Frage von Korkensammler, 93

Wie lange dauert es, eine Kernschmelze herbeizuführen?

Also aus aktuellem Anlaß:

Angenommen, es gäbe tatsächlich Schläfer, die auf höheren Posten im Kernkraftwerk arbeiten und gezielt eine Kernschmelze/GAU herbeiführen wollen, wie realistisch ist das überhaupt?

Annahme 1: Der Schläfer ist in einer hohen Position, idealerweise ein Deutscher Konvertit, so daß überhaupt kein Verdacht aufkommt.

Annahme 2: Er nutzt einen Zeitpunkt, die anderen Mitarbeiter wegzuschicken und die Brennstäbe zur Überhitzung zu bringen

Annahme 3: Er schaltet die Technik ab, die eingreifen würde, um eine Kernschmelze zu verhindern

Ist dies realistisch? Kann jemand eine Kernschmelze bewußt herbeiführen, hierbei die Technik umgehen, die eingreifen würde? Den Mitarbeitern vorher "eines auf die Rübe hauen"?

Wie lange würde es dauern, bis eine Kernschmelze eintritt? Würde ein stiller Alarm an die Außenwelt gesendet, sodaß SEK etc. eingreifen könnte und das Kernkraft stürmen könnte? Würde die Zeit ausreichen, Kernkraftwerksmitarbeiter aus anderen AKW einzufliegen, um die Kernschmelze abzuwenden?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von NuklearTV, 27

Gezielt einen Unfall herbeizuführen ist bei allen Anlagen, die seit spätestens den 1970ern errichtet wurden, zumindest über die Position oder Anlagenregelung nicht möglich.

Die Reaktorautomatik zu deaktivieren mag eine nette Idee sein, allerdings kann der Block nur laufen, solange diese eingeschaltet ist. Schaltet sich die digitale Reaktorautomatik ab, greift die analoge Automatik. Grob gesagt ist diese Automatik nichts anderes wie Relaisschaltungen usw. Diese analoge Automatik ist wie die digitale Automatik redundant ausgelegt und jeweils das Pedant zur digitalen oder analogen Steuerung.

Die Automatik ist des weiteren so ausgelegt, dass bestimmte Ventile und Pumpen nur unter bestimmten Bedingungen geschalten werden können. Liegt diese Bedingung nicht vor, insbesondere nicht wegen Wegfalls der Reaktorautomatik durch gezieltes Abschalten, ist dieses Ventil nicht durch den Operator regelbar, sondern wird ausschließlich von der analogen Reaktorautomatik in einen sicheren Zustand gefahren. Diese automatische Regelung übernimmt sämtliche Regelungen über 12 Stunden ohne Eingriff eines Operators.

Die andere Seite ist, selbst wenn das Personal erschossen werden würde, dass es eine Notschaltwarte gibt, über die der Reaktor durch eine weitere Schichtmannschaft gefahren werden kann und in einem sicheren Bereich gehalten werden kann. Hier kommt wieder die redundante Auslegung der Anlage zum Tragen. In Deutschland sind diese Schaltwarten zudem gebunkert und selbst durch Terroristen ohne weiteres nicht begehbar.

Ich muss dich daher "enttäuschen": Es ist so nicht möglich eine Kernschmelze herbeizuführen. Wie lange es dauert bis es zu einer Kernschmelze kommt ist zudem abhängig davon, wie der Reaktor zuvor gefahren ist, ob er gefahren ist, usw.

Kommentar von Korkensammler ,

Es gibt hier zwar einige sehr hilfreiche Antworten, ich habe mal diese ausgewählt, da sie am detailiertesten ist.

Antwort
von Lucky8Bastard, 33

Es ist seit Tschernobyl (das war dort nämlich der Grund: Warnsignale wurde überbrückt und abgeschalten) garnicht erst möglich "Technik" die zur Kernschmelze führt bzw. Warnsignale die Probleme signalisieren "abzuschalten". Da stellt sich alleine schon die Technik quer.

Außerdem sind auf der Hauptwarte zig Leute bei denen es garnicht möglich wäre sie alle KO zu schlagen, spätestens nach dem 2. oder 3. würden die anderen über den Übeltäter herfallen. Sollten alles Schläfer sein (die Chance wäre bei den starken Sicherheitsüberprüfungen eher einem 5 maligen Jackpotgewinn beim Lotto gleich), tritt das oben geschriebene in Kraft ^^

Desweiteren wären innerhalb von wenigen Sekunden (und damit meine ich wirklich nur vielleicht 20-30 Sekunden) bewaffnete Sicherheitsmitarbeiter die es in jedem Kraftwerk gibt vor Ort und würden unter Umständen auch von ihren Schußwaffen gebrauch machen.

Außerdem sitzt auf der Hauptwarte normalerweise mindestens 1 Sicherheitsdienstmitarbeiter, und das dauerhaft. Zur Pause lösen die sich vor Ort ab. Und normalerweise ist auch die Sicherheitszentrale direkt neben der Hauptwarte bzw. mit in der Warte integriert.


Antwort
von exxonvaldez, 41

Alleine in der Zentrale arbeiten ca. ein duzend Menschen. Die dürfen gar nicht alle den Raum verlassen. Und die alle KO hauen stelle ich mir auch schwierig vor.

Aber selbst wenn: Er kennt die Zugriffscodes für die persönlichen Arbeitsplätze gar nicht, selbst wenn er der Schichtleiter ist. Jeder Arbeitsplatz hat seinen Spezialisten, der weiß, was genau er da zu tun hat.

Ganz entfernt ist das mit der Brücke der Enterprise vergleichbar. Picard könnte das Schiff auch nicht alleine steuern.

Oder nimm als Vergleich A-Waffen: da müssen auch immer mehrere Leute ihre Codes eingeben und ihre Schlüssel ins Schloss stecken.

Antwort
von DrDanielDash, 5

Kann mich NuklearTV eigentlich nur Anschließen.
Bin zwar selber (NOCH) nicht Reaktorfahrer aber bin schon ab und an mit in der Schaltwarte.
Nehmen wir mal an der Reaktor wurde mit Frischen Brennstäben bestückt, an gefahren, Kritisch (Aufrechte Kettenreaktion) und ist bei 100% seiner Thermalen und Turbinen Leistung. Man hat verschiedene Wege zum GAU, entweder machen wir den Reaktor wieder Überkritisch (Leistung steigt), Prompt Kritisch, Prompt Überkritisch oder versuchen z.b. die Kühlung zu unterbinden. Nehmen wir an jemand versucht bei besagtem zustand die Leistung zu steigern.
Es gibt viele Systeme die dies Verhindern werden:

  • Als erstes gibt es einen genauen Plan wann, welcher Regelstab, aus welcher Gruppe, mit welcher Geschwindigkeit, wie weit aus dem Reaktor entfernt werden kann. Dies führt dazu das die Leistung nur ziemlich Langsam gesteigert werden kann. Versucht jemand einen Falschen Regelstab raus zu fahren, kommt es zur Blockade bis dieser wieder weiter ein gefahren ist. Genau dass passiert auch wenn man Versucht den richtigen Regelstab zu weit raus zu fahren, das System zum raus fahren blockiert bis der Stab wieder im Limit ist.
  • Ausserdem gibt es noch ein System dass den Temperatur anstieg misst, bei einen anstieg von über ca 250°C/h kommt es zum Reaktor Trip und somit zum SCRAM/zur RESA.
  • Wenn man nun anfängt Stäbe aus zu fahren, steigt als erstes die Thermale Leistung auf über 100%, dies führt dazu dass kein weiteres aus fahren, nur ein fahren, der Regelstäbe möglich ist bis die Thermale Leistung wieder auf 100% oder darunter ist. Bei 110% kommt es zum Reaktor Trip und somit zum SCRAM/zur RESA.
  • Bei 100% Thermal Leistung ist die Turbine normal auf 105% maximum eingestellt. Wird dies überschritten, öffnet dass Turbinen beipass System auf bis zu 50%. Dann wird ein SCRAM (RESA) durch Turbinen Trip eingeleitet.
  • Man könnte natürlich das Turbinen Maximum erhöhen aber wenn die Turbine auf über 105% kommt, wird das aus fahren weiterer Regelstäbe blockiert, bei 110%, wird ein Turbinen Trip ausgelöst und somit ein SCRAM/eine RESA.
  • Bei einem SCRAM/einer RESA werden die Regelstäbe von den Ankerungen gelöst und fallen in den Kern. Ausserdem wird Borsäure (ein sehr guter Neutronenabsorber) in den RPV gelassen. Nur eines dieser Systeme reicht um eine Kettenreaktion zu Beenden.
  • Man könnte Versuchen einen Vorfall nach dem Vorbild Chernobyl her bei zu führen, also den Reaktor Prompt Überkritisch zu machen damit die Schutz Systeme keine Chance haben.Dazu würde man als erstes Regelstäbe einfahren und den Reaktor so schnell wie möglich auf 10% oder weniger der Thermalen Leistung zu bringen.Nun sollte sich zu viel Neutronengift im gegensatz zu den Neutronen im RPV befinden.Nun fährt man wieder ganz normal Regelstäbe raus.Leider gibt es seit dem Vorfall Systeme die gegen eine Vergiftung des Reaktors mit Neutronengift wirken und es kommt nicht zur Prompten Überkritikalität.

Wer wirklich einen Reaktor zum GAU bringen will muss sich zugang zum Kern/RPV verschaffen und von da die Leitung zum Borsäure Becken kappen und dafür sorgen dass die Regelstäbe nicht mehr in den Kern Fallen können.

Dann reicht bei 100% Leistung schon die Zirkulations Pumpen ein bisschen höher zu fahren und man kann die gewünschte Kernschmelze her bei führen.

Eigentlich lösen Reaktoren aber einen SCRAM/eine RESA aus wenn ein Zugang zum Reaktor Gebäude her gestellt wird, während der Reaktor läuft. (Aus nahmen bei Forschungs Reaktoren.)

Die einzige andere möglichkeit wäre eine Prompte Überkritikalität zu verursachen, was aber schwierig werden könnte, dank Sicherheitssytemen.

Antwort
von Dahika, 16

Die Kernkraftwerke sind viel zu gut gesichert. Wenn ich Terrorist wäre, würde ich ein Wasserwerk angreifen und das Wasser für viele 100.000 Leute vergiften. Bevor irgendwas gemerkt wird, sind die alle tot.

Antwort
von Ranzino, 45

Wahrscheinlich scheitert Annahme 2, weil man nicht mehr alleine im Kontrollzentrum bleiben darf. 

.

Kommentar von Korkensammler ,

Man darf den anderen Mitarbeitern auch keins über die Rübe hauen - ein Terrorist könnte es aber trotzdem tun ;)

Ist für solch einen Fall ein zyklischer Wechsel eingeplant? Also daß alle zwei Stunden mal jemand nach dem Rechten schaut?

Antwort
von Treetop, 45

1. Niemand schickt irgendjemanden "weg". Es gibt exakte Ablaufpläne, über die sich nicht einmal der Chef hinwegsetzen darf.

2. Es ist nicht möglich, absichtlich eine Kernschmelze herbeizuführen. Reaktoren besitzen automatisierte Abschaltmechanismen, die man nicht außer Kraft setzen kann, ohne die Elektronik selbst zu zerstören, was wiederum so gut wie unmöglich als Einzelperson ist.

3. Alarm würde schon bei dem kleinsten Anzeichen auf einen solchen Anschlag ausgelöst werden, gefolgt von zentraler Abriegelung.

Ich glaube, viele Leute unterschätzen, wie sicher ein Atomkraftwerk tatsächlich aufgebaut ist. Es besteht eine weitaus höhere Gefahr der Kernschmelze durch sporadisches Materialversagen!

Kommentar von Korkensammler ,

1. Wenn ich etwas anstellen will, würde ich mich nicht an Ablaufpläne halten. Notfalls findet der Terrorist dann eine Möglichkeit, die Mitarbeiter zu töten.

2. Das ist schon interessanter und mir ist durchaus bewußt, daß Kernkraftwerke redundant aufgebaut sind. Aber könnte jemand die Technik manipulieren, eventuell über einen z.B. aufgespielten Virus?

3. sehr gut

Ansonsten: Ich bin keiner, der panische Angst vor Atomkraftwerken hat, aber sehe eben auch die Gefahren und sehe das so, daß man jede Eventualität planen muß und neue (unglückliche) Erfahrungen wie z.B. Fukushima mit in die Planung aufnehmen muß. Dort waren es ja meines Wissens die Kühlkreisläufe, die ausgefallen sind.

In meinem Bekanntenkreis schwirrt teilweise eine regelrechte Panik, daß halb Deutschland bald verseucht sein könnte. Ich halte es für unrealistisch, daß so etwas passiert, aber brauche eben auch noch ein paar Argumente um mal bißchen die "Luft aus den Segeln" zu nehmen. Ferner gehe ich davon aus, daß manche Kreise ein Interesse daran haben, diese Angst bewußt zu schüren.

Kommentar von Lucky8Bastard ,

Es entspricht auch der Wahrheit das jede noch so kleine Gelegenheit genutzt wird um Angst zu schüren. Fakt ist auch das z.b. in Fukushima bisher kein einziger Mensch an der Radioaktivität gestorben ist. Alle Opfer gehen auf das Konto des Erdbebens bzw. des Tsunamis. Im Vergleich gesehen ist die Kernenergie sogar die Energieart mit den wenigsten Toten pro Megawattstunde. Selbst bei Windkraft sterben mehr Menschen (z.b. abgestürzt beim Aufbau der Windkraftanlage). 

Antwort
von DerFruchtzwerf, 46

Was soll denn SEK machen? Die Brennstäbe verhaften ?

Kommentar von Korkensammler ,

Dem Terroristen einen "finalen Rettungsschuß" verpassen und Spezialisten einfliegen, die die Kernschmelze abwenden...

Kommentar von Predbabe ,

Ich musste grade so lachen bei deinem Kommentar :'D

Entschuldigung ?! :D

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community