchten" - und doch die gleiche, innere Heimatlosigkeit haben.

Die Europäische Buddhistische Union (EBU) veröffentlichte auf ihrer 40. Generalversammlung im September 2015 ein offizielles Statement:

Die Anwesenden der 40. Generalversammlung der Europäischen Buddhistischen Union in Berlin, rufen die Regierungen und Völker der europäischen Länder auf, Mitgefühl und Großzügigkeit gegenüber jenen zu zeigen, die durch Krieg heimatlos geworden sind, und in Europa Zuflucht, jenseits der Gewalt suchen.

Als Buddhisten aus vielen Traditionen und Ländern in Europa zählen wir liebende Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit und Furchtlosigkeit zu den wichtigsten Werten im Leben - Werte, die wir mit Menschen anderer Bekenntnisse und Bekenntnislosen teilen.

Da wir unsere grundsätzliche Verbundenheit mit allen Wesen sehen, betrachten wir "Flüchtlinge", "Migranten" und "Asylsuchende", die nun nach Europa strömen, als Menschen, wie uns selbst - die verzweifelt versuchen, dem Leiden zu entkommen und sich Glück wünschen.

Unabhängig von ihrer Herkunft und Religion mögen sie offene Grenzen und Zuflucht in Europa finden.

(es folgt eine buddhistische Formel):

"Mögen alle Wesen zum Glück und der Ursache des Glücks finden. Mögen sie frei von Leiden und den Ursachen des Leidens sein.

Es gibt allerdings auch andere Aussagen, etwa vom umstrittenen Lama Ole Nydahl, der sich wiederholt stark anti-islamisch äußerte und dann auch schon mal Terroristen mit Flüchtlingen in einen Topf schmeißt:

https://der-asso-blog.blogspot.de/2016/07/olle-nydahl-uber-ertrinkende.html

Aktivitäten

Insbesondere aus dem Bereich des so genannten "engagierten Buddhismus" gibt es aber auch ganz konkrete Projekte zur Hilfe.

So engagiert sich die aus den  USA stammende "Peacemakers Sangha" für traumatisierte Frauen:

http://www.zenpeacemakers.de/cop-traumagruppen/

Der "Buddhist Global Relief" hat im September letzen Jahres 12.000 US-Dollar an Spendengeldern für Flüchtlinge gesammelt.

Es gibt sicher noch weitere Bemühungen, aber natürlich kann ich nicht alle Aktivitäten kennen.

Kommentar von Rosenblad ,

Vielen Dank wieder für den umfassenden und brillianten Beitrag - Danke!

Kommentar von Enzylexikon ,

Keine Ursache - Draggblackdots hat übrigens im Bezug auf asiatische Buddhisten in Deutschland einige Interessante Punkte angesprochen.

Kommentar von Enzylexikon ,

Vielen Dank für den Stern. :-)

Antwort
von Draggyblackdots, 28

Ich habe mitbekommen, dass unsere asiatischen Zuwanderer Angst vor Muslimen haben. Sie trauen sich nicht, dies öffentlich zu äußern und werden auch nie zu Talkshows und Debatten über aktuelle Themen eingeladen. Sie sind tendenziell nicht vorhanden.

Deutsche Buddhisten sprechen mitfühlend über Flüchtlinge und auch über Muslime da sie meinen, diese werden diskriminiert. Leider nehmen die deutschen Buddhisten das Problem der asiatischen Buddhisten nicht wahr. 

Deren Ängste scheinen durch Ereignisse zu kommen, die in Thailand und Burma stattfinden. Und wohl auch dadurch, dass sie soviel kleiner sind als Deutsche und Zuwanderer aus dem arabischen Raum oder Menschen türkischer Abstammung. Es kommt wohl immer wieder in ärmeren Gegenden mit vielen Zuwanderern zu bedrohlichen Situationen für die Asiaten. Allerdings muss ich sagen, dass ich auch nur mit einer Thailänderin gesprochen habe, die hier aber viel Familie und einen großen Freundeskreis hat. Es kann aber sein, dass ich nur über diese Gruppe etwas weiß und allgemein also kein Problem besteht.

Antwort
von ArbeitsFreude, 20

Ich kann hier nur für die Buddhis sprechen, lieber Rosenblad, die ich kenne, und das sind Nichiren-Buddhisten:

Viele sind genauso "besorgte Bürger" wie im Bevölkerungsdurchschnitt (nehmen also Bedrohung wahr, trauen sich das aber aus buddhistischer Selbstverpflichtung zur Toleranz nicht, das zu sagen)

Einige engagieren sich aktiv in der Flüchtlingshilfe.

Als Bereicherung nimmt sie keiner wahr (liegt wahrscheinlich daran, dass ein Buddhist von einem Moslem nichts Positives lernen könnte, was er nicht schon wissen müsste - ich  betone MÜSSTE - Mag jetzt arrogant klingen - ist aber nicht so gemeint)

INHALTLICH dagegen vermisse ich eine Auseinandersetzung der Buddhis mit dem Islam: Seit Jahren sind die Buddhisten, die ich kenne der aggressiven Kultur des Islam gegenüber m.E. viel zu tolerant und scheuen die kritische Auseinandersetzung.

Die vielen buddhist. Gruppierungen - so scheint mir - sind eher bereit, sich gegenseitig zu bekämpfen (auf friedliche Weise natürlich und nur mit Worten)
- so nach dem Motto "wer ist besser-Buddhi?"
anstatt sich gemeinsam mit Buddhisten anderer Ausrichtung der Bedrohung durch islamistische Intoleranz zu stellen: Das halte ich für falsch verstandene Toleranz.

Alte buddhistische Tradition war u.a. auch "konstruktiver Streit" und das "Widerlegen der falschen Lehren" (zu denen m.E. der Islam mit und vor den anderen monotheistischen Religionen und natürlich dem Hinduismus gehört...) - Dabei geht es nicht darum, dass man als Buddhist "Recht haben sollte" Das kann man gar nicht! - Doch sollte man klar Stellung beziehen gegen etwas, was nicht recht / Recht sein kann!

Kommentar von Rosenblad ,

Da ich gerade Deine Antwort gelesen habe: Mir scheint das manche (auch solche Menschen die sich Buddhisten nennen) nicht ganz klar zwischen den Menschen und dem Islam differenzieren zu vermögen.

Die Religion des Islam ist mit Sicherheit mit nicht nur Fragezeichen zu versehen, aber der Mensch der aus dieser kulturell-religiösen Verdichtung herstammt, dessen Identität (und damit dessen Selbstfaktoren) seit und mit der Kindheit verschränkt ist mit islamischen (und sicherlich auch regionalen und lokalen) Traditionen, Bräuchen, Rechtsvorschriften, Riten und Sozialisationsinhalten darf nicht einfach in einen Zirkelkreis des Stigma gestellt werden - weder ist jeder muslimische Flüchtling ein Terrorist, noch jede muslimische Frau die aus welchen Gründen auch immer ihren Kopf oder Gesicht verhüllt (oftmals auch stringenten Herkommen) ein potentielle Bedrohung oder gar Apologetin von Djihad oder Scharia.

Wenn Menschen der dritten Welt für "unseren" Wohlstand resp. auch denen spezifischer ökonomischer Eliten (an denen sich allerdings niemand stört, vor dessen Wohnhäusern niemand steht) fast umsonst arbeiten müssen, ist es fast jeden Deutschen) welcher weltanschaulichen Couleur auch immer egal, aber wehe diese Menschen stehen vor unseren zu Weiihnachten und Ostern schön geschmückten Hauseingängen - diese Polemik habe ich mir jetzt erlaubt).

Wir sollten lernen den Menschen zu sehen und nicht zuerst unsere verkopften Ängste, Bedürfnisse oder Überzeugungen.

Meister Zhao-zhou deutete auf einen gewaltigen Felsbrocken. „Was ist das?“ ein Mönch sagte:“Das ist ein Felsbocken“. Zhau-zhou fragte:“Und wo ist dieser Felsbrocken jetzt, in diesem Augenblick?“ Der Mönch sagte:“In meinem Geist.“ Zhao-zhou:“Warum, da du doch ein Wandermönch bist, trägst du so einen gewaltigen Felsbrocken mit dir rum, ha?“ Heute sind viele Köpfe voller Felsbrocken.


Kommentar von ArbeitsFreude ,

Wahr geschrieben, lieber Rosenblad!

Solltest Du meinen, mein Kopf sei voller Felsbrocken, dann hast Du wahrscheinlich Recht - vielleicht sollte ich mal wieder den Bohrhammer ansetzen;)

Wenn du der Auffassung bist, dass ich nicht zwischen den Menschen und dem Islam differenzieren kann, muss ich weiter an meiner "Schreibe" arbeiten.

Ich war immer der Ansicht, ich könne das....

....habe aber offensichtlich einen anderen Eindruck erzeugt...

Wenn ich einer Pauschalstigmatisierung das Wort geredet habe, dann war das in einer Art General-Amnesie. (...wäre Dir aber dankbar, Du würdest mir aufzeigen, an welcher Stelle meiner Antwort ich Kopftuchträgerinnen als Terroristinnen bezeichnet habe - ich weiß: Ich kann mitunter auch subtil sein;)
Ich muss zugeben: Ich wünsche mir noch nichtmal einen buddhistischen Flüchtling an Weihnachten vor meiner Tür! - Wenn er aber nun da stünde würde ich auch einen (oder fünf) Muslime aufnehmen! (ab 6 wäre allerdings Schluss!)

Und wieder hast Du Recht (ich fürchte: Du hast sowieso meistens recht;) : Den Menschen zuerst zu sehen, ist oberste buddhistische Pflicht!

Weißt Du was, lieber Rosenblad: Ich gebe es zu: Ich bin ein schlechter Buddhist - doch Buddhist! - Das heißt: Ich habe KEIN schlechtes Gewissen, bloß weil es Dir gerade gelungen ist, mich als schlechten Buddhisten zu entlarven:) !

Kommentar von Rosenblad ,

Nein, nein das hast Du falsch verstanden - meine Sätze waren nicht an Dich adressiert (ich kenne ja Deine Beiträge hier kaum), sondern eine Art "Zustandsbeschreibung" - v.a. im Kontext zu den Kopftuch- und Burkafragen, die Du ja nicht beantwortet hattest . Also nochmals  Nein, lieber Frank, Du warst definitiv nicht der Adressiert meiner, zugebenermaßen vermessenen Zeilenansprache.

Viele Grüße

Johann-Falko

Antwort
von derMannohnePlan, 66

Der wahre Buddhist denkt darüber nicht nach.

Folgendes Bild (Text) kann es dir besser erklären als ich:

Antwort
von Klaus02, 66

Normalerweise praktizieren Buddhisten eine demonstrative Toleranz welche durch kleinere verklausulierte Abwertungen ergänzt werden.

Antwort
von josef050153, 15

Die meisten wohl eher gar nicht. Ich arbeite ja in der Flüchtlingsbetreuung und da ist kein einziger Buddhist dabei, ein Jude aber schon.

Antwort
von Sachsenbruch, 45

Im Normalbetrieb nimmt der Buddhist als solcher die Ereignisse als Farbspiel, als Geräusch, als Sinneseindruck wahr, dem er nicht die Mühe einer Bewertung zukommen lässt.

Anm:
Für weitere Erläuterungen stehe ich in meinen Sprechzeiten zur Verfügung.
Bitte vereinbaren Sie einen Termin mit meinem Sekretariat.


Antwort
von CSociety, 61

Ich denke Buddhisten verallgemeinern nicht.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten