Wie lange dauert Trauer? Wann ist es Zuviel?

... komplette Frage anzeigen

11 Antworten

Tut mir sehr leid, dass Deine Mutter gestorben ist. Ich bin 24 und habe meine Mutter vor einem Jahr auch sehr plötzlich verloren. Ich weiß daher ziemlich genau, wie Du Dich fühlst und wie komisch diese Emotion ist, die man Trauer nennt.

Jeder Mensch verarbeitet Trauer anders. Manche Menschen stürzen sich in die Arbeit. Manche Menschen liegen im Bett und können einfach nicht aufstehen. Bei mir war es ein ähnliches auf und ab, wie bei Dir, und genauso wie Du habe ich mich gefragt "wieso ist es so einfach? Wieso heule ich nicht ununterbrochen? Ich habe meine Mutter verloren, meine einzige Mutter, die eine von zwei Konstanten meiner Welt". Das resultierte darin, dass ich mich noch schuldiger fühlte als ohnehin schon. Gedanken wie "Du musst viel mehr trauern" oder "hast Du sie wirklich geliebt, wenn Du so wenig empfindest?" kamen hoch. Lass das bitte nicht zu. Denn all das stimmt nicht.

Trauer ist, 'tiefenpsychologisch betrachtet', eine Bedrohungssituation. Man ist selbst zwar nicht körperlich verletzt, jedoch ist man nicht in der Lage, rationale Entscheidungen zu treffen. Kurzum, man ist angreifbar. Was Dein Gehirn gerade tut ist Schadensbegrenzung. Es sperrt alle 'nicht hilfreichen' Gedanken und Emotionen weg, damit Du funktionieren kannst. Das klappt meistens jedoch nicht lange, sodass die Emotionen irgendwann die Mauer durchbrechen, die das Gehirn um sie herum aufgebaut hat. Und das sind dann die Momente, in denen man einfach nur am Boden liegt und weint, sich die Seele aus dem Leib schreit und keinen Schmerz spürt.

Das, was Du fühlst, ist - auch wenn es komisch klingt - vollkommen normal.

Wichtig ist, dass Du Die Mauer nicht plötzlich abbaust, sondern Stück für Stück.

Stell Dir ein kleines Dorf in einem Tal vor. An diesem Tal läuft ein Fluss entlang, der aus einem großen Staudamm mündet. Dieser Staudamm beinhaltet riesige Wassermengen, die von einer Mauer zurückgehalten werden. Das Dorf mit seinen Einwohnern und Häusern bist Du. Es steht für die sozialen Kontakte, die sozialen Mauern und generell für Dein Leben, wie du es führst. Der Fluss steht für die negativen Emotionen, die Du auf einmal aufnehmen kannst. Sie sind immer irgendwo da (niemand von uns kann nur glücklich sein), aber sie fließen gemächlich vor sich hin - es ist kein reißender Bach. Er ist nicht gefährlich.

Was Dir jetzt passiert ist, ist dass der Damm gebrochen ist. Diese ganzen riesigen Wassermassen, von denen Du nicht wusstest, dass sie existieren, stürzen auf einmal auf Dein Dorf nieder. Dein Leben, wie Du es kanntest, gibt es nicht mehr. Der Fluss ist zu einem reißenden Strom geworden und alles, was er hinterlässt, sind Trümmer Deines Dorfes - des Lebens, das Du einmal kanntest.

Auch wenn es verlockend und tröstend ist, diese Melancholie.. mit der Zeit musst Du lernen, wie man die Trümmer wieder aufbaut, damit Du wieder darin leben kannst. Und das schafft man nach einem solchen traurigen Erlebnis nicht alleine. Ich spreche aus Erfahrung. Bitte, bitte such Dir liebe Menschen, mit denen Du reden kannst. Die Trümmerteile sind für Dich alleine zu schwer. Du gehst kaputt daran, wenn Du versuchst sie alleine zu heben.

Der Schmerz über den Verlust Deiner Mutter wird immer bleiben. Er wird Teil Deines Lebens, bzw. er ist bereits Teil Deines Lebens. Aber es wird mit der Zeit nicht mehr so weh tun. Die Wunde wird irgendwann verheilen - aber eine Narbe hinterlassen.

Ich wünsche Dir, dass Du es schaffst Dir diese Narbe eines Tages anzusehen und Dich an die schönen Zeiten mit Deiner Mutter zu erinnern. 

Unsere Lieben gehen nie wirklich von uns.

Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute
Noeru

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von drini87
06.08.2016, 13:18

Liebe Noeru, ich danke dir für deine Antwort und diese so passenden Worte! Du beschreibst das alles so passend! Irgendwie hab ich das Gefühl, dass es einen nur Menschen mit ähnlichen Verlusten verstehen können.. Auch ich wünsche dir mein herzliches Beileid und hoffe, du wirst weiterhin stark sein und dein wundervolles Dorf aufbauen und beschützen können.
Ich habe nicht viele Freunde, habe ich nie gebraucht. Meine Freunde sind meine Schwestern und mein Mann. Für erstere muss ich als große nun stark sein und mein Mann sagt zwar, dass er mich versteht, aber an seiner Art merke ich, dass er zu diesen Gefühlen keinen Zugang hat. Er versteht nicht, dass obwohl doch alles schon wieder gut war, nun diese Trauer so schrecklich doll wieder kommt. Ich glaube langsam schon, dass ich Vl einen Therapeuten bräuchte.. Aber ich komme mir so doof vor.. Was soll ich dem erzählen.. Der wird sagen, dass ist doch normal.. Ich habe nur Angst, dass ich das vielleicht doch nicht so gut überstehe, weil mein Körper auch sehr stark psychosomatisch reagiert :-(
Ich wünsche dir und deinem Dorf weiterhin viel Kraft und dass ihr von Fluten verschont bleibt <3

0
Kommentar von drini87
06.08.2016, 13:39

Das tut mir alles so leid für dich :-( diese Situation allein durchleben zu müssen, muss noch viel schlimmer sein :-( fühle dich von mir gedrückt!
Ein Schlaganfall war auch der Grund, warum wir die Geräte abgestellt hatten.. Der scheint während der Not-OP entstanden zu sein und das Ergebnis war halbseitige Lähmung und Verlust des sprachzentrums. Da der Krebs gestreut hatte, was meine Mama Gott sei dank nicht mehr erfuhr, wäre sie binnen 6 Wochen gestorben. Sie aufzuwecken um ihr zu sagen dass sie stirbt, haben wir nicht übers Herz gebracht. Wir wollten sie in Ruhe und in Frieden gehen lassen..
Ich weiß leider bereits wie schwer es ist einen Therapieplatz zu erhalten. Wir haben lange, bis heute ohne Erfolg, für meine Schwester gesucht. Mir macht auch die Statistik Angst. Danach geht jede zweite Therapie nach hinten los :-( aber ich habe wirklich sorge, ich könnte es sonst nicht schaffen gesund zu bleiben :-( suchst du denn noch, oder hast du aufgegeben? Bitte such du weiter! Das ist wichtig!

0
Kommentar von drini87
06.08.2016, 18:36

Ja, so schlimm es klingt, aber ich denke leider auch, dass es das beste war. Sie hatte einen schönen schnellen Ausstieg.. Aber zurück bleiben wir 😢
Das was du beschreibst tut mir so unendlich leid für dich 😢 du musst wirklich unbedingt eine Therapie machen!!! Das darf so kein Zustand sein! Dein Leben sollte so viel mehr  bieten.. Nicht nur überleben, sondern leben! Das ist so wichtig! ❤️

Ich glaube ich habe dich bei FB gefunden. Du hast ein gezeichnetes Bild, oder? Darf ich dich da antexten? Hier wird es so unübersichtlich 🙄

0

Hallo,

mein Beileid. Du kannst mit einem Menschen darüber reden. Es gibt im Internet und über das Telefon kostenlose Seelsorge.

Ich bin Christ und glaube an ein Leben nach dem Tod. Wenn Du Gründe haben möchtest, um an Gott und ein Leben nach dem Tod zu glauben, dann kannst Du mich z.b. fragen oder auf mein Profil gehen.

Alles Gute

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von drini87
06.08.2016, 13:23

Obwohl ich an keinen Gott in der Form glaube, so glaube und hoffe ich, dass meine Mama irgendwo ist und auf uns schaut. Anders würde ich das nicht ertragen. Nachdem sie tot war, war ihr Gesicht so verändert.. In dem Körper war meine Mama nicht mehr drin. Ich schaue tatsächlich oft nach oben und denke, sie sieht uns <3

0

Zuerst einmal mein Beileid.

Nimm dir einen Tag Zeit um nur zu trauern und alles rauszulassen. Schau dir alte Bilder an, mach dir Gedanken und lass alles raus.
Wie lange und intensiv man trauern möchte und kann ist abhängig von der Person und dem einzelnen Fall.
Wenn du eine (beste/n) Freundin/Freund hast, nimm dir den zur Seite und sprech dich einmal richtig aus. Das schlimmste ist diese Trauer einfach zu verdrängen und versuchen alles zu vergessen, davon wird es nicht besser. Wenn du keine intesive Trauer fühlen kannst oder willst, dann ist das okay, niemand muss trauern, aber es hilft extrem.
Mir hat es in dieser Zeit geholfen, an der Beerdigung teilzunehmen, ab und an mal auf den Friedhof zu fahren und Blumen ans Grab zu legen.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Zunächst mal herzliches Beileid.

Wer meint, dass du nach zwei Wochen langsam mal mit der Trauer durch sein müsstest, hat noch nie einen geliebten Menschen verloren.

Wie lange es dauert, bis die Trauer halbwegs überwunden ist, kann niemand sagen, denn das ist immer unterschiedlich. Aber es hilft, sich auf die Trauer einzulassen und sie auszuleben. Wenn du versuchst sie zu unterdrücken, dauert es nur länger und wird noch unangenehmer.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Es ist nie zu viel,wenn man jemand verliert den man liebt hinterlässt es Spuren!Diese innere Wunden heilen sehr langsam manchmal gar nicht!Nimand der nicht weiss was du durchmachst kan es verstehen,ich weiss es.Mit einigen Menschen kan man reden andere verdrehen die Augen!

Wie man mit Trauer umgehen soll,habe es selbst nie überwunden,ich glaube man funktoniert jeden Tag auf neue weiter.Aber innerlich ist man nicht mehr der selbe,etwas fehlt und das bleibt.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Das man trauert ist ja wohl normal. Aber jeder reagiert anders, ob in der Heftigkeit oder auch was den Zeitraum angeht. Generell muss man aber den Tod akzeptieren und die Erinnerungen an deine Mutter sollten nur noch positiv sein.

Wahrscheinlich fehlt dir jemand, der dich im Moment wieder "hochbringt" wenn die Trauer überhand nimmt. Da solltest du jemanden haben, dem du vertrauen kannst und der dich aufbaut.

Evtl. einen Sozialarbeiter oder Priester.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

es gibt auch für erwachsene kinder wie dich, traumagruppen und trauertherapien. im endeffekt hört die trauer nie auf. diese schritte der trauer und es übewindens sind schon lange überholt. die trauer kann dich in 20 jahren völlig aus dem blauen mit voller wucht treffen und umhauen. du wirst es verdauen, weil das leben wirklich weiter geht. du trägst es ein leben lang im herzen und der verlust ist unüberwindbar, da du nur eine mama hast.

wie du damit umgehen möchtest, was dir dabei kraft gibt ist deine eigene erfahrung damit. lass es raus, weine wenn du es willst. wirf vasen wenn du es möchtest und wenn du nicht weinen kannst, dann tue es nicht.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Meine Mama und ich hatten auch oft Streit, weil ich mir immer wünschte sie würde ihr Leben mehr schätzen, weil es mir doch so wertvoll war und obwohl das alles so oft so schwierig war, fehlt sie mir so. Dafür gibt es keine Worte.. Ich weiß nicht, wie ich damit am besten umgehen soll :-(

Beim Lesen der Zeilen hat man die Trauer greifbar vor Augen .Mein Mitgefühl dafür .

Vielleicht hilft es Dir wenn Du das Gefühl von Schuld loslässt . Ich kenne z.B. eine Methode Eft  (Emotionl freedom technics) diese hilft Gefühle von Verlust,Trauer und Schuld etc. loszukommen . 

Die Frau ist zwar nicht mein "Favorit" (Traumtherapeutin) aber ich finde, dass was Sie da so macht ist gar nicht schlecht (für Dich (?) ... Auch wenn ich etwas anders arbeite. 

Alles in allem ist es jedoch hier schon einfach gut, dass Du deine Gedanken aufschreibst und Dich anderen Menschen miteilst .

Der beste Weg um den Weg in ein eigenes selbstbestimmtes freies Leben zu finden was sich deine Mutter sicher für Dich gewünscht hat 

Alles erdenklich Gute für Deine Zukunft..


Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von drini87
06.08.2016, 18:38

Das ist wirklich lieb! Danke! Ich schaffe es heute irgendwie nicht mir die 9 Minuten anzusehen, aber ich nehme es mir die Tage vor. Vielen Dank!

0

mein Beileid.  mir ging es vor vielen Jahren auch so, meine Mutter starb als ich 15 war,  der Schmerz war unbeschreiblich, aber der vergeht, was bleibt ist die Erinnerung auch wenn es manchmal sehr traurig ist, das geht aber wohl nie vorüber 

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Wie lange der Mensch trauert ist ganz verschieden. Manche Leute

trauern jahrelang, dieser Zeitraum ist wohl nicht das Richtige.

Ich denke man findet sich langsam ab damit (z.B. 0-6 Monate)da

das Leben ja weitergehen muß.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Erst mal mein herzliches Beileid! 

Ich denke, Dein Verhalten ist völlig normal und verständlich. Trauer ist ja kein unbedingt "durchgängiges" Gefühl, das ständig vorhanden ist/sein muß, sondern das z.B. bei Beschäftigung/Arbeit und Ablenkung aller Art in den Hintergrund treten kann, aber auch schnell wieder hervor tritt, wird man an den Verstorbenen erinnert. Die Trauer um Deine Mutter wird Dich den Rest Deines Lebens begleiten....aber in einigen Monaten oder Jahren wird Dich die erinnerung an Deine Mutter nicht mehr nur traurig machen, sondern Dich auch zum Lächeln bringen.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung